Umzugskartons

Ich fange an, mein Haus auszuräumen. Dazu bräuchte ich eigentlich ein paar Umzugskartons. Der Versuch, welche zu kaufen, ist heute kläglich gescheitert. Mal wieder so ein Erlebnis, im Baumarkt von den Angestellten lustlos durch die Regale gejagt zu werden. Schnitzeljagd auf Sizilianisch eben.

Um die Sache jetzt systematisch anzugehen, wäre es ohnehin viel zu heiß. 40 Grad machen derzeit aus jedem größeren Vorhaben eine ziemlich theoretische Angelegenheit. Aber ich öffne trotzdem Schränke, ziehe Schubladen heraus und entdecke in all den Habseligkeiten plötzlich Bücher, die früher jemand anderes gelesen hat, finde eine Handschrift, die ich schon jahrelang nicht mehr gesehen habe, stelle Dinge auf den Boden, die ein anderer ins Haus gebracht hat und frage mich: Brauche ich das noch?

Erstaunlich, was sich in einem Haus ansammelt. Auch wenn ich immer versucht habe, mein Hab und Gut hier schmal zu halten.

Geschirr, das man nie benutzt. Gläser, von denen keines zum anderen passt. Bücher, die man ganz sicher irgendwann noch lesen wollte. Möbel, die seit Jahren an derselben Stelle stehen, ohne dass man sich je gefragt hätte, ob man sie eigentlich noch mag.

Manches darf nach der Renovierung ganz sicher bleiben.

Mein schwarzes Ledersofa zum Beispiel. Und der Sessel dazu. Sie sind nicht sizilianisch, nicht besonders leicht und vermutlich würde kein Innenarchitekt sie für ein kleines altes Haus in Noto auswählen.

Ich schon.

Ich habe sie vor vielen Jahren gemeinsam mit meiner Mutter gekauft. Damals begann gerade ein neuer Abschnitt meines Lebens. Also bleiben sie auch nach der Renovierung hier.

Andere Dinge dagegen haben keinen solchen Grund. Sie sind einfach noch da. Übrig geblieben oder zurückgelassen.

Vielleicht ist das überhaupt eine der merkwürdigsten Eigenschaften von Dingen: Ihre bloße Anwesenheit verschafft ihnen mit der Zeit eine Art Bleiberecht.

Bei Menschen ist es manchmal ähnlich.

Es gibt Menschen, die begleiten uns eine Weile. Wir teilen mit ihnen Wohnungen, Reisen, Rechnungen, Urlaube und Zukunftspläne. Irgendwann hält man ihre Anwesenheit für einen festen Bestandteil des eigenen Lebens.

Und dann gehen sie.

Nicht, weil das Leben sie einem nimmt. Sondern weil sie sich dafür entscheiden. Das kann sich zunächst anfühlen, als hätte jemand mitten im eigenen Leben ungewollt ein Möbelstück weggetragen und ein großes Loch hinterlassen.

Man steht zuerst davor und denkt: Da fehlt doch etwas. Jahre später schaut man noch einmal hin. Und entdeckt: Das war gar kein Loch. Das war Platz.

Es dauert eine Weile, bis man das versteht.

Vielleicht liegt das daran, dass Trennungen gern nach dem Moment beurteilt werden, in dem sie passieren.

Dabei wäre die viel interessantere Frage doch eine andere:

Wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn dieser Mensch geblieben wäre?

Die Antwort darauf macht keine Sehnsucht.

Manche Beziehungen fordern mehr Raum ein, als einem gut tut. Nur merkt man das erst im Rückblick. Man trägt, organisiert, finanziert, gleicht aus, verzichtet hier ein bisschen und dort noch ein bisschen mehr. Wird vielleicht sogar ausgenutzt. Und irgendwann hält man dann diese Konstruktion ohne Fundament für Normalität.

Bis sie von einem Tag auf den anderen zusammenbricht. Was sich zunächst wie eine Katastrophe anfühlen mag, erweist sich später möglicherweise sogar als Glück.

Beim Ausräumen meines Hauses merke ich gerade, wie schön es ist, entscheiden zu können:

Dieses Stück bleibt.

Dieses darf gehen.

Das dort brauche ich nicht mehr.

Und manches muss ich nicht einmal selbst hinaustragen.

Manche Menschen haben diese Arbeit freundlicherweise schon vor Jahren selbst erledigt. Nicht jedem Menschen, der geht, muss man hinterherlaufen. Manchmal sollte man ihm einfach die Tür aufhalten.

Und sie anschließend fest schließen.

Das sind so die unerwarteten Gedanken, die mir beim Sichten meiner sizilianischen Habseligkeiten bei 40 Grad im Schatten kommen. Jetzt bräuchte ich halt nur noch ein paar Kartons, um die Sachen einzupacken, die im Haus bleiben dürfen.