Wer in dieser Kirche heiratet, will die ganz große Show. Aus einer Familienfeier wird hier eine öffentliche Demonstration des Glücks. Das zufällige Publikum sieht’s und, ja was?
Ich habe mittlerweile dutzende Brautpaare diese Treppe vor der Kathedrale in Noto hinunter schreiten sehen. Ganz normale, wunderschöne, glückliche und verunsicherte. Riesige Familien, ganz riesige und einfach gigantisch große. Gewandet in Haute Couture oder Fast Fashion.

Die Baumeister Notos hatten genau das im Blick, als sie die scalinata anlegten. Sie sollte zur Bühne des Lebens werden. Ihr Plan ging auf.
In Noto sagen mittlerweile Paare aus der ganzen Welt „Ja, ich will!“ Sie verbindet mit der Stadt oft nicht mehr als der Wunsch nach einer perfekten Location für diesen Tag. Eine ganze Wedding-Planner-Industrie hat sich auf sie und ihre ganz persönlichen Märchen spezialisiert. Egal was, egal wo, die Experten des Glücks können jeden Wunsch von den Augen ablesen. Alles eine Frage des Geldes. In diesem Jahr ist bereits alles ausgebucht, habe ich gelesen, im kommenden Jahr: vielleicht.
In Deutschland nehmen die perfekt durchgestylten Hochzeiten ebenfalls zu, Paare verschulden sich deswegen auf Jahre hinaus, das haben sie mit den Brautleuten in Sizilien gemeinsam; aber mit den Inszenierungen hier können die deutschen Shows nicht mithalten. Es gibt dort nicht dieses üppige Bühnenbild, das Noto bietet. Nicht dieses Abendlicht, auf das der Moment minutengenau ausgerichtet ist; genau dann treten die Paare durch das riesige Portal auf die Treppe, ausgeleuchtet in den schönsten pastellenen Farben. Kein Bühnentechniker könnte das besser illuminieren.
Das ist ganz großes Kino, jedesmal. Deshalb bleibe ich wieder und wieder stehen und bestaune diese öffentliche Inszenierung des Glücks. Und ja, glaube für einen Moment sogar daran, dass die Märchen auf der Treppe so enden: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“