Vacanze

Carmen, die auf der Piazza Mazzini eine Bar betreibt, in der ich hin und wieder frühstücke, hat seit ein paar Tagen eine Aushilfe: Gianna, ihre Tochter. Die ist zehn Jahre alt und hockt ein bisschen gelangweilt am hintersten Tisch. Als sie mir meinen caffè nach draußen bringt, frage ich das Mädchen, warum es nicht in der Schule sei. „Vacanze“, antwortet sie knapp und kehrt an ihren Tisch zurück.

Am 31. Mai hatte Gianna ihren letzten Schultag und der nächste wird erst Mitte September sein. Aus deutscher Sicht unvorstellbar lange Sommerferien.

Von dem Thema bin ich ja zum Glück nicht persönlich betroffen. Trotzdem befällt mich ein leises Schaudern, wenn ich mich zurück versetze in meine Zeit als voll berufstätige Mutter zweier schulpflichtiger Kinder.

Meinen Jahresurlaub legte ich großflächig in die sechs Wochen Sommerferien. Die Zeit verbrachten wir meist in Sizilien und es waren sorglose Tage in unserem Haus, am Strand oder bei Entdeckungsreisen auf der Insel.

Aber damit war das Problem nicht komplett gelöst, in Bayern sind ja vor allem im zweiten Halbjahr ständig Ferien, unterbrochen nur von ein paar Unterrichtswochen dazwischen. Organisierte Ferienbetreuung und Homeoffice gabs zu meiner aktiven Mama-Zeit auch nur sehr eingeschränkt.

Aber zurück zu Carmen: Als ich sie beim Bezahlen frage, wie sie das jetzt macht mit Gianna, schimpft sie los: viel zu lange Ferien und sie hat im Sommer dafür die doppelte Arbeit. Als ich von ihr wissen will, ob es keine Betreuung für berufstätige Eltern gibt, reagiert sie noch empörter: „Si, certo, ma costa!In Sicilia non c‘è niente gratis!“ Und das Geld reiche schließlich nie. Vielsagend schaut sie mich an.

Ich habe gelesen, dass diese ausufernden Ferienzeit in Italien ein Relikt aus dem Krieg sei. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Dass die Kinder in den dreieinhalb Monaten viel vom gelernten Stoff wieder vergessen, auch das habe ich irgendwo gelesen, scheint mir plausibel, aber auch hier weiß ich nicht, ob es wirklich zutrifft.

Dass das alles nicht mehr so gut funktioniert wie früher, kann ich mir schon eher vorstellen: berufstätige Mütter, Alleinerziehende, erodierende Großfamilien, Scheidungen, betagte Großeltern, die nicht mehr einspringen können. Ich habe sogar gelesen, dass manche Eltern im Sommer ihre Jobs kündigen, um die Kinder zu betreuen. Sollte das systembedingt wirklich zutreffen, wäre das skandalös. Ich frage mich, warum der italienische Staat das nicht ändert.

Ich habe Mitleid mit Carmen und all den anderen, die jetzt wieder schauen müssen, wo sie in den kommenden Monaten ihren Nachwuchs unterbringen. Denn der Urlaubsanspruch der Eltern hält ja auch in Italien nicht mit den Ferientagen der Kinder Schritt. Und wer wie Carmen selbstständig ist, hat gar keinen Urlaub und muss ohnehin schauen, in der Hauptsaison so viel Umsatz wie möglich zu machen, um über den Winter zu kommen.

Falls das mit den Ferien in Sizilien immer noch so ist, wenn ich mich in ein paar Jahren zur Ruhe setze, werde ich ehrenamtliche Leihoma. Mit meiner großen geborgten Enkelschar lasse ich’s dann so richtig krachen…😉

(Beitragsbild zur Verfügung gestellt von Pexels)

5 Kommentare zu „Vacanze

  1. Sehr spannend und vermutlich wäre das die Idee: Leihoma für die Ferien!
    3 Monate sind sehr lang, wobei es dann nicht mehr viele Ferien unterjährig gibt, wenn ich mich recht erinnere. In meiner Schulzeit in Bayern waren gefühlt alle Monate Ferien.
    Mein Mann erzählte mir, dass die Sommer so heiß sind, dass gar niemand lernen könne. Das 3-Monats-Modell durfte er damals in Albanien und in Italien erleben. Auf die Frage, wie seine Eltern das regelten, gab es nur eine Antwort: La nonna!
    Und wenn la nonna keine Zeit hatte, dann gab es noch gli zii. Großfamilien zahlen sich dann aus. Liebe Grüße, Eva

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    1. Liebe Eva, das mit der Hitze ist ein Argument. Eine befreundete Lehrerin in Bayern hat mir zu dem Thema berichtet, dass die Schulen dort spontan gar nicht mehr hitzefrei geben dürfen wegen der Aufsichtspflicht der Schulen. Das müsste dann schon Tage vorher angekündigt werden. Liebe Grüße aus Sizilien, wo der Sommer jetzt richtig Fahrt aufnimmt 🌞

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      1. Oh je, das stelle ich mir schwierig in der Umsetzung vor, liebe Martina: Zeigt die Wettervorschau an, dass es hitzefrei geben könnte, es dann aber doch nicht eintrifft, stehen vermutlich die Eltern auf der Matte. Gibt man kein hitzefrei aufgrund dieser Regelung, schreien wieder Eltern, dass das so nicht gehe. Der Lehrberuf ist wahrlich kein Zuckerschlecken.
        Liebe Grüße aus dem mäßig warmen Frankfurt und genieß den Sommer! Alles Liebe, Eva

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  2. Oh ja, Vacanze, welch schönes Wort für die Kinder, und welcher Stress für berufstätige Eltern. Das klassische Modell, mit dem auch mein Gatte aufgewachsen ist, den Sommer im Haus am Meer (eigenes oder das der Großeltern) zu verbringen, funktioniert nur noch für die wenigsten. Mein Kollege, sizilianischer Abstammung und in Norditalien aufgewachsen, fordert in der Kaffeepause zuweilen ein ganzjähriges (kostenloses) Betreuungsangebot seitens der Schule. Das wäre wie im Sozialismus, erkläre ich ihm dann immer. 😄 Ich muss aber sagen, dass es in unserer Gegend sogar viele verschiedene Sommercamps gibt: Kirche, Kooperative, Tennis, Musikschule, Kreativzirkel … alle bieten etwas an. Bleibt der Kostenpunkt. Da kommt eine anständige Summe zusammen, für Ganztagsbetreuung mit Mittagessen, Ausflügen usw. Wer mehrere Kinder hat … fährt dann selbst nicht mehr in den Urlaub. Von Leihomas (in Deutschland gibt es das, richtig?) habe ich hier noch nicht gehört, das wären schöne Initiativen. Ich fürchte nur, dass bürokratische Hürden solche privaten Initiativen vereiteln können. Na, du kannst ja dann berichten!😃

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    1. Ja, in Deutschland gibt es wohl Leihomas. Ich habe aber keine Ahnung, ob man dafür irgendwelche Bescheinigungen braucht, ich vermute es fast. In Italien stelle ich mir den Versuch, so ein Angebot zu etablieren, abenteuerlich vor. Ich hab ja noch einige Jahre, um die Sache anzugehen 😉 Liebe Grüße!

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