Blütenmeer in Noto

Man riecht die von unerwünschten Blicken abgeschirmte Infiorata di Noto schon, bevor man sie sieht. Es ist ein etwas unangenehmer Duft, eigentlich müsste die Luft doch vor Wohlgerüchen flirren. Aber der olfaktorische Eindruck weckt eher Gedanken an einen Komposthaufen. Was soll‘s!

In diesem Jahr habe ich meinen ersten Aufenthalt in meiner zweiten Heimat so gelegt, dass ich die Infiorata, das Blumenfest, einmal mit eigenen Augen sehen kann. Ich kannte die Blütenteppiche bisher nur von Abbildungen auf Postkarten und natürlich von den Erzählungen. In all den Jahren hat sich aus all den Informationen, die ich darüber gesammelt habe, bei mir die Vorstellung festgesetzt, dass es sich in der Via Nicolaci, unter den barocken Balkonwundern des gleichnamigen Palazzo, um ein veritables Blumenwunder handeln müsse, das ich bisher in meiner Terminplanung so schmählich ignoriert habe.

Um ehrlich zu sein, auch in diesem Jahr ist es eher ein Zufall gewesen, der mich jetzt in Mai nach Noto geführt hat. Das Wetter hat bisher nicht das gehalten, was der Monat gemeinhin verspricht. Die klimatische Anmutung auf der Insel war bisher eher eine nördliche. Irgendwie passt das zu dem etwas unfreundlichen 2025, denke ich mir so, während ich den tief hängenden Wolken nachschaue, die über die Monti Iblei jagen.

Heute lachte aber die Sonne, als ich morgens ich die Fensterläden öffnete. Perfektes Wetter, um Blumen schauen zu gehen. Samstags wäre vielleicht der bessere Tag, überlege ich noch, während ich den Tag mit einem caffè und einem cornetto in Carmens Bar beginne. Die Barista gibt mir meine Bestellung mit einem Lächeln und fragt, wie es mir geht. Es ist jedesmal schön, wenn mich die Leute hier anlächeln, wenn ich nach dem Winter wieder zurück bin. Irgendwie gehört man dann doch dazu, freue ich mich insgeheim.

Ich überlege noch einen weiteren caffè lang, ob ich gleich runter auf den corso sollte. Dagegen spricht, dass ich vielleicht samstags um 10 Uhr die Erste wäre, die sich mutterseelenallein die Blumenteppiche anschauen würde. So typisch deutsch halt. Dafür spräche hingegen, dass die Blumen jetzt noch frisch wären. Und der nächste Platzregen könnte ja der Schönheit schnell den Garaus machen…

Also mache ich mich auf, ein bisschen gespannt, was mich da unten erwarten würde. Ob schon mehr Menschen auf den Beinen sind, als die üblichen Trauben, die mit ihren Reisegruppen an den Prachtbauten vorbei geschleust werden.

Ja, es sind definitiv viel mehr Leute, als ich erwartet hätte. Immerhin sind es ja erst die ersten Stunden der Großveranstaltung. Also erstmal einen Überblick verschaffen, und den bekommt man am besten von oben. Dafür habe ich mir den Turm der Chiesa di San Carlo al Corso auserkoren, von dem aus man direkt in die Via Nicolaci blicken kann. Natürlich bin ich nicht die einzige, die diese Idee hatte, aber die Schlange erscheint mir machbar zu sein. Im Gegensatz zur Schlange vor dem Eingang zur Infiorata, die sich bis hoch zum Palazzo Landolina zieht.

So wie vermutlich alle Geschäftstreibenden in Noto lohnt sich das Blumenfest auch für die Kirche. Während ich warte, die 50 Stufen des spiralförmigen Treppenhaus erklimmen zu dürfen, beobachte ich, wie ein dickes Geldbündel abgeholt wird. Die drei Euro Eintritt summieren sich.

Im Gänsemarsch geht es schließlich treppauf auf die Aussichtsplattform, von der man einen schönen Überblick auf den Corso hat. Und auf den Blumenteppich, der von hier oben wirklich prächtig und bunt aussieht. Pace, Frieden, ist das diesjährige Motto. Angesichts der verrückt gewordenen Welt mit all ihren Kriegen war das selbstverständlich und gleichzeitig wohl unvermeidlich.

Carmen hatte mich schon informiert, dass das erste Bild dem verstorbenen Papa Francesco gewidmet sei. Vermutlich haben sie das noch spontan entschieden. Die anderen Bilder kann ich von hier oben nicht so ganz genau erkennen, aber Friedenstauben gibt es in den Motiven zuhauf.

Ich verweile also ein bisschen, fotografiere die Pracht natürlich auch, nur auf ein Selfie verzichte ich, so wie immer. Ich weiß ja, dass ich wirklich hier war. Und dann taste ich mich im Halbdunkel wieder nach unten. Und nun? Es geht gegen Mittag, die Schlange scheint etwas kürzer geworden zu sein, dafür gibt es in den ristoranti so gut wie keinen Platz mehr. Also bringe ich es am Besten gleich hinter mich.

Zuvor muss ich noch ein Ticket kaufen, für fünf Euro. Die richtigen Netini können sich das Wunderwerk gratis anschauen. Dann stehe ich also in der zweiten Schlange des Tages und für sizilianische Verhältnisse geht das Ganze ziemlich geordnet über die Bühne. Vor der Banco di Sicilia, die seit Jahren UniCredit heißt, rieche ich es dann. Den modrigen Duft, den ich da aber noch nicht einordnen kann. Vor dem Sichtschutz versuchen die Geizigen in der Menschenmenge trotzdem einen Blick zu erhaschen.

Ja und dann, stehe ich vor dem Blumenmeer. Die Blüten wurden in ihre Einzelteile zerlegt und mit den Blättern die Bilder gestaltet. Rasenteile, Sand und Kies sowie Erde, dazu allerlei Körner und Früchte ergänzen das Potpourri. Und diese Mischung, vor allem die nasse Erde, erklärt wohl auch den kompostartigen Geruch.

Für einige Tauben ist dieser so gut gedeckte Tisch ein gefundenes Fressen. Sie machen sich über den Friedenswunsch für den geschundenen Gazastreifen her und lassen sich auch von wütenden Menschen am Rand des Teppichs nicht aus der Ruhe bringen.

Auf den Balkonen des Palazzo Nicolaci stehen ebenfalls viele Leute, um sich das Spektakel von oben anzusehen. Und in Dauerschleife singt Michael Jackson seinen Earth Song. Irgendwie ist das, um mit Shakespeare zu sprechen, ein bisschen Viel Lärm um Nichts. Möglicherweise erschließt sich mir diese Tradition aber auch nicht in ihrer vollen Bedeutung. Ich bin ja nach wie vor Lernende auf dieser Insel.

Einmal im Gänsemarsch geht es an den Bildern vorbei, das war es dann auch schon. Aber in der Infiorata steckt offenbar so viel Information, dass auch lokale Fernsehsender übertragen. Ich frage mich, wie ich diese Veranstaltung für meinen heimischen Arbeitgeber journalistisch aufbereiten würde.

Oben am Eingang warten allerlei Händler, die Erfrischungen anbieten und Kanarienvögel streicheln lassen (natürlich gegen Geld). Was das soll, also mit dem Vogelstreicheln, habe ich auch nie verstanden.

Während ich das schreibe, hat es wieder angefangen zu regnen. Scheint so, als ob ich heute alles richtig gemacht hätte. ☀️