Vor meinen Fenstern in Sizilien sind hübsche Balkone. Einer wird morgens von der Sonne beschienen, der andere abends. Lauschige Plätzchen also, um dort nach dem Aufstehen den ersten Caffè zu trinken oder nach des Tages Mühen ein Glas Wein? Eher nicht. Das hätte hier keine Tradition.

Ich bin also noch nie auf diesen Balkonen gesessen, obwohl ich mir das anfangs so schön ausgemalt hatte. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese hübschen Freisitze, die auch gar nicht viel Platz bieten, eigentlich nur Zierwerk sind. Ja, man könnte Pflanzkübel darauf platzieren und natürlich Wäsche davor hängen. Aber darauf sitzen und entspannen? Ein Ding der Unmöglichkeit.
Man säße wegen der engen Gassen ja quasi auf dem Balkon der Nachbarn, könnte in ihre Zimmer schauen, man machte sich zum uneingeladenen Gast.

Dabei haben Balkone eine bewegte und lange Geschichte hinter sich, vor allem in Italien: Sie lassen sich bis in die Zeit um Christi Geburt zurückverfolgen. Schon altrömische Wandmalereien bezeugen, dass an Bauten der Römischen Kaiserzeit überdachte Balkone üblich waren.
Im Orient wiederum ermöglichten geschnitzte Gitterbalkone den arabischen Frauen eine Öffnung zur Welt, weil sie unbeobachtet dem Leben draußen zusehen konnten. Mit der Ausdehnung des Osmanischen Reiches gelangten diese Balkone auch in die Küstenländer des Mittelmeeres.

Vor allem in Italien schmückten ab dem 16. Jahrhundert geradlinige Balkone die Adelspalazzi. Der Balkon hatte als schmückendes und repräsentatives Element der Fassadengliederung adeliger und herrschaftlicher Bauwerke eine rein architektonische Funktion.

Im sizilianischen Barock eskalierte die Sache dann. Nichts mehr mit Geradlinigkeit. Jetzt wurde geklotzt und nicht gekleckert. Eine Explosion der Formen und Dekors war das.
Der Palazzo Nicolacì in Noto ist vielleicht das berühmteste Beispiel für opulente Balkone ohne Zweck. Wer unter ihnen stehen bleibt und den Blick nach oben wendet, dem wird schier schwindlig. Masken, Putten, Löwen, ein ganzes Panoptikum wunderlicher Figuren hält die Balkone fest. Wer ein bisschen länger verweilt, traut seinen Sinnen nicht. Dann wirkt diese Heerschar aus Stein nämlich plötzlich lebendig. Das Spiel von Licht und Schatten vermehrt die wundersamen Gestalten, die plötzlich auf den Palazzo-Mauern tanzen.
Da hilft nur wegschauen, Blick nach unten richten, weitergehen.
Liebe Martina! Beeindruckend, diese Protzbalkone. Mir würde darunter auch schwindlig werden. Dass man sich nicht dicht an dicht neben oder in der Gasse direkt gegenüber den Nachbarn auf den Balkon setzt, kann ich verstehen. Nicht verstehe ich, warum wir hier in unserer Gegend, wo Balkons zweckdienlich sind und nicht protzen sowie meist ins Grüne raus gehen, auch die Einzigen sind, die darauf sitzen. Ich schrieb gerade erst dazu: http://tuttopaletti.com/2023/05/10/freisitz-oder-rumpelkammer/
Ist das gemütliche Sitzen und gar Trinken und Speisen womöglich nur eine deutsche Interpretation, wozu ein Balkon taugt?
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Liebe Anke, das ist ja lustig, dass du da oben im Norden die gleichen Balkon-Erfahrungen machst wie ich hier im Süden. Wenn wir jetzt schon zu zweit sind, ist unsere Erkenntnis quasi empirisch belegt, dass es sich um eine rein deutsche Interpretation der Balkon-Nutzung handelt 😉
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So sehe ich das auch. 👍😉
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