Totenglocke

Ich wohne neben einer Kirche. La crocifisso. Niemand käme hier, so wie immer wieder in Deutschland, auf die Idee, wegen des Glockengeläuts die Kirche zu verklagen, auch wenn es gefühlt ständig bimmelt, die Uhrzeit schlägt, zum Gottesdienst ruft und ja, den Tod verkündet.

In diesen Wochen vergeht in Noto kein Tag, an dem ich den traurigen Klang nicht schon vormittags höre. Ich muss an „Man stirbt nicht im August“ denken. Das habe ich als Kind am heimischen Esstisch meine Eltern sagen hören. Ich habe nicht verstanden, was sie damit gemeint haben. Bis heute nicht. Wenn ich zurück bin, muss ich sie danach fragen. Aber vermutlich können sie selbst sich gar nicht mehr daran erinnern.

Vor dem Portal an der Piazza Mazzini parkt jedenfalls oft ein auf Hochglanz polierter Leichenwagen, der einen Sarg zur Kirche transportiert hat.

Ein schneller caffè

Auf dem Platz ist bei solchen Gelegenheiten mehr los, als sonst zu dieser Zeit, denn manche aus der Trauergemeinde sparen sich den Gottesdienst, von dem Wortfetzen durch die geschlossene Schwingtür hinter dem Portal nach draußen dringen. Manche der Angehörigen, Bekannten oder Freunde sitzen lieber unter den Schatten spendenden Orangenbäumen, gehen kurz in das Wettbüro oder trinken einen schnellen caffè in Carmens Bar, von der aus ich das Geschehen verfolge.

Von dem Klischee, dass eine sizilianische Trauergemeinde unisono in dunkelstem Schwarz gekleidet sei, habe ich mich schon vor langer Zeit verabschiedet. Natürlich sind immer ein paar alte Frauen dabei, die schwarze Kleider anhaben und auch ältere Männer, die in Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte erscheinen, trotz der Hitze. Alle anderen aber tragen meist ihre Alltagskleidung.

Auch Traditionen sterben

Ich finde es schade, dass solche Traditionen aussterben, nicht nur in Sizilien. Festlich schwarz gekleidet zur letzten großen Feier eines Menschen zu kommen wäre doch eigentlich angemessen. Das hieße ja nicht, dass die Angehörigen hinterher monatelang oder Witwen gar lebenslang ausschließlich tiefdunkel gekleidet durch ihr Leben gehen müssten.

Aber zurück zu den Trauerfeiern. Wieder sind es die Glocken, die vom Ende des Gottesdienstes künden. Getragene Musik tröpfelt auf den Patz, dann öffnet sich die Schwingtür und der Pfarrer wartet neben dem Portal, bis der Sarg von weiß behandschuhten Männern herausgetragen wird. Ihn sicher zum Leichenauto zu bugsieren ist ob der Treppen gar nicht so einfach, dazu braucht es einen Regisseur.

Etwas hat sich nicht geändert: die Trauer, die Tränen, die Verzweiflung. Auch ein Mann, es muss wohl ein naher oder der nächste Angehörige sein, der hinter dem Sarg aus der Kirche tritt, weint diesmal bitter. Er wird, obwohl noch jung, gestützt.

Die Trauergemeinde nimmt stets Abschied am Sarg, der mittlerweile im gläsernen Fonds des Leichenwagens steht. Alle berühren das Holz, umarmen sich. Die Blumen und Kränze werden unterdessen aus der Kirche zu einem Lieferwagen getragen. Und dann bewegt sich ein Autocorso hinunter auf die andere Seite Notos, zur Stadt der Verstorbenen, zum cimitero.

Die Totenglocke schlägt unterdessen immer noch. Hemingway fällt mir ein: „For whom the bells ring“…

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