La crepa – der Riss

Da war dieser Riss. Zunächst nur eine kaum sichtbare feine Linie. Der Riss legte langsam von der Decke bis zum Boden seine Spur. Er gab dem Haus seinen Charakter.

Dann genügte dem Riss diese Wanderung nicht mehr. Er machte sich auf der Wand breit, ganz langsam nur, einer optischen Täuschung gleich. Ich entgegnete dem Riss trotzig: Alte Mauern arbeiten, sie setzen sich. Sie erzählen ihre Geschichte in kleinen Unregelmäßgkeiten.

Irgendwann verlangte der Riss meine volle Aufmerksamkeit. Er ließ sich nicht mehr ignorieren. Bei jeder Rückkehr hielt ich zuerst Zwiesprache mit ihm. Beobachtete ihn, vermaß ihn. Fragte ihn, ob die in der Zwischenzeit dazugekommenen Millimeter schlimm wären. Der Riss antwortete mir nicht. Er blieb stumm, er schrie nicht. Aber auch aus 2000 Kilometer Entfernung in Deutschland konnte ich la crepa in meinem Hinterkopf hören.

Wer wäre stärker? Er oder ich? Lange hielt ich der Zumutung des Risses stand. Schaute weg, so gut es ging. Beschwichtigte mich mit meiner neu gelernten sizilianischen Gelassenheit. Haben hier nicht alle Häuser Risse?

Der Riss siegte am Ende über meine Verdrängung und er war auch stärker als meine Angst vor dem, was auf mich zukommen könnte, wenn ich mich ihm endlich widmete. Er zwang mich nach Jahren des Stillstands zum Handeln. Mit ihm nur zu verhandeln war nämlich gänzlich zwecklos.

Also verhandle ich stattdessen jetzt mit Fachleuten, Ingenieuren, Bürokraten, was zu machen sei. Sie begegneten dem Riss ganz unerschrocken mit ihrer Erfahrung. Sie klopften gegen die Wand, maßen, zeichneten, rechneten und sagten schließlich einen Satz, der mich in seiner Schlichtheit umhaute: „Das kann man reparieren.“

So einfach kann es manchmal sein. Anstatt wegzusehen und das Hirn in Endlosschleife zu martern, was alles sein könnte, wäre es da nicht besser, einfach gleich hinzuschauen und sich Hilfe zu holen? Anstatt sich an etwas Beängstigendes zu gewöhnen, wäre es da nicht einfacher, eine Lösung zu suchen? Denn irgendwann kommt er ja immer, der Moment, an dem man einfach nicht mehr wegschauen kann. Nicht nur bei Rissen in Wänden.

Solange ich nicht wusste, an was das Haus leidet, konnte ich mir alles vorstellen: Einsturz. Unbezahlbare Rechnungen. Das Ende eines Traums. Katastrophe eben.

Als dann der Kostenvoranschlag endlich auf dem Tisch lag, musste ich fast lachen. Aus dem diffusen Horrorszenario in meinem Kopf war plötzlich ein konkretes und machbares Projekt geworden. Ganz unspektakulär. Reparabel. Ein Dach, eine Decke, eine Wand, Arbeit, Rechnungen, nicht Weltuntergang. Sicher nervig, aber mit Geduld lösbar.

Für mich selbst war dieser Riss wie eine Bruchstelle, an der sich die Dinge zum Positiven ändern können. Wie ein Punkt, an dem jetzt wieder Licht hereinkommen kann in mein inneres Dickicht aus Sorgen und Befürchtungen und Unwissenheit.

Wenn ich mal wieder lieber wegschauen und stattdessen endlos grübeln will, dann denke ich künftig an la crepa, meinen treuen sizilianischen Begleiter.

Hinterm Mond

Mir ist aus Versehen etwas Komisches passiert.

Es war weder geplant noch ein Vorsatz. Es ist einfach passiert, ohne dass ich es gemerkt habe.

Seit ich in Sizilien bin, habe ich weder Radio gehört noch Zeitung gelesen. Der Fernseher blieb aus, und irgendwann fiel mir auf: Ich habe überhaupt keine Ahnung mehr, was draußen in der Welt gerade passiert. Ich lebe quasi nachrichtentechnisch hinterm Mond.

Für mich als Journalistin ist das eigentlich ein unhaltbarer Zustand.

Noch erstaunlicher ist allerdings etwas anderes: Mir fehlt nichts.

Vielleicht ist es mit den Nachrichten wie mit einer Tüte Gummibärchen.

Nicht, weil Gummibärchen schlecht wären. Aber wenn man zu viele auf einmal gegessen hat, möchte man erst einmal keine mehr. Vor Sizilien war ich ständig von Nachrichten umgeben – beruflich und privat. Immer noch eine Meldung, immer noch eine Schlagzeile, immer noch etwas, das Aufmerksamkeit wollte.

Jetzt merke ich, dass ich einfach satt bin.

Nicht für immer. Aber im Moment.

Ich habe keine Ahnung, welche Schlagzeile heute die Welt bewegt. Und erstaunlicherweise macht mich das nicht unruhig. Es fühlt sich eher an, als würde mein Kopf nach einer langen Reizüberflutung einfach eine Pause brauchen. So wie der Magen nach zu vielen Gummibärchen.

Vermutlich ist das keine endgültige Abkehr von den Nachrichten. Wäre für eine Journalistin auch ziemlich schwer durchzuziehen.

Vielleicht brauche ich gerade einfach nur eine kleine Diät, damit aus dem täglichen Nachrichtenstrom wieder das wird, was er sein sollte: Information – und nicht Dauerbeschallung.

Vielleicht gibt es auch Zeiten im Leben, in denen die leisen Nachrichten wichtiger sind als die lauten.

Es überrascht mich selbst, dass ausgerechnet ich das schreibe. Hoffentlich liest das meine Chefin nicht 😉

Aufbruch oder Stillstand?

Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.

Das ist für mich Frieden: Ein Morgen auf der Dachterrasse, wenn in den Häusern rundum die Rollläden noch nicht hochgezogen sind, die Wasserpumpen noch nicht schnurren, keine Autos zu hören sind und keine Vespa durch den Vico knattert. Wenn nur die Vögel am Himmel ihre wilden Kreise ziehen.

Der Kaffee steht neben mir, noch heiß genug, um ihn in kleinen Schlucken zu trinken. Die Stadt erwacht, aber noch nicht laut. Das Licht ist sanft über den Dächern, die noch nicht in der Hitze flirren. Für einen Moment scheint alles in Ordnung zu sein. Dass alles genau so bleiben kann, wie es ist. Dass es keine Veränderung braucht.

Ich mag diese Stunde sehr.

Und gleichzeitig frage ich mich manchmal, ob genau hier auch etwas Gefährliches liegt.

Denn es ist leicht, immer in dieser Ruhe zu bleiben. Es ist leicht, den Tag noch ein wenig aufzuschieben, während man einfach sitzt, schaut und denkt. Nichts drängt. Alles kann warten. Frieden als bequemer Selbstzweck.

Vielleicht ist genau das die Versuchung: Dass aus einem guten Morgen ein ganzer Tag werden kann, der sich gut anfühlt, aber nichts in Bewegung setzt.

Dass ich hier sitze und das Gefühl habe, bei mir zu sein – und gleichzeitig Dinge liegen bleiben, die längst meine Aufmerksamkeit bräuchten.

Mein Haus ist eines davon.

Es gehört zu diesem Ort und zu meiner sizilianischen Geschichte. Es war einmal Teil eines Lebensentwurfs, der sich dann ganz profan doch nicht wie geplant verwirklichen ließ. Seitdem ist viel Zeit vergangen, in der ich das Haus als Bauwerk eher verwaltet habe. Nicht, weil es mir egal gewesen wäre. Eher, weil mir das Leben ständig dazwischen gefunkt hat. Morgen ist auch noch ein Tag, nächstes Jahr, aber nur vielleicht. So habe ich angesichts bröckelnden Putzes lange gedacht.

Und trotzdem hat sich in all diesen Jahren mein Leben immer mehr mit diesem Haus verwoben, das heute viel mehr für mich ist als nur eine Immobilie in Sizilien, für die ich verantwortlich bin.

Jetzt aber beginnt sich etwas zu verändern. Nicht plötzlich, nicht laut – aber spürbar. Gespräche mit Leuten, die bereit sind, mir zu helfen, ein Termin mit einem Architekten, erste konkrete Schritte.

Und ich merke, dass diese Dachterrassen-Morgen sich dadurch verändern. Sie bleiben ruhig, aber sie bergen nicht mehr die Gefahr des Stillstands. Sie wecken in mir Freude auf die Zukunft, auf einen neuen Lebensabschnitt, Neugier darauf, wie es sein wird, wenn alles fertig ist.

Zwischen diesen beiden Polen bewege ich mich in Sizilien: zwischen Licht und Schatten, zwischen Ruhe und dem leisen Drängen in mir, endlich anzufangen.

In der Zwischenzeit

Was ist Ruhe?


Ruhe wird oft als Zustand beschrieben, den man erreicht, wenn der Lärm aufhört. Als eine Art natürliche Folge von Entlastung. Als etwas, das eintritt, sobald äußere Anforderungen wegfallen.

Meine Erfahrung nach der Ankunft in Sizilien ist eine andere.

Ruhe ist kein Zustand, der einfach erscheint, wenn man aus dem Flugzeug steigt. Sie ist eher eine Umstellung – und daher erst einmal sehr unangenehm.

Wenn ich nach Sizilien reise, habe ich kaum Gepäck dabei. Meine inneren Koffer, die ich ständig mit mir rumschleppe, nehme ich trotzdem mit und sie sind voller Ballast: Termine, Verpflichtungen, Zuständigkeiten, Aufgaben, schlechtes Gewissen, Stress. Sowas eben.

Wenn der äußere Druck nachlässt, nämlich dann, wenn ich nonchalant das Gepäckband am Flughafen links liegen lasse und zur Bushaltestelle gehe, verschwindet leider nicht sofort die innere Anspannung. Vielmehr zeigt sich mir erst dann, wie stark mich der Betrieb in mir selbst beschwert hat. Was zuvor durch Aufgaben, Termine und Zuständigkeiten gebunden war, wird plötzlich spürbar.

In diesem Sinn ist Ruhe für mich nicht Leere oder Stille, sondern zuerst Entzug von Struktur.

Und Entzug fühlt sich selten wie Erholung an.

Es gibt eine Phase, die oft übersehen wird: die Zwischenzeit zwischen Funktionieren und Erholen. In ihr ist das Alte bereits nicht mehr wirksam, das Neue aber noch nicht etabliert. Man ist weder im Modus der Überforderung noch im Modus der Entspannung, sondern in einem Zustand dazwischen, der sich schwer benennen lässt.

Diese Zwischenzeit wird häufig missverstanden. Sie wirkt unproduktiv, vielleicht sogar irritierend. Sie wirkt wie vergeudet. Dabei ist sie vielleicht der eigentliche Ort der Veränderung.

Denn ein System, das lange unter Spannung stand, kann nicht einfach in Ruhe übergehen. Es muss erst wieder lernen, dass keine dauernde Wachsamkeit mehr notwendig ist. Und dieses Lernen ist kein mentaler Akt, sondern ein körperlicher.

Deshalb fühlt sich Ruhe am Anfang für mich oft nicht ruhig an. Sie fühlt sich ungewohnt an, manchmal sogar unbequem. Jedenfalls nicht richtig.

Vielleicht liegt darin ein grundlegender Irrtum unserer Vorstellung von Erholung: dass sie angenehm sein müsse, um „richtig“ zu sein. In Wirklichkeit kann sie auch das Gegenteil sein – eine Phase der Reibung zwischen altem und neuem Zustand.

Erst wenn diese Reibung nachlässt, beginnt Ruhe sich nicht nur als Abwesenheit von Stress zu zeigen, sondern als eigene Qualität.

Nicht sofort. Nicht linear. Aber spürbar.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: dass Ruhe nicht dort beginnt, wo alles leicht wird, sondern dort, wo man aufhört, ständig in Bereitschaft zu sein. Das habe ich in Sizilien gelernt. Und daran muss ich mich jedesmal neu erinnern, wenn ich meinen imaginären Koffer voller Ballast in die Ecke stelle und ihn dort für einige Zeit einfach vergesse.


Stachelige Angelegenheit

Kaktusfeigen: Jetzt sind die stachligen Früchte reif, die hier an jeder Ecke wachsen. Wenn man wollte, könnte man sie tonnenweise ernten. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Gewächse tatsächlich einfach so herrenlos rumstehen.

Kaktusfeigen gelten auf Sizilien als die Frucht der Zukunft, weil zu fürchten ist, dass auf der Insel bald schon nichts anderes mehr wächst. Stichwort Dürre, Wasserknappheit, Versteppung.

Die Pflanzen stehen dicht an dicht, ihre süßsauren Früchte mit der stacheligen Schale werden bis nach Deutschland exportiert. Die Kaktusstaude kommt mit der Trockenheit zurecht, übersteht die Kälte im Winter und braucht auch im Sommer kaum Wasser.

Jedes andere Gemüse muss reichlich gegossen werden und das wird für die Landwirte immer schwieriger. Aber nicht nur für die: 70 Prozent der Insel leiden unter extremer Trockenheit. Sizilien droht zur Wüste zu werden. Das Jahr 2024 mit Hitze und ausbleibenden Niederschlägen hat die Lage noch dramatischer gemacht. 2025 war bisher nur leicht besser.

Eine Reisewarnung

Das Auswärtige Amt warnte Reisende vor dem „erheblichen Wassermangel“, der damit einhergeht. Bisher versuchen die italienischen Behörden Urlauber*innen zwar davon nichts merken zu lassen. Doch während die Pools in den touristischen Anlagen noch gefüllt sind, bekommt die italienische Bevölkerung die Folgen der Dürre bereits zu spüren: Dir natürlichen Seen und die Stauseen trocknen aus.

Die Bauern auf der Insel rechnen mit Ernteausfällen. In einigen Ortschaften wird das Wasser rationiert, in anderen musste im vergangenen Jahr ein Tankschiff der italienischen Marine die Einwohner*innen bereits mit zwölf Millionen Litern Wasser vom Festland versorgen.

Bewusster Umgang mit Wasser

Sollte sich an der Gesamtsituation nichts ändern, muss Sizilien mit großen Einbußen im Tourismus und in der Wirtschaft rechnen. Für Reisende in dieser Region bedeutet das, dass auch sie in Zukunft bewusster mit der knappen Ressource Wasser umgehen müssen. 

Aber zurück zu den Feigenkakteen. Den Pflanzen macht der Klimawandel scheinbar nicht so viel aus. Dass sie anpassungsfähig sind, haben sie ja schon bewiesen: Die Entdecker Amerikas brachten die Pflanze mit nach Europa, wo sie es sich im Mittelmeerraum gemütlich gemacht haben.

Die Pflanzen sind anpassungsfähig

Das Fruchtfleisch lässt sich zu Marmelade verarbeiten. Es rundet einen Obstsalat ab und lässt sich auch mit Fleisch oder Fisch kombinieren. Und roh lässt sich das rote, gelbe oder auch grüne Früchtchen natürlich auch löffeln. Ein Allrounder in der Küche, könnte man sagen. Der regelmäßige Genuss von Kaktusfeigen soll sich positiv unter anderem auf Cholesterin- und Insulinspiegel auswirken. Klingt doch als Henkersmahlzeit gar nicht so schlecht.

Warum so eilig?

Sempre in fretta – immer in Eile, das sind Menschen, die in Sizilien Auto fahren. Wer hier kein unliebsames Verkehrshindernis sein will, das gnadenlos von der Straße gedrängt wird, sollte sich tunlichst anpassen oder Platz machen für diejenigen, die keine einzige Sekunde zu verlieren haben auf ihrem Weg von A nach B.

Ich habe mich längst daran gewöhnt, von schimpfenden Sizilianer*innen überholt zu werden, nur um sie dann ein paar Minuten später an einer Ampel vor mir wiederzusehen. Jetzt hat sich aber etwas Neues eingebürgert: Überholen im Stau.

Unzumutbare Zumutung

Mittags oder abends, wenn alle gleichzeitig nach Hause streben, egal von woher und nach wohin, stockt es manchmal an Notos Stadteinfahrt. Nicht schlimm, kostet vielleicht zwei oder drei Minuten. Ich finde es jedenfalls nicht der Rede wert. Weil jedoch die Leute hier auf der Insel sempre in fretta sind, ist für sie die Warterei offenbar eine unzumutbare Zumutung. Deshalb überholen nicht wenige die vor ihnen geduldig im Stau stehenden Autos ohne mit der Wimper zu zucken. Es bildet sich quasi eine dritte Fahrspur.

Ganz vorne drängen sich die Gehetzten schamlos wieder in die eigentliche Fahrspur und weiter geht’s. Wenn dieses Überholmanöver hin und wieder nicht funktioniert, weil beispielsweise auf der Gegenfahrbahn Autos in der zweiten Reihe parken und ein Linienbus nicht dran vorbeikommt, dann setzt ein infernalisches Hupkonzert ein. Nicht etwa vom genervten Busfahrer, sondern von den Dränglern weiter hinten im Stau, die nun gezwungenermaßen auch warten müssen.

Inmitten dieses caos versuche ich die Lärmkulisse von draußen einigermaßen auszublenden und frage mich, warum es die Leute hier immer so eilig haben. Ist doch ihr Credo in allen wichtigen Dingen des Lebens tranquilla e pazienza. Egal, um was es geht. Wenn ich mit deutscher Ungeduld nachfrage, warum etwas so lange dauert, heißt es immer tranquilla e pazienza. Ich habe das in all den Jahren derart verinnerlicht, dass ich den Spruch mittlerweile auch in meiner deutschen Zeitungsredaktion verwende.

Warum warten sie nicht?

Vor diesem Hintergrund verstehe ich einfach nicht, warum die Menschen in ihren Autos nicht aller Ruhe im Stau abwarten, bis es weiter geht. Denn nach meiner Erfahrung wartet doch dort, wo sie hinwollen, alles in tranquilla e pazienza. Warum also diese Eile? Fragen kann ich die Leute nicht, denn bis ich aus dem Auto ausgestiegen wäre, wären die Ungeduldigen schon längst an mir und dem Stau vorbei gebraust.

Formula 1

Meine Nachbarin Rosetta hat mittlerweile drei Enkelkinder. Das jüngste, ein Mädchen, kam im April dazu, die beiden Jungs sind schon etwas älter. Maurì kommt jetzt in die zweite Klasse, Nicolà geht in den Kindergarten. Nur dass halt hier immer noch Ferien sind. Für Rosetta heißt das, ab mittags drei Kinder zu betreuen. Zuvor kocht sie für alle und kümmert sich auch noch um ihrer alte Mutter, die bei ihr lebt.

Bisher ging das alles ziemlich geräuschlos ab. Der Fernseher lief halt den ganzen Tag und Geräusche von irgendwelchem Spielzeug drangen manchmal in den Vico. Die Jungs selbst haben nicht viel geredet, eigentlich untypisch für sizilianische Menschen.

Das hat sich grundlegend geändert, seitdem die Kinder einen Roller haben. Wohlgemerkt einen Roller für zwei ragazzi. Lautstarke Verteilungskämpfe sind da unvermeidlich. Jedenfalls ist dieser Roller, ein wackliges Plastikteil, jetzt im Dauereinsatz. Das geht mittags los, nur kurz unterbrochen für das pranzo, und danach rollt das Ding wieder ohne Unterlass durch die enge Gasse.

Verteilungskämpfe
sind unvermeidlich

Die bietet allerdings nichts, keine Kurve, kein Berg und Tal, keine anderen Kinder. Es gibt nichts zu sehen. Ungefährlich ist es halt, weil keine Autos durchfahren können. Was die Gasse bietet: Maximale Geräuschverstärkung durch die enge Bebauung. Eine Formel-1-Strecke ist vermutlich nur wenig lauter.

Je länger das ohrenbetäubende Auf und Ab geht, umso überdrehter werden die kleinen Fahrer. Die Verteilungskämpfe werden lauter. Und der Lärm setzt irgendwann auch der kleinen Schwester zu. Spätestens nach der siesta, die ihren Namen derzeit nicht verdient, ist die Kleine so übermüdet, dass sie nur noch wie am Spieß brüllen kann. Rosetta trägt sie deshalb nachmittags draußen im vico stundenlang auf dem Arm, muss aber aufpassen, dass der Roller sie nicht über den Haufen fährt.

Wenn Rosettas Mann abends nach Hause kommt, löst er Rosetta beim Rumtragen ab, die muss schließlich das cena vorbereiten. Der Säugling brüllt weiter, jetzt vom nonno getragen. Die Brüder stört das nicht. Sie treiben den Roller unerbittlich vorwärts. Eigentlich müssten die Räder schon ganz abgefahren sein. Aber einen Roller-TÜV gibt es ja nicht und einen Boxenstop zum Reifenwechseln natürlich auch nicht.

Wurde das italienische
Fernsehen abgeschafft?

Auch nach dem Abendessen sind die Akkus der Jungs noch nicht leer. So heiß kann es gar nicht sein, dass sie sich eine Ruhepause vor der Glotze gönnen würden. Das italienische Fernsehen wurde offenbar in den vergangenen Wochen abgeschafft.

Ich bin zwar mit zunehmender Dauer leicht genervt – der Krach ist einfach zu eintönig – freue mich aber auch ein bisschen, dass sich Kinder scheinbar doch noch an den einfachen Dingen des Lebens begeistern können. Schalldämpfende Gummirollen wären trotzdem schön. Und eine Zielflagge auch.

Bicchieri

Wind gehört zu Sizilien wie sole e mare. Mal stärker, mal schwächer. Meist ist er eine willkommene natürliche Klimaanlage. Aber er macht den Alltag auch kompliziert.

Zum caffė in der Bar gibt es in der Regel ein Glas Wasser. Nur dass das Glas in einer normalen Bar ein Plastikbecher ist. Und das cornetto wird auf einem Teller mit einer Lage dünnem Papier serviert. Der zucchero ist in Papiertütchen verpackt. Also jede Menge Zeug, das durch die Gegend fliegen kann.

Auch die cola, das lemon Soda oder andere Erfrischungsgetränke werden in der Dose und mit einem bicchiere di plastico serviert. deshalb wird auch der Alu-Behälter, sobald geleert, zu einem echten Problem. Denn auch der würde in Windeseile durch die Gegend fliegen.

Ein genialer Trick?

Ich habe trotz intensiver Beobachtung meiner Mitmenschen hier noch nicht herausgefunden, ob es einen Trick gibt, das Wegfliegen der leeren Becher, Dosen und Papiertüten elegant zu verhindern. Es ist ja nicht so, dass auf den Böden der Bars Müll rumfliegen würde.

Mir ist auch nicht ganz klar, warum die siciliani so an den Plastikbechern hängen, die nehmen sie ja auch mit an den Strand. Dort fliegen dann leider mehr als gut wäre durch die Gegend. Typisch deutsch sammle ich immer wieder welche auf.

Aber zurück zur bar: ich sitze dort also ziemlich unentspannt, um meine leeren Becher und Dosen festzuhalten. Cool sieht das nicht aus. Wahrscheinlich ist das Ganze nur ein genialer Trick, damit die Leute möglichst schnell wieder Platz an den Tischen für die nächsten Kunden machen.

Egal. Ich trage sicherheitshalber meinen produzierten Müll eigenhändig ins windstille Innere, bevor ich zahle und erfrischt und gestärkt mein Tagwerk beginne.

Fine dell’ estate

Mit dem 1. September regelt sich in Noto jedes Jahr wie von Zauberhand das Leben wieder runter. Von einem Tag auf den anderen steht man auf dem Nachhauseweg abends nicht mehr im Stau, es gibt wieder jede Menge Parkplätze und Carmen sperrt ihre Bar mittags zu.

Das Phänomen nennt sich fine dell‘estate. Wie auf Kommando übernimmt der Alltag wieder das Kommando. Vom Ende des Sommers kann hier in Sizilien zwar – gemessen an den klimatischen Verhältnissen in meiner deutschen Heimat – bei weitem noch nicht die Rede sein bei über 30 Grad im Schatten. Trotzdem schleicht sich der Winterblues ganz langsam an.

Melancholie macht sich breit

Es legt sich Melancholie über die Stadt, in der es mittlerweile ziemlich früh dunkel wird. Wenn die Sonne um 19 Uhr geht, kommt eine kühle Brise, der aufgeheizte Körper fröstelt schnell. Ich muss deshalb meinen Rhythmus umstellen, den täglichen Abstecher al mare nicht mehr bis zum Abend rausschieben.

Die Strände sind jetzt wieder leerer. Klar, Touristen gibt es noch genug, aber kein Vergleich zu den überfüllten spiaggie rund um Ferragosto. Vormittags gehört das Meer den Älteren, erst nachmittags gesellen sich die Jugendlichen und Eltern mit ihren Kindern dazu.

Die Sonne brennt nicht mehr so unerbittlich, sie zeigt Erbarmen. Vermutlich vorbei sind für dieses Jahr die Tage, an denen der Sand so heißt wie glühende Kohlen wird.

Das azzuro verliert an Kraft

Auch das Licht ist plötzlich anders. Das azzuro hat unmerklich an Kraft verloren, der Himmel ist dunkler, die Sicht klarer. Die Hitzeglocke, die sich noch vor einigen Tagen wie ein grauer Schleier über die Insel gelegt hat, ist verschwunden, obwohl das Quecksilber noch jeden Tag Höhen erreicht, bei denen ich in Deutschland ächzen würde.

Ich denke, es sind diese Veränderungen, die sich erst auf dem zweiten Blick erschließen, die die neue Jahreszeit ankündigen. Hier gibt es kein buntes Laub an den Bäumen, das unübersehbar schreit: Jetzt ist Herbst und dann bald Winter! Wenn sich nördlich der Alpen die Natur langsam in den Winterschlaf begibt und alle Blätter abwirft, erwacht sie in Sizilien wieder. Der leichte grüne Flaum in der ausgedorrten sizilianischen Landschaft ist bereits da.

Jetzt kommt l‘estate settembrina, wie sie es in den Nachrichten nennen. Der entspannte Sommer-Nachschlag mit leicht bitterer Note. Wie ein Aperol Spritz.

Hygge?

Noto hat ja nicht mehr viel mit dem Sizilien zu tun, in das ich mich kurz nach der Jahrtausendwende verliebt hatte. Mit einem Wort könnte man das, was in den vergangenen Jahren passiert ist, so zusammenfassen: Overtourism. Ganz so schlimm wie auf Capri oder in Venezia ist es zwar noch nicht, aber auf dem besten Weg dahin. Zumindest unten in der guten Stube.

Meine Tochter hatte neulich eine nicht ganz ernst gemeinte Idee, die zu dieser Entwicklung passen könnte: ein Hygge-Café in Noto. Sie hat sich als Gag sogar von Chat GPT einen Business-Plan erstellen lassen. Der künstlich intelligente Ratgeber hat ihr empfohlen, auf jeden Fall das Konzept mit etwas Landestypischem zu kombinieren, um auch die Einheimischen als Kund*innen mitzunehmen. Also Matcha-Chai-Soja-Latte mit Cannoli servieren? Oder einen caffè macchiato mit Zimtschnecken?

Hygge? Könnte funktionieren. Wäre Insta-tauglich, wenn man das passende skandinavische Interieur, jede Menge Kerzen und kuschlige Decken mit ein paar sizilianischen Accessoires kombinieren würde.

Köpfe brauchen einen anderen Namen

Vielleicht könnte die Keramik, die testi di moro zum Beispiel, eigens hergestellt werden, damit sie nicht so aufdringlich bunt den Gesamteindruck stört. Natürlich müssten die Köpfe auch einen anderen Namen bekommen, der hier gebräuchliche ist schließlich politisch nicht so ganz korrekt.

Das Hygge-Café wäre wie zuhause in jeder x-beliebigen Stadt. Die vielen Besucherinnen und Besucher aus allen Teilen der Welt müssten sich gar nicht besonders anstrengen, um sich in diesem phänomenalen sizilianischen Architekturwunder namens Noto gleich wie ein native Sicilian zu fühlen. Und manchmal im Winter ist es ja auch hier am südlichsten Zipfel Italiens so hässlich ungemütlich, dass ein bisschen hygge auch den richtigen Siciliani nicht schaden kann.

Im Leinenkleid auf einem Schafsfell

Ich stelle mir vor, wie es sich die hübschen Touristinnen in ihren schicken hellen Leinenkleidern in unserem Hygge-Café in den mit (veganen!) Schafsfellen ausgelegten Sitzmöbeln bequem machen und ihre perfekt manikürten Hände um die stilvolle skandinavisch-sizilianische Keramik legen, um daraus, selig lächelnd, an ihrem Chai Latte zu nippen und dabei ein Selfie für ihren content schießen (lassen).

Vielleicht könnte das Hygge-Café mit dem Caffè Sicilia kooperieren, das aus mehreren Netflix-Dokus schon weltweit bekannt ist. Einen Platz kriegt man dort schon lange nicht mehr. Die wunderbaren Kreationen, die zugegebenermaßen fantastisch schmecken, wären jedenfalls die ideale optische Ergänzung im Hygge-Café.

Vielleicht wäre der Hygge-Trend sogar eine Geschäftsidee, auf die ganz Italien gewartet hat?