23 Uhr

Sonntag, 23 Uhr

San Corrado, Notos Schutzpatron, kehrt pünktlich um 23 Uhr heim in die Kathedrale.
San Corrado, Notos Schutzpatron, kehrt pünktlich um 23 Uhr heim in die Kathedrale.

San Corrado, Notos Stadtpatron, kehrt pünktlich heim. Mit Pomp und Feuerwerk wird sein silberner Sarg zurück in die Kathedrale gebracht, nachdem er zuvor bei brütender Hitze stundenlang durch die Straßen, von Kirche zu Kirche getragen wurde, begleitet von unzähligen Netini und bestaunt von noch mehr Touristen.

Es dauert eine ganze Weile, bis die Portatori den silbernen Sarg die Treppen hochgewuchtet haben.
Es dauert eine ganze Weile, bis die Portatori den silbernen Sarg die Treppen hochgewuchtet haben.

Das Fest des Schutzpatrons ist jedes Jahr eine riesen Sause und nirgends sind religiöse Prozessionen so lebensfroh wie in Sizilien. Es dauert, bis die Portatori, die Männer in den weißen Hemden, ihr Prunkstück die Treppen hochgetragen haben. So lange Geduld haben nicht alle.

 

11 Uhr

Dienstag, 11 Uhr

Die ganze Welt kommt nach Noto, meint Sr Salemi.
Die ganze Welt soll nach Noto kommen, hofft Sr Salemi.

„Die ganze Welt soll nach Noto kommen“, hofft Sr Salemi um 11 Uhr. Noto, seine Stadt, sei die schönste Stadt der Welt, meint er und blickt auf die Kathedrale. Ein Haus solle man hier kaufen. Ein Haus in der schönsten Stadt der Welt. Warum es hier, im Garten aus Stein, so viele Häuser gibt, die leer stehen, darauf gibt er keine Antwort.

Um 11 Uhr herrscht auf der Treppe das gewohnte Kommen und Gehen der Touristen, die sich mit ihren Selfie-Sticks verewigen vor der süßlichen Schönheit Notos. Die Netini gehen ihren gewohnten Geschäften nach, parlieren, diskutieren. Ob es sich lohnt zu bleiben, oder ob es besser wäre, zu gehen.

Um 11.15 Uhr herrscht das gewohnte Kommen und Gehen auf der Treppe.
Um 11.15 Uhr herrscht das gewohnte Kommen und Gehen auf der Treppe.

12 Uhr

Mittwoch, 12 Uhr: Das Zwölf-Uhr-Läuten der Kathedrale übertönt alles.

Auch den lautstarken Disput der Ambulanti, der fliegenden Händler, mit einem Beamten, der aus dem Rathaus heraus geeilt ist. Er hat einige Papiere in der Hand und zeigt immer wieder auf die Seifenblasen-Pistolen. Nach ein paar Minuten geht er wieder.

Das Zwölf-Uhr-Läuten der Kathedrale übertönt alles.
Das Zwölf-Uhr-Läuten der Kathedrale übertönt alles.

Die Luftballons haben es schwer, gegen den steifen Ostwind anzukommen, der den Corso herauf bläst und die Seifenblasen vor sich her treibt. Die bunten Balloms schaffen es nur selten, aus der Waagrechten zu kommen. In Noto ist schlechtes Wetter. Schlechtes Wetter heißt in Sizilien im August Sturm und nur 27 Grad im Schatten. Platzregen sind jederzeit möglich. Das schlechte Wetter nutzen mehr Touristen als sonst, schon bei Tageslicht Noto zu erkunden.

12.15 Uhr

 

19 Uhr

Donnerstag, 19 Uhr: Die Goldene Stunde bricht an. Die kurze Zeit, wenn die untergehende Sonne in den Corso Vittorio Emmanuele scheint und das barocke Theater ringsum in unvergleichliches Licht taucht.

Die Goldene Stunde bricht an.

Der Sandstein glüht in dieser Illumination. Während der Goldenen Stunde ist die Selfie-Rate auf der Treppe um ein vielfaches höher als zu anderen Tageszeiten. Eine gute halbe Stunde wird der Lichteffekt immer dramatisch, ehe er ganz plötzlich verschwindet. Die Dämmerung in Sizilien ist kurz.

Relativ kurz ist die Dämmerung in Sizilien.
Relativ kurz ist die Dämmerung in Sizilien.

 

20 Uhr

20 Uhr
Die Nacht senkt sich in Sizilien schnell über der Szenerie.

Samstag, 20 Uhr: Die Nacht senkt sich in Sizilien schnell über der Szenerie. Ist die Sonne hinter den Hügeln verschwunden, so lässt sie doch ihr heißes Tagwerk im barocken Mauerwerk zurück. Das Gemäuer strahlt die Hitze des Augusttages bis spät in die Nacht ab.

20.15 Uhr
Kurz nach 20 Uhr öffnet sich wieder das große Tor der Kathedrale.

Kurz nach 20 Uhr öffnet sich wieder das große Tor der Kathedrale. Der Gottesdienst ist vorbei, die Gläubigen mischen sich unter die, die auf der Treppe, einer Tribüne gleich, dem Treiben auf der Straße zusehen. Der Corso füllt sich langsam. Man trifft sich im Herzen der Stadt, zur auf einen aperitivo, zum giro, zum Sehen und Gesehen werden. Zur conversazione. „Unsere Wünsche sind Irrtümer“, sagt ein älterer Herr zu seiner Zuhörerschaft, bevor er weiter geht.

8 Uhr

Dienstag, 8 Uhr: Noto hat sich gewaschen. Befreit vom Schmutz des Vortages glänzt die Treppe der Kathedrale in der Morgensonne. Die wirft um diese Zeit noch lange Schatten. Brennt aber bereits unerbittlich auf die Stadt. In der sind um diese Uhrzeit nur wenige unterwegs.

Um 8 Uhr morgens gehört Noto sich selbst.
Um 8 Uhr morgens gehört Noto sich selbst.

Die Netini sind um 8 Uhr selbst im August mit sich und ihrer Stadt alleine. Manche, die offenbar keinen Urlaub bekommen haben, treten ihren Dienst im Municipio an, direkt gegenüber der Kathedrale im Palazzo Ducezio. Die Bürokratie hat auch in Sizilien niemals Ferien. Gerade hier nicht. Was aber nicht heißt, dass sie arbeitet. Und wenn, dann sehr langsam. In Sizilien hat jeder viel Zeit. Viel Papier. Viele Paragrafen. Noch sind zu dieser Stunde keine Touristen unterwegs, nur ein älteres Paar tritt aus seiner Wohnung am Corso und macht sich mit seinem Sonnenschirm auf zur Spiagga. Der frühe Vogel fängt den Wurm, auch am Strand.

Die Netini sind unter sich.
Die Netini sind unter sich.

18 Uhr

Montag, 18 Uhr: Zuckerwatte, wer isst die heute noch? Dieser klebrige, süße Hauch von Nichts? Zuckerwatte, der Traum der eigenen Kindheit beim Jahrmarktbesuch. Fünf oder sechs Gramm Zuckerkristalle, erhitzt und mit Zentrifugalkraft zu flaumigen Wattefäden gesponnen. Um 18 Uhr wartet Franco mit seinem „Zucchero di filato“-Wägelchen neben der großen Treppe hinauf zur Kathedrale San Nicolò auf Kundschaft.

Franco, der Zuckerwatteverkäufer wartet um 18 Uhr meist vergeblich auf Kundschaft.
Franco, der Zuckerwatteverkäufer wartet um 18 Uhr meist vergeblich auf Kundschaft.

Die meisten gehen achtlos an ihm vorbei, den Blick auf das Stein gewordene barocke Theater um sie herum gerichtet. Einige Kinder beäugen sein Angebot und laufen dann doch weg. Giovanni wartet, seinen Sohn im Kinderwagen, eine Zigarette in der Hand. Gibt Franco schließlich eine Münze und bekommt eine Zuckerwatte für den Jungen. Dann kommt schon die dazugehörige Mama.

18.15 Uhr
Handelsabschluss nach 15 Minuten.

16 Uhr

Sonntag, 16 Uhr: Die Verkäuferinnen bleiben mit ihren Luftballons unter sich und auch den grünen Wellensittich will niemand streicheln. Die Frauen lachen, reden, schauen dem Treiben auf der Treppe zum Dom von Noto zu. Der hat seine Tore weit geöffnet, trotz der Siesta. Im August ist Hochsaison.

Noto, 16 Uhr.
Noto, 16 Uhr.

Niemand interessiert sich für die Leuchtschwerter, die auch Geräusche machen können und die bunten Ballons wiegen sich umsonst im Wind. Nur beobachtet von Andy Warhol, dessen Polaroids in diesem Sommer in der Barockstadt gezeigt werden. Um 16.15 Uhr beschließen die fliegenden Händlerinnen, ihren Stand ein paar Zentimeter weiter nach rechts zu rücken.

Noto, 16.15 Uhr.
Noto, 16.15 Uhr.