Gestern, bei der Lektüre der Süddeutschen Zeitung, habe ich eine neue italienische Vokabel gelernt: sistabenismo. Erfunden hat das Wort wohl der deutsche Kunsthistoriker und Wahl-Italiener Golo Maurer, Leiter der Bibliotheca Hertziana in Rom, in seinem Buch „Rom. Stadt fürs Leben“. Das Buch habe ich zwar noch nicht gelesen, aber Marc Beise, der Autor des Zeitungsartikels, hat darüber geschrieben.
Die neue Vokabel, von der ich nicht weiß, ob sie auch von Italiener*innen verwendet wird, leitet sich ab von si sta bene, wörtlich: Es fühlt sich gut an. Freier übersetzt: Das wird schön. Es ist laut Zeitungsartikel der Code für das persönliche Wohlbefinden der Italiener*innen, für das es keine großen Dinge braucht.
Mir gefällt, dass meine Erfahrung, die ich regelmäßig in Sizilien mache, jetzt mal jemand erkannt und in akademische Worte gefasst hat. Ich erlebe das ja jedes Mal, dass ich hier im Süden nicht viel Materielles, generell nicht viel brauche, um mich wohl zu fühlen. Ich bin mit einem perfekten cornetto schon glücklich, freue mich über das schnelle Frühstück in der Bar oder einen faulen Nachmittag am Strand. Wohlgemerkt am immer selben und der wird in keinem Reiseführer als besonders toll hervorgehoben.

Wenn ich mir aber vorstelle, mich in Deutschland dergestalt downzugraden, weiß ich von meinem sizilianischen Blickwinkel aus, dass mir das nie gelingen würde. Etliche Versuche in den vergangenen Jahren sind kläglich gescheitert. Erklären kann ich mir es allerdings nicht, bin ich doch auch dort der selbe Mensch.
Liegt es an meinen Mitmenschen, die mich in ihren Sog der allgegenwärtigen Unzufriedenheit und Jammerei reinziehen? Liegt es an der fehlenden Sonne, die alles, auch das Unschöne, überstrahlt? Der Unfähigkeit, einfach mal pragmatisch abzuwarten? Oder an der Unsitte, die Arbeit über alles andere zu stellen? Ich weiß es nicht.
Was ich weiß: Demnächst wieder die ungläubigen und mitleidigen Blicke, wenn ich erzähle, was ich in den vergangenen Wochen in Sizilien gemacht habe oder vor allem eben nicht gemacht habe. Zum Beispiel irgendwelche sophisticated veganen ristoranti auszuprobieren. Oder Shopping in edlen Boutiquen. Oder teure Exkursionen auf den Ätna. Was man halt in Sizilien so macht, um sich die Urlaubslangeweile zu vertreiben.
Und wenn ich darüber erzähle, mich ganz auf der Insel niederzulassen, weil Deutschland mittlerweile nicht mehr mein Land ist, was die jüngsten Wahlergebnisse ja nur noch untermauert haben, werde ich in Deutschland regelmäßig mit dem Hinweis konfrontiert, dass in Italien ja eine Faschistin sogar an der Spitze der Regierung sei. Wo denn da der Unterschied sei.
Ja das stimmt, sage ich dann. Ja, die Versuche, den italienischen Staat umzubauen, die Pressefreiheit einzuschränken, bereiten auch mir Sorgen. Dennoch ist der Unterschied zwischen Italien und Deutschland gewaltig. Die deutsche Verbissenheit fehlt.
Denn die Gelassenheit, mit der man hier in Italien die Dinge zu nehmen weiß, auch wenn man kräftig über sie schimpft, führt, anders als derzeit in Deutschland, zu für Italien ungewöhnlicher politischer Stabilität. Und: meine Erfahrung sagt mir, dass die Postfaschisten gewählt wurden von Menschen, die selbst längst nicht alle so rechts sind wie die von ihnen Gewählten und denen ich einfach mal zutraue, dass sie das Experiment auch wieder beenden, wenn die Regierung in Rom zu ideologisch und zu wenig pragmatisch sein sollte. Überhaupt: Rom ist von Sizilien aus so weit weg, dass sich die Menschen hier kaum dafür interessieren.
Eine Zerreißprobe, wie der Aufstieg der AfD in Deutschland sie befürchten lässt, wird es in Italien deshalb wohl eher nicht geben, glaube ich. Sistabenismo eben auch in dieser Hinsicht.