Africa

Was mich in Sizilien immer wieder erstaunt, ist der Umgang mit den baulichen Hinterlassenschaften der Faschisten. Von außen betrachtet scheint das recht unaufgeregt zu sein. Wenn ich an die Kontroversen denke, die in Deutschland zu diesem Thema geführt werden… dort gibt es kaum ein Areal, das von den Nationalsozialisten bebaut wurde, das heute nicht für Besucher dokumentiert und eingeordnet ist. Und das finde ich auch gut so.

In Siracusa bin ich jetzt auf ein Denkmal gestoßen, das mich ratlos zurück lässt: il Monumento ai caduti italiani d‘Africa. Ich bin bisher auf dem Weg zu meinem Sprachlehrer immer mit dem Auto achtlos daran vorbei gefahren. Weil ich zurzeit aber von der Bushaltestelle ein Stück zu Fuß gehen muss, habe ich mir das Monstrum aus der Nähe angeschaut. Auch nach eingehender Betrachtung habe ich keine richtige Erklärung dafür gefunden. Politisch korrekt schien es mir jedenfalls nicht zu sein.

Ich habe Salvo, meinen Italienisch-Lehrer, gefragt. Der pensionierte professore hat mir deshalb ein bisschen Geschichtsunterricht gegeben. Das monumento ist tatsächlich ein Relikt der faschistischen Epoche und war 1938 ursprünglich als „Geschenk“ für die Stadt Addis Abeba gedacht. Sie war das Zentrum der Kolonie Africa Orientale Italiana, die von 1936 bis 1941 Teil des faschistischen Königsreichs Italien war, das sich diese Gebiete im Zuge des Abessinienkrieges völkerrechtswidrig angeeignet hatte.

Bei ihren Eroberungsfeldzügen schenkten die italienischen Kriegsherren den Menschen in Äthiopien nichts. Sie schreckten nicht vor dem Einsatz von chemischen Massenvernichtungswaffen zurück und etablierten ein Terrorregime, zu dem politische Säuberungen, die Ermordung verschiedener Bevölkerungsgruppen und ein rassistisches Apartheidssystem gehörten. Salvo empfahl mir dann noch einen Roman von Francesca Melandri, in dem das italienische Äthiopien-Trauma literarisch aufgearbeitet wird: „Sangue giusto“.

Jedenfalls schaffte es das „Geschenk“ nicht nach Addis Abeba, im Juni 1940 war Italien in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Bis 1952 verlieben die Einzelteile in einem Schiffsrumpf – bis sich sein Schöpfer, ein Künstler aus Firenze, daran erinnerte und auf die Realisierung drang. In Siracusa.

Bis es soweit war, dauerte es aber noch. Es gab auch hier Diskussionen. Warum also letztendlich doch dieses Denkmal, das erst in den 1960er Jahren errichtet wurde? Salvo erwähnte, dass die Teile zunächst ewig in einem Lager in Siracusa verstaut waren, ehe sie auf der Piazza dei Cappuccini aufgebaut wurden, quasi direkt an der Küste mit Blick nach Afrika. Als ob das nicht genug wäre, sind auf dem Sockel auch noch die Namen der Orte verewigt, an denen 1935 und 1936 die Kämpfe stattfanden. Aber eine Antwort auf meine Frage gab er mir nicht.

Mit den Jahren verkam das Monument, der öffentliche Zugang wurde verboten. Ende des vergangenen Jahrtausends dann wurde der Platz aufgehübscht, unter anderem mit einem Kinderspielplatz zu Füßen der Krieger. Außerdem wurde das Bauwerk zur Erinnerung an zwei weitere kriegerische Ereignisse genutzt: an die italienischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in Afrika ihr Leben ließen und an den gesunkenen Dampfer Conte Rosso, der im Mai 1941 in den siracusanischen Gewässern sank. Mit ihm ertranken 1297 Menschen.

Etwas hat mir Salvo noch erklärt: die Bedeutung, die der Hafen in Siracusa während der italienischen Kolonialzeit hatte. Er spielte damals eine Schlüsselrolle beim Waren- und Truppentransport nach Ostafrika.

Vielleicht kann man in einer geschichtsträchtigen Stadt wie Siracusa nicht alles dokumentieren. So steht eben das fragwürdige Kolonialdenkmal genauso unkommentiert im Straßenraum wie der Apollontempel. Ein kurzer Hinweis muss offenbar reichen.

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