There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in.
Leonard Cohen, The Anthem
Da war dieser Riss. Zunächst nur eine kaum sichtbare feine Linie. Der Riss legte langsam von der Decke bis zum Boden seine Spur. Er gab dem Haus seinen Charakter.
Dann genügte dem Riss diese Wanderung nicht mehr. Er machte sich auf der Wand breit, ganz langsam nur, einer optischen Täuschung gleich. Ich entgegnete dem Riss trotzig: Alte Mauern arbeiten, sie setzen sich. Sie erzählen ihre Geschichte in kleinen Unregelmäßgkeiten.
Irgendwann verlangte der Riss meine volle Aufmerksamkeit. Er ließ sich nicht mehr ignorieren. Bei jeder Rückkehr hielt ich zuerst Zwiesprache mit ihm. Beobachtete ihn, vermaß ihn. Fragte ihn, ob die in der Zwischenzeit dazugekommenen Millimeter schlimm wären. Der Riss antwortete mir nicht. Er blieb stumm, er schrie nicht. Aber auch aus 2000 Kilometer Entfernung in Deutschland konnte ich la crepa in meinem Hinterkopf hören.
Wer wäre stärker? Er oder ich? Lange hielt ich der Zumutung des Risses stand. Schaute weg, so gut es ging. Beschwichtigte mich mit meiner neu gelernten sizilianischen Gelassenheit. Haben hier nicht alle Häuser Risse?
Der Riss siegte am Ende über meine Verdrängung und er war auch stärker als meine Angst vor dem, was auf mich zukommen könnte, wenn ich mich ihm endlich widmete. Er zwang mich nach Jahren des Stillstands zum Handeln. Mit ihm nur zu verhandeln war nämlich gänzlich zwecklos.
Also verhandle ich stattdessen jetzt mit Fachleuten, Ingenieuren, Bürokraten, was zu machen sei. Sie begegneten dem Riss ganz unerschrocken mit ihrer Erfahrung. Sie klopften gegen die Wand, maßen, zeichneten, rechneten und sagten schließlich einen Satz, der mich in seiner Schlichtheit umhaute: „Das kann man reparieren.“
So einfach kann es manchmal sein. Anstatt wegzusehen und das Hirn in Endlosschleife zu martern, was alles sein könnte, wäre es da nicht besser, einfach gleich hinzuschauen und sich Hilfe zu holen? Anstatt sich an etwas Beängstigendes zu gewöhnen, wäre es da nicht einfacher, eine Lösung zu suchen? Denn irgendwann kommt er ja immer, der Moment, an dem man einfach nicht mehr wegschauen kann. Nicht nur bei Rissen in Wänden.
Solange ich nicht wusste, an was das Haus leidet, konnte ich mir alles vorstellen: Einsturz. Unbezahlbare Rechnungen. Das Ende eines Traums. Katastrophe eben.
Als dann der Kostenvoranschlag endlich auf dem Tisch lag, musste ich fast lachen. Aus dem diffusen Horrorszenario in meinem Kopf war plötzlich ein konkretes und machbares Projekt geworden. Ganz unspektakulär. Reparabel. Ein Dach, eine Decke, eine Wand, Arbeit, Rechnungen, nicht Weltuntergang. Sicher nervig, aber mit Geduld lösbar.
Für mich selbst war dieser Riss wie eine Bruchstelle, an der sich die Dinge zum Positiven ändern können. Wie ein Punkt, an dem jetzt wieder Licht hereinkommen kann in mein inneres Dickicht aus Sorgen und Befürchtungen und Unwissenheit.
Wenn ich mal wieder lieber wegschauen und stattdessen endlos grübeln will, dann denke ich künftig an la crepa, meinen treuen sizilianischen Begleiter.



