Autofreier Juni

Meine Nachbarin Rosetta denkt, ich bin jetzt völlig verrückt geworden. Warum? Weil ich heute freiwillig meinen Mietwagen zurückgegeben habe. Nach nur einer Woche und noch mehrere Wochen in Sizilien vor mir. Rosetta glaubt, dass für mich das Leben in Sicilia damit aus und vorbei ist. Ohne Auto? Unvorstellbar für eine*n Sizilianer*in. Senza macchina? Cosa vuoi fare?

Zugegebenermaßen ist mir auch etwas flau im Magen geworden. Die Vorstellung, künftig nicht mehr spontan entscheiden zu können, sofort ans Meer zu fahren oder doch lieber eine Tour ins Hinterland zu machen, ist ein bisschen beängstigend. Libertà sempre e ovunque e in generale, damit ist’s nun wohl vorbei! Und dann hatten die mir bei der Autovermietung auch noch einen Fiat Cinquecento gegeben… mich von dem zu trennen, fiel mir echt schwer.

Andererseits: So ein Mietauto übt ja auch einen gewissen Druck aus: Man bezahlt dafür, jeden Tag und nicht zu wenig. Wenn ich es nicht genutzt habe, hatte ich fast schon ein schlechtes Gewissen. So wie wenn ich Geld zum Fenster rauswerfen würde. Das kann’s ja auch nicht sein. Dachte ich mir so in Deutschland und buchte den Wagen nur für die erste Woche.

Jetzt ist das Auto weg und den Rückweg von der Anmietstation in Catania bin ich mit dem Bus gefahren. Anstatt eines Autoschlüssels habe ich nun auf meinem Handy diverse Apps der sizilianischen Buslinien. Wenn man die Fahrkarten online kauft, sind sie nämlich um fast einen Euro günstiger. Wenn schon sparen, dann richtig. Man muss nur aufpassen, mit der richtigen App den Fahrschein zu lösen, sonst gilt der im falschen Bus nicht.

Der Bus kommt sogar pünktlich. Nachdem ich einen Platz gefunden habe, überschlage ich kurz, ob 7,50 Euro jetzt günstig sind oder nicht. Seitdem ich mit dem „Deutschlandticket“ in Germania für 49 Euro einen Monat lang jeden Tag von Garmisch nach Flensburg und zurück fahren könnte, kommt mir der Preis für eine einfache Fahrt Catania-Noto plötzlich ziemlich hoch vor. Wie sich die Zeiten doch ändern…

So ganz überzeugt bin ich jetzt in diesem Augenblick von meinem eigenen Plan selber nicht. Ein bisschen hat Rosetta sicher recht. Wenn ich an den Strand will, muss ich mein Zeug inklusive Sonnenschirm erst einmal zur Bushaltestelle schleppen und noch schlimmer: auf dem Heimweg von dort hunderte Treppen wieder nach oben. Und falls es am Meer unerwartet zu regnen anfängt, muss ich unter Umständen drei Stunden lang in einer Bar warten, um nicht nass zu werden. Und was ist, wenn ich abends den letzten Bus in Siracusa verpasse? Es wird auf jeden Fall spannend.

Wer weiß, wie sich mein Selbstversuch entwickeln wird in den kommenden Wochen. Möglicherweise bin ich nach drei Tagen bereits so entnervt, dass ich mir ein neues Auto miete. Mein Handyguthaben für Tickets würde auf jeden Fall noch für eine weitere Busfahrt nach Catania reichen.

Vielleicht lerne ich aber meine Stadt auf eine ganz neue Weise kennen, wenn ich sie mir ausschließlich zu Fuß erschließe. Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier als la tedesca pazza, die verrückte Deutsche, in die Geschichte eingehen könnte.

3 Kommentare zu „Autofreier Juni

    1. Da hat sich ja seit Anfang des Jahrtausends in ganz Italien nicht viel verändert 😉
      Der Shuttlebus zum Strand fährt angeblich täglich mehrmals. Vorsichtshalber nehme ich aber ab sofort immer eine Zahnbürste mit, falls ich mal abends den letzten Bus verpasse! Außerdem denke ich über ein Fahrrad nach, aber das hat hier, abgesehen von der Rennradfahrerei, glaube ich als tägliches Fortbewegungsmittel noch weniger Tradition, als zu Fuß unterwegs zu sein.

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