„Ihr habt doch keine Ahnung!“

Als uns der höllische Verkehr in Palermo ausgespuckt hatte, atmeten wir erst einmal auf. Unser erstes Ziel an diesem Tag war Corleone, die berühmt-berüchtigte Mafia-Stadt gut 60 Kilometer im Landesinneren. Schnell hatten wir die mediterrane Landschaft am Tyrrhenischen Meer hinter uns gelassen und waren im Vorgebirge, das an diesem schwülen und trüben Tag einen fast bedrohlich wirkte. Die an die 1000 Meter hohen Berge lagen zum Teil in den Wolken, aus denen es aber nicht regnete.

An die 1000 Meter hohe Berge liegen an der Route nach Corleone.
Die Stoppeln auf den abgeerntete Weizenfeldern rund um Corleone werden abgebrannt.

Dass der trockene Sommer zu Ende gegangen war, sah man an dem grünen Flaum, der allerorten sprießte. Dennoch lagen die abgeernteten Weizenfelder noch goldgelb da. Manche waren bereits umgepflügt oder die Stoppeln darauf verbrannt worden. Ben wies mir mit der Karte den Weg. Die Route, die er ausgesucht hatte, führte über die SS 121 zunächst bis Bolognetta, dann auf der 118 weiter in Richtung Corleone.

Die Landschaft wurde immer rauer, unbesiedelter. Links von uns lag der Bosco della Ficuzza Rocca Busambr und bot atemberaubende Ausblicke. Und dann waren wir in Corleone, wo wir am Nachmittag des selben Tages eine Verabredung im CIDMA hatten, dem Dokumentationszentrum für die Geschichte der Mafia und der Anti-Mafia-Bewegung, in dem auch die Akten des Maxiprozesses aufbewahrt werden. Allerdings waren wir viel zu früh, auch weil wir am Vormittag Letizia Battaglias Foto-Zentrum nicht mehr besuchen konnten.

Corleone empfängt seine Besucher nicht mit offenen Armen.

Corleone empfing uns nicht mit offenen Armen. Es war noch nicht ganz Mittagszeit und trotzdem wirkte der Ort wie ausgestorben. Wie also die Zeit nutzen? Ben schlug vor, nach Borgo Schirò zu fahren. Das verlassene Dorf hatte Mussolini bauen lassen. Der Duce bekämpfte das System der Mafia, vor allem aber brauchte er Nahrungsmittel für seine Raubzüge in Afrika. Um dieses Ziel zu erreichen, ließ er ungenutztes Land an landlose Bauern übereignen. Für sie wurden teilweise sogar Dörfer neu gegründet. Eines von ihnen, der Borgo Schirò vor den Toren Corleones. Die Ernte, die der faschistische Diktator mit seinen Aktivitäten gegen die Mafia einfuhr, waren nicht besonders „nachhaltig“: Nach seinem Ende erholte sich die Verbrecherorganisation sehr schnell von den Schlägen und Mussolinis Dörfer wurden zu Geisterstädten.

Borgo Schirò zehn Kilometer außerhalb Corleones, ist eines der Geisterdörfer Mussolinis.

Borgo Schirò also, das hieß, auf die SP 4 abbiegen. Der Hinweis kurz darauf, dass hier die befahrbare Straße ende, ignorierten wir geflissentlich. Als das erste Stück aufgerissener Asphalt sich vor uns auftat, dachten wir: „Ok, ist halt Sizilien.“ Unser Ziel vor Augen fuhren wir weiter auf einer Piste, die sich zu einem Weg entwickelte, der nicht einmal einem schlecht hergerichteten Feldweg entsprach. Scharfe Kanten, riesige Schlaglöcher, weggebrochene Bankette — und hinter uns ein Lkw. Hupend. Wir also in unserem Ford Fiesta, gejagt von einem Laster. An der nächsten Möglichkeit hielten wir an, um ihn überholen zu lassen. Wüstes Geschimpfe ernteten wir zum Dank. Sein Ziel war das Weingut Principe die Corleone, das hochmodern hier inmitten dieser unerschlossenen Kargheit Siziliens prämierte Tropfen anbaut.

SP 4

Im Schneckentempo also weiter, bis rechts von uns Borgo Schirò auftauchte. Eigentlich hätte es laut Karte links von uns liegen müssen. Wieder so ein Mysterium. Das golden schimmernde Kirchdach rückte näher, blieb aber unerreichbar, denn es gab keinen Abzweig. Es gab eine Staubpiste, die nach unseren Erfahrungen mit der SP 4 keinen guten Eindruck auf uns machte. Sollten wir es riskieren? Liegenzubleiben, von einem Schlagloch verschluckt zu werden? Außerdem verrann die Zeit, wir hatten eine Verabredung einzuhalten. Zudem zogen schwarze Wolken auf und die SP 4 während eines Wolkenbruchs zu bewältigen erschien uns ausgeschlossen. Wir fuhren trotzdem noch ein Stückchen weiter, um eine Wendemöglichkeit zu finden. Und dann überraschte und die surreale Landschaft ein weiteres Mal: Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätscherte mitten in dieser Ödnis ein Wasserhahn in ein türkisfarben ausgemaltes Becken.

Auf einer Insel, die im Sommer vor Trockenheit fast zu Staub zerfällt, plätschert mitten im Nirgenwo Wasser in ein türkis ausgemaltes Becken.

Fast eine Stunde hatten wir für die zehn Kilometer auf der SP 4 gebraucht, genauso lange dauerte der Weg zurück. Corleone war nach diesem Ausflug genauso unwirtlich wie vorher und warum Reiseführer davon sprechen, dass es in der 11000-Seelen-Gemeinde vor Touristen wimmelt, blieb uns ein Rätsel. Immerhin blieb uns noch Zeit für ein kurzes Mittagessen. Streetfood pries die Bar an, aber unter Streetfood verstand der Inhaber ausschließlich Pizza. Und weil er einer der wenigen war, die überhaupt geöffnet hatten, verlangte er entsprechende Preise. Keine Ahnung, ob nur von uns oder von allen. Wir nahmen das einfach hin.

„Streetfood“ Corleonese

Später trafen wir uns dann mit einer Mitarbeiterin des Mafia-Dokumentationszentrums, die uns in immer wieder neuen und emotionalen Worten versicherte, dass Corleone heute nicht mehr das Corleone von früher sei und auch nichts zu tun habe mit dem Film, der den Namen der Stadt weltweit berühmt gemacht hat. Die Bewohner würden sich klar davon distanzieren. Sie wiederholte ein ums andere Mal, dass heute über das, was die Mafia über Jahrzehnte in Corleone, ganz Sizilien, auf der ganzen Welt angerichtet hat, offen gesprochen werde, dass Corleone seine Vergangenheit überwunden habe und dass nur eines helfe, dass es nie wieder zu einem Rückfall kommt: „Noi insieme“, wir alle müssten unseren Teil dazu beitragen, dass das Schweigen über die Existenz der Mafia nie wieder wie eine dicke Decke Corleone, Sizilien, die ganze Welt ersticke. Ben überzeugte das nicht. Die junge Sizilianerin wiederhole in Endlosschleifen Floskeln, ohne etwas Konkretes zu sagen, kritisierte er.

Im Mafia-Dokumentationszentrum in Corleone werden Akten des Maxi-Prozesses in Palermo aufbewahrt.
La Voce della Sicilia: Letizia Battaglia, erste Fotoreporterin Italiens, dokumentierte die Verbrechen der Mafia. Bilder von ihr dokumentieren im CIDMA die Brutalität der Morde und deren Symbolik.

Wir schauten uns dann noch eine Weile die Fotos Letizia Battaglias an, die wir am Vormittag in Palermo verpasst hatten. Die Bilder der brutalen Verbrechen mit ihrer grausamen Symbolik. Wir studierten die Namen auf den dicken Aktendeckeln. Und als wir dann wieder ins Freie traten, verabschiedeten wir uns von der Mitarbeiterin, die bereits wieder gelangweilt in ihr Handy starrte.

Allen Beteuerungen zum Trotz, Corleone wolle seine Mafia-Vergangenheit hinter sich lassen, werden noch immer die entsprechenden Touristen-Souvenirs verkauft.

Draußen wirkte Corleone auf uns noch immer unzugänglich, abweisend. Wir kauften noch ein paar Postkarten in einem kleinen Laden, dessen Inhaber wortlos das Geld entgegennahm. Aller Beteuerungen der jungen Mitarbeiterin im CIDMA zum Trotz gab es hier auch Mafia-Kitsch. Die Anmutung war so, als ob die Chefs hinter den geschlossenen Fenstern uns zurufen würden: „Non ne hai idea – Ihr habt doch keine Ahnung!“

„No ne hai idea!“

Auferstanden aus Ruinen

Fast 20 Jahre ist es jetzt her, dass ich das erste Mal nach Palermo kam. So wie es sich gehört, mit dem Schiff. Die einzig angemessene Art, um nach dort zu gelangen. Schon Stunden vor dem Einlaufen der Fähre aus Genua in den Hafen stand ich aufgeregt an der Reling, um nur ja nichts zu verpassen. Auch mich hatte Goethe mit seiner Italienischen Reise manipuliert, wie so viele andere vor mir,  hoffte auch ich, das zu sehen, was dieser Dichter 200 Jahre zuvor schon zu sehen vorgegeben hatte. Dunstig war es, selbst auf See drückte die Hitze, man sah gar nichts. Die Inselkapitale in ihrer ganzen Würde, die sich nur vom Meer her offenbart, die „Conca d’oro“ versteckte sich im Dunst. Der Mythos Palermos, der die Vielfalt, das Elend und den Reichtum Siziliens vereint, blieb versteckt in Dunstschwaden.

Wir gingen also an Land, ich ein wenig enttäuscht, Goethes Erfahrung nicht geteilt zu haben. Ängstlichkeit war unsere stete Begleiterin. Palermo, das war 2001, als es noch keinen Euro gab, die Stadt ganz weit weg, ganz tief im Süden, umflort von der gruseligen Magie des Begriffes „Mafia“. Palermo blieb sperrig. Spätestens um 20 Uhr war alles hochgeklappt, die Eisenrollos rauschten lärmend herab. Wir, die italophilen Deutschen, staunten, dass es so tief im Süden keinen abendlichen Corso gab, keine Bars, keine Cafés, keine Menschen, die die Straßen bevölkerten. Wie ausgestorben wirkte Palermo.

Palermo war zur Jahrtausendwende noch ein düsterer Mythos. Tags, als das Leben zurück kehrte auf die Straßen, der Verkehr wie wahnsinnig tobte, konnte es in dieser Stadt schnell passieren, dass der Tourist in zwielichtigen Gegenden strandete, den Blick dann stur gerade aus. Nur nicht auffallen. Als ob das durch Wegschauen möglich gewesen wäre. Pferde vegetierten damals noch in  dunklen Verschlägen der Erdgeschosse der vielstöckigen Mietshäuser in der Altstadt. Archaisch mutete das an, fremd, befremdlich. Dazwischen Trümmer, noch von den Bombardements des Zweiten Weltkriegs. Und dann, ganz unvermutet, schon damals wie auferstanden aus diesen Ruinen, die herrlichen Baudenkmäler aus allen Epochen. Der Normannenpalast, die Kathedrale, die Quatro Canti, damals natürlich noch ein wichtiger, lauter, abgasgeschwängerter, umtoster Verkehrsknotenpunkt. Der Spaziergang zu Lo Spasimo glich einem Wagnis sondergleichen, verrucht trifft die damals zu durchquerenden Quartiere nur dürftig.

Cattedrale di Palermo
Baudenkmäler aus allen Epochen zieren Palermo, hier die Kathedrale, das einzige christliche Gotteshaus der Welt, das mit einer Koransure geschmückt ist.

Ich war nach 2001 noch mehrmals in Palermo, immer das Gleiche, seit zehn Jahren aber nicht mehr. Jetzt war ich wieder dort. Ich kam nicht mit dem Schiff an, sondern ganz profan, mit dem Bus aus Catania. Nicht die „Conca d’ora“ breitete sich vor mir aus, sondern die „Conca di cemento“, wie die trostlosen Betonquartiere der Außenbezirke genannt werden, mit denen vermutlich die Mafia ihr Geld wusch. Fast sprachlos war ich, als ich das mythenreiche Palermo — allgemein und privat — ganz neu entdeckte. Ich staunte. Die fünftgrößte Stadt Italiens ist heute eine quirlige, quicklebendige Metropole, bunt, aufregend. Dort, wo vor 20 Jahren erbarmungswürdige Pferde ihren Stall hatten, sind heute kleine Geschäfte, Designerläden, und die Quatro Canti sind Fußgängerzone. Der Spaziergänger muss sich nicht mehr in Lebensgefahr begeben, wenn er vom Mittelpunkt aus die Kreuzung des Corso Vittorio Emanuele mit der Via Maqueda erleben will. Diese Verkehrsachsen sind allesamt Fußgängerzonen, mit Betonquadern abgesperrt, die aber bunt bemalt. Fremd wirkt durch diese plötzliche Wandlung, durch die Verbannung des irrwitzigen Verkehrs, die Stadt auch jetzt, fast ein wenig wird sie zur Kulisse für dieTausenden Touristen, die anstelle der Autos heute die Straßen verstopfen. Auch das wirkt ein wenig enttäuschend, aber nur für einen Moment der Nostalgie. In der nackten Realität war es die Mafia, ihre grausamen Morde und Verbrechen, die früher Palermo zu einer Untoten machten.

 

Sparkling Palermo
Tatsächlich zeigt Palermo heute noch Widersprüche. Licht und Schatten finden sich auf einem Platz, einer Gasse, ja in einem Haus. Wer durch die Viertel um den Corso Vittorio Emanuele und die Via Maqueda streift, stößt auf liebevoll restaurierte Barock-Paläste und herrliche Stadtgärten. Und inmitten dieses Überschwangs versprüht der Brunnen auf der Piazza Pretoria.

Tatsächlich zeigt Palermo heute noch Widersprüche.  Licht und Schatten finden sich auf einem Platz, einer Gasse, ja in einem Haus. Wer durch die Viertel um den Corso Vittorio Emanuele und die Via Maqueda streift, stößt auf liebevoll restaurierte Barock-Paläste, herrliche Stadtgärten, quirlige Trattorien und das besagte, heute blühende Kulturzentrum in der Kirche Santa Maria dello Spasimo, das früher nur mit einem flauen Gefühl im Magen zu erreichen war.

Und dann, eine Ecke weiter, öffnet sich ein Bild des Verfalls, als habe da ein apokalyptischer Reiter die Kulisse entworfen. Da stehen Häuserruinen noch so, wie sie die alliierten Flächenbombardements 1943 zurückließen, da hängen verrottete barocke Balkongitter vor vermauerten Fenstern, sind Fassaden mit Drahtgitter überspannt, damit keine Brocken auf die Straße fallen. Etliche Häuser sind ganz eingerüstet – nicht weil sie renoviert werden, sondern damit sie nicht einstürzen.

Streetart in Palermo
Und dann, eine Ecke weiter, öffnet sich ein Bild des Verfalls, als habe da ein apokalyptischer Reiter die Kulisse entworfen. Da stehen Häuserruinen noch so, wie sie die alliierten Flächenbombardements 1943 zurückließen. Für Streetart-Künstler eine willkommene Leinwand.

Leoluca Orlando, Palermos Bürgermeister, hat es geschafft, dass es in Palermo jetzt nicht nur Schatten, sondern auch viel Licht gibt. Zwischen 1985 und 2000 hat er bereits drei Mal regiert. Jetzt wieder, noch bis 2022. Dabei gelang es ihm, vom Kommunalpolitiker zum Mythos zu werden. Orlando wurde Heldengestalt im Kampf gegen die Mafia, das Symbol des „Frühlings von Palermo“, der gute Pate der verwahrlosten Metropole Siziliens. Er hauchte der fatalistischen Stadt Hoffnung ein. Er ließ Kirchen und Paläste renovieren, Parks anlegen, Straßen beleuchten, Museen eröffnen und schaffte so heile Inseln in der von Armut und Verfall zerfressenen Altstadt. Und er hämmerte den Menschen ein: „Die Mafia ist nicht eure Identität – sie pervertiert eure Identität.“ Die Cosa Nostra räumte ihm dafür den Spitzenplatz auf ihrer Abschussliste ein. „Wandelnde Leiche“ wurde er genannt.

Der aus altem Adel stammende Bürgermeister überlebte – zu seiner Überraschung. Seine Popularität habe ihn geschützt, besser noch als die Leibwächter. „Wenn ich in die Trabantenstädte zu den Menschen ging, und die Kinder kamen und umarmten mich, dann wagte es die Mafia nicht, mich zu töten.“

In Palermo  hat „u sinnacu“, der Bürgermeister,   seinen Zauber bis heute behalten. Das zeigt sich auf dem ältesten Straßenmarkt, dem quirligen Ballarò im Centro Storico. Im Gegensatz zur nahen Vucciria ist der Ballarò noch nicht zum Theatermarkt für Touristen geworden. Die Händler haben vor ihren höhlenartigen Läden aufgebaut, was die Menschen brauchen. Artischocken und Turnschuhe, Käse und Jeans, Klopapier, Bier, Rindsleber und Handtaschen. Markisen und Plastikplanen hängen so dicht über den gewundenen Gassen, dass kaum Sonnenlicht eindringt. Die Sizilianer haben Angst vor der Linken, das zeigen die Wahlergebnisse regelmäßig. Aber Leoluca Orlando wählen sie trotzdem. Immer wieder. Auch wenn nach 2022 erst mal wieder Schluss sein wird, denn mehr als zwei zusammenhängende Wahlperioden gibt das italienische Wahlrecht nicht her.

Und für eine weitere große Sache steht Orlando, in Zeiten, in denen ganz Europa ernsthaft darüber diskutiert, im Mittelmeer Menschen ertrinken zu lassen. U sinnacù steht für eine Willkommenskultur alla siciliana. Es heißt, er begrüßt die Flüchtlinge in seiner Stadt persönlich. Keine andere Stadt in Europa hat so viele Flüchtlinge wie Palermo aufgenommen — trotz ihrer eigenen immensen Probleme, die als einfache Ausrede gelten könnten.

Es gibt noch viel zu tun in Palermo, immer noch. Dennoch: Vor 20 Jahren war Palermo eine Stadt der Angst. Heute ist es eine Stadt mit Ambitionen. Will wieder zu dem wirtschaftlichen und geistigen Zentrum des Mittelmeerraums werden, das es in der Geschichte schon war, etwa unter dem Staufer-Herrscher Friedrich II.