The no exit game

Ich bin gerade auf dem Weg nach Sizilien. Erste Etappe. In einem RegionalExpress.

Ich habe im Zug einen Platz mit Tischchen ergattert, perfekt, weil ich noch ein bisschen Arbeit mitgenommen habe. Kann also mein Schreibgerät bequem vor mir aufstellen. Zwei Stunden bis München, der Text müsste zu schaffen sein.

Ich tippe also los. Bis sich die penetranten Stimmen zweier Männer in meine Ohren drängen. Sie müssen irgendwoher aus Baden-Württemberg kommen. Woisch…

Und da fällt es mir wieder auf: In Deutschland beherrschen sie keinen Smalltalk . Dafür beherrschen sie das Lästern über andere. Ich möchte jedenfalls mit den beiden älteren Männern nicht befreundet sein. Die abwesenden Bekannten der beiden werden in einer bösartigen Art und Weise besprochen, dass es ein Graus ist. So in der Art: Der Micha ist ja ganz nett, aber… und dann geht das Gericht der zwei Asympatisanten über ihn nieder wie Peitschenhiebe. Mit dem Andy machen sie es genauso und mit dem Gerhard auch. Obwohl ich diese abwesenden Typen nicht kenne, empfinde ich Mitleid für sie.

Ein Ehepaar streitet

Ich würde mich gerne woanders hinsetzen, aber jetzt ist der Zug voll. Mein Vierertisch ist auch komplett umlagert. Ein Ehepaar schimpft über den Zug, obwohl er pünktlich ist, und streitet sich dann lautstark, weil er ein Auto kaufen will, das sie nicht haben will. Dazwischen übertönen die Schwaben mit ihren Urteilen über die anderen die beiden.

Sartre hat recht, die Hölle, das sind die anderen. Ich brauche meine ganze Energie, um mein inneres Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Sartre hat recht

Hinter mir sitzen zwei junge Frauen, die über Ihre Freundinnen herziehen. Und eine Gruppe wanderlustiger Frauen verpulvern ihre Energie, die sie für ihren Ausflug in die Berge bräuchten, damit, dass sie einen jungen Mann ankeifen, der sie nicht subito im Gang vorbei lässt.

Es ist wie ein No exit Game. Ich komme einfach nicht raus. Bin gefangen in diesem Strom negativer Energie, der sich auf München zubewegt und sich dort aus dem Zug ergießen wird und sich vermutlich mit weiterer negativer Energie aus anderen Zügen zu einer radioagressiven Wolke vermengen wird.

Warum können die Leute in Deutschland sich kein Beispiele an den Leuten in Sizilien nehmen? Übers Essen reden. Über das Wetter. Über Fußball, über die Kinder. Warum nur funktioniert das in Deutschland nicht? Es wäre ein besseres Land.

Mit Efeu wäre das nicht passiert

Jetzt sitze ich in der S-Bahn zum Flughafen. Die ist angenehm leer. Und trotzdem: neben mir ein Mann, der auf seine alte Mutter einredet und über die Graffitis entlang der Gleise schimpft. Sich über die Schmierereien aufregt, über die jungen Leute, die alles verschandeln. Und natürlich auch gleich die Lösung parat hat, egal, ob seine Umwelt das hören will oder nicht: Mit Efeu wär das nicht passiert, sagt er.

Also bitte, mehr Efeu an den Brücken und Gebäuden pflanzen, auf dass das Klettergrün alle Nörgler, Wütenden und Lästermäuler umschlingt und stumm werden lässt.

2 Kommentare zu „The no exit game

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