Aufbruch oder Stillstand?

Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.

Das ist für mich Frieden: Ein Morgen auf der Dachterrasse, wenn in den Häusern rundum die Rollläden noch nicht hochgezogen sind, die Wasserpumpen noch nicht schnurren, keine Autos zu hören sind und keine Vespa durch den Vico knattert. Wenn nur die Vögel am Himmel ihre wilden Kreise ziehen.

Der Kaffee steht neben mir, noch heiß genug, um ihn in kleinen Schlucken zu trinken. Die Stadt erwacht, aber noch nicht laut. Das Licht ist sanft über den Dächern, die noch nicht in der Hitze flirren. Für einen Moment scheint alles in Ordnung zu sein. Dass alles genau so bleiben kann, wie es ist. Dass es keine Veränderung braucht.

Ich mag diese Stunde sehr.

Und gleichzeitig frage ich mich manchmal, ob genau hier auch etwas Gefährliches liegt.

Denn es ist leicht, immer in dieser Ruhe zu bleiben. Es ist leicht, den Tag noch ein wenig aufzuschieben, während man einfach sitzt, schaut und denkt. Nichts drängt. Alles kann warten. Frieden als bequemer Selbstzweck.

Vielleicht ist genau das die Versuchung: Dass aus einem guten Morgen ein ganzer Tag werden kann, der sich gut anfühlt, aber nichts in Bewegung setzt.

Dass ich hier sitze und das Gefühl habe, bei mir zu sein – und gleichzeitig Dinge liegen bleiben, die längst meine Aufmerksamkeit bräuchten.

Mein Haus ist eines davon.

Es gehört zu diesem Ort und zu meiner sizilianischen Geschichte. Es war einmal Teil eines Lebensentwurfs, der sich dann ganz profan doch nicht wie geplant verwirklichen ließ. Seitdem ist viel Zeit vergangen, in der ich das Haus als Bauwerk eher verwaltet habe. Nicht, weil es mir egal gewesen wäre. Eher, weil mir das Leben ständig dazwischen gefunkt hat. Morgen ist auch noch ein Tag, nächstes Jahr, aber nur vielleicht. So habe ich angesichts bröckelnden Putzes lange gedacht.

Und trotzdem hat sich in all diesen Jahren mein Leben immer mehr mit diesem Haus verwoben, das heute viel mehr für mich ist als nur eine Immobilie in Sizilien, für die ich verantwortlich bin.

Jetzt aber beginnt sich etwas zu verändern. Nicht plötzlich, nicht laut – aber spürbar. Gespräche mit Leuten, die bereit sind, mir zu helfen, ein Termin mit einem Architekten, erste konkrete Schritte.

Und ich merke, dass diese Dachterrassen-Morgen sich dadurch verändern. Sie bleiben ruhig, aber sie bergen nicht mehr die Gefahr des Stillstands. Sie wecken in mir Freude auf die Zukunft, auf einen neuen Lebensabschnitt, Neugier darauf, wie es sein wird, wenn alles fertig ist.

Zwischen diesen beiden Polen bewege ich mich in Sizilien: zwischen Licht und Schatten, zwischen Ruhe und dem leisen Drängen in mir, endlich anzufangen.

Il notaio

C‘era una volta in Sicilia…

Der Notar war an diesem fortgeschrittenen Freitag Nachmittag viel zu spät. Selbst für sizilianische Verhältnisse, wo eine halbe Stunde im Angesicht der Jahrtausende langen Geschichte dieser Insel nichts ist als ein Wimpernschlag. Die Uhrzeit, die sie auf Eintrittskarten drucken, ist oft nicht mehr als ein vager Anhaltspunkt.

Il notaio hatte sich also selbst für eine Insel, auf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oft das Selbe sind, so sehr verspätet, dass seine Gehilfin sich bemüßigt fühlte, den Wartenden eine kleine Information zu geben. Der dottore sei soeben in Augusta losgefahren, in zwanzig Minuten, allerspätestens, werde er sicher eintreffen, beruhigte sie die Menschen in der Kanzlei. Zwei Parteien warteten in dem von außen unscheinbar wirkenden Büro im ersten Stock über einem Restaurant am Corso Vittorio Emanuele.

Obwohl erst Anfang März, war es stickig. Vielleicht kam das von den staubigen Aktenbergen, die sich überall türmten. Vermeintlich wahllos abgelegt, ohne System, in den Schränken, auf den Tischen, an den Wänden, auf dem Boden. Aus manchen quoll vergilbtes brüchiges Papier. Eine endlose Flut an Dokumenten schien sich seit der Neugründung Notos im späten 17. Jahrhundert in diese Kanzlei ergossen zu haben.

Die blutrote Farbe der Notariatswände blätterte vor sich hin, schwere Sitzmöbel standen unbeachtet in den großzügigen Räumen. Die Wartenden blieben stehen, beachteten die jeweils andere Gruppe nicht. Ein wenig Ungeduld hatte sich mittlerweile auch zu ihnen gesellt.

Dass es unmöglich sein würde, in zwanzig Minuten vom rund 40 Kilometer entfernten Augusta nach Noto zu gelangen, war jedem im Raum klar. Den drei oder vier Anzugträgern mit Sonnenbrillen ebenso wie dem Trio, das nichts Miteinander gemein hatte, als die Überschreibung eines winzigen Häuschens in Noto alta: ein Makler, ein bei Grundstücksgeschäften mit Ausländern vom italienischen Staat vorgeschriebener Dolmetscher und eine bereits leicht verunsicherte Deutsche, die am nächsten Tag wieder zurückfliegen musste. Ein Scheitern war für diese drei ausgeschlossen.

Die deutsche Frau versuchte, sich die in ihr aufkeimende Panik nicht anmerken zu lassen. In ihrem Rucksack hatte sie zwei Barschecks, die sie am Vormittag in der sizilianischen Bank abgeholt hatte. Diese sollte sie dem Notar zu Händen der Verkäuferin übergeben und damit wäre der Kaufvertrag rechtskräftig. Würde sie die beiden Papierfetzen verlieren, wäre ihr gesamtes Geld weg. Außerdem machte sie das zusätzliche dicke Bündel Banknoten nervös, das der Makler nach erfolgreichem Abschluss der Mission von ihr ausgehändigt haben wollte. Vom notaio, davon ging die Frau wie selbstverständlich aus, würde sie später eine Rechnung erhalten, die sie überweisen könnte, schließlich befand sie sich in einer Amtsstube in der Europäischen Union, wenn auch so ziemlich am letzten Zipfel davon.

Die verrinnende Zeit schien die Sizilianer nicht zu stören, wenn auch die gut aussehenden Männer mit den Sonnenbrillen und den schicken Anzügen immer lauter redeten. Auch der Makler und der Dolmetscher waren in ein Gespräch vertieft. Sie berieten, wo es in Noto den besten frischen Fisch gäbe. Die deutsche Frau verstand kaum etwas von diesem weichen Singsang um sie herum, der in ihren Ohren wie Arabisch klang. Ihre paar Brocken Italienisch halfen ihr in dieser Situation Null Komma nichts.

Die Gehilfin des Notars bot caffè an, den sie in der Zwischenzeit aus der Bar gegenüber geholt haben musste, und versicherte ein weiteres Mal: Il dottore sta arrivando. Draußen auf dem Corso wurde es bereits dunkel, die Kronleuchter weit oben an der bröckelnden Stuckdecke wurden trotzdem nicht angeschaltet. Der deutschen Frau war, als ob sie mittlerweile ihr halbes Leben in diesem immer düsterer werdenden sizilianischen Notariat verbracht hätte. Sie fühlte sich unsichtbar, ausgeliefert.

Sei’s drum, dachte sie. Hauptsache bald raus aus dieser unwirklichen Situation. Was sie ihrem Mann, der zu Hause in Deutschland auf sie wartete, sagen würde, das zu überlegen wäre morgen im Flugzeug noch Zeit, glaubte sie. Oder sie würde besser gar nicht mehr zurückkehren, einfach verschwinden, nach dieser sich anbahnenden sizilianischen Pleite. Sich so die wahrscheinlichen Vorwürfe ersparen, zu unfähig gewesen zu sein für diese winzige Kleinigkeit, in Sizilien einen Kaufvertrag zu unterschreiben und mit aussagekräftigen Dokumenten zurückzukommen.

Während sie noch darüber sinnierte, wie sie sich überhaupt in diese Lage manövriert hatte, traf der Notar ein. Er fegte in die Kanzlei, mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Entschuldigung seinerseits überflüssig machte. Während er die Männergesellschaft wie ziemlich beste Freunde in seinem Reich willkommen hieß, hatte er für das ungleiche Trio nur ein Stirnrunzeln übrig. Der Makler erklärte höflich sein Ansinnen, das offenbar so unbedeutend war, dass es der Notar schlicht vergessen hatte.

Die deutsche Frau verzweifelte. Es wurde laut gestikuliert, bis sich der Amtmann schließlich erweichen ließ, den atto legale trotz der nicht vorhandenen Vorbereitungen über die Bühne zu bringen. Vielleicht hatte er auch nur ein wenig Mitleid mit der Deutschen. Aber etwas Geduld noch, bat er. Seiner Gehilfin trug er etwas unverständliches auf, sie verschwand daraufhin in einer Kammer.

Die Männer mit den Sonnenbrillen waren dem dottore scheinbar wichtiger. Es wurde in diesem Teil der Kanzlei wieder laut. Der Notar ließ sich von den aufgebrachten Klienten nicht beeindrucken. Der Herrscher in diesem Reich war er allein. Nichts fand in seinem Notariat am letzten Zipfel der Europäischen Union hinter verschlossenen Türen statt.

Die Gehilfin trat wieder ein, mit einem kleinen Stapel Papier. Und damit wurde es doch noch ernst für die deutsche Frau. Der Notar fing an, den Vertrag zu verlesen. Während der Dolmetscher die obligatorische deutsche Übersetzung vortrug, verließ der Dottore den Raum, um im anderen seine Geschäfte mit den Sonnenbrillenträgern voranzutreiben. Kam wieder zurück, um der Deutschen die nächste Passage vorzulesen, die sie ohnehin nicht verstand. Und so weiter und so weiter. Bis es an die Unterschrift ging.

Endlich schien für die Frau der entscheidende Moment gekommen zu sein, sie würde ihren Namen unter das linierte, mit Schreibmaschine getippte Dokument setzen und dann wäre alles gut und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch glücklich und so weiter und so weiter und so fort…

Das wäre ein schönes Ende dieses Märchens gewesen, aber der Notar rief erneut seine Gehilfin zu sich. Statt der deutschen Frau sollte nämlich sie ihren Namen unter den Vertrag setzen. Die deutsche Frau verstand die Welt nicht mehr, wollte sich dagegen wehren. Der Makler und der Dolmetscher redeten schnell beruhigend auf sie ein und erklärten, dass das das Normalste auf der sizilianischen Welt sei und dass sie vertrauen solle.

Vertrauen oder nicht vertrauen, sie hatte ja gar keine Wahl mehr und legte deshalb ihr Schicksal in die Hände dieser Fremden. Die Gehilfin unterschrieb, der Barscheck wechselte den Besitzer. Und der Notar wollte sein Geld. Subito. Cash.

Die Summe, die er nannte, war zwar weniger, als erwartet, aber doch viel mehr, als die deutsche Frau noch aus ihrem Rucksack kramen konnte. Der Makler wollte schließlich später auch noch zu seinem Lohn kommen an diesem bereits sehr weit fortgeschrittenen Abend.

Vertrauen beruht in Sizilien auf Gegenseitigkeit, ein Handschlag genügt. No problema, beruhigte il notaio deshalb die deutsche Frau, sie solle zahlen, wenn sie das nächste Mal in der Stadt sei. Er schrieb eine Zahl auf den Aktendeckel, in den er das linierte Papier gelegt hatte und dieser verschwand schließlich in der Flut der Dokumente, die die Jahrhunderte in dieses Büro gespült hatten. Buona sera, wünschte er freundlich der verwunderten Frau, und das war’s.

Für die deutsche Frau gab es nichts, keine Kopie, keine Rechnung, rein gar nichts außer einen Schlüssel. In einem letzten verzweifelten Versuch, etwas von ihrer germanischen Gründlichkeit zu retten, bat sie den Makler nach dem Verlassen des Notariats, kurz zu dem Haus zu fahren, um zu sehen, ob der Schlüssel wirklich passte. Der Makler gewährte ihr diesen Wunsch, nicht ohne aber auf dem Weg nach Noto alta in einen unbeleuchteten Parkplatz abzubiegen.

Sie rechnete gar nicht mehr mit dem Schlimmsten, sie ging vom Schlimmsten aus. Deshalb war sie fast erleichtert, als der sympathisch wirkende Makler lediglich sein Geld wollte. Cash, ohne Zeugen, ohne Quittung, natürlich ohne Rechnung. Sie gab es dem Mann ganz selbstverständlich, nach diesem Tag ganz so, als ob sie darin bereits ein Leben lang Übung gehabt hätte. Er steckte die vielen Scheine in die Brusttasche seines edlen Hemdes, einfach so, und sie fuhren weiter.

Und danach? Der Schüssel passte, der Notar erinnerte sich einige Monate später mit dem ersten Griff an die Akte und kassierte sein Geld. Bis heute ist die Gehilfin nicht aufgetaucht, um ihr Haus einzufordern. Die deutsche Frau aber begriff damals, dass sie in Sizilien nicht alles mit ihrer deutschen Gründlichkeit verstehen muss, damit es funktioniert. Im Gegenzug aber, das hat sie an diesem unwirklichen Tag auch gelernt, kann sie den Menschen auf dieser Insel vertrauen. Es braucht oft nicht mal einen Handschlag. Ein Wort genügt. Und so lebt sie seither glücklich unter den Sizilianern. Zumindest einige Monate im Jahr 😉