Das Projekt

Verlassene Gebäude üben auf mich eine große Anziehungskraft aus. Nicht nur, weil sie oft die tollsten Fotomotive abgeben. Sie regen auch meine Fantasie an. Wer hat darin gelebt, gearbeitet, geliebt und gestritten?

In Deutschland wohne ich in einem Haus aus dem Mittelalter und auch hier in Noto gehört meine Bleibe zu den älteren. Ganz so betagt wie in meiner deutschen Heimatstadt sind die Gebäude hier zwar nicht, was schlicht an dem verheerenden Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts liegt. Aber auch sie haben schon viele Jahrzehnte auf dem Buckel und Generationen kommen und wieder gehen sehen. Wenn Steine sprechen könnten…

Jedenfalls käme es mir nie in den Sinn, ein altes Haus abzureißen, um etwas ähnlich Aussehendes an gleicher Stelle neu zu bauen. Denn die Kopie kommt niemals auch nur annähernd an das Original heran.

Es ist schon einige Jahre her, als ich zufällig in San Paolo landete. Den Lost Place am Ufer des Tellaro habe ich schon von Weitem gesehen. Über den Fluß führte eine kleine Brücke in ein verlassenes Dorf. Für meine Kamera war die Fabrik hinter dem Zaun ein Fest. Hinter die Einfriedung gelangte ich zwar nicht, aber trotzdem ließ sich die Stimmung einfangen.

Die Anlage stand zum Verkauf, wohl schon lange, denn die Tafel des Immobilienhändlers hatte Patina angesetzt. Ich schmunzelte ein bisschen über den in meinen Augen unbegründeten Optimismus. Wer würde hier, schlecht erreichbar, schon eine alte Fabrik kaufen wollen? Zugegeben, ein Lost Place mit Ausstrahlung. Aber eine Restaurierung? Unvorstellbar.

Das war noch vor der Zeit, als die Influencer und mit ihnen die Promis dieser Welt Noto entdeckt hatten. Und vor der Pandemie. Vor dem Krieg in Europa. Vor allem vor dem Superbonus.

Zusätzlich zu einer Reihe von Steuervergünstigungen im Rahmen von Baumaßnahmen an Gebäuden hatte Italien 2020 den sogenannten „Superbonus“ eingeführt, um neben einem wirtschaftlichen Wiederaufschwung auch die energetische, ökologische und sicherheitstechnische Modernisierung von Gebäuden voranzutreiben.

Dieser „Superbonus 110“ stellte einen Vorteil durch Steuerabzug in Höhe von 110 Prozent der für die Arbeiten angefallenen Kosten dar. Wie das mathematisch in einem finanziell dauerklammen Land funktionieren soll, ist mir zwar nicht klar. Das erklärt aber den Baumboom der vergangenen Jahre in Noto. Und offenbar auch die Wiederbelebung einer aufgelassenen Fabrik am Ende der Welt.

Denn als ich dieser Tage erneut eher zufällig in San Paolo landete, traute ich meinen Augen nicht: „Meine Fabrik“ war weg. Statt dessen strahlten Neubauen auf dem Gelände. Mein Herz blutete. Aber meine Neugier war geweckt. Wer will hier welches Projekt realisieren? An einem Ort, der eigentlich gar nicht zu finden und nur schwer erreichbar ist?

Wie könnte es in diesen Zeiten anders sein: Die alte Fabrik, habe ich herausgefunden, war früher eine Destillerie, die jetzt in un lussuoso Resort Wellness & Spa umgewandelt werden soll. 10 appartamenti, un albergo, un’area multifunzionale, un ristorante e un centro benessere di ultima generazione in 4500 metri quadrati sulle rive del fiume Tellaro, so wird das Vorhaben in der sizilianischen Presse blumig beschrieben. Im Februar 2021 erschien der Beitrag, als die Pandemie noch einmal richtig Fahrt aufgenommen hatte.

In der alten Fabrik wurden früher also Liköre und Schnäpse gebrannt. 1975 wurde der Betrieb endgültig eingestellt und fast 50 Jahre später will hier ein junger Bauunternehmer aus Noto seinen Traum verwirklichen: Und der sieht keine Liköre und Schnäpse mehr vor, sondern Luxus. Doch für wen? Für die Menschen hier? Für reiche Ausländer? Influencer, Promis?

Auf dem Papier klingen solche Projekte ja immer toll. Nachhaltig. Umweltbewusst. Ressourcenschonend.

Die Baustelle sieht jedenfalls gut zwei Jahre nach dem Baubeginn ziemlich verlassen aus, hinter dem Zaun, der noch der alte ist, rührt sich nichts. Denn in diesem von Krisen geschundenen Jahrzehnt folgten auf die Pandemie erst der Krieg und dann die Inflation und steigende Zinsen, die auch in Deutschland viele Immobilienblasen platzen ließen. Halb fertige Bauwerke bezeugen das, auch nördlich der Alpen.

Über den Stillstand auf der Baustelle in San Paolo finde ich in den Medien allerdings nichts. Il mese di febbraio 2021 ha finalmente salutato l’avvio dei lavori, la bella stagione del 2022 ne vedrà l’inaugurazione. So feierte de sizilianische Presse einst das Projekt. Die avisierte Fertigstellung ist mittlerweile zwei Jahre überfällig. Ob die Neubauten im Falle des Scheiterns des ambitionierten Projekts ein ebenso schöner Lost Place wie die alte Fabrik werden, wird allerdings erst die vergehende Zeit zeigen.

Das Fenster zur Welt

Vor meinen Fenstern in Sizilien sind hübsche Balkone. Einer wird morgens von der Sonne beschienen, der andere abends. Lauschige Plätzchen also, um dort nach dem Aufstehen den ersten Caffè zu trinken oder nach des Tages Mühen ein Glas Wein? Eher nicht. Das hätte hier keine Tradition.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist berühmt für seine Balkone.

Ich bin also noch nie auf diesen Balkonen gesessen, obwohl ich mir das anfangs so schön ausgemalt hatte. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese hübschen Freisitze, die auch gar nicht viel Platz bieten, eigentlich nur Zierwerk sind. Ja, man könnte Pflanzkübel darauf platzieren und natürlich Wäsche davor hängen. Aber darauf sitzen und entspannen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Man säße wegen der engen Gassen ja quasi auf dem Balkon der Nachbarn, könnte in ihre Zimmer schauen, man machte sich zum uneingeladenen Gast.

Dabei haben Balkone eine bewegte und lange Geschichte hinter sich, vor allem in Italien: Sie lassen sich bis in die Zeit um Christi Geburt zurückverfolgen. Schon altrömische Wandmalereien bezeugen, dass an Bauten der Römischen Kaiserzeit überdachte Balkone üblich waren.

Im Orient wiederum ermöglichten geschnitzte Gitterbalkone den arabischen Frauen eine Öffnung zur Welt, weil sie unbeobachtet dem Leben draußen zusehen konnten. Mit der Ausdehnung des Osmanischen Reiches gelangten diese Balkone auch in die Küstenländer des Mittelmeeres.

Vor allem in Italien schmückten ab dem 16. Jahrhundert geradlinige Balkone die Adelspalazzi. Der Balkon hatte als schmückendes und repräsentatives Element der Fassadengliederung adeliger und herrschaftlicher Bauwerke eine rein architektonische Funktion.

Im sizilianischen Barock eskalierte die Sache dann. Nichts mehr mit Geradlinigkeit. Jetzt wurde geklotzt und nicht gekleckert. Eine Explosion der Formen und Dekors war das.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist vielleicht das berühmteste Beispiel für opulente Balkone ohne Zweck. Wer unter ihnen stehen bleibt und den Blick nach oben wendet, dem wird schier schwindlig. Masken, Putten, Löwen, ein ganzes Panoptikum wunderlicher Figuren hält die Balkone fest. Wer ein bisschen länger verweilt, traut seinen Sinnen nicht. Dann wirkt diese Heerschar aus Stein nämlich plötzlich lebendig. Das Spiel von Licht und Schatten vermehrt die wundersamen Gestalten, die plötzlich auf den Palazzo-Mauern tanzen.

Da hilft nur wegschauen, Blick nach unten richten, weitergehen.