12.45 Uhr

Der letzte Sonntag im August gehört in Noto dem Stadtpatron San Corrado. Damit sind einige Änderungen der gewohnten Abläufe verbunden. Zum Beispiel der Fahrplan der navetta, das ist die innerstädtische Busverbindung nach Lido di Noto.

Mir war das nicht klar, als ich meinen Sonnenschirm und mich zum Busbahnhof geschleppt habe. An einem ultraheißen Sonntag, an dem il sole schon um 10 Uhr morgens gnadenlos vom Himmel brannte. Egal, wie voll es auf der spiaggia wäre, alles besser, als im Haus ohne Klimaanlage auszuharren. Das war zumindest mein Plan.

Weil es sonntags aber keine Parkplätze in Strandnähe gibt, beschloss ich, mit der navetta zu fahren. Das Busunternehmen heißt Caruso und sein Mini-Transporter wartete bereits an der Haltestelle. Bis zur Abfahrt um 10.15 Uhr waren noch ein paar Minuten Zeit. Die nutzte der Fahrer, nennen wir ihn Enrico, um seine Fahrgäste ausgiebig auf den Umstand hinzuweisen, dass heute wegen der festa San Corrado die ultimativ letzte Fahrt in Lido di Noto um 12.45 Uhr starte. Er ermahnte jeden und jede Einzelne, die auf Einlass in den Bus hofften.

Die Fahrgäste wurden immer mehr und Enrico war ganz in seinem Element. 12.45 Uhr, nicht verpassen, sonst müsse man die sechs Kilometer a piedi nach Noto zurück laufen, meinte er mit einem Grinsen. Den jungen Frauen, so meinte ich zu erkennen, erläuterte er den Sachverhalt besonders ausschweifend. Jedenfalls war die pünktliche Abfahrt längst verpasst. Aber Enrico ließ sich davon nicht abhalten, immer und immer wieder vor seinem Bus auf die letzte Fahrt an diesem Tag zu verweisen.

Um 10.30 Uhr setzte er sich hinters Steuer, um die Fahrkarten zu verkaufen. Auch da wieder und wieder der Hinweis, nur ja nicht den 12.45-Uhr-Bus zu verpassen. Und endlich startete er den Motor, denn die durch die Fahrplanänderung ohnehin verknappte Zeit am Strand verrann mittlerweile wie Sand zwischen den Fingern. Mit fast einer halben Stunde Verspätung setzte sich Carusos Mini-Bus also tatsächlich in Bewegung, die Mitfahrgemeinschaft atmete auf.

Am letzten Kreisverkehr am Stadtausgang dann allerdings eine weitere unerwartete Komplikation: Enricos telefonino klingelte. Dass die Anruferin erbost war, konnte der ganze Bus mithören. Was war passiert? Enrico hatte sie offenbar am Haltepunkt in der Stadt vergessen. Er sei abgelenkt gewesen, bat er um Entschuldigung, er habe sie nicht winken sehen.

Und man mag es kaum glauben: Er umrundete den Kreisverkehr lässig einmal, um dann zurück in die Stadt zu fahren, um die signora abzuholen. Direkt vor ihrer Haustür, Das nennt sich wohl Kundenfreundlichkeit auf Sizilianisch.

Der Rest der Fahrt blieb zum Glück ohne besonderen Vorkommnisse. Und für einen schnellen Sprung ins Wasser reichte die Zeit am Strand ebenfalls noch. Für viel mehr aber nicht, denn keinesfalls wollte ich den letzten Bus um 12.45 Uhr verpassen.

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