Il Cavaliere

Nichts ist so, wie es scheint und jede Realität ist anders. Subjektiv. Analysen der italienischen Politik, die aus der deutschen Perspektive sicher richtig sind, sind in Italien vermutlich oft nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Berlusconi ist tot. Liest man die Nachrufe in den deutschen Zeitungen, könnte man glauben, in Milano sei ein anderer Politiker gestorben, als jener, der dieser Tage in Italien ein Staatsbegräbnis bekommen soll.

Klar, auch in Italien rufen sie die Skandale in Erinnerung, aber sie scheinen nur eine Randnotiz zu sein. Dafür gibt es Live-Übertragungen von vor der Klinik, in er der 86-Jährige verstorben ist.

Während Berlusconi in Deutschland als Politiker gescheitert gilt und als Prototyp für Populisten wie Trump gilt, wird er hier verehrt. Zumindest entnehme ich das den Äußerungen der Menschen, die im Radio schon den ganzen Tag lang mit ihrer persönlichen Wertschätzung für diese, zumindest aus nicht-italienischer Sicht, ziemlich halbseiden-schillernde Persönlichkeit zu Wort melden. Ist das so, weil Berlusconi die Medien unter seine Kontrolle gebracht hat?

Seinen Orden, der ihn zum Cavaliere gemacht hat, musste er wieder abgeben: Berlusconi ist vorbestraft. Trotzdem nennt man ihn in Italien noch mit diesem Ehrentitel. In Deutschland erinnert man sich da eher leicht amüsiert an „Bunga Bunga“.

Mir fällt da ein Bundespräsident ein, Christian Wulff, der von 2010 bis 2012 Staatsoberhaupt der Bundesrepublik war – und zurückgetreten ist wegen einer Immobilien-Affäre: Es ging um die Finanzierung seines Eigenheims und außerdem soll er versucht haben, eine kritische Berichterstattung zu verhindern, was von Medien damals empört als „Angriff auf die Pressefreiheit“ verstanden wurde. Dass, wie sich hinterher herausstellte, die Bild-Zeitung da ganz schön manipulierte, kam erst später ans Tageslicht. Berlusconi hätte das Verhalten der größten und skandalträchtigsten deutschen Boulevardzeitung sicherlich gefallen.

Der Cavaliere hat damals vermutlich aber auch herzhaft über den nervösen deutschen Bundespräsidenten gelacht. Wulff wurde übrigens von einem Gericht 2014 von allen Vorwürfen freigesprochen.