Die Treppenwand

Mein Aktionsradius ist etwas eingeschränkt: Ich habe derzeit kein Auto. Also bin ich hauptsächlich zu Fuß unterwegs. Während sich mein Schrittzähler über diesen Umstand jeden Tag aufs Neue freut, überlegt sich mein Kopf allerdings genauso oft, was er meinem Körper zumuten will. Denn zwischen meiner Bleibe in Noto alta und den Vergnügungen im Centro storico steht die Treppenwand. So heißen in meiner Familie 149 Stufen, die es in sich haben.

Jede Expedition nach unten in die gute Stube der Stadt will also gut überlegt sein. Aber meistens siegt dann doch die Abenteuerlust über die Faulheit. Also los!

Zuerst ist alles ganz einfach, es geht ja von den nördlichen Stadtteilen bergab in Richtung Süden. So erreicht man beschwingt die Treppe. Auch nach vielen Jahren ist es jedesmal beeindruckend, wenn sich dort nach der zweiten Kehre die Rückseite der Kathedrale mit ihrer Kuppel auftut: eine Verheißung der überwältigenden Schönheit Notos. 31 Stufen abwärts sind es bis dahin.

Lockeren Schritts geht es nach einer kurzen Schaupause geradeaus 118 Stufen weiter abwärts. Seit einiger Zeit gibt es auf halber Treppe, quasi als Biwak in der Wand, eine Bar. Abends liegen hier Kissen auf den Stufen. Manchmal treten in dieser Location, die sich „Secret“ nennt, auch Bands auf. Mir persönlich ist die steinerne Stiege zum Verweilen aber zu unbequem.

Unten angekommen, lohnt sich schnell ein Blick zurück, denn jedes Jahr werden die Absätze der Stufen zum Motto der Infiorata im Mai beklebt, woraus sich dann ein eindrucksvolles Bild ergibt. Diesmal wird in der ganzen Stadt das Kino gefeiert.

Ja, und dann? Downstairs: Rauf auf den Corso, bummeln, was trinken, schauen, staunen, sich amüsieren. Und etwas später: Froh sein, dass es abends noch kühl ist. Bloß nichts Schweres einkaufen. Beim Aperitif maßvoll bleiben. Nicht zu viel essen. Und schließlich: Einfach nicht dran denken, dass der Rückweg durch diese Südwand kein leichter sein wird.

Das Hindernis muss schließlich upstairs wieder durchstiegen werden. Je nach persönlicher Verfassung, Schuhwerk, Ausrüstung und klimatischen Verhältnissen kann sich das wie die Besteigung der Eiger Nordwand anfühlen. Beängstigend. Anstrengend. Unmöglich. Aber es hilft ja nichts. Andere Gipfelrouten wären länger und die Höhenmeter müssen so oder so bewältigt werden. Also dann doch lieber die Direttissima.

Wie damals bei den Versuchen, die Eiger Nordwand zu bezwingen, gibt es auch in der Treppenwand Voyeure, die mit einem kühlen Getränk in der Hand die Anstrengungen auf der gnadenlosen Stiege verfolgen. Also jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Kräfte einteilen, in der Seilschaft den eigenen Rhythmus finden. Auf gar keinen Fall keuchend durch das Biwak in Höhe der Bar klettern. Sich bloß keinen Fehltritt leisten. Nicht abstürzen. Locker muss es aussehen, unangestrengt. Souverän.

Vor Entkräftung niedersinken kann man nach der Kehre immer noch. So viel Selbstachtung muss sein.

Hinterlasse einen Kommentar