La crepa – der Riss

Da war dieser Riss. Zunächst nur eine kaum sichtbare feine Linie. Der Riss legte langsam von der Decke bis zum Boden seine Spur. Er gab dem Haus seinen Charakter.

Dann genügte dem Riss diese Wanderung nicht mehr. Er machte sich auf der Wand breit, ganz langsam nur, einer optischen Täuschung gleich. Ich entgegnete dem Riss trotzig: Alte Mauern arbeiten, sie setzen sich. Sie erzählen ihre Geschichte in kleinen Unregelmäßgkeiten.

Irgendwann verlangte der Riss meine volle Aufmerksamkeit. Er ließ sich nicht mehr ignorieren. Bei jeder Rückkehr hielt ich zuerst Zwiesprache mit ihm. Beobachtete ihn, vermaß ihn. Fragte ihn, ob die in der Zwischenzeit dazugekommenen Millimeter schlimm wären. Der Riss antwortete mir nicht. Er blieb stumm, er schrie nicht. Aber auch aus 2000 Kilometer Entfernung in Deutschland konnte ich la crepa in meinem Hinterkopf hören.

Wer wäre stärker? Er oder ich? Lange hielt ich der Zumutung des Risses stand. Schaute weg, so gut es ging. Beschwichtigte mich mit meiner neu gelernten sizilianischen Gelassenheit. Haben hier nicht alle Häuser Risse?

Der Riss siegte am Ende über meine Verdrängung und er war auch stärker als meine Angst vor dem, was auf mich zukommen könnte, wenn ich mich ihm endlich widmete. Er zwang mich nach Jahren des Stillstands zum Handeln. Mit ihm nur zu verhandeln war nämlich gänzlich zwecklos.

Also verhandle ich stattdessen jetzt mit Fachleuten, Ingenieuren, Bürokraten, was zu machen sei. Sie begegneten dem Riss ganz unerschrocken mit ihrer Erfahrung. Sie klopften gegen die Wand, maßen, zeichneten, rechneten und sagten schließlich einen Satz, der mich in seiner Schlichtheit umhaute: „Das kann man reparieren.“

So einfach kann es manchmal sein. Anstatt wegzusehen und das Hirn in Endlosschleife zu martern, was alles sein könnte, wäre es da nicht besser, einfach gleich hinzuschauen und sich Hilfe zu holen? Anstatt sich an etwas Beängstigendes zu gewöhnen, wäre es da nicht einfacher, eine Lösung zu suchen? Denn irgendwann kommt er ja immer, der Moment, an dem man einfach nicht mehr wegschauen kann. Nicht nur bei Rissen in Wänden.

Solange ich nicht wusste, an was das Haus leidet, konnte ich mir alles vorstellen: Einsturz. Unbezahlbare Rechnungen. Das Ende eines Traums. Katastrophe eben.

Als dann der Kostenvoranschlag endlich auf dem Tisch lag, musste ich fast lachen. Aus dem diffusen Horrorszenario in meinem Kopf war plötzlich ein konkretes und machbares Projekt geworden. Ganz unspektakulär. Reparabel. Ein Dach, eine Decke, eine Wand, Arbeit, Rechnungen, nicht Weltuntergang. Sicher nervig, aber mit Geduld lösbar.

Für mich selbst war dieser Riss wie eine Bruchstelle, an der sich die Dinge zum Positiven ändern können. Wie ein Punkt, an dem jetzt wieder Licht hereinkommen kann in mein inneres Dickicht aus Sorgen und Befürchtungen und Unwissenheit.

Wenn ich mal wieder lieber wegschauen und stattdessen endlos grübeln will, dann denke ich künftig an la crepa, meinen treuen sizilianischen Begleiter.

Hinterm Mond

Mir ist aus Versehen etwas Komisches passiert.

Es war weder geplant noch ein Vorsatz. Es ist einfach passiert, ohne dass ich es gemerkt habe.

Seit ich in Sizilien bin, habe ich weder Radio gehört noch Zeitung gelesen. Der Fernseher blieb aus, und irgendwann fiel mir auf: Ich habe überhaupt keine Ahnung mehr, was draußen in der Welt gerade passiert. Ich lebe quasi nachrichtentechnisch hinterm Mond.

Für mich als Journalistin ist das eigentlich ein unhaltbarer Zustand.

Noch erstaunlicher ist allerdings etwas anderes: Mir fehlt nichts.

Vielleicht ist es mit den Nachrichten wie mit einer Tüte Gummibärchen.

Nicht, weil Gummibärchen schlecht wären. Aber wenn man zu viele auf einmal gegessen hat, möchte man erst einmal keine mehr. Vor Sizilien war ich ständig von Nachrichten umgeben – beruflich und privat. Immer noch eine Meldung, immer noch eine Schlagzeile, immer noch etwas, das Aufmerksamkeit wollte.

Jetzt merke ich, dass ich einfach satt bin.

Nicht für immer. Aber im Moment.

Ich habe keine Ahnung, welche Schlagzeile heute die Welt bewegt. Und erstaunlicherweise macht mich das nicht unruhig. Es fühlt sich eher an, als würde mein Kopf nach einer langen Reizüberflutung einfach eine Pause brauchen. So wie der Magen nach zu vielen Gummibärchen.

Vermutlich ist das keine endgültige Abkehr von den Nachrichten. Wäre für eine Journalistin auch ziemlich schwer durchzuziehen.

Vielleicht brauche ich gerade einfach nur eine kleine Diät, damit aus dem täglichen Nachrichtenstrom wieder das wird, was er sein sollte: Information – und nicht Dauerbeschallung.

Vielleicht gibt es auch Zeiten im Leben, in denen die leisen Nachrichten wichtiger sind als die lauten.

Es überrascht mich selbst, dass ausgerechnet ich das schreibe. Hoffentlich liest das meine Chefin nicht 😉

In der Zwischenzeit

Was ist Ruhe?


Ruhe wird oft als Zustand beschrieben, den man erreicht, wenn der Lärm aufhört. Als eine Art natürliche Folge von Entlastung. Als etwas, das eintritt, sobald äußere Anforderungen wegfallen.

Meine Erfahrung nach der Ankunft in Sizilien ist eine andere.

Ruhe ist kein Zustand, der einfach erscheint, wenn man aus dem Flugzeug steigt. Sie ist eher eine Umstellung – und daher erst einmal sehr unangenehm.

Wenn ich nach Sizilien reise, habe ich kaum Gepäck dabei. Meine inneren Koffer, die ich ständig mit mir rumschleppe, nehme ich trotzdem mit und sie sind voller Ballast: Termine, Verpflichtungen, Zuständigkeiten, Aufgaben, schlechtes Gewissen, Stress. Sowas eben.

Wenn der äußere Druck nachlässt, nämlich dann, wenn ich nonchalant das Gepäckband am Flughafen links liegen lasse und zur Bushaltestelle gehe, verschwindet leider nicht sofort die innere Anspannung. Vielmehr zeigt sich mir erst dann, wie stark mich der Betrieb in mir selbst beschwert hat. Was zuvor durch Aufgaben, Termine und Zuständigkeiten gebunden war, wird plötzlich spürbar.

In diesem Sinn ist Ruhe für mich nicht Leere oder Stille, sondern zuerst Entzug von Struktur.

Und Entzug fühlt sich selten wie Erholung an.

Es gibt eine Phase, die oft übersehen wird: die Zwischenzeit zwischen Funktionieren und Erholen. In ihr ist das Alte bereits nicht mehr wirksam, das Neue aber noch nicht etabliert. Man ist weder im Modus der Überforderung noch im Modus der Entspannung, sondern in einem Zustand dazwischen, der sich schwer benennen lässt.

Diese Zwischenzeit wird häufig missverstanden. Sie wirkt unproduktiv, vielleicht sogar irritierend. Sie wirkt wie vergeudet. Dabei ist sie vielleicht der eigentliche Ort der Veränderung.

Denn ein System, das lange unter Spannung stand, kann nicht einfach in Ruhe übergehen. Es muss erst wieder lernen, dass keine dauernde Wachsamkeit mehr notwendig ist. Und dieses Lernen ist kein mentaler Akt, sondern ein körperlicher.

Deshalb fühlt sich Ruhe am Anfang für mich oft nicht ruhig an. Sie fühlt sich ungewohnt an, manchmal sogar unbequem. Jedenfalls nicht richtig.

Vielleicht liegt darin ein grundlegender Irrtum unserer Vorstellung von Erholung: dass sie angenehm sein müsse, um „richtig“ zu sein. In Wirklichkeit kann sie auch das Gegenteil sein – eine Phase der Reibung zwischen altem und neuem Zustand.

Erst wenn diese Reibung nachlässt, beginnt Ruhe sich nicht nur als Abwesenheit von Stress zu zeigen, sondern als eigene Qualität.

Nicht sofort. Nicht linear. Aber spürbar.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: dass Ruhe nicht dort beginnt, wo alles leicht wird, sondern dort, wo man aufhört, ständig in Bereitschaft zu sein. Das habe ich in Sizilien gelernt. Und daran muss ich mich jedesmal neu erinnern, wenn ich meinen imaginären Koffer voller Ballast in die Ecke stelle und ihn dort für einige Zeit einfach vergesse.