Die mumisierte Stadt

Ein Gefühl des Alleinseins breitet sich in mir aus, sobald ich die Porta Marina hinter mir gelassen habe. Stille breitet sich aus, trotz der langen Schlange, in der ich soeben noch anstand, um meine Eintrittskarte in die Totenstadt zu lösen. Ich bin in Pompeji, der mumisierten Stadt. Auf 66 Hektar entfaltet sich vor mir das vollständige Panoptikum antiken Lebens aus, das 79 n. Chr. von einem Vesuvausbruch schlagartig ausgelöscht wurde.

Über drei Millionen Besucher aus aller Welt kommen jedes Jahr hierher, um sich von den Ruinen faszinieren zu lassen. Nicht immer wissen sie, in welcher Richtung sie den todbringenden Vulkan suchen müssen, um sich vor ihm ablichten zu lassen. Schlecht war es noch vor einigen Jahren bestellt um dieses Welterbe. Als 2010 ein Gebäude einstürzte, handelten die Verantwortlichen. Das Grande Progetto Pompei war geboren. Heute ist die Ruine fast wie auferstanden aus Ruinen, vieles hat sich zum Besseren gewandt.

Ich suche hier nicht nach eigenen Worten, alles ist gesagt über Pompeji, zu allen Zeiten, in allen Sprachen. Auch von Goethe, dem Urvater aller Reiseblogger:

 

Neapel, Sonntag, den 11. März 1787

Da mein Aufenthalt in Neapel nicht lange dauern wird, so nehme ich gleich die entfernteren Punkte zuerst, das Nähere gibt sich. Mit Tischbein fuhr ich nach Pompeji, da wir denn alle die herrlichen Ansichten links und rechts neben uns liegen sahen, welche, durch so manche landschaftliche Zeichnung uns wohlbekannt, nunmehr in ihrem zusammenhängenden Glanze erschienen. Pompeji setzt jedermann wegen seiner Enge und Kleinheit in Verwunderung. Schmale Straßen, obgleich grade und an der Seite mit Schrittplatten versehen, kleine Häuser ohne Fenster, aus den Höfen und offenen Galerien die Zimmer nur durch die Türen erleuchtet. Selbst öffentliche Werke, die Bank am Tor, der Tempel, sodann auch eine Villa in der Nähe, mehr Modell und Puppenschrank als Gebäude. Diese Zimmer, Gänge und Galerien aber aufs heiterste gemalt, die Wandflächen einförmig, in der Mitte ein ausführliches Gemälde, jetzt meist ausgebrochen, an Kanten und Enden leichte und geschmackvolle Arabesken, aus welchen sich auch wohl niedliche Kinder- und Nymphengestalten entwickeln, wenn an einer andern Stelle aus mächtigen Blumengewinden wilde und zahme Tiere hervordringen. Und so deutet der jetzige ganz wüste Zustand einer erst durch Stein- und Aschenregen bedeckten, dann aber durch die Aufgrabenden geplünderten Stadt auf eine Kunst- und Bilderlust eines ganzen Volkes, von der jetzo der eifrigste Liebhaber weder Begriff, noch Gefühl, noch Bedürfnis hat.

Ausgrabung des Isistempels in Pompeji. Radierung nach Fabris

Bedenkt man die Entfernung dieses Orts vom Vesuv, so kann die bedeckende vulkanische Masse weder durch ein Schleudern noch durch einen Windstoß hierher getrieben sein; man muß sich vielmehr vorstellen, daß diese Steine und Asche eine Zeitlang wolkenartig in der Luft geschwebt, bis sie endlich über diesem unglücklichen Orte niedergegangen.

Wenn man sich nun dieses Ereignis noch mehr versinnlichen will, so denke man allenfalls ein eingeschneites Bergdorf. Die Räume zwischen den Gebäuden, ja die zerdrückten Gebäude selbst wurden ausgefüllt, allein Mauerwerk mochte hier und da noch herausstehen, als früher oder später der Hügel zu Weinbergen und Gärten benutzt wurde. So hat nun gewiß mancher Eigentümer, auf seinem Anteil niedergrabend, eine bedeutende Vorlese gehalten. Mehrere Zimmer fand man leer und in der Ecke des einen einen Haufen Asche, der mancherlei kleines Hausgeräte und Kunstarbeiten versteckte.

Den wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck dieser mumisierten Stadt wuschen wir wieder aus den Gemütern, als wir, in der Laube zunächst des Meeres in einem geringen Gasthof sitzend, ein frugales Mahl verzehrten und uns an der Himmelsbläue, an des Meeres Glanz und Licht ergötzten, in Hoffnung, wenn dieses Fleckchen mit Weinlaub bedeckt sein würde, uns hier wiederzusehen und uns zusammen zu ergötzen. „Die mumisierte Stadt“ weiterlesen

36 Stunden

 

Ich war schon einmal hier, kurz nach meinem Abitur, das ist so lange her, dass es schon gar nicht mehr wahr ist. Ich erinnere mich an chaotische, vollgestopfte Straßen. An wilde Hupkonzerte, lebensgefährliche Versuche, als Fußgänger auf die andere Seite zu gelangen. An die Ignoranz allen Verkehrszeichen gegenüber. Daran hat sich nichts geändert. Immer noch wilde Hupkonzerte, weiter waghalsige Versuche, die mehrspurigen Straßen unbeschadet zu überqueren. Überall Menschenmengen. Ich habe ein kleines Apartment in der Nähe des Bahnhofs Napoli Centrale gemietet, das ich zuerst nicht finde. Mir steckt noch die Highspeed-Bahnfahrt in den Knochen, als ich hier ankomme. Beladen mit meinem Gepäck gehe ich die Piazza Garibaldi entlang. Ob die noch im Umbau ist oder ob die Tristesse gewollt ist, erschließt sich mir nicht. Hier gibt es keine Sitzgelegenheiten, kein Grün, ein Zeltdach hält den Regen ab. Darunter eine Gruppe asiatischer Frauen, die Tai Chi oder Qi Gong machen, ich kann das nicht unterscheiden. Im dritten Stock eines eindrucksvollen Gebäudes in der Via Alessandro Poerio finde ich die Unterkunft.

Der Blick aus dem Fenster zeigt mir am nächsten Morgen, dass ich den Hinterhof getroffen habe. Sechs Stockwerke hat das Gebäude, manche Wohnungen sehen verlassen aus, manche bewohnt. Minütlich donnert ein Flugzeug über die Szenerie.

Also raus ins neapolitanische Leben. Die Entscheidung, die Stadt zu Fuß oder mit der Metro zu erkunden, stellt sich bei 3,50 Euro für ein Tagesticket nicht. Metro also, auch weil dies mein Trip mit dem Zug sein soll. Außerdem wurde die Linie 1 von Künstlern gestaltet, das will ich sehen. An der Station Toledo steige ich aus. Vier Stockwerke im Untergrund fährt der Zug und der Weg zurück auf die Oberfläche gleicht einer unwirklichen Fahrt mit der Rolltreppe. Der Bahnhof zählt zu den schönsten Europas, das ist er in der Tat, aber irgendwie passt er nicht zu meinem Bild von Napoli.

Ich erinnere mich zurück an das Jahr 1985, als ich mich als frisch gebackene Abiturientin auf den Weg nach Italien gemacht hatte. Ich wollte Freunde treffen, die schon länger dort waren, in Sorrento. Weil sie alles schon gesehen hatten, als ich ankam, sah ich mich alleine um in Napoli. Ausgerüstet mit meiner alten Konica-Kamera und vielen Ambitionen streifte ich umher auf der Suche nach dem perfekten Bild. Möglichst autentisch sollte es sein und deshalb spazierte ich unbekümmert durch die Quartieri Spagnoli. Es war faszinierend, überall flatterte Wäsche über den Straßen, viel Geschrei war zu hören. Ich scheute nicht den Blick hinein in die Hinterhöfe, ich wagte mich sogar hinein. Und dort war auch eines meiner Motive: Briefkästen. Während ich Blende und Verschlusszeit einstellte, traf mich wie aus dem Nichts ein Wortgewitter und der böse Blick einer Neapolitanerin. Ich verstand kaum etwas, nur so viel, dass es etwas mit der Tragödie im Brüsseler Heysel-Stadion zu tun haben musste. Kurz zuvor, Am 29. Mai 1985, wurde dieses Stadion vor dem Landesmeister- Finale zwischen Juventus und dem FC Liverpool zum Schauplatz der schlimmsten Katastrophe des europäischen Fußballs. Ein Fußballfest geriet zum Alptraum, zu einem Massaker, bei dem 32 italienische Juve-Fans, vier Belgier, zwei Franzosen und ein Ire starben. Mehr als 400 weitere Menschen wurden verletzt, eine Generation blieb traumatisiert. Verantwortlich für die Tragödie waren englische Hooligans, die belgische Polizei und Funktionäre des europäischen Fußball-Verbandes Uefa. Diese Neapolitanerin lud, als sie mich in ihrem Hof ihre Briefkästen knipsen sah, ihre ganze Wut und Trauer auf mir ab. Dieses Erlebnis hat sich mir eingebrannt und ich denke jedes Mal daran, wenn ich auf der Suche nach dem idealen Bild kleine Grenzüberschreitungen begehe.8_Padre Pio KopieDieses Napoli von damals hat sich in mir festgesetzt und ich bin 35 Jahre später fasziniert, dass es an vielen Ecken noch so ist, wie ich es erinnere. Die Quartieri Spagnoli haben den Wandel scheinbar unbeschadet überstanden oder vielleicht ist ihnen der Schritt ins neue Jahrtausend auch einfach nicht gelungen. Aus der Perspektive des Reisenden ist oft schwer zu unterscheiden, ob das ein Fluch oder ein Segen für die Menschen ist. Eng und verwinkelt sind die Quartieri Spagnoli natürlich auch heute noch. Die Gassen sind steil, an manchen Stellen so steil, dass ein Spaziergang anmutet wie eine veritable Bergbesteigung. In diesem Dickicht glaubt man, sich leicht zu verlaufen, die Übersicht zu verlieren, die Orientierung und die Unbeschwertheit. Was aber gar nicht stimmt, denn bergab stößt man immer auf die Via Toledo, die eine Fußgängerzone ist. Doch das Gefühl, sich zu verlieren ist unerlässlich, um auf die Besonderheiten aufmerksam zu werden. Auf die über den Gassen flatternde Wäsche, die Wimpel des SSC Napoli, die Farben und Gerüche, auf die eigene Schönheit dieses Viertels, in der die Armut noch heute ebenso groß ist wie die Schulabbruchsquote, die höchste in der Stadt.6_Pescheria KopieDabei erlebt Napoli gerade eine Wiederauferstehung. Die Aurorin Elena Ferrante hat diesen herbeigeschrieben mit ihrer neapolitanischen Saga. Aus kritischer Warte verfolgt sie über Jahrzehnte die Zeitläufe der Stadt und des Landes, Camorra und Elend, Politik, Terrorismus und Korruption. So entsteht ein historisches Panorama eines Landes in der Klemme, das anarchisch und anachronistisch im Weltgeschehen trudelt. Die Romanhandlung endet nicht zufällig 2010, kurz bevor das Land mit Volldampf in die Krise steuerte.2_Salumeria KopieEine Salumeria ist einer der von Ferrante beschriebenen Schauplätze, ein Wurstladen. Vielleicht stand ihr die Salumeria Russo in der Pignasecca Pate. Diese lange Gasse ist ein riesiger Basar, ein lauter, bunter Markt, auf dem alle ihre Waren direkt auf der Straße auslegen. Nur vor der Salumeria liegt nichts aus. Dafür stapelt sich in dem kleinen Ladensgeschäft scheinbar alles, wofür es in Deutschland riesige stylische Supermärkte braucht. Es heißt, dass der Inhaber, Salvatore Russo, zu denjenigen zählt, die in Napoli zähen Widerstand leisten gegen die organisierte Kriminalität, ausgerechnet hier im Montesanto, dem Hauptquartier der Camorra. Russo zahlt keinen Pizzo, seine Salumeria gehört zum Verein Addiopizzo. Das Salamibrötchen, das mir Salvatore Russo verkauft, schmeckt mir mit diesem Wissen umso besser.