Parallelwelt

Zeit läuft nur in eine Richtung: vorwärts. Verronnene Stunden, Tage, Jahre werden unwiederbringlich zu Vergangenheit, die sich in der Erinnerung einnistet und langsam verblasst wie die Farben auf Gebäuden im Licht der Sonne. Die zu Staub wird wie die Ruinen, die uns die Generationen vor uns hinterlassen haben als Zeugnisse ihrer Existenz.

In Siracusa scheint diese Gewissheit keine Gültigkeit zu haben. Vielleicht liegt das daran, dass Vergangenheit hier Teil der Gegenwart ist, sich verwoben hat mit der Zukunft, die auf die Ruinen längst vergangener Zeiten baut. Nicht nur der Dom schmiegt sich in die Säulen eines antiken Tempels.

Nirgends sonst wird die Gleichzeitigkeit der Vergangenheit und der Gegenwart so spürbar wie in dieser Stadt. Das mag daran liegen, dass sich ihre ältesten Teile auf einer kleinen Insel drängen, die keinen Platz ließ für Erweiterung. Hier sind manche Gassen so eng, dass nicht einmal die Länge eines Ruders zwischen die Häuser passt.

Wer in eine solche Winkelgasse abbiegt, in der das Licht der Sonne auch im Juni kaum den Boden des ausgetretenen Pflasters zu streicheln vermag, gerät in diese Parallelwelt, in der sich die Epochen vermischen und zu einer Gegenwart werden, die sich von der Realität löst.

Hier stößt der zwischen den Zeiten Wandelnde auf Kirchen, die lange schon Ruinen sind, in denen im Jetzt aber Gottesdienste gefeiert werden. Auf Häuser, die mit Metallstützen in ihren leeren Fensterhöhlen aufrecht gehalten werden müssen und doch ist gleichzeitig eine Wohnung scheinbar unversehrt. Weiße Bettlaken wehen vor den Balkonen.

Verborgen hinter einer Yuccapalme wird das Wunder der Weihnacht ausgestellt, obwohl das letzte Fest jetzt genauso lange verstrichen ist wie das kommende noch auf sich warten lässt.

Und selbst? Ist man wie verzaubert, sieht sich wieder vor über 20 Jahren in dieser Stadt, zum ersten Mal hypnotisiert von ihrer Magie – und ist gleichzeitig im Jetzt verwurzelt, mit einem alten, abgenutzten Koffer voller verblasster Erinnerungen in diesen Gassen unterwegs.

Das Geräusch von Rollkoffern, die irgendwo in der Nähe eilig über das glatte Pflaster gezogen werden, rücken abrupt den aus den Fugen geratenen Zeitstrahl wieder an die richtige Stelle.

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