Orangenes Glück

Mein Winter in Deutschland war grau. Auch wenn die Sonne schien. Selbst die funkelnde Weihnachtszeit konnte daran nichts ändern. Die bunten Frühlingsblumen in meinem geschützten Garten, die früher denn je ihre Köpfe aus dem schneelosen Beet dem Licht entgegen reckten, hatten dem Grau nichts entgegen zu setzen.

Nein, ich bin über den Winter nicht in eine Depression abgetaucht. Obwohl die allgemeine Weltlage dazu ja allen Grund geben würde. Aber ich musste die dunkle Jahreszeit ohne meine geliebten Orangen aus Sizilien überstehen.

Viele Jahre lang gab es auf dem kleinen Wochenmarkt in meiner deutschen Heimatstadt Orangen vom Ätna. In Bio-Qualität. Die beiden Marktfrauen schwärmten jeden Samstag selbst in höchsten Tönen von den saftigen orangenen Früchten.

Ich war viele Jahre vermutlich ihre beste Kundin. Samstags gehörte der Einkauf auf dem Wochenmarkt zum festen Ritual und mit einer Wochenration meiner köstlichen Ätna-Orangen spazierte ich glücklich nach Hause. Über die Jahre erzählte ich den beiden Marktfrauen so manches über Sizilien, über die riesigen Orangenhaine, über den Vulkan, über die Menschen und teilte so manches Rezept mit ihnen.

Denn aus den Orangen presste ich nicht nur Saft, ich verwertete alles. Aus dem Fruchtfleisch, das beim Ausquetschen übrig blieb, kochte ich Marmelade, aus den Schalen machte ich Orangenreiniger oder trocknete sie, um sie später in einen Cocktail zu geben oder als Aroma ins Essen.

Fenchel und Orangen als Salat oder sizilianisches Orangenhühnchen, bei der Erinnerung läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Natürlich landeten die Orangen auch im Obstsalat. Und selbstverständlich aß ich die arance auch einfach so.

Im letzten Frühjahr dann kam das abrupte Ende meiner Liebesbeziehung mit den sizilianischen Orangen. Die Marktfrauen informierten mich, dass sie ihren Stand auf dem Wochenmarkt aufgeben müssten. Die Orangensaison war da bereits vorbei. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Zwar versicherten mir die Obsthändlerinnen, dass ihre Nachfolger die Orangen vom Ätna wieder anbieten würden im nächsten Winter. Immerhin, ein kleiner Trost, dachte ich. Auch wenn meine über die Jahre gewachsene Verbindung mit den angestammten Marktfrauen mir fehlen würde.

Als es Anfang vergangenen Dezember dann wieder soweit war und ich die erste Kiste sizilianischer Orangen bei den neuen Standbetreibern erspähte, blühte mein winterwundes Herz auf. Auch wenn mich die kleinen Früchte darin etwas stutzig werden ließen. Na ja, vielleicht hat in Sizilien Wasser gefehlt, machte ich mir selbst Mut. Obwohl ich nicht daran glaubte, denn wie viel es im vergangenen Jahr in Sizilien geregnet hatte, habe ich ja selbst erlebt.

Sei‘s drum, ich ließ meinen Einkaufskorb füllen und schaffte meine vitaminhaltigen Schätze nach Hause. Was dann kam, war die pure Enttäuschung: Aus den Orangen ließ sich kaum Saft pressen, viele der Früchte waren noch gar nicht richtig reif und geschmacklich hinterließen sie ein säuerliches Nichts.

Vor Weihnachten wagte ich dann noch einen zweiten Versuch, der ebenso kläglich scheiterte. Damit endete meine Liebesbeziehung mit sizilianischen Orangen. Hin und wieder behalf ich mich mit spanischen Exemplaren, die aber kein Ersatz waren. Frustriert räumte ich meine Orangenpresse in den hintersten Küchenschrank und fortan war mein Winter grau.

Jetzt bin ich nach Sizilien zurück gekehrt. Und weil ich in den vergangenen Jahren nicht im Frühjahr hier war und wenn, dann nur ganz kurz, hatte ich völlig vergessen, dass es hier in dieser Jahreszeit Orangen in Hülle und Fülle gibt. Manche Bäume sind noch prall gefüllt und an jeder Straßenecke gibt es arance fast geschenkt.

Meine Orangenpresse, die hier jahrelang im hintersten Eck des Schrankes ein Schattendasein geführt hatte, hat jetzt einen Ehrenplatz in der Küche. Ich habe schließlich einiges nachzuholen, solange ich hier bin…

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