Meine Nachbarin Rosetta hat mittlerweile drei Enkelkinder. Das jüngste, ein Mädchen, kam im April dazu, die beiden Jungs sind schon etwas älter. Maurì kommt jetzt in die zweite Klasse, Nicolà geht in den Kindergarten. Nur dass halt hier immer noch Ferien sind. Für Rosetta heißt das, ab mittags drei Kinder zu betreuen. Zuvor kocht sie für alle und kümmert sich auch noch um ihrer alte Mutter, die bei ihr lebt.
Bisher ging das alles ziemlich geräuschlos ab. Der Fernseher lief halt den ganzen Tag und Geräusche von irgendwelchem Spielzeug drangen manchmal in den Vico. Die Jungs selbst haben nicht viel geredet, eigentlich untypisch für sizilianische Menschen.
Das hat sich grundlegend geändert, seitdem die Kinder einen Roller haben. Wohlgemerkt einen Roller für zwei ragazzi. Lautstarke Verteilungskämpfe sind da unvermeidlich. Jedenfalls ist dieser Roller, ein wackliges Plastikteil, jetzt im Dauereinsatz. Das geht mittags los, nur kurz unterbrochen für das pranzo, und danach rollt das Ding wieder ohne Unterlass durch die enge Gasse.
Verteilungskämpfe
sind unvermeidlich
Die bietet allerdings nichts, keine Kurve, kein Berg und Tal, keine anderen Kinder. Es gibt nichts zu sehen. Ungefährlich ist es halt, weil keine Autos durchfahren können. Was die Gasse bietet: Maximale Geräuschverstärkung durch die enge Bebauung. Eine Formel-1-Strecke ist vermutlich nur wenig lauter.
Je länger das ohrenbetäubende Auf und Ab geht, umso überdrehter werden die kleinen Fahrer. Die Verteilungskämpfe werden lauter. Und der Lärm setzt irgendwann auch der kleinen Schwester zu. Spätestens nach der siesta, die ihren Namen derzeit nicht verdient, ist die Kleine so übermüdet, dass sie nur noch wie am Spieß brüllen kann. Rosetta trägt sie deshalb nachmittags draußen im vico stundenlang auf dem Arm, muss aber aufpassen, dass der Roller sie nicht über den Haufen fährt.
Wenn Rosettas Mann abends nach Hause kommt, löst er Rosetta beim Rumtragen ab, die muss schließlich das cena vorbereiten. Der Säugling brüllt weiter, jetzt vom nonno getragen. Die Brüder stört das nicht. Sie treiben den Roller unerbittlich vorwärts. Eigentlich müssten die Räder schon ganz abgefahren sein. Aber einen Roller-TÜV gibt es ja nicht und einen Boxenstop zum Reifenwechseln natürlich auch nicht.
Wurde das italienische
Fernsehen abgeschafft?
Auch nach dem Abendessen sind die Akkus der Jungs noch nicht leer. So heiß kann es gar nicht sein, dass sie sich eine Ruhepause vor der Glotze gönnen würden. Das italienische Fernsehen wurde offenbar in den vergangenen Wochen abgeschafft.
Ich bin zwar mit zunehmender Dauer leicht genervt – der Krach ist einfach zu eintönig – freue mich aber auch ein bisschen, dass sich Kinder scheinbar doch noch an den einfachen Dingen des Lebens begeistern können. Schalldämpfende Gummirollen wären trotzdem schön. Und eine Zielflagge auch.