Umzugskartons

Ich fange an, mein Haus auszuräumen. Dazu bräuchte ich eigentlich ein paar Umzugskartons. Der Versuch, welche zu kaufen, ist heute kläglich gescheitert. Mal wieder so ein Erlebnis, im Baumarkt von den Angestellten lustlos durch die Regale gejagt zu werden. Schnitzeljagd auf Sizilianisch eben.

Um die Sache jetzt systematisch anzugehen, wäre es ohnehin viel zu heiß. 40 Grad machen derzeit aus jedem größeren Vorhaben eine ziemlich theoretische Angelegenheit. Aber ich öffne trotzdem Schränke, ziehe Schubladen heraus und entdecke in all den Habseligkeiten plötzlich Bücher, die früher jemand anderes gelesen hat, finde eine Handschrift, die ich schon jahrelang nicht mehr gesehen habe, stelle Dinge auf den Boden, die ein anderer ins Haus gebracht hat und frage mich: Brauche ich das noch?

Erstaunlich, was sich in einem Haus ansammelt. Auch wenn ich immer versucht habe, mein Hab und Gut hier schmal zu halten.

Geschirr, das man nie benutzt. Gläser, von denen keines zum anderen passt. Bücher, die man ganz sicher irgendwann noch lesen wollte. Möbel, die seit Jahren an derselben Stelle stehen, ohne dass man sich je gefragt hätte, ob man sie eigentlich noch mag.

Manches darf nach der Renovierung ganz sicher bleiben.

Mein schwarzes Ledersofa zum Beispiel. Und der Sessel dazu. Sie sind nicht sizilianisch, nicht besonders leicht und vermutlich würde kein Innenarchitekt sie für ein kleines altes Haus in Noto auswählen.

Ich schon.

Ich habe sie vor vielen Jahren gemeinsam mit meiner Mutter gekauft. Damals begann gerade ein neuer Abschnitt meines Lebens. Also bleiben sie auch nach der Renovierung hier.

Andere Dinge dagegen haben keinen solchen Grund. Sie sind einfach noch da. Übrig geblieben oder zurückgelassen.

Vielleicht ist das überhaupt eine der merkwürdigsten Eigenschaften von Dingen: Ihre bloße Anwesenheit verschafft ihnen mit der Zeit eine Art Bleiberecht.

Bei Menschen ist es manchmal ähnlich.

Es gibt Menschen, die begleiten uns eine Weile. Wir teilen mit ihnen Wohnungen, Reisen, Rechnungen, Urlaube und Zukunftspläne. Irgendwann hält man ihre Anwesenheit für einen festen Bestandteil des eigenen Lebens.

Und dann gehen sie.

Nicht, weil das Leben sie einem nimmt. Sondern weil sie sich dafür entscheiden. Das kann sich zunächst anfühlen, als hätte jemand mitten im eigenen Leben ungewollt ein Möbelstück weggetragen und ein großes Loch hinterlassen.

Man steht zuerst davor und denkt: Da fehlt doch etwas. Jahre später schaut man noch einmal hin. Und entdeckt: Das war gar kein Loch. Das war Platz.

Es dauert eine Weile, bis man das versteht.

Vielleicht liegt das daran, dass Trennungen gern nach dem Moment beurteilt werden, in dem sie passieren.

Dabei wäre die viel interessantere Frage doch eine andere:

Wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn dieser Mensch geblieben wäre?

Die Antwort darauf macht keine Sehnsucht.

Manche Beziehungen fordern mehr Raum ein, als einem gut tut. Nur merkt man das erst im Rückblick. Man trägt, organisiert, finanziert, gleicht aus, verzichtet hier ein bisschen und dort noch ein bisschen mehr. Wird vielleicht sogar ausgenutzt. Und irgendwann hält man dann diese Konstruktion ohne Fundament für Normalität.

Bis sie von einem Tag auf den anderen zusammenbricht. Was sich zunächst wie eine Katastrophe anfühlen mag, erweist sich später möglicherweise sogar als Glück.

Beim Ausräumen meines Hauses merke ich gerade, wie schön es ist, entscheiden zu können:

Dieses Stück bleibt.

Dieses darf gehen.

Das dort brauche ich nicht mehr.

Und manches muss ich nicht einmal selbst hinaustragen.

Manche Menschen haben diese Arbeit freundlicherweise schon vor Jahren selbst erledigt. Nicht jedem Menschen, der geht, muss man hinterherlaufen. Manchmal sollte man ihm einfach die Tür aufhalten.

Und sie anschließend fest schließen.

Das sind so die unerwarteten Gedanken, die mir beim Sichten meiner sizilianischen Habseligkeiten bei 40 Grad im Schatten kommen. Jetzt bräuchte ich halt nur noch ein paar Kartons, um die Sachen einzupacken, die im Haus bleiben dürfen.

La crepa – der Riss

Da war dieser Riss. Zunächst nur eine kaum sichtbare feine Linie. Der Riss legte langsam von der Decke bis zum Boden seine Spur. Er gab dem Haus seinen Charakter.

Dann genügte dem Riss diese Wanderung nicht mehr. Er machte sich auf der Wand breit, ganz langsam nur, einer optischen Täuschung gleich. Ich entgegnete dem Riss trotzig: Alte Mauern arbeiten, sie setzen sich. Sie erzählen ihre Geschichte in kleinen Unregelmäßgkeiten.

Irgendwann verlangte der Riss meine volle Aufmerksamkeit. Er ließ sich nicht mehr ignorieren. Bei jeder Rückkehr hielt ich zuerst Zwiesprache mit ihm. Beobachtete ihn, vermaß ihn. Fragte ihn, ob die in der Zwischenzeit dazugekommenen Millimeter schlimm wären. Der Riss antwortete mir nicht. Er blieb stumm, er schrie nicht. Aber auch aus 2000 Kilometer Entfernung in Deutschland konnte ich la crepa in meinem Hinterkopf hören.

Wer wäre stärker? Er oder ich? Lange hielt ich der Zumutung des Risses stand. Schaute weg, so gut es ging. Beschwichtigte mich mit meiner neu gelernten sizilianischen Gelassenheit. Haben hier nicht alle Häuser Risse?

Der Riss siegte am Ende über meine Verdrängung und er war auch stärker als meine Angst vor dem, was auf mich zukommen könnte, wenn ich mich ihm endlich widmete. Er zwang mich nach Jahren des Stillstands zum Handeln. Mit ihm nur zu verhandeln war nämlich gänzlich zwecklos.

Also verhandle ich stattdessen jetzt mit Fachleuten, Ingenieuren, Bürokraten, was zu machen sei. Sie begegneten dem Riss ganz unerschrocken mit ihrer Erfahrung. Sie klopften gegen die Wand, maßen, zeichneten, rechneten und sagten schließlich einen Satz, der mich in seiner Schlichtheit umhaute: „Das kann man reparieren.“

So einfach kann es manchmal sein. Anstatt wegzusehen und das Hirn in Endlosschleife zu martern, was alles sein könnte, wäre es da nicht besser, einfach gleich hinzuschauen und sich Hilfe zu holen? Anstatt sich an etwas Beängstigendes zu gewöhnen, wäre es da nicht einfacher, eine Lösung zu suchen? Denn irgendwann kommt er ja immer, der Moment, an dem man einfach nicht mehr wegschauen kann. Nicht nur bei Rissen in Wänden.

Solange ich nicht wusste, an was das Haus leidet, konnte ich mir alles vorstellen: Einsturz. Unbezahlbare Rechnungen. Das Ende eines Traums. Katastrophe eben.

Als dann der Kostenvoranschlag endlich auf dem Tisch lag, musste ich fast lachen. Aus dem diffusen Horrorszenario in meinem Kopf war plötzlich ein konkretes und machbares Projekt geworden. Ganz unspektakulär. Reparabel. Ein Dach, eine Decke, eine Wand, Arbeit, Rechnungen, nicht Weltuntergang. Sicher nervig, aber mit Geduld lösbar.

Für mich selbst war dieser Riss wie eine Bruchstelle, an der sich die Dinge zum Positiven ändern können. Wie ein Punkt, an dem jetzt wieder Licht hereinkommen kann in mein inneres Dickicht aus Sorgen und Befürchtungen und Unwissenheit.

Wenn ich mal wieder lieber wegschauen und stattdessen endlos grübeln will, dann denke ich künftig an la crepa, meinen treuen sizilianischen Begleiter.

Aufbruch oder Stillstand?

Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.

Das ist für mich Frieden: Ein Morgen auf der Dachterrasse, wenn in den Häusern rundum die Rollläden noch nicht hochgezogen sind, die Wasserpumpen noch nicht schnurren, keine Autos zu hören sind und keine Vespa durch den Vico knattert. Wenn nur die Vögel am Himmel ihre wilden Kreise ziehen.

Der Kaffee steht neben mir, noch heiß genug, um ihn in kleinen Schlucken zu trinken. Die Stadt erwacht, aber noch nicht laut. Das Licht ist sanft über den Dächern, die noch nicht in der Hitze flirren. Für einen Moment scheint alles in Ordnung zu sein. Dass alles genau so bleiben kann, wie es ist. Dass es keine Veränderung braucht.

Ich mag diese Stunde sehr.

Und gleichzeitig frage ich mich manchmal, ob genau hier auch etwas Gefährliches liegt.

Denn es ist leicht, immer in dieser Ruhe zu bleiben. Es ist leicht, den Tag noch ein wenig aufzuschieben, während man einfach sitzt, schaut und denkt. Nichts drängt. Alles kann warten. Frieden als bequemer Selbstzweck.

Vielleicht ist genau das die Versuchung: Dass aus einem guten Morgen ein ganzer Tag werden kann, der sich gut anfühlt, aber nichts in Bewegung setzt.

Dass ich hier sitze und das Gefühl habe, bei mir zu sein – und gleichzeitig Dinge liegen bleiben, die längst meine Aufmerksamkeit bräuchten.

Mein Haus ist eines davon.

Es gehört zu diesem Ort und zu meiner sizilianischen Geschichte. Es war einmal Teil eines Lebensentwurfs, der sich dann ganz profan doch nicht wie geplant verwirklichen ließ. Seitdem ist viel Zeit vergangen, in der ich das Haus als Bauwerk eher verwaltet habe. Nicht, weil es mir egal gewesen wäre. Eher, weil mir das Leben ständig dazwischen gefunkt hat. Morgen ist auch noch ein Tag, nächstes Jahr, aber nur vielleicht. So habe ich angesichts bröckelnden Putzes lange gedacht.

Und trotzdem hat sich in all diesen Jahren mein Leben immer mehr mit diesem Haus verwoben, das heute viel mehr für mich ist als nur eine Immobilie in Sizilien, für die ich verantwortlich bin.

Jetzt aber beginnt sich etwas zu verändern. Nicht plötzlich, nicht laut – aber spürbar. Gespräche mit Leuten, die bereit sind, mir zu helfen, ein Termin mit einem Architekten, erste konkrete Schritte.

Und ich merke, dass diese Dachterrassen-Morgen sich dadurch verändern. Sie bleiben ruhig, aber sie bergen nicht mehr die Gefahr des Stillstands. Sie wecken in mir Freude auf die Zukunft, auf einen neuen Lebensabschnitt, Neugier darauf, wie es sein wird, wenn alles fertig ist.

Zwischen diesen beiden Polen bewege ich mich in Sizilien: zwischen Licht und Schatten, zwischen Ruhe und dem leisen Drängen in mir, endlich anzufangen.

In der Zwischenzeit

Was ist Ruhe?


Ruhe wird oft als Zustand beschrieben, den man erreicht, wenn der Lärm aufhört. Als eine Art natürliche Folge von Entlastung. Als etwas, das eintritt, sobald äußere Anforderungen wegfallen.

Meine Erfahrung nach der Ankunft in Sizilien ist eine andere.

Ruhe ist kein Zustand, der einfach erscheint, wenn man aus dem Flugzeug steigt. Sie ist eher eine Umstellung – und daher erst einmal sehr unangenehm.

Wenn ich nach Sizilien reise, habe ich kaum Gepäck dabei. Meine inneren Koffer, die ich ständig mit mir rumschleppe, nehme ich trotzdem mit und sie sind voller Ballast: Termine, Verpflichtungen, Zuständigkeiten, Aufgaben, schlechtes Gewissen, Stress. Sowas eben.

Wenn der äußere Druck nachlässt, nämlich dann, wenn ich nonchalant das Gepäckband am Flughafen links liegen lasse und zur Bushaltestelle gehe, verschwindet leider nicht sofort die innere Anspannung. Vielmehr zeigt sich mir erst dann, wie stark mich der Betrieb in mir selbst beschwert hat. Was zuvor durch Aufgaben, Termine und Zuständigkeiten gebunden war, wird plötzlich spürbar.

In diesem Sinn ist Ruhe für mich nicht Leere oder Stille, sondern zuerst Entzug von Struktur.

Und Entzug fühlt sich selten wie Erholung an.

Es gibt eine Phase, die oft übersehen wird: die Zwischenzeit zwischen Funktionieren und Erholen. In ihr ist das Alte bereits nicht mehr wirksam, das Neue aber noch nicht etabliert. Man ist weder im Modus der Überforderung noch im Modus der Entspannung, sondern in einem Zustand dazwischen, der sich schwer benennen lässt.

Diese Zwischenzeit wird häufig missverstanden. Sie wirkt unproduktiv, vielleicht sogar irritierend. Sie wirkt wie vergeudet. Dabei ist sie vielleicht der eigentliche Ort der Veränderung.

Denn ein System, das lange unter Spannung stand, kann nicht einfach in Ruhe übergehen. Es muss erst wieder lernen, dass keine dauernde Wachsamkeit mehr notwendig ist. Und dieses Lernen ist kein mentaler Akt, sondern ein körperlicher.

Deshalb fühlt sich Ruhe am Anfang für mich oft nicht ruhig an. Sie fühlt sich ungewohnt an, manchmal sogar unbequem. Jedenfalls nicht richtig.

Vielleicht liegt darin ein grundlegender Irrtum unserer Vorstellung von Erholung: dass sie angenehm sein müsse, um „richtig“ zu sein. In Wirklichkeit kann sie auch das Gegenteil sein – eine Phase der Reibung zwischen altem und neuem Zustand.

Erst wenn diese Reibung nachlässt, beginnt Ruhe sich nicht nur als Abwesenheit von Stress zu zeigen, sondern als eigene Qualität.

Nicht sofort. Nicht linear. Aber spürbar.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: dass Ruhe nicht dort beginnt, wo alles leicht wird, sondern dort, wo man aufhört, ständig in Bereitschaft zu sein. Das habe ich in Sizilien gelernt. Und daran muss ich mich jedesmal neu erinnern, wenn ich meinen imaginären Koffer voller Ballast in die Ecke stelle und ihn dort für einige Zeit einfach vergesse.


Formula 1

Meine Nachbarin Rosetta hat mittlerweile drei Enkelkinder. Das jüngste, ein Mädchen, kam im April dazu, die beiden Jungs sind schon etwas älter. Maurì kommt jetzt in die zweite Klasse, Nicolà geht in den Kindergarten. Nur dass halt hier immer noch Ferien sind. Für Rosetta heißt das, ab mittags drei Kinder zu betreuen. Zuvor kocht sie für alle und kümmert sich auch noch um ihrer alte Mutter, die bei ihr lebt.

Bisher ging das alles ziemlich geräuschlos ab. Der Fernseher lief halt den ganzen Tag und Geräusche von irgendwelchem Spielzeug drangen manchmal in den Vico. Die Jungs selbst haben nicht viel geredet, eigentlich untypisch für sizilianische Menschen.

Das hat sich grundlegend geändert, seitdem die Kinder einen Roller haben. Wohlgemerkt einen Roller für zwei ragazzi. Lautstarke Verteilungskämpfe sind da unvermeidlich. Jedenfalls ist dieser Roller, ein wackliges Plastikteil, jetzt im Dauereinsatz. Das geht mittags los, nur kurz unterbrochen für das pranzo, und danach rollt das Ding wieder ohne Unterlass durch die enge Gasse.

Verteilungskämpfe
sind unvermeidlich

Die bietet allerdings nichts, keine Kurve, kein Berg und Tal, keine anderen Kinder. Es gibt nichts zu sehen. Ungefährlich ist es halt, weil keine Autos durchfahren können. Was die Gasse bietet: Maximale Geräuschverstärkung durch die enge Bebauung. Eine Formel-1-Strecke ist vermutlich nur wenig lauter.

Je länger das ohrenbetäubende Auf und Ab geht, umso überdrehter werden die kleinen Fahrer. Die Verteilungskämpfe werden lauter. Und der Lärm setzt irgendwann auch der kleinen Schwester zu. Spätestens nach der siesta, die ihren Namen derzeit nicht verdient, ist die Kleine so übermüdet, dass sie nur noch wie am Spieß brüllen kann. Rosetta trägt sie deshalb nachmittags draußen im vico stundenlang auf dem Arm, muss aber aufpassen, dass der Roller sie nicht über den Haufen fährt.

Wenn Rosettas Mann abends nach Hause kommt, löst er Rosetta beim Rumtragen ab, die muss schließlich das cena vorbereiten. Der Säugling brüllt weiter, jetzt vom nonno getragen. Die Brüder stört das nicht. Sie treiben den Roller unerbittlich vorwärts. Eigentlich müssten die Räder schon ganz abgefahren sein. Aber einen Roller-TÜV gibt es ja nicht und einen Boxenstop zum Reifenwechseln natürlich auch nicht.

Wurde das italienische
Fernsehen abgeschafft?

Auch nach dem Abendessen sind die Akkus der Jungs noch nicht leer. So heiß kann es gar nicht sein, dass sie sich eine Ruhepause vor der Glotze gönnen würden. Das italienische Fernsehen wurde offenbar in den vergangenen Wochen abgeschafft.

Ich bin zwar mit zunehmender Dauer leicht genervt – der Krach ist einfach zu eintönig – freue mich aber auch ein bisschen, dass sich Kinder scheinbar doch noch an den einfachen Dingen des Lebens begeistern können. Schalldämpfende Gummirollen wären trotzdem schön. Und eine Zielflagge auch.

Hygge?

Noto hat ja nicht mehr viel mit dem Sizilien zu tun, in das ich mich kurz nach der Jahrtausendwende verliebt hatte. Mit einem Wort könnte man das, was in den vergangenen Jahren passiert ist, so zusammenfassen: Overtourism. Ganz so schlimm wie auf Capri oder in Venezia ist es zwar noch nicht, aber auf dem besten Weg dahin. Zumindest unten in der guten Stube.

Meine Tochter hatte neulich eine nicht ganz ernst gemeinte Idee, die zu dieser Entwicklung passen könnte: ein Hygge-Café in Noto. Sie hat sich als Gag sogar von Chat GPT einen Business-Plan erstellen lassen. Der künstlich intelligente Ratgeber hat ihr empfohlen, auf jeden Fall das Konzept mit etwas Landestypischem zu kombinieren, um auch die Einheimischen als Kund*innen mitzunehmen. Also Matcha-Chai-Soja-Latte mit Cannoli servieren? Oder einen caffè macchiato mit Zimtschnecken?

Hygge? Könnte funktionieren. Wäre Insta-tauglich, wenn man das passende skandinavische Interieur, jede Menge Kerzen und kuschlige Decken mit ein paar sizilianischen Accessoires kombinieren würde.

Köpfe brauchen einen anderen Namen

Vielleicht könnte die Keramik, die testi di moro zum Beispiel, eigens hergestellt werden, damit sie nicht so aufdringlich bunt den Gesamteindruck stört. Natürlich müssten die Köpfe auch einen anderen Namen bekommen, der hier gebräuchliche ist schließlich politisch nicht so ganz korrekt.

Das Hygge-Café wäre wie zuhause in jeder x-beliebigen Stadt. Die vielen Besucherinnen und Besucher aus allen Teilen der Welt müssten sich gar nicht besonders anstrengen, um sich in diesem phänomenalen sizilianischen Architekturwunder namens Noto gleich wie ein native Sicilian zu fühlen. Und manchmal im Winter ist es ja auch hier am südlichsten Zipfel Italiens so hässlich ungemütlich, dass ein bisschen hygge auch den richtigen Siciliani nicht schaden kann.

Im Leinenkleid auf einem Schafsfell

Ich stelle mir vor, wie es sich die hübschen Touristinnen in ihren schicken hellen Leinenkleidern in unserem Hygge-Café in den mit (veganen!) Schafsfellen ausgelegten Sitzmöbeln bequem machen und ihre perfekt manikürten Hände um die stilvolle skandinavisch-sizilianische Keramik legen, um daraus, selig lächelnd, an ihrem Chai Latte zu nippen und dabei ein Selfie für ihren content schießen (lassen).

Vielleicht könnte das Hygge-Café mit dem Caffè Sicilia kooperieren, das aus mehreren Netflix-Dokus schon weltweit bekannt ist. Einen Platz kriegt man dort schon lange nicht mehr. Die wunderbaren Kreationen, die zugegebenermaßen fantastisch schmecken, wären jedenfalls die ideale optische Ergänzung im Hygge-Café.

Vielleicht wäre der Hygge-Trend sogar eine Geschäftsidee, auf die ganz Italien gewartet hat?

Totenglocke

Ich wohne neben einer Kirche. La crocifisso. Niemand käme hier, so wie immer wieder in Deutschland, auf die Idee, wegen des Glockengeläuts die Kirche zu verklagen, auch wenn es gefühlt ständig bimmelt, die Uhrzeit schlägt, zum Gottesdienst ruft und ja, den Tod verkündet.

In diesen Wochen vergeht in Noto kein Tag, an dem ich den traurigen Klang nicht schon vormittags höre. Ich muss an „Man stirbt nicht im August“ denken. Das habe ich als Kind am heimischen Esstisch meine Eltern sagen hören. Ich habe nicht verstanden, was sie damit gemeint haben. Bis heute nicht. Wenn ich zurück bin, muss ich sie danach fragen. Aber vermutlich können sie selbst sich gar nicht mehr daran erinnern.

Vor dem Portal an der Piazza Mazzini parkt jedenfalls oft ein auf Hochglanz polierter Leichenwagen, der einen Sarg zur Kirche transportiert hat.

Ein schneller caffè

Auf dem Platz ist bei solchen Gelegenheiten mehr los, als sonst zu dieser Zeit, denn manche aus der Trauergemeinde sparen sich den Gottesdienst, von dem Wortfetzen durch die geschlossene Schwingtür hinter dem Portal nach draußen dringen. Manche der Angehörigen, Bekannten oder Freunde sitzen lieber unter den Schatten spendenden Orangenbäumen, gehen kurz in das Wettbüro oder trinken einen schnellen caffè in Carmens Bar, von der aus ich das Geschehen verfolge.

Von dem Klischee, dass eine sizilianische Trauergemeinde unisono in dunkelstem Schwarz gekleidet sei, habe ich mich schon vor langer Zeit verabschiedet. Natürlich sind immer ein paar alte Frauen dabei, die schwarze Kleider anhaben und auch ältere Männer, die in Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte erscheinen, trotz der Hitze. Alle anderen aber tragen meist ihre Alltagskleidung.

Auch Traditionen sterben

Ich finde es schade, dass solche Traditionen aussterben, nicht nur in Sizilien. Festlich schwarz gekleidet zur letzten großen Feier eines Menschen zu kommen wäre doch eigentlich angemessen. Das hieße ja nicht, dass die Angehörigen hinterher monatelang oder Witwen gar lebenslang ausschließlich tiefdunkel gekleidet durch ihr Leben gehen müssten.

Aber zurück zu den Trauerfeiern. Wieder sind es die Glocken, die vom Ende des Gottesdienstes künden. Getragene Musik tröpfelt auf den Patz, dann öffnet sich die Schwingtür und der Pfarrer wartet neben dem Portal, bis der Sarg von weiß behandschuhten Männern herausgetragen wird. Ihn sicher zum Leichenauto zu bugsieren ist ob der Treppen gar nicht so einfach, dazu braucht es einen Regisseur.

Etwas hat sich nicht geändert: die Trauer, die Tränen, die Verzweiflung. Auch ein Mann, es muss wohl ein naher oder der nächste Angehörige sein, der hinter dem Sarg aus der Kirche tritt, weint diesmal bitter. Er wird, obwohl noch jung, gestützt.

Die Trauergemeinde nimmt stets Abschied am Sarg, der mittlerweile im gläsernen Fonds des Leichenwagens steht. Alle berühren das Holz, umarmen sich. Die Blumen und Kränze werden unterdessen aus der Kirche zu einem Lieferwagen getragen. Und dann bewegt sich ein Autocorso hinunter auf die andere Seite Notos, zur Stadt der Verstorbenen, zum cimitero.

Die Totenglocke schlägt unterdessen immer noch. Hemingway fällt mir ein: „For whom the bells ring“…

Kreise

Wie lange war ich jetzt weg? Zweieinhalb Monate. Nicht wirklich lange. Gefühlt zwar eine Ewigkeit, aber in Echtzeit eben nur zehn Wochen.

Ich muss hier mal wieder aus dem Gattopardo zitieren. Der Fürst von Salina sagt da den berühmten Spruch „In Sizilien ändert sich nichts“. Das war vielleicht im letzten Jahrhundert noch so und vermutlich im 19. Jahrhundert auch, das Risorgimento hin oder her.

Ich kann nur sagen, dass das mittlerweile nicht mehr stimmt. In Sizilien kann sich in zehn Wochen so einiges ändern. Da können in dieser kurzen Zeitspanne drei Kreisverkehre aus dem Nichts entstehen. Drei Kreisel dicht hintereinander in einer nicht besonders verkehrsreichen Straße.

Erster Kreisel

Ich frage mich, wie das passieren konnte. Wer sich das ausgedacht hat. Warum muss man sich jetzt durch viel zu enge Kreisel zwängen an Stellen, wo kein einziges anderes Auto fährt? An Kreuzungen, an denen man sich in bald 20 Jahren noch nie todesmutig in den Verkehr einfädeln musste, wollte man kein verhasstes Hindernis sein, das zu lautem Gehupe und Geschrei provoziert?

Antworten gibt es auf solcherlei Fragen natürlich keine. Dafür muss man jetzt höllisch aufpassen, am letzten der drei Kreisel nicht den viel zu hohen Bordstein zu rammen, wenn man nach rechts abbiegen will. Dieses Hindernis haben sie nämlich beim Bau nicht beseitigt. Und dass der Radius des Kreises viel zu klein ist, spielte bei der Planung wohl auch keine Rolle.

Zweiter Kreisel

Ich kann mir das nur so erklären, dass Noto, das in der Provinz Siracusa liegt, Archimedes huldigen wollte. Er gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker der Antike. Seine Werke waren auch noch im 16. und 17. Jahrhundert bei der Entwicklung der höheren Analysis von Bedeutung. Die habe ich im Mathematik-Unterricht allerdings ebensowenig verstanden wie jetzt den Bau dieser drei Kreisel.

Der in Siracusa geborene, lebende und gestorbene Archimedes behandelte das Problem des Unendlichen, vervollständigte die Kreisberechnung und betrieb die Anwendung der Mathematik auf die praktische Physik (Mechanik).

Angeblich war Archimedes mit einem Beweis beschäftigt, als die Stadt 212 v. Chr. durch römische Truppen eingenommen wurde, und forderte einen beim Plündern der Stadt eindringenden Soldaten auf, ihn nicht zu stören, worauf der ihn erschlug. Sprichwörtlich wurden die Worte Noli turbare circulos meos (Störe meine Kreise nicht), die Archimedes dabei gesprochen haben soll.

Dritter Kreisel

Und jetzt zurück zu den Kreisverkehren: Archimedes bewies, dass sich der Umfang eines  Kreises zu seinem Durchmesser  genauso verhält wie die Fläche des Kreises zum Quadrat des Radius. Ich werde das morgen mal anhand der Kreisverkehre nachrechnen.

Superreich

Ich habe vor einiger Zeit „Die Löwen von Sizilien“ gelesen, ein zweibändiges episches Werk von Stefania Auci. Sie beschreibt darin den sagenhaften Aufstieg und krachenden Niedergang der Familie Florio, die im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten und reichsten Familien Siziliens gehörten. Gleichzeitig schafft Auci ein Sittengemälde der sizilianischen Gesellschaft im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Als die Brüder Paolo und Ignazio Florio in Palermo ihr Glück suchen, besitzen sie nichts. Außer dem Willen, es ganz nach oben zu schaffen, und den Mut, Neues zu wagen. Aus einem unbedeutenden Gewürzladen machen sie ein florierendes Unternehmen. Sie investieren klug und bringen es allen Anfeindungen zum Trotz zu Geld und Ansehen. Dann stirbt Paolo, und das Schicksal der Familie liegt in der Hand seines Sohnes Vincenzo. Unter ihm gedeiht die Casa Florio, in seinen Kellern wird aus dem Wein der Armen, dem Marsala, Siziliens größter Schatz. Und in der Mailänder Händlertochter Giulia findet Vincenzo nicht nur die große Liebe seines Lebens, sondern auch eine tapfere Mitstreiterin. Doch dann drohen Familienstreitigkeiten und Schicksalsschläge die Florios zu Fall zu bringen …

Im zweiten Band geht es erneut nach Palermo, Ende des 19. Jahrhunderts: Der Handel mit Marsalawein ermöglichte den Florios einen kometenhaften Aufstieg zur einflussreichsten Familie Siziliens. In dritter Generation führt nun Ignazio Florio das Unternehmen. Sein Leben dient allein dem Erfolg – er verzichtete sogar auf die große Liebe, um eine Standesehe einzugehen. Ganz anders sein gleichnamiger Sohn, dem seine Gefühle für die schöne Franca viel wichtiger sind als das Geschäft. Doch dann stirbt der Patriarch plötzlich, und der junge Ignazio muss von heute auf morgen die Geschicke des Hauses Florio leiten. Und das geht gehörig schief, dann nach dem Motto „Hochmut kommt vor dem Fall“.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich den Eindruck habe, dass sich in Sizilien seither nichts verändert hat. Unvorstellbar reiche Menschen und ihre Dienerschaft. Nur dass der heutige Adel, der sich auf der Insel in seinen Privilegien sonnt, sich nicht mehr durch seine Abstammung legitimiert, sondern durch das Geld auf seinen Konten.

Wie komme ich jetzt auf den Vergleich mit den Florios? Wegen einer Luxus-Hotelkette, Rocco Forte Hotels. Die wollen im kommenden Jahr einen dritten Standort in Sizilien eröffnen, hier in Noto, im Palazzo Castelluccio. Einer der anderen ist die Villa Igiea bei Palermo. Und genau, die gehörte ursprünglich den Florios.

Dort gingen die Superreichen aus ganz Europa ein und aus, sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. soll dort gewesen sein. Und jetzt ist das Hotel ebenfalls wieder den Superreichen aus der ganzen Welt vorbehalten. Gleiches wird hier in Noto zu erwarten sein, wenn die 31 Zimmer in einem phantastisch restaurierten Palazzo die zahlungskräftigen Gäste aufnehmen.

Dabei war der Palazzo bis vergangenes Jahr für alle Interessierten zugänglich. Dann hieß es auf Insta plötzlich Ende August 2024: „Ab heute ist der Palazzo Castelluccio endgültig für die Öffentlichkeit geschlossen. Wir danken den Besuchern und allen unseren Partnern, die uns geholfen haben, diesen besonderen Ort noch wertvoller zu machen.“

Vom Museum zum Luxushotel

Hintergrund dieser Entscheidung war ein Eigentümerwechsel: Die britische Luxushotelgruppe Rocco Forte Hotels hat den Palazzo gekauft. Und damit war Schluss mit dem „Fußvolk welcome“ in einer längst untergegangenen, aber noch immer faszinierenden Welt des sizilianischen Adels.

Der Palazzo Castelluccio gehörte einst einer der ältesten sizilianischen Familien in Noto, den Di Lorenzo, Marchesi von Castelluccio. Nach dem Tod des letzten Marchese ging der Palazzo in den Besitz des Malteserordens über, der ihn bis 2011 behielt. Lange Zeit lag der Palazzo im Dornröschenschlaf, bis ihn dann der französische Journalist und Dokumentarfilmer Jean-Louis Remilleux im Jahr 2012 erwarb und 2018 der Öffentlichkeit wieder zugänglich machte. Er wurde für sein Engagement sogar Ehrenbürger von Noto.

Das Ergebnis der Restaurierung war beeindruckend. Wer durch das Tor schritt, fand sich in einer längst vergangenen Epoche wieder. Auf den Keramikfliesen am Boden waren die Abnutzungen von Jahrhunderten zu sehen. Man meinte, die Dienerschaft sei nur eben aus dem Raum gegangen. Überhaupt: Das Ganze wirkte so authentisch, als ob die Marchesi nur eben den Raum verlassen hätten.

Dass dieser Blick in die Vergangenheit möglich war, war irgendwie demokratisch. Es war interessant, inspirierend, aufschlussreich. Es war bemerkenswert, dass ein Privatmann das ermöglicht hatte. Dass er normale Menschen in sein Haus ließ.

Schade. Jetzt wird der Palazzo wieder zu dem, was er einst war: Ein Ort für Superreiche, an dem eine Dienerschaft für allerlei Luxus und Annehmlichkeiten sorgen muss. Business as usual in einem Palast. Wirklich schade.

Frühstück

Morgens gehe ich meistens zu Carmen in die Bar. Day and Night heißt die und ist vorne an der Piazza Mazzini. Das Gefängnis im Blick gönne ich mir ein supersüßes cornetto und einen caffè macchiato. Manchmal sitzen ein paar turisti da, aber meistens treffe ich die Müllmänner, die gerade Pause machen, und etliche alte Männer. Sie kennen mich schon und grüßen freundlich, bevor sie sich dann wieder ihren Themen widmen. Calcio oder il tempo oder wieder calcio. Nichts besonderes, small talk halt, aber in aller Ernsthaftigkeit betrieben.

Ich lasse meinen Blick auf den Platz schweifen. Die Bänke sind alle besetzt, jetzt am Morgen hält man es auch noch in der Sonne gut aus. Lauter ältere Männer, die sich die Zeit in Gesellschaft vertreiben. Mir gefällt das. Dass die sich jeden Tag treffen. Immer die gleichen. Dass die Rentner nicht alleine in ihren Häusern hocken und vor Einsamkeit umkommen. Ich weiß nicht, ob sie sich verabreden. Ich glaube eher, die treffen sich einfach so. Wer kommt, ist halt da. Und vermutlich wären sie auch in Sorge, wenn mal einer fehlen würde.

Haben die auch Frauen?, frage ich mich. Davon ist auszugehen. Ich glaube, in dieser Altersgruppe gibt es in Sizilien keine Singles. Außer einer ist vielleicht verwitwet. Aber wo sind die Frauen? Treffen die sich woanders? Und wenn ja, wo?

Wahrscheinlich werkeln die donne in ihren Wohnungen. Kochen und kehren. Sind sicher froh, dass ihre mariti nicht da sind, die würden eh nur stören. 24/7 alles zu zweit machen müssen die jedenfalls nicht.

Ich frage mich, was ich machen würde, wenn ich für immer hier wäre. Vielleicht irgendwann, wenn ich mich mal zur Ruhe gesetzt habe. Den ganzen Tag Haushalt? Oder auf dem Platz bei den Männern sitzen? Oder auf einem anderen Platz, auf andere Frauen wartend?

Ich vertage diese Frage. Kommt ja eh immer alles anders als man denkt. Ich gebe in der Bar noch ein paar Sätze zum Wetter zum Besten und gehe dann zufrieden über die piazza nach Hause. Mein Haushalt wartet.