Stille

Danach sehne ich mich, wenn ich in Deutschland bin: nach der Mittagsruhe in Sizilien. Wenn so gegen 15 das letzte Geklapper der Töpfe, in denen das Mittagessen, gekocht wurde, verhallt ist. Wenn die Kinder in der Gasse der Müdigkeit, die sie plötzlich überfällt, weil sie gegen ihren Mittagsschlaf anbrüllen, Tribut zollen müssen. Wenn es plötzlich ganz still ist draußen.

Es fasziniert mich, wie das Leben hier in Sizilien jeden Tag aufs Neue Pause macht, mitten am Tag. Einfach so. Wie die Straßen von einem Moment auf den anderen verwaisen. Wie die Geschäfte mit Stahlrollos verrammelt werden, wenn der letzte Kunde hinauskomplimentiert worden ist. Nur um dann zwei, drei Stunden später wieder aufgesperrt zu werden.

Die Piazza Mazzini ist in diesen Stunden einsam. Niemand will sich auf einer der Bänke niederlassen. Die Kinderschaukel, um die abends lautstark gestritten wird, wiegt sich jetzt sanft im Wind.

Die Stille hat ihre eigene Kraft. Niemand würde jetzt einen Staubsauger in die Hand nehmen oder etwas anderes, das laut ist. Die Geräusche würden vervielfacht werden in diesem Meer ohne Dezibel.

Wenn sich die Ohren an die Geräuschlosigkeit gewöhnt haben, strengen sie sich an und nehmen langsam die feineren Töne wahr. Die Vorhänge, die sich im Wind bauschen. Das Getschwitscher eines Vogels irgendwo. Ganz weit weg in der Ferne leises Grummeln des Donners.

Die Augen machen es sich da einfacher. Sie werden über dem Buch schwer und fallen dann zu. Mittagsschlaf. Der dauert so lange, bis die erste Vespa die Abkürzung durch die Gasse nimmt. Und der erste Nachbar dem Fahrer seinen Ärger hinterher brüllt…

Zum Glück bin ich wieder in Sizilien.

2 Kommentare zu „Stille

  1. Ja, was für ein Glück auch für uns, deine Leser.
    So ein schöner Text, der mich direkt wieder in diese Sizilien-Stimmung versetzt, die du uns hier auf deinem Blog so anschaulich und gefühlvoll vermittelst. Ich sitze in Gedanken da bei dir und genieße die Stille. 😊
    Saluti aus dem geschäftigen Norden!

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