Ich sitze hier in meinem Auto und warte. Ich kann nämlich nicht ausparken. Nicht, weil ich es prinzipiell nicht kann. Hinter mich hat sich ein Fiat 500 gequetscht, so dicht, dass kein Zentimeter mehr Platz ist zum Rangieren. Nach vorne habe ich noch fünf Zentimeter, aber das reicht nicht.
Ich bin maximal genervt. Ich hatte schließlich was anderes vor. Abdrehen und umplanen? Wie verrückt hupen, wie es hier in solchen Fällen durchaus üblich ist? An den Haustüren klopfen?
Was soll’s, bleibe ich halt einfach im Auto sitzen. Vielleicht kommt der Mensch hinter oder vor mir ja gleich zurück. Sto aspettando.
Das Auto steht vor der Praxis einer Psychotherapeutin. Die ist ganz neu hier. Stimmen aus den geöffneten Fenstern. Soll ich da jetzt zuhören? Die Autofenster sind natürlich auch auf, angesichts der ausnahmsweise scheinenden Sonne geht es nicht anders.

Ich höre also so gut es geht weg. Statt dessen denke ich darüber nach, warum sich hier eine Psychotherapeutin niedergelassen hat. Ich dachte immer, die Leute in Sizilien kommen in ihrer großen Community besser klar als wir Nordlichter. Oder sind es die vielen stranieri, die es mittlerweile in Noto gibt, die mit dem Leben in Sizilien nicht klar kommen und eine Therapie brauchen? Die Taube, die sich zwischenzeitlich auf meiner Kühlerhaube niedelässt, gibt mir darauf auch keine Antwort.
Es ist ja auch fordernd, der Alltag hier, die anderen Abläufe, die Sprache, die man auch mit guten Italienisch-Kenntnissen manchmal oder auch ziemlich oft nicht versteht. Dass man mit manchen Problemstellungen einfach nicht richtig weiterkommt. Dass man sich abfinden muss mit dem Provisorischen. Vielleicht sollte ich auch mal die Therapeutin aufsuchen…
Dann sehe ich Rosetta, die mit einem Kinderwagen die Straße runterkommt. Sie haben jetzt ein drittes Enkelkind, ein Mädchen. So richtig begeistert hat sie nicht gewirkt, als sie mir nach meiner Ankunft die Kleine vorgestellt hat. Klar, die junge Familie ihrer Tochter kommt jeden Tag zum Essen. Dazu lebt Rosettas Mutter seit ein paar Jahren auch bei ihr im Haus. Die ist 86 und Rosetta muss sich um sie kümmern.
Ihr Mann klagte, dass sie zu viel arbeite, als ich neulich bei meinen Nachbarn auf einen caffè war. Aber was soll sie machen? Ihrer Tochter sagen, sie darf nicht mehr kommen? Ich will mich jedenfalls nicht mehr über meine viele Arbeit in Deutschland beklagen, wenn ich Rosettas Pflichten so sehe. Vermutlich hat sie sich ihr Leben auch anders vorgestellt. Aber das frage ich sie natürlich nicht, als sie jetzt müde mit dem Kinderwagen an mir vorbei geht und mich etwas verwundert anschaut. Sie sagt aber nichts. Wahrscheinlich denkt sie nur „schon wieder diese sonderbare Deutsche…“
Noch immer niemand in Sicht, der oder die mich aus meiner eingeparkten Lage befreien könnte. Wenn es die pasticceria Kennedy noch gäbe, könnte ich mir ein cannolo holen. Aber auch in Sizilien bleibt eben doch nicht alles so, wie es ist. Da hat sich der gattopardo gründlich geirrt.
Für eine granita in der Bar will ich es nicht wagen, das Auto zu verlassen. Von dort hätte ich den Parkplatz nicht im Blick. Langsam fange ich an, mich richtig zu ärgern.
Kann mich dann aber doch beherrschen. Wende meine sizilianische Lektion an: tranquilla e pazienza.
Es hat dann noch ein bisschen gedauert. Habe solange Zeitung gelesen. Und mich dann doch noch fast geärgert. Über die neue Regierung in Deutschland. Zwei vor mir in ihr Auto einsteigende und dann ausparkende Sizilianerinnen haben mich gerettet.
Ein Glück, dass du da unten im Urlaub bist. Und eine Zeitung dabeihattest. 😉
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