Grenzerfahrung

So ein Aufenthalt auf einem Flughafen ist jedes Mal ein kleines Abenteuer. Kommt man mit den ganzen Taschen, die man als Handgepäck ins Flugzeug schleusen will, durch die Sicherheitskontrolle? Greift das Bordpersonal beim Einstieg doch noch ein und verfrachtet den Koffer in den Flugzeugbauch? Kommt man überhaupt pünktlich an? Fliegt das Flugzeug wie geplant ab? Fragen über Fragen…

Nun, diesmal hatte ich beschlossen, meinen kleinen Koffer aufzugeben, auch wenn es später in München länger dauern würde. Deshalb musste ich mich in die Schlange an der Gepäckaufgabe einreihen. In Catania ist das jedes Mal ein Geduldsspiel sondergleichen.

Ich treffe dort außerdem zum ersten Mal nach der sizilianischen Phase wieder auf geballtes Deutschtum, um es mal so auszudrücken.

In der Schlange vor mir Menschen, die sich wohl im Sizilienurlaub kennengelernt haben und sich jetzt, so kurz vor der Heimreise, noch die letzten Dinge erzählen müssen: von ihren jüngsten Expeditionen ins Münchner Umland.

Das eine Paar wollte wohl kürzlich einen kurzen Abstecher in die Schweiz machen (ist das eigentlich noch Münchner Umland?). Das lief wohl nicht so geschmeidig, wie ich unfreiwillig erfuhr. Die beiden wurden nämlich an der Grenze kontrolliert!!! Von den Schweizern!!! Hauptsächlich ging es wohl um die Frage, ob sie mehr als 10.000 Euro Bargeld dabei hätten.

Angesichts mangelnder Grenzkontrollerfahrungen in den vergangenen Jahren, ach Jahrzehnten, war das Paar ganz aufgeregt, wie sich die Frau erinnerte. Sie seien wegen ihrer fehlenden Reisepass-Vorzeig-Routine so in Panik geraten, dass sie und ihr Gatte gleich aus dem Auto ausgestiegen seien, so die überprüfte Deutsche weiter, die sich in diesem Moment regelrecht an ihren passaporte klammert, den sie bereits fürs noch stundenlang entfernte Einchecken in der Hand hält.

Catania

Die eidgenössische Grenzbeamtin sei darüber ein bisschen irritiert gewesen und habe darum gebeten, doch wieder einzusteigen, mischte sich der am Schweizer Grenzübergang identitätsgetestete Ehemann ein. Jedenfalls habe er auf die Frage nach den fünfstelligen oder noch höheren Bargeldreserven geantwortet „natürlich ned“. Also selbstredend hätten sie nicht soviel Bargeld dabei, habe er der Beamtin entgegen geschmettert. So überzeugend sei er gewesen, dass man grad noch so um das völlige Auseinandernehmen des Autos auf der Suche nach dem schwarzen Geld rumgekommen sei.

„Aber lästig war’s scho“, klagt die Frau. „Des will mer ja ned, dauernd diese Kontrollen. Des is ja a unangenehm“, kommentiert sie die Versuche der Eidgenossen, Finanzkriminalität zu vereiteln.

Weil die Schlange vor dem Schalter in Catania nur Millimeterweise vorankriecht, muss die nächste Geschichte erzählt werden. Es muss einfach immer weiter geredet werden, Schweigen beim Warten ist für diese Gruppe keine Option.

Man bleibt, weil‘s so bequem ist, gleich beim Thema Grenzkontrollen. Die in Deutschland viel zu lasch seien, kritisiert die Gruppe übereinstimmend. So könne ja jeder in die BRD einreisen, egal, ob man den jetzt da haben will oder nicht. Einfach jeder, der wolle. Es müsste deshalb viel stärker an der deutschen Grenze kontrolliert werden, „au wen‘g derer Flüchtlinge“, sind sie übereinstimmend überzeugt. Denn die könnten ja sonst einfach so mal easy peasy nach Deutschland reisen und dann einfach bleiben, bemängeln sie (möglicherweise sogar mit über 10.000 Euro Schwarzgeld im Handgepäck?) Wohin das führe, sehe man ja, wohin man nur schaue.

Was denn nun?, grüble ich, erstaunt über die gedankliche Flexibilität, die diese Menschen vor mir beim Thema Grenzkontrollen an den Tag legen. Aber noch so eine Geschichte? Ich gebe mein Handgepäck deshalb lieber doch nicht auf und verlasse die Schlange.

München

Gespaltene Persönlichkeit

Mir kommt es so vor, als ob ich ständig Kühlschränke leer machen und abtauen müsste. Nicht deshalb, weil ich etwa einen Putzwahn hätte, sondern weil ich mittlerweile in immer kürzeren Abständen zwischen meinen Welten pendle.

Konnte ich mir früher längere und dafür weniger Phasen in Sizilien einteilen, geht das jetzt nicht mehr. Das hängt mit dem Job in Deutschland zusammen, der Familie, den Freunden dort.

Aber so kann es auf Dauer nicht weitergehen, grüble ich vor mich hin, während ich die paar übrig gebliebenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank räume. Und das hat nicht nur mit der häufigen klimaschädlichen Fliegerei zu tun. Ich habe nämlich das Gefühl, nicht nur unnötig Lebensmittel wegzuwerfen, sondern viel mehr noch, nirgends mehr richtig dazu zu gehören. In Deutschland bin ich mittlerweile nämlich genauso auf der Durchreise wie hier.

Ausblick in Noto.

Das, was ich in meinen jeweiligen Abwesenheiten versäume, lässt sich, wenn ich in die jeweilige Stadt zurückgekehrt bin, oft nicht mehr nachholen. Nehmen wir die Überflutungen in Bayern von neulich. Ich hab das hier zwar mitgekriegt, aber weil ich es nicht selbst erlebt habe, kann ich die Erfahrung meiner Community in Deutschland nicht teilen. Das ist genauso, wie wenn ich in Deutschland von den grässlichen Unwettern hier in Sizilien erzähle, über die zwar manchmal in den Nachrichten berichtet wird, die aber für meine Familie oder meinen Freundeskreis in Deutschland völlig abstrakt bleiben.

Von Partys, Todesfällen, Geburtstagen, bei denen ich hier und dort fehle, ganz zu schweigen, ärgere ich mich beim Anblick der letzten Flasche Bier im Kühlschrank. Die kann bis zum nächsten Mal bleiben.

Oder, ganz banal: Nie ist das Kleid im Schrank, das man jetzt gerade so gut brauchen könnte. Nie hat man das Buch zur Hand, in dem man unbedingt etwas nachlesen müsste. Usw. usw.

Dinge, die für mich hier wie dort unverzichtbar sind, haben ihren dauerhaften Platz mittlerweile in einem Rucksack, damit ich sie nur ja nicht vergesse: Ladegeräte, Festplatten, Speicherkarten, sowas halt.

Mir fällt, während ich das Tauwasser aus dem Kühlschrank wische, keine Lösung ein, wie das anders werden könnte. Einen klaren Schnitt zu machen, das erscheint mir im Moment unmöglich zu sein. Das eine für das andere ganz aufzugeben, ist jedenfalls keine Option, sage ich mir entschlossen beim Auswringen des Lappens. Aber dieses schizophrene Leben erscheint mir auf Dauer auch nicht erstrebenswert.

Ausblick in Bayern.

Ich brauche einen neuen Kühlschrank, denke ich noch, als ich fertig bin. Der alte funktioniert einfach nicht mehr richtig. Das muss ich das nächste Mal erledigen.

Dann bleibt nur noch, das Haus für die kommenden Wochen einzumotten. Und ein paar Stunden später in Deutschland das Haus zu lüften und den dortigen Kühlschrank neu zu befüllen. Bis das Spiel in umgekehrter Richtung in ein paar Wochen von vorne beginnt.