Briefmarken

Postkarten schreibt ja eigentlich kein Mensch mehr. Was ich persönlich sehr bedaure. Trotzdem schreibe auch ich keine mehr.

Meine Tochter ist da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Sie schreibt noch. So richtig mit Stift auf Papier. So wie neulich, als sie hier war. Kurz vor ihrer Abreise hat sie sich hingesetzt und an Oma, Patin und Freund*innen Grüße aus Sicilia verfasst. Nur Briefmarken hat sie keine gehabt.

Natürlich habe ich ihre Bitte nicht ausgeschlagen, die Karten zur Post zu bringen. Was ich allerdings erst mal tagelang verdrängt habe. Heute ist es mir siedend heiß wieder eingefallen. Schließlich geht’s für mich bald auch wieder zurück nach Germania.

Also schnell aufs Postamt, liegt ja auf dem Weg zum Strand, keine große Sache. Denkste. Nachmittags um 15 Uhr, an einem Mittwoch, geht wohl ganz Noto zur Post. Die große Schalterhalle war nämlich völlig überfüllt. Das kann dauern, befürchtete ich, nicht zu unrecht.

Also habe ich eine Nummer gezogen. Und beim Warten mal wieder eine sizilianische Oper erlebt. Die alten Männer, die sich rührend um mich gekümmert haben, waren allesamt sehr liebenswürdig. Sie haben mir quasi alles seit Entstehung der poste italiane haarklein und mit vielen Worten erklärt. Eben alles, was man über diese Institution im allgemeinen und besonderen wissen muss, weiß ich jetzt, nur nicht, wie das Nummernsystem mit seinen diversen Untergruppen funktioniert.

Ich wartete also und kam mir vor wie die Lottospielenden, die in den tabacchi gebannt auf die Bildschirme starren, in der Hoffnung, das jetzt gleich ihre Glückszahlen darauf erscheinen. Was sie natürlich nie tun. So war’s mit meiner Nummer auch. Sie wollte einfach nicht aufploppen.

Während ich also auf den Monitor starrte, wurde es plötzlich laut. Ein Mann, der auf dem Arm ein kleines Kind hatte, brüllte den Postbeamten hinter dem Schalter an. Der wollte wohl nicht so, wie der Kunde es erwartete. Als sich noch ein zweiter Mann einmischte, dachte ich, jetzt gibt’s gleich noch eine Schlägerei.

Meine Aufmerksamkeit wurde aber gleichzeitig auf einen weiteren Mann gelenkt, der völlig verzweifelt am Schalter nebenan gestikulierte. Sie wollten ihm sein Paket nicht geben. Ich habe keine Ahnung, was man in Italien braucht, um ein Paket ausgehändigt zu kriegen, weil ich hier nichts bestelle. Fakt war aber, dass der Mann den erforderlichen Nachweis nicht erbringen konnte.

Er weinte fast, als er sich neben mich setzte und auf der Suche nach dem documento durch sein telefonino scrollte. Aber er wurde einfach nicht fündig. Ich wollte ihm schon sagen, dass es doch eine Suchfunktion gibt, aber das wäre mir völlig übergriffig erschienen.

Während sich diese Dramen abspielten, blieben drei weitere Schalterbeamte völlig unbeteiligt. Obwohl sie präsent waren, bedienten sie keine Kundschaft und die gab es ja reichlich. Nie leuchtete an ihrem sportello eine Nummer auf. Keine Ahnung, auf welche Spezialaufträge die warteten.

So nach einer Stunde blinkte plötzlich meine Nummer auf dem Bildschirm auf. Meine alten Männer machten mich darauf aufmerksam, dass ich jetzt schnell in Richtung Schalter gehen müsse. Für den Rat bedanke ich mich überschwänglich und stand dann tatsächlich vor einer Postangestellten, die mich sogar sehr freundlich begrüßte.

Die Frau zuckte auch nicht, als ich sie um vier Briefmarken bat. Ich weiß jetzt, dass Postkarten nach Deutschland in der zona 1 frankiert werden. Preise stehen auf den francobolli nämlich gar nicht mehr drauf.

Jedenfalls stand die Frau hinter der Panzerglasscheibe einfach auf und verließ den Raum, nachdem ich meinen Wunsch geäußert hatte. Ratlosigkeit machte sich in mir breit und auch ein bisschen Verzweiflung, weil sie gar nicht mehr zurück kam.

Ich stand da also wie eine arme Sünderin. Und war erleichtert, als die Postfrau irgendwann doch wieder erschien, mit einem dicken Ordner in der Hand. Darin: Briefmarken aller Art und für alle Zonen. Herrlich.

Die signora entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Aber sie habe die francobolli erst aus dem Tresorraum holen müssen…

Einen Briefkasten gab es im und am Postamt übrigens nicht 😉

4 Kommentare zu „Briefmarken

Hinterlasse eine Antwort zu slingpress Antwort abbrechen