La terrazza

Mit Interesse verfolge ich die Diskussion über Eintrittskarten für Venezia. Oder die Berichte über Römer*innen, die ihre quartiere nicht mehr wiederkennen, nachdem dort ein Airbnb nach dem anderen Einzug gehalten hat und mit ihnen das internationale Völkchen mit den Rollköfferchen.

Das nennt sich wohl Overtourism und der betrifft ja nicht nur Italien sondern alle Flecken dieser Erde, die das Außergewöhnliche verheißen. Sogar am Gipfel des Mount Everest sind die Warteschlangen mittlerweile fast so lang wie vor den Vatikanischen Museen. Auch für den höchsten Berg der Welt wird man sicher bald im Internet Jahrzehnte vorher einen Slot buchen müssen.

Sizilien und ganz besonders Noto ist bei diesem Phänomen ganz vorne mit dabei. Eintrittskarten braucht man zwar noch nicht. Kann aber auch hier noch kommen, denn: Ganzjährig schieben sich mittlerweile die Touris über den Corso. Ich will mich nicht darüber beschweren, das steht mir als straniera irgendwie nicht zu und die vielen Menschen, die einen Blick auf dieses faszinierende Eiland erhaschen wollen, spülen ja auch Geld in die Taschen zumindest einiger weniger.

Sizilien ist mittlerweile ein place to be, der hier ihren Geburtstag feiernden Madonna und anderen berühmten Konsorten und vor allem den dabei erzeugten Bildern sei Dank. Und das hat durchaus Konsequenzen.

Seit ich auf die gegenüberliegende Dachterrasse blicken kann, die das Haus mit dem neuen Airbnb krönt, kriege ich unfreiwillig einen Einblick in die diversen und bunten Lebenswelten wohlhabender Mitteleuropäer*innen. Die breiten ganz ungezwungen ihren Lifestyle vor mir aus, wohl denkend, dass die arme Sizilianerin da drüben auf dem anderen Dach eh kein Wort versteht. Ich belasse sie in der Regel in diesem Glauben.

Meistens bewundern da oben deutsche oder amerikanische Menschen die eigentlich nicht wirklich berauschende Aussicht – die Männer in knittrigem Leinen, die Frauen in elegant-bunten Kleidern, dazu die farblich passend gewandeten Kinder. Geredet wird im Urlaub von kreativen Jobs oder davon, wo die besten ristoranti auf der Insel zu finden sind. Wenn ich mitschreiben würde, könnte ich sicher bald einen Restaurantführer mit den Geheimtipps der Touris rausbringen.

Die Gäste von jenseits der Alpen oder des Atlantiks haben immerzu das Handy im Anschlag, für die Selfies im warmen Licht der untergehenden Sonne, stets ein beschlagenes Glas vino bianco, einen Spritz oder ein anderes Getränk mit klirrenden Eiswürfeln in der Hand. Außerdem: Immer gut drauf, immer einen absoluten Tipp für Antiquitäten, Kunst, Bars oder Palazzi in petto und sowieso in jeder Stadt auf der Insel ganz tolle amici. (Ich frage mich allerdings, warum diese Menschen dann eine Ferienwohnung mieten müssen).

Ganz ehrlich: So viel Glanz und Gloria in Sichtweite, so viele optimierte Körper, die im Morgenlicht den Sonnengruß zelebrieren, während ich noch schlaftrunken eine Tasse caffè all’americana in mich hineinschütte. So viel zur Schau getragener Wohlstand und so viel Narzissmus in schneller Abfolge auf so wenigen Quadratmetern auf dem windigen Dach gegenüber machen mich ganz schwindlig.

Als ich neulich in Deutschland zufällig in einer kleinen Buchhandlung einen Roman mit dem Titel „Noto“ entdeckte, habe ich den natürlich sofort gekauft. Geschrieben hat ihn Adriano Sack, ein deutscher Journalist mit Sizilien-Erfahrung. Er erzählt wunderbar von diesen sonderbaren Mitteleuropäer*innen, die auf die Insel kommen, weil sie etwas suchen, was es schon gar nicht mehr gibt.

Ich nenne das Vergangene, das Verschwindende, sicilianità und jage ihr mit meiner Fotokamera hinterher. Ich bin also auch nicht besser. Dabei fliehen die Sizilianerinnen und Sizilianer vor diesem malerischen Zerfall, sie rennen weg, so weit sie nur können.

Wenn sie jetzt die Häuser ihrer Vorfahren zu horrenden Preisen an die stranieri vermieten oder gar verkaufen, sind das die Auswirkungen einer längst untergegangenen Ökonomie, wie Adriano Sack in seinem Buch schreibt. Und wir, die Ausländer*innen, die wir von außen über diese Insel herfallen mit unserer unerfüllbaren Sehnsucht, sind im Grunde Kolonialisten, die auch noch geliebt werden wollen.

Es ist ein wahres Dilemma.

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