Der geflickte Reifen

Was mir am sizilianischen Alltag richtig gut gefällt: Der Wille, Dinge zu reparieren. Ich denke, das liegt an den vorhandenen finanziellen Ressourcen der „normalen“ Leute. Das habe ich bei meiner Wasserpumpe erlebt und jetzt wieder bei meinem Reifenproblem.

Nachdem mir neulich nach der Reifenpanne der Autovermieter vorgeschlagen hatte, ich solle mit dem aufgezogenen Notrad bis nach Catania fahren, dann würden sie dort schauen, wie es weitergeht, wurde mir etwas flau im Magen. Auf der Autobahn, mit maximal 80 km/h und maximal 100 Kilometer? Durch sieben Tunnels? Darüber musste ich erst mal eine Nacht schlafen.

Die Vorstellung, mit dem Wagen in einem der Tunnels liegen zu bleiben, verschaffte mir Panikattacken. Da schien mir das Risiko, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, das kleinere Übel zu sein. Die laut Google 700 Meter zum nächstgelegenen gommista würde mich der Fiat sicher irgendwie bringen.

Ich hoffte auf dem Weg dorthin, dass der passende neue Reifen vorrätig wäre. Wenn nicht, auch egal. So lange würde die Beschaffung ja sicherlich nicht dauern.

Beim Autofficina Mortilla angekommen, nahm sich Paolo, der junge Angestellte, meines Problems subito an. Der capo und ein Kunde schauten ihm interessiert zu und mich interessiert an. Natürlich fragten mich die Männer, wo ich herkäme. Als sie Deutschland hörten, war der capo ganz begeistert, denn seine Eltern leben wohl schon seit 60 Jahren in der Nähe von Heidelberg.

Unterdessen hatte Paolo den kaputten Reifen aus dem Kofferraum geholt. Ich vermutete, zum Wegschmeißen. Aber er pumpte ihn auf und tauchte ihn in eine Vorrichtung mit Wasser. Logisch, dachte ich mir. Wie beim Fahrrad.

Dann ging alles ganz schnell: Paolo zog den Reifen wieder auf, stach mit irgendwas hinein und flickte das Leck wohl mit diesem Handgriff. Der andere Kunde erklärte mir die Details: Wenn das Loch an der Seite gewesen wäre, hätte man ihn nicht reparieren können. Aber in meinem Fall: „Nessun problema!“

Paolo versorgte dann auch noch das Notrad und packte es wieder in den Kofferraum. Das ganze Prozedere dauerte keine 15 Minuten und kostete ebensoviel. Ich konnte den capo gar nicht mehr fragen, ob er in Deutschland aufgewachsen ist.

Der kaputte Reifen

Ich muss zugeben: Ich gehöre nicht zu den Frauen, die handwerklich so begabt sind, dass sie Wände verputzen oder Fliesen verlegen könnten. Einen Reifen wechseln kann ich auch nicht. Vermutlich bin ich gar nicht so emanzipiert, wie ich gemeinhin denke. So what!

Aber heute habe ich mich über mich selbst geärgert, weil ich solche „Männersachen“ nicht kann. Und zwar, als ich vor meinem Mietauto stand und einen Platten entdeckte. Das Luftdruck prüfen war also wohl nur ein zu kleines Pflaster auf dem lecken Gummi.

Am liebsten hätte ich einfach den Autoschlüssel in den Müll geworfen und den Fiat 500 für immer vergessen. Geht ja aber leider nicht so einfach, wie hätte ich das dem Autovermieter erklärt?

Anstatt zu meiner Verabredung nach Siracusa zu fahren, musste ich also diese leidige Sache regeln. Es auf die lange Bank zu schieben wäre ja auch keine Lösung gewesen.

Außerdem muss man sich seinem Schicksal fügen, oder wie sie in Sizilien sagen: Chista è a zita.

Also hab ich die assistenza stradale angerufen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mein Sprüchlein aufsagen musste. Immer wenn’s nämlich spannend wurde, also wann jemand vorbei kommt, brach die Leitung zusammen. Zwischendurch wollte ich doch wieder den Schlüssel wegwerfen und künftig nur noch Bus fahren.

Nach einer Stunde hatte ich schließlich irgendwie die Formalitäten erledigt und bekam auch sofort eine WhatsApp von einem Pannenhelfer. Während ich auf den komfortabel in meinem Haus wartete, durchflutete mich ein warmes Gefühl der Dankbarkeit, dass mir das nicht auf einem meiner Trips in die hintersten Winkel Siziliens passiert ist.

Allerdings hielt das Hochgefühl nur kurz, denn mehr, als das Notrad aufzuziehen, hat der freundliche Mechaniker nicht gemacht. Schwupp, war sein Rettungswagen schon wieder um die Ecke gebogen und weg. Und ich stehe jetzt ratlos da. So toll ist das mit den Mietautos dann doch wieder nicht.

100 Kilometer kann ich jetzt mit diesem Ersatzrad fahren. Das reicht bis nach Catania. Aber das reicht nicht, um hier weiter entspannt durch die Gegend zu cruisen.

Ich fürchte, dass mich das Reifenthema noch länger beschäftigen wird…

Man lernt nie aus…

Ich war mir ziemlich sicher: Die Tücken des sizilianischen Alltags kenne ich nach so vielen Jahren mittlerweile in- und auswendig. Heute wurde ich mal wieder eines Besseren belehrt.

Die Fallstricke lauern meistens dort, wo man am wenigsten mit ihnen rechnet. Bei Kleinigkeiten. Beim Selbstverständlichen. Bei Sachen, bei denen man gar nicht großartig nachdenkt.

Ich kurve hier ja meistens mit Mietwagen durch die Gegend. Ist außerhalb der Hochsaison spottbillig und praktisch. Keine Scherereien, keine Reparaturen, keine Steuern, keine Versicherungen. Bis auf meine Begegnung mit dem „Boy without name“ vor ein paar Jahren ist auch noch nie irgendetwas passiert, nicht die kleinste Panne. Nicht mal zu wenig Luft in den Reifen.

Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal. Und diese modernen Karren sind ja auch unbestechlich. Sobald etwas nicht 100-prozentig funktioniert, leuchtet irgendetwas auf. Zum Beispiel das Symbol für „Proof tyres, pressure low“. Geht ja noch, denke ich mir, nachdem ich das Symbol gegoogelt hatte. Fahre ich halt zur nächsten Tankstelle und überprüfe den Luftdruck, denkt die Deutsche in Sizilien.

Ich war mir sicher, dass ich dort einen der omnipräsenten Männer dazu bringen würde, das Luftdruckmessen für mich zu erledigen. Und falls doch nicht: Mit einem YouTube-Tutorial habe ich mich bestens vorbereitet. Aber dieses Know how würde ich nur im allerschlimmsten Fall zur Anwendung bringen…

Ich war mir so sicher: Das wird ein Selbstläufer.

Nun ja. Es wurde ein Rohrkrepierer. Erste Tankstelle rein, aus dem Auto raus, lächeln, Tankwart fragen. „Non possiamo farlo.“ Wie bitte? Das können die nicht? Ich frage noch einmal, gleiche Antwort. Mit dem Zusatz, das sie nicht das notwendige Gerät dafür haben.

Also gut, denke ich mir, Pech gehabt, war ja auch wirklich eine winzige Tankstelle. Zum Glück gibt’s in Sizilien ja an jeder Ecke welche, in allen Größen und Farben.

Selbstbewusst steuere ich die nächste an, gleicher Plan. Warte höflich, bis die Kerle irgendwas im telefonino angeschaut haben, und spule mein Sprüchlein ab. Può aiudarmi? Usw., usw. Auf mich haben die jedenfalls nicht gewartet. Unwirsch die gleiche Antwort wie zuvor: „Non possiamo farlo!“ Auf meine Nachfrage, an welcher Tanke denn das Reifendruckprüfen möglich sei, meine absolute Lieblingsantwort: „Non lo so!“

Leicht genervt nehme ich den dritten Anlauf, gleiches Szenario. Dort will man mich zur zweiten Tankstelle zurückschicken. Ha ha ha!

Jetzt bin ich so genervt, dass ich meine Suche aufgebe und versuche, den Bordcomputer zu reset-en. Gelingt mir aber nicht, ist vermutlich auch besser so. Ich vertage das Projekt auf nach der Siesta.

Schließlich bin ich zielstrebig zu einer Werkstatt gefahren, die mir seit Jahr und Tag ins Auge sticht, weil sie so nach Sicilianità aussieht. Gebrauchte Reifen kann man dort kaufen und solche Sachen.

Mein Hilfegesuch wird erhört, ich muss nur noch ein bisschen warten, bis der Meister seinen Vorplatz gekehrt hat. Und dann ist es eine Sache von fünf Minuten. Der Meister will nicht mal Geld von mir.

Also: vergesst die Tankstellen, wenn ihr in Sizilien mal den Luftdruck prüfen wollt. Steuert die unscheinbaren Werkstätten am Straßenrand an. Die, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint…

Autofreier Juni

Meine Nachbarin Rosetta denkt, ich bin jetzt völlig verrückt geworden. Warum? Weil ich heute freiwillig meinen Mietwagen zurückgegeben habe. Nach nur einer Woche und noch mehrere Wochen in Sizilien vor mir. Rosetta glaubt, dass für mich das Leben in Sicilia damit aus und vorbei ist. Ohne Auto? Unvorstellbar für eine*n Sizilianer*in. Senza macchina? Cosa vuoi fare?

Zugegebenermaßen ist mir auch etwas flau im Magen geworden. Die Vorstellung, künftig nicht mehr spontan entscheiden zu können, sofort ans Meer zu fahren oder doch lieber eine Tour ins Hinterland zu machen, ist ein bisschen beängstigend. Libertà sempre e ovunque e in generale, damit ist’s nun wohl vorbei! Und dann hatten die mir bei der Autovermietung auch noch einen Fiat Cinquecento gegeben… mich von dem zu trennen, fiel mir echt schwer.

Andererseits: So ein Mietauto übt ja auch einen gewissen Druck aus: Man bezahlt dafür, jeden Tag und nicht zu wenig. Wenn ich es nicht genutzt habe, hatte ich fast schon ein schlechtes Gewissen. So wie wenn ich Geld zum Fenster rauswerfen würde. Das kann’s ja auch nicht sein. Dachte ich mir so in Deutschland und buchte den Wagen nur für die erste Woche.

Jetzt ist das Auto weg und den Rückweg von der Anmietstation in Catania bin ich mit dem Bus gefahren. Anstatt eines Autoschlüssels habe ich nun auf meinem Handy diverse Apps der sizilianischen Buslinien. Wenn man die Fahrkarten online kauft, sind sie nämlich um fast einen Euro günstiger. Wenn schon sparen, dann richtig. Man muss nur aufpassen, mit der richtigen App den Fahrschein zu lösen, sonst gilt der im falschen Bus nicht.

Der Bus kommt sogar pünktlich. Nachdem ich einen Platz gefunden habe, überschlage ich kurz, ob 7,50 Euro jetzt günstig sind oder nicht. Seitdem ich mit dem „Deutschlandticket“ in Germania für 49 Euro einen Monat lang jeden Tag von Garmisch nach Flensburg und zurück fahren könnte, kommt mir der Preis für eine einfache Fahrt Catania-Noto plötzlich ziemlich hoch vor. Wie sich die Zeiten doch ändern…

So ganz überzeugt bin ich jetzt in diesem Augenblick von meinem eigenen Plan selber nicht. Ein bisschen hat Rosetta sicher recht. Wenn ich an den Strand will, muss ich mein Zeug inklusive Sonnenschirm erst einmal zur Bushaltestelle schleppen und noch schlimmer: auf dem Heimweg von dort hunderte Treppen wieder nach oben. Und falls es am Meer unerwartet zu regnen anfängt, muss ich unter Umständen drei Stunden lang in einer Bar warten, um nicht nass zu werden. Und was ist, wenn ich abends den letzten Bus in Siracusa verpasse? Es wird auf jeden Fall spannend.

Wer weiß, wie sich mein Selbstversuch entwickeln wird in den kommenden Wochen. Möglicherweise bin ich nach drei Tagen bereits so entnervt, dass ich mir ein neues Auto miete. Mein Handyguthaben für Tickets würde auf jeden Fall noch für eine weitere Busfahrt nach Catania reichen.

Vielleicht lerne ich aber meine Stadt auf eine ganz neue Weise kennen, wenn ich sie mir ausschließlich zu Fuß erschließe. Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier als la tedesca pazza, die verrückte Deutsche, in die Geschichte eingehen könnte.