Der erste anticiclone africano dieses Jahres heizt die Insel auf. Scipione bläst la prima intensa fiammata africana della stagione über das Mittelmeer. Mit voller Wucht brennt jetzt die Sonne auf alles nieder, was bei drei nicht rechtzeitig in den Schatten kommt.
Ich könnte mir jetzt noch schnell eine knackige Bräune verschaffen, bevor es bald wieder für ein paar Wochen zurück ins vermutlich verregnete Deutschland geht. Vielleicht im Abbronzatissima Beach Club in Lido di Noto. Da ist doch die maximale Bräunung schon per se ein Versprechen. Landläufig heißt es, ja, Menschen mit gebräunter Haut sähen gesund aus. Erholt und attraktiv.
Wenn sich aber sogar das Bundesamt für Strahlenschutz zu diesem ja vordergründig kosmetischen Thema äußert, ist das mit dem Bräunen vielleicht wirklich keine so gute Idee. Bei dieser Behörde denkt man doch eher an radioaktive Gefahren.
Ich habe das mit der braunen Haut aufgegeben. Das hatte allerdings eher pragmatische Gründe: Neidvoll blickte ich lange auf die Sizilianerinnen, die sich jeden Sommer makellos verdunkeln, den Körper immer nach dem wandernden Sonnenstand ausrichtend, auch wenn sie gegen Abend dann nicht aufs Meer sondern auf die Mauer blicken, die die Straße in Lido di Noto vom Strand trennt.
Bei mir war das Ergebnis meiner Anstrengung indes immer ungleichmäßig und unbefriedigend. Außerdem ist es harte Arbeit, sich perfekt zu bräunen. Nicht nur, weil man regelmäßig und stundenlang am Strand sein muss und außerhalb der schlimmsten Mittagssonne den Schatten vermutlich meiden sollte. Abwechselnd heißt es, reglos dazuliegen, sich zu wenden und dazwischen am Wasser auf und ab zu laufen. Und immer die Sonnencreme, noch besser Sonnenöl, im Anschlag. Aber bloß keinen zu hohen Lichtschutzfaktor.
Ich weiß nicht, ob es in Sizilien auch die dogmatisch geführten Diskussionen über die schädliche Wirkung der Sonne auf die Haut gibt, so wie in Deutschland. Ich habe jedenfalls noch niemanden ernsthaft darüber sprechen hören. Fragen will ich nicht, das erschiene mir übergriffig. Und man wird hier ja nach wie vor offen bewundert für seine Bräune.
Selbst wenn ich weiterhin all die Mühe auf mich nehmen würde: Man muss einfach wissen, wann Schluss ist. Ich komme ja aus einer Zeit, in der es den Eltern egal war – bzw. war das damals gar kein Thema – ob ihre Kinder einen Sonnenbrand kriegen. Der war in den 1970er und 80er Jahren beim Italienurlaub automatisch eingepreist.
Eltern waren früher dem – wie wir heute wissen – Irrtum aufgesessen, dass nach dem Sonnenbrand die braune Haut der Kinder geschützt sei, aber was sich da als Bräune zeigt, ist wohl maximal LSF 4 (sagt das erwähnte Bundesamt). Und welche Hypothek uns Kindern damals mit auf den Weg gegeben wurde, wird sich erst später im Leben bzw. auf unserer Haut zeigen.
Ich habe mir deshalb seit ein paar Jahren die aristokratische, nur leicht getönte Blässe auf die Fahne geschrieben. Das kommt in erster Linie meiner Bequemlichkeit zu gute. Mich nervt das ewige Eincremen. Ist außerdem vermutlich gesünder. Und erspart mir später den Frust, dass sich der braune Schein in Deutschland ohne die sizilianische Sonne nach ein paar Wochen wieder vom Körper schälen würde, der ganze Aufwand also umsonst gewesen wäre.