Die herabgefallenen zarten lila Blüten des Palisanderholzbaums sprenkeln den Rasen des Syracuse War Cemetery. 1059 Soldaten des Commonwealth liegen hier. Sie fielen vor 81 Jahren bei der Befreiung Siziliens.

Der 80. Jahrestag des D-Day, der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie, hat mich inspiriert, den Soldatenfriedhof zu besuchen, an dem ich schon so oft achtlos vorbeigefahren bin. Ich bin die Einzige auf der Anlage in fast unmittelbarer Nachbarschaft des cimitero, auf dem die Toten Siracusas ihre letzte Ruhe finden.

Ich gehe durch die Reihen. Lese die Namen, die Einheit, das Alter. Viele der Gefallenen waren erst Anfang 20, als sie bei der Landung der Alliierten auf Sizilien am 10. Juli 1943 und in den wochenlangen Kämpfen danach starben. Besonders berührt hat mich aber eine Inschrift auf einem der wenigen jüdischen Grabsteine: „Died in the cause of humanity’s liberation“.

Bei den D-Day-Gedenkfeiern in Frankreich hieß es, die Gefallenen sollten Mahnung sein: „Auf dass auch nie vergessen geht, dass Freiheit kostet, dass sie am Ende alles ist“, wie Oliver Meiler in der Süddeutschen Zeitung schreibt.
Mich bedrückt der Soldatenfriedhof. Bedrückt bin ich wegen der Geschichte meines Heimatlandes. Mich deprimieren inmitten dieser Gräber die tödlichen Folgen, die die mörderische Menschenverachtung des nationalsozialistischen Regimes und der willfährigen Deutschen ganz konkret für jeden einzelnen dieser jungen Soldaten hatte. Und die Folgen des Zweiten Weltkriegs wirken bis in die Gegenwart nach: Zum Beispiel der Gaza-Krieg.
Ich muss aber auch an meinen 27-jährigen Sohn in Berlin denken, der mittlerweile älter ist als viele der jungen Männer, die hier begraben sind; der vom Kämpfen keine Ahnung hat, weil für seine und meine Generation Krieg in Europa nur noch eine ferne Erinnerung war. So fern, dass in Deutschland die Wehrpflicht abgeschafft wurde.
Ich denke auch über den Krieg nach, den Russland mit aller Härte gegen die Ukraine führt. Die schleichende Eskalation in diesem Konflikt. Immer mehr Waffenlieferungen und immer mehr Verrenkungen bei der Bewertung, wann die Grenze überschritten wäre, an der die NATO Konfliktpartei werden würde. Die Drohungen Putins gegen die Länder, die die Ukraine unterstützen. Krieg und Gewalt werden wieder als opportune Mittel der Politik betrachtet, auch in Deutschland. Es wird ganz selbstverständlich über den Bau von Schutzräumen gesprochen, denn auch die gibt es nicht mehr. Wo sind wir in Europa da nur hingeraten?
Und dann sehe ich eben diesen jüdischen Grabstein und die Inschrift darauf. Wo wären wir in Deutschland, in Europa, weltweit jetzt, wenn die freien Länder vor über 80 Jahren nicht entschieden hätten, gemeinsam entschlossen gegen die Unmenschlichkeit zu kämpfen? Zahllose menschliche Opfer in Kauf nehmend. War es in den vergangenen Jahrzehnten vielleicht einfach naiv – und vor allem bequem- zu glauben, Freiheit und Demokratie wären selbstverständlich? Obwohl sie es ja sein müssten.
Die Lehren der Geschichte wirken fort. Auf Plakaten neben der Rednerbühne in der Normandie war zu lesen: „I did it for you!“

Bevor ich gehe, grüßt mich noch ein Friedhofsgärtner. Er entfernt in der Mittagshitze verwelkte Blumensträuße von den Gräbern. Es ist tröstlich, dass man sich um die Toten hier auf diesem Fleck Sizilien kümmert. Dass sie auch nach so langer Zeit nicht vergessen sind.










