…des Jahres ist in Sizilien wesentlich kürzer als in Deutschland.
In Noto geht an diesem längsten Tag des Jahres der Feuerball um 5.41 Uhr im Meer auf. Um 20.22 Uhr versinkt er in den Hügeln der Monti Iblei.
In meiner deutschen Heimatstadt geht da zur Sommersonnenwende in Sachen Tageslicht einiges mehr: Il sole zieht dort zwischen 5.14 und 21.26 Uhr ihre Bahn am Himmelszelt. Das sind rund eineinhalb Stunden mehr Ausbeute an Helligkeit. Die Dämmerung, die es in einer ausgeprägten Form hier in Sizilien ja auch nicht gibt, ist in die Zeit des Tageslichts weiter nördlich noch gar nicht eingerechnet.

Als ich die Sommersonnenwende vor Jahren zum ersten Mal in Noto erlebt habe, war ich fast ein bisschen enttäuscht. Spätestens um 21 Uhr draußen alles stockdunkel. Mittlerweile habe ich so viele dieser Wendepunkte im Jahr in Sizilien erlebt, dass ich mich fast nicht mehr daran erinnern kann, wie sich diese längsten Tage in Deutschland anfühlen.
Hier, fast am südlichsten Punkt der Repubblica Italiana, ist die Sonne bei ihrem Höchststand am Mittag brutal. Schmerzhaft auf der Haut. Kaum auszuhalten. Deshalb verdöst man diese taghelle Zeit am besten. Hinter geschlossenen Fensterläden, deren Lamellen das gleißende Licht, das ins Zimmer fällt, zerschneiden. Oder am Strand, zusammengekauert im winzigen Schatten eines Sonnenschirms.

Um den 21. Juni erreicht die Sonne auf der Nordhalbkugel zu Mittag ihren höchsten Stand über dem Horizont. Am nördlichen Wendekreis schafft sie dann gerade noch so ihren Zenit, Schatten gibt es dann keinen mehr, das heißt, er fällt gleichmäßig in alle vier Himmelsrichtungen.
Grob geschätzt ist Noto vom Wendekreis des Krebses in Libyen Luftlinie nicht viel weiter entfernt als von meiner Heimat in Deutschland. Afrika liegt von meinem derzeitigen Standpunkt gesehen näher als Rom. Diese Entfernungen und Relationen muss ich mir manchmal noch vor Augen führen.

Zur Feier des Tages blüht auf der Dachterrasse mein Kaktus. Seine Blüten werden jedoch bis zum Abend vor der sonnigen Wucht des längsten Tages kapitulieren.
Später, als es längst dunkel ist, zündet in der Nachbarschaft jemand ein Feuerwerk. Und macht die Nacht für einige Augenblicke noch einmal zum gleißenden Tag.
