Hygge?

Noto hat ja nicht mehr viel mit dem Sizilien zu tun, in das ich mich kurz nach der Jahrtausendwende verliebt hatte. Mit einem Wort könnte man das, was in den vergangenen Jahren passiert ist, so zusammenfassen: Overtourism. Ganz so schlimm wie auf Capri oder in Venezia ist es zwar noch nicht, aber auf dem besten Weg dahin. Zumindest unten in der guten Stube.

Meine Tochter hatte neulich eine nicht ganz ernst gemeinte Idee, die zu dieser Entwicklung passen könnte: ein Hygge-Café in Noto. Sie hat sich als Gag sogar von Chat GPT einen Business-Plan erstellen lassen. Der künstlich intelligente Ratgeber hat ihr empfohlen, auf jeden Fall das Konzept mit etwas Landestypischem zu kombinieren, um auch die Einheimischen als Kund*innen mitzunehmen. Also Matcha-Chai-Soja-Latte mit Cannoli servieren? Oder einen caffè macchiato mit Zimtschnecken?

Hygge? Könnte funktionieren. Wäre Insta-tauglich, wenn man das passende skandinavische Interieur, jede Menge Kerzen und kuschlige Decken mit ein paar sizilianischen Accessoires kombinieren würde.

Köpfe brauchen einen anderen Namen

Vielleicht könnte die Keramik, die testi di moro zum Beispiel, eigens hergestellt werden, damit sie nicht so aufdringlich bunt den Gesamteindruck stört. Natürlich müssten die Köpfe auch einen anderen Namen bekommen, der hier gebräuchliche ist schließlich politisch nicht so ganz korrekt.

Das Hygge-Café wäre wie zuhause in jeder x-beliebigen Stadt. Die vielen Besucherinnen und Besucher aus allen Teilen der Welt müssten sich gar nicht besonders anstrengen, um sich in diesem phänomenalen sizilianischen Architekturwunder namens Noto gleich wie ein native Sicilian zu fühlen. Und manchmal im Winter ist es ja auch hier am südlichsten Zipfel Italiens so hässlich ungemütlich, dass ein bisschen hygge auch den richtigen Siciliani nicht schaden kann.

Im Leinenkleid auf einem Schafsfell

Ich stelle mir vor, wie es sich die hübschen Touristinnen in ihren schicken hellen Leinenkleidern in unserem Hygge-Café in den mit (veganen!) Schafsfellen ausgelegten Sitzmöbeln bequem machen und ihre perfekt manikürten Hände um die stilvolle skandinavisch-sizilianische Keramik legen, um daraus, selig lächelnd, an ihrem Chai Latte zu nippen und dabei ein Selfie für ihren content schießen (lassen).

Vielleicht könnte das Hygge-Café mit dem Caffè Sicilia kooperieren, das aus mehreren Netflix-Dokus schon weltweit bekannt ist. Einen Platz kriegt man dort schon lange nicht mehr. Die wunderbaren Kreationen, die zugegebenermaßen fantastisch schmecken, wären jedenfalls die ideale optische Ergänzung im Hygge-Café.

Vielleicht wäre der Hygge-Trend sogar eine Geschäftsidee, auf die ganz Italien gewartet hat?

3 Kommentare zu „Hygge?

  1. Och nö. Das können die Italiener doch gar nicht aussprechen.
    Ich denke über eine Berliner Bulettenbude, Polpetti Berlinesi, in Varese nach. Im Sommer mit Bier und im Winter mit Glühwein. 😉

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