Mit dem 1. September regelt sich in Noto jedes Jahr wie von Zauberhand das Leben wieder runter. Von einem Tag auf den anderen steht man auf dem Nachhauseweg abends nicht mehr im Stau, es gibt wieder jede Menge Parkplätze und Carmen sperrt ihre Bar mittags zu.
Das Phänomen nennt sich fine dell‘estate. Wie auf Kommando übernimmt der Alltag wieder das Kommando. Vom Ende des Sommers kann hier in Sizilien zwar – gemessen an den klimatischen Verhältnissen in meiner deutschen Heimat – bei weitem noch nicht die Rede sein bei über 30 Grad im Schatten. Trotzdem schleicht sich der Winterblues ganz langsam an.
Melancholie macht sich breit
Es legt sich Melancholie über die Stadt, in der es mittlerweile ziemlich früh dunkel wird. Wenn die Sonne um 19 Uhr geht, kommt eine kühle Brise, der aufgeheizte Körper fröstelt schnell. Ich muss deshalb meinen Rhythmus umstellen, den täglichen Abstecher al mare nicht mehr bis zum Abend rausschieben.
Die Strände sind jetzt wieder leerer. Klar, Touristen gibt es noch genug, aber kein Vergleich zu den überfüllten spiaggie rund um Ferragosto. Vormittags gehört das Meer den Älteren, erst nachmittags gesellen sich die Jugendlichen und Eltern mit ihren Kindern dazu.
Die Sonne brennt nicht mehr so unerbittlich, sie zeigt Erbarmen. Vermutlich vorbei sind für dieses Jahr die Tage, an denen der Sand so heißt wie glühende Kohlen wird.
Das azzuro verliert an Kraft
Auch das Licht ist plötzlich anders. Das azzuro hat unmerklich an Kraft verloren, der Himmel ist dunkler, die Sicht klarer. Die Hitzeglocke, die sich noch vor einigen Tagen wie ein grauer Schleier über die Insel gelegt hat, ist verschwunden, obwohl das Quecksilber noch jeden Tag Höhen erreicht, bei denen ich in Deutschland ächzen würde.
Ich denke, es sind diese Veränderungen, die sich erst auf dem zweiten Blick erschließen, die die neue Jahreszeit ankündigen. Hier gibt es kein buntes Laub an den Bäumen, das unübersehbar schreit: Jetzt ist Herbst und dann bald Winter! Wenn sich nördlich der Alpen die Natur langsam in den Winterschlaf begibt und alle Blätter abwirft, erwacht sie in Sizilien wieder. Der leichte grüne Flaum in der ausgedorrten sizilianischen Landschaft ist bereits da.
Jetzt kommt l‘estate settembrina, wie sie es in den Nachrichten nennen. Der entspannte Sommer-Nachschlag mit leicht bitterer Note. Wie ein Aperol Spritz.