Dornröschen

Ich gebe es hier offen und ehrlich zu: Ich bin vernarrt in verlasse Gebäude. Je größer und verfallener, desto besser. Diese Obsession bringt mich hin und wieder dazu, an riskanten Stellen zu parken, über Mauern zu klettern und kilometerweit über Stoppelfelder zu stapfen. Nicht nur einmal habe ich mit meinem sonderbaren Verhalten hier in Sizilien beinahe Unfälle provoziert, weil mich Autofahrer ungläubig angestarrt haben.

Manchmal brauche ich Jahre, bis ich mich zu einer solchen Expedition durchringen kann, vor allem, wenn ich am Objekt meiner Begierde regelmäßig vorbeikomme. Die Stimmung muss passen, meine und die des Tages ebenso.

An der SP34, die von Noto zum Meer führt, liegt so ein aufgelassener Gutshof. Bougainvillea rahmt das verrostete Tor ein, wohl wegen des vielen Regens gerade besonders satt violett leuchtend. Die Mauer, die ein abgeerntetes Kornfeld von der Straße trennt, ist zum Glück niedrig, so dass ich mich ganz einfach dem stattlichen Gebäude nähern kann, das sich hinter einer Hecke aus Olivenbäumen vor der Welt versteckt.

Ein Fensterladen quietscht im Wind, der letzte Fetzen eines Vorhangs zeugt davon, dass hier irgendwann Menschen gelebt haben. Sie hätten jetzt kein Dach mehr über dem Kopf, es ist längst verschwunden.

Aus dem Mauerwerk wächst Grün, so als ob es das verlassene Gebäude langsam einhüllen und unsichtbar machen wollte.

Das große Tor, das wohl in einen Innenhof führt, scheint indes stabil und fest verschlossen. Ich wage nicht, daran zu rütteln, wünschte aber, es würde sich öffnen und mir einen Blick in die Vergangenheit gewähren.

Der Blick würde mich in die Zeit zurückführen, als die Spanier Sizilien beherrschten. Sie brauchten, wie alle Invasoren, große Mengen Getreide. Deshalb gaben sie dem sizilianischen Adel die Lizenz, unbesiedelte Gebiete urbar zu machen.

In der Folge entstanden baglio oder auf Sizilianisch bagghiu, befestigte, wehrhafte Güter mitten im Nirgendwo. Hier lebten Gutsherren und Landarbeiter zwar nicht auf der selben Etage, aber unter dem selben Dach. Der baglio war Kornkammer und Viehstall, Trutzburg und Dorf in einem.

Der Adel, dem das Land gehörte, saß in seinen Palazzi und schöpfte aus den Gütern seinen unermesslichen Reichtum ab. Bis die Zeit der noblen Herren vorbei war. Die riesigen baglio brauchte niemand mehr, sie wurden dem Verfall preisgeben, so wie auch viele der prunkvollen Palazzi von ihren stolzen, aber mittlerweile verarmten Besitzern nicht mehr zu halten waren.

Mein lost place an der SP34 muss das gleiche Schicksal haben: langsam zu verschwinden. Das Gut hatte nicht das Glück, in eine Ferienanlage umgewandelt zu werden wie so viele andere in Sizilien. Der baglio hatte andererseits das Glück, nicht einer neuen Wohnanlage weichen zu müssen. Vor einigen Jahren drohte dort eine Bautafel, die nichts Schönes verhieß.

So behalten wohl all die Seelen, die im baglio vor Jahrhunderten gelebt, gearbeitet, gestritten, geliebt und gelitten haben, vorerst weiter ihre Zuflucht auf diesem Flecken Erde, unbeachtet am Rande einer Provinzstraße. Der alte Olivenbaum vor dem Tor, so scheint‘s, bewacht ihren Frieden.

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