Sistabenismo

Gestern, bei der Lektüre der Süddeutschen Zeitung, habe ich eine neue italienische Vokabel gelernt: sistabenismo. Erfunden hat das Wort wohl der deutsche Kunsthistoriker und Wahl-Italiener Golo Maurer, Leiter der Bibliotheca Hertziana in Rom, in seinem Buch „Rom. Stadt fürs Leben“. Das Buch habe ich zwar noch nicht gelesen, aber Marc Beise, der Autor des Zeitungsartikels, hat darüber geschrieben.

Die neue Vokabel, von der ich nicht weiß, ob sie auch von Italiener*innen verwendet wird, leitet sich ab von si sta bene, wörtlich: Es fühlt sich gut an. Freier übersetzt: Das wird schön. Es ist laut Zeitungsartikel der Code für das persönliche Wohlbefinden der Italiener*innen, für das es keine großen Dinge braucht.

Mir gefällt, dass meine Erfahrung, die ich regelmäßig in Sizilien mache, jetzt mal jemand erkannt und in akademische Worte gefasst hat. Ich erlebe das ja jedes Mal, dass ich hier im Süden nicht viel Materielles, generell nicht viel brauche, um mich wohl zu fühlen. Ich bin mit einem perfekten cornetto schon glücklich, freue mich über das schnelle Frühstück in der Bar oder einen faulen Nachmittag am Strand. Wohlgemerkt am immer selben und der wird in keinem Reiseführer als besonders toll hervorgehoben.

Wenn ich mir aber vorstelle, mich in Deutschland dergestalt downzugraden, weiß ich von meinem sizilianischen Blickwinkel aus, dass mir das nie gelingen würde. Etliche Versuche in den vergangenen Jahren sind kläglich gescheitert. Erklären kann ich mir es allerdings nicht, bin ich doch auch dort der selbe Mensch.

Liegt es an meinen Mitmenschen, die mich in ihren Sog der allgegenwärtigen Unzufriedenheit und Jammerei reinziehen? Liegt es an der fehlenden Sonne, die alles, auch das Unschöne, überstrahlt? Der Unfähigkeit, einfach mal pragmatisch abzuwarten? Oder an der Unsitte, die Arbeit über alles andere zu stellen? Ich weiß es nicht.

Was ich weiß: Demnächst wieder die ungläubigen und mitleidigen Blicke, wenn ich erzähle, was ich in den vergangenen Wochen in Sizilien gemacht habe oder vor allem eben nicht gemacht habe. Zum Beispiel irgendwelche sophisticated veganen ristoranti auszuprobieren. Oder Shopping in edlen Boutiquen. Oder teure Exkursionen auf den Ätna. Was man halt in Sizilien so macht, um sich die Urlaubslangeweile zu vertreiben.

Und wenn ich darüber erzähle, mich ganz auf der Insel niederzulassen, weil Deutschland mittlerweile nicht mehr mein Land ist, was die jüngsten Wahlergebnisse ja nur noch untermauert haben, werde ich in Deutschland regelmäßig mit dem Hinweis konfrontiert, dass in Italien ja eine Faschistin sogar an der Spitze der Regierung sei. Wo denn da der Unterschied sei.

Ja das stimmt, sage ich dann. Ja, die Versuche, den italienischen Staat umzubauen, die Pressefreiheit einzuschränken, bereiten auch mir Sorgen. Dennoch ist der Unterschied zwischen Italien und Deutschland gewaltig. Die deutsche Verbissenheit fehlt.

Denn die Gelassenheit, mit der man hier in Italien die Dinge zu nehmen weiß, auch wenn man kräftig über sie schimpft, führt, anders als derzeit in Deutschland, zu für Italien ungewöhnlicher politischer Stabilität. Und: meine Erfahrung sagt mir, dass die Postfaschisten gewählt wurden von Menschen, die selbst längst nicht alle so rechts sind wie die von ihnen Gewählten und denen ich einfach mal zutraue, dass sie das Experiment auch wieder beenden, wenn die Regierung in Rom zu ideologisch und zu wenig pragmatisch sein sollte. Überhaupt: Rom ist von Sizilien aus so weit weg, dass sich die Menschen hier kaum dafür interessieren.

Eine Zerreißprobe, wie der Aufstieg der AfD in Deutschland sie befürchten lässt, wird es in Italien deshalb wohl eher nicht geben, glaube ich. Sistabenismo eben auch in dieser Hinsicht.

Die Kunst zu überleben

Ich träume von einem kleinen Garten in Sizilien. In dem ich in der schweren Erde Tomaten anbauen könnte, Auberginen, vielleicht einen Olivenbaum hätte, Zitronen- und Orangenbäume, unter denen ich in der Mittagshitze dösen könnte. Eine kleine Hütte auf dem Grundstück wäre ebenfalls himmlisch, dann könnte ich dort auch manchmal übernachten oder ein kleines Fest an einer langen Tafel feiern.

Derzeit ist das nur ein schöner Traum, den ich mir erst erfüllen kann, wenn ich einst dauerhaft meine Zelte in Sizilien aufschlage.

Solange muss ich mich mit einer alten Zisterne auf der Dachterrasse begnügen, in die ich vor Jahren die Ableger einer Kaktusfeige oder richtiger Opuntia ficus-indica gepflanzt habe. Die erweist sich als Überlebenskünstlerin. Der prallen Sonne ausgesetzt, windumtost, oft monatelang ohne Wasser, in ausgelaugter Erde darbend.

Trotzdem schafft es meine Kaktusfeige Jahr für Jahr, standzuhalten. Jedes Jahr im Frühjahr blüht sie, bringt dann zwei oder drei Früchte hervor und aus den abgestorbenen Teilen sprießen regelmäßig neue Ohren. Wie sie das nur macht?

Es heißt, diese Pflanze sei besonders genügsam. Das kann ich nur bestätigen. Wenn mein Traum von einem kleinen Garten in Sizilien wahr werden sollte, bekommt meine Kaktusfeige dort auf jeden Fall einen Ehrenplatz!

Im Wasser

Ich war eine Woche im Urlaub. Wie früher, mit meinen Kindern. Nur dass die jetzt keine Kinder mehr sind. Deshalb musste ich am Strand auch nicht ängstlich beobachten, ob sie von der nächsten Welle mitgerissen werden.

Unter dem Sonnenschirm, vielmehr unter zweien, wir haben uns mittlerweile an unsere sizilianischen Freunde angepasst, und ausgerüstet mit einer riesigen Kühlbox voller panini, arancini sowie gut gekühlten Getränken, diversen Sportgeräten, Liegestühlen und anderen Dingen, die man halt so braucht, ging es eine Woche lang jeden Morgen an den Strand.

Während die Kinder im Wasser waren, habe ich schläfrig das Treiben dort beobachtet. Und mich wieder einmal darüber gewundert, dass Schwimmen hier keine Tradition hat. Zwar wimmelt es nur so von Menschen, aber die stehen einfach nur im Wasser rum und palavern. Die Jüngeren spielen vielleicht noch Volleyball, aber eigentlich labern auch die nur miteinander.

Gut, zu schwimmen ist im salziges Meerwasser wegen des Auftriebs nicht so einfach wie im Pool. Wenn man das ernsthaft betreiben will, muss man parallel zur Küste kraulen. Zumindest haben das meine Beobachtungen ergeben. Ganz selten macht das mal einer.

Aber letztendlich geht es wohl ums Rumstehen und Palavern. Das kommt mir ganz gelegen, denn ich bin keine großartige Schwimmerin.

Auch meine Kinder machen da im Urlaub gerne mit. Zu labern gibt’s ja viel, wenn man sich nicht mehr so oft sieht. Und das schöne daran ist, dass die Gespräche im Wasser irgendwie ganz leicht werden. So wie der Schwebezustand beim Seestern, bei dem man ohne oder mit nur geringer Bewegung von Armen und Beinen flach an der Wasseroberfläche treibt.

12.45 Uhr

Der letzte Sonntag im August gehört in Noto dem Stadtpatron San Corrado. Damit sind einige Änderungen der gewohnten Abläufe verbunden. Zum Beispiel der Fahrplan der navetta, das ist die innerstädtische Busverbindung nach Lido di Noto.

Mir war das nicht klar, als ich meinen Sonnenschirm und mich zum Busbahnhof geschleppt habe. An einem ultraheißen Sonntag, an dem il sole schon um 10 Uhr morgens gnadenlos vom Himmel brannte. Egal, wie voll es auf der spiaggia wäre, alles besser, als im Haus ohne Klimaanlage auszuharren. Das war zumindest mein Plan.

Weil es sonntags aber keine Parkplätze in Strandnähe gibt, beschloss ich, mit der navetta zu fahren. Das Busunternehmen heißt Caruso und sein Mini-Transporter wartete bereits an der Haltestelle. Bis zur Abfahrt um 10.15 Uhr waren noch ein paar Minuten Zeit. Die nutzte der Fahrer, nennen wir ihn Enrico, um seine Fahrgäste ausgiebig auf den Umstand hinzuweisen, dass heute wegen der festa San Corrado die ultimativ letzte Fahrt in Lido di Noto um 12.45 Uhr starte. Er ermahnte jeden und jede Einzelne, die auf Einlass in den Bus hofften.

Die Fahrgäste wurden immer mehr und Enrico war ganz in seinem Element. 12.45 Uhr, nicht verpassen, sonst müsse man die sechs Kilometer a piedi nach Noto zurück laufen, meinte er mit einem Grinsen. Den jungen Frauen, so meinte ich zu erkennen, erläuterte er den Sachverhalt besonders ausschweifend. Jedenfalls war die pünktliche Abfahrt längst verpasst. Aber Enrico ließ sich davon nicht abhalten, immer und immer wieder vor seinem Bus auf die letzte Fahrt an diesem Tag zu verweisen.

Um 10.30 Uhr setzte er sich hinters Steuer, um die Fahrkarten zu verkaufen. Auch da wieder und wieder der Hinweis, nur ja nicht den 12.45-Uhr-Bus zu verpassen. Und endlich startete er den Motor, denn die durch die Fahrplanänderung ohnehin verknappte Zeit am Strand verrann mittlerweile wie Sand zwischen den Fingern. Mit fast einer halben Stunde Verspätung setzte sich Carusos Mini-Bus also tatsächlich in Bewegung, die Mitfahrgemeinschaft atmete auf.

Am letzten Kreisverkehr am Stadtausgang dann allerdings eine weitere unerwartete Komplikation: Enricos telefonino klingelte. Dass die Anruferin erbost war, konnte der ganze Bus mithören. Was war passiert? Enrico hatte sie offenbar am Haltepunkt in der Stadt vergessen. Er sei abgelenkt gewesen, bat er um Entschuldigung, er habe sie nicht winken sehen.

Und man mag es kaum glauben: Er umrundete den Kreisverkehr lässig einmal, um dann zurück in die Stadt zu fahren, um die signora abzuholen. Direkt vor ihrer Haustür, Das nennt sich wohl Kundenfreundlichkeit auf Sizilianisch.

Der Rest der Fahrt blieb zum Glück ohne besonderen Vorkommnisse. Und für einen schnellen Sprung ins Wasser reichte die Zeit am Strand ebenfalls noch. Für viel mehr aber nicht, denn keinesfalls wollte ich den letzten Bus um 12.45 Uhr verpassen.

Kennedy

Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wo ich gelesen habe, warum die Sizilianer John F. Kennedy verehren. Vielleicht, weil er katholisch war. Jedenfalls gibt es hier ziemlich viele Bars oder Hotels, die nach ihm benannt sind. Und in Noto auch eine pasticceria, die diesen Namen trägt.

Noch im Juni war der Laden, der jeden Abend in der via Príncipe Umberto für ein größeres Verkehrschaos sorgte – die sizilianische Kundschaft parkte natürlich stets in zweiter Reihe direkt vor dem Eingang – nur ein paar Häuser von meinem Standort entfernt. Im Juli ist die Konditorei jedoch umgezogen, in die beste Lage auf der Partymeile hinter dem municipio.

Ich werde diese pasticceria wirklich vermissen. Nicht nur wegen des Gebäcks und der Eistorten, die wir dort an Geburtstagen oft geholt haben. Ich werde sie vor allem wegen ihres Flairs vermissen. Und wegen der Konditorin. Eine alte Sizilianerin wie aus dem Bilderbuch. Stets schwarz gekleidet, strenger Dutt und immer ein bisschen Mehl an Schürze und Rock.

Jetzt ärgere ich mich, dass ich sie nie gefragt habe, wie die pastericcia zu ihrem Namen gekommen ist. Kennedy grüßte, seitdem ich zum ersten Mal in Noto gewesen bin, von einer schon leicht verblichenen Neonreklame. Auch zwischen den vielen Bildern und Fotografien im Laden fand sich ein Bild des chararismatischen und doch etwas zweifelhaften Präsidenten.

Ich genoss es, in dem Laden zu warten, nicht nur, weil es kühl war. Sitzgelegenheiten gab es keine. Dafür überall etwas zu entdecken. Den unvermeidlichen Padre Pio und Mutter Teresa genauso wie Frida Kahlo. Historische Fotos, die vermutlich die famiglia zeigten und große Ölgemälde, deren künstlerische Qualität ich nicht einschätzen konnte.

Die Qualität des Gebäcks, dessen Duft aus dem Backofen schon auf der Straße das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, indes schon. Im Sommer stand das Fenster stets einen Spalt offen, so dass man die signora noch spät abends ihre biscotti formen sah.

Die leckersten hatten die Form kleiner Eistüten, verziert mit bunten Zuckerstreuseln oder Schokospänen. Herzen halb in rosa Zuckerguss getaucht. Der Teig so mürbe, dass er auf der Zunge zerging. Die signora nahm sich alle Zeit der Welt, ihre Schätze abzuwiegen und zu verpacken. Wortkarg war sie und es hat lange gedauert, bis sie mir manchmal zugelächelt hat.

Vorbei. Ein paar Bilder haben es an den neuen Standort geschafft. Die Leuchtreklame nicht. Auch nicht alle biscotti-Sorten. Die signora schaut ebenfalls nicht mehr aus der Backstube. Alles nur noch Erinnerung.

Dafür kann man jetzt in der pasticceria Aperol trinken und den neuen Inhaber auf TikTok folgen.

Pures Vergnügen

Wenn die goldene Abendsonne in einem Glas mit Aperol Spritz funkelt, die Eiswürfel darin klirren und das Kondenswasser auf dem kleinen Tisch der Bar Pfützchen bildet, ist das der schönste Moment in der kurzen Spanne zwischen Tag und Nacht.

Nirgendwo schmeckt mir der Aperitif so gut gut wie hier in Sizilien und jedesmal denke ich, wenn der Erfinder von jedem verkauften Glas nur einen Cent bekommen würde, würde er jeden Abend aufs Neue Millionär.

Seitdem mein Viertel Piano alto durch die vielen Tourist*innen so quirlig ist wie nie zuvor, haben die Bars hier oben auf der Piazza Mazzini auch abends noch auf. Dort, wo ich morgens frühstücke, kann ich abends noch einen Aperitif trinken. Besser geht’s nicht, spare ich mir doch die 150 Stufen der Treppenwand runter zum Corso, die in der Augusthitze eine wahre körperliche Herausforderung sind.

Morgens steht Carmen hinter dem Tresen der Night and Day-Bar, doch abends vertritt sie dort ihr Mann, Piero. Die bambini müssen schließlich auch in Sizilien irgendwann ins Bett. Normalerweise sitzen dann an den Tischen der Bar Männer, die nach der Arbeit vor dem cena noch schnell ein Bier trinken. Die Tourist*innen sind zu dieser Zeit lieber auf dem corso, um sich in das Defilée des Jahrmarkts der Eitelkeiten einzureihen.

Aperol muss Piero also hier oben nicht so oft servieren. Trotzdem erfüllt er meinen Wunsch, obwohl ich eine Flasche Aperol beim Bestellen nirgends entdecken kann. Aber auf meine Frage, ob er das im Angebot hat, meint er trocken: „Sí, certo!“ Ich meinte sogar, einen leisen Ton der Entrüstung zu hören.

Zuerst wollte ich die mit angeboten patatine und arachide nicht, aber das wäre ein Fehler gewesen. Außerdem wollte ich Piero nicht noch weiter beleidigen. Zum Glück habe ich nachgegeben…

Es dauerte ein bisschen, bis das Glas mit Aperol Spritz verheißungsvoll funkelte und die Cubetti di ghiaccio darin klirrten. Vermutlich musste Piero erst noch irgendwo eine Flasche organisieren. Und dann der erste Schluck…

…der war hart. Piero hatte wohl den Spritz vergessen und mir ein halbes Weinglas puren Aperols serviert. Gefühlt eine halbe Flasche. Weil ich aber einen sizilianischen barista nicht demütigen wollte mit der Frage, ob er nicht wisse, wie man einen Spritz mischt…

…deshalb hier vorsorglich das offizielle Aperol Spritz Rezept der International Bar Association (IBA) für alle Barkeeper, die heimlich meinen Blog lesen:

https://www.aperol.com/de-de/aperol-spritz-rezept/

Ich jedenfalls hab meinen Aperol pur tapfer ausgetrunken, mit ausreichend Chips und Erdnüssen ging’s schon. Obwohl das Getränk laut eigener Angabe des Herstellers „ein wahres Meisterwerk der Likör-Kreation“ ist und „einen raffinierten, ausgewogenen Geschmack“ biete, der nur dank der einzigartigen Mischung hochwertiger Früchte, Kräuter und Gewürze entstehe, konnte ich dem „frischen Geschmack, der seiner geheimen Originalrezeptur von 1919 bis heute treu geblieben ist“, nach dem zweiten Schluck keine Begeisterung mehr abgewinnen. Empfehlen kann ich die pure Variante jedenfalls nicht 😉

Augenwischerei

Ich kann nur noch die Augen reiben. Gerade mal zwei Monate weg gewesen und ich erkenne mein Viertel Piano Alto nicht wieder. Acht Wochen später und eine Luxuswelle muss hier durchgeschwappt sein. Wohin ich auch schaue: neue Galerien, Luxushotels und Nobelboutiquen in aufgelassen Kirchen. Architekturbüros und ein Innenarchitekt mit Monopolstatus. Ich komme mir vor wie Aschenputtel inmitten von Prinzen und Prinzessinnen.

Irgendwas muss ich verpasst haben. Irgendwelche content creators, die Noto zum neuen Capri oder Portofino erklärt haben. Mir kommt das vor wie eine Pandemie. Zuerst gibt es nur ganz wenige Erkrankte und plötzlich einen exponentiellen Anstieg.

Dass sich die Stadt mit dem zunehmenden Tourismus verändert und sich immer wieder mal Promis hierher verirrten, habe ich schon beschrieben. Aber jetzt scheinen alle Dämme gebrochen zu sein.

Konsumtempel: @santagatanoto

Mit Schrecken erinnere ich mich ans vergangene Jahr, als ich 38 Jahre nach meinem ersten Besuch auf Capri und mit schönen Erinnerungen im Gepäck einen Zwischenstopp auf der Insel eingelegt habe. Ich ärgere mich noch heute darüber. Nicht nur, weil die schönen Erinnerungen seither überlagert sind von grässlichen Touristenhorden jeglicher Couleur. Ich ärgere mich auch über die Abzocke und eine Mini-Cola für acht Euro. Das alles hat man meiner Ansicht nach Heidi Klum und Konsorten zu verdanken.

Geschmacksmonopolist: Samuele Mazza

Werden auch hier in Noto in die kleinen Werkstätten jetzt noch mehr Nobelshops und Galerien einziehen, so wie auf Capri? Wird Noto das Schicksal Taorminas erleiden? Fragen über Fragen…

Am besten lässt sich der clash of cultures am ristorante crocifisso ablesen: im Erdgeschoss das Sternelokal, die Etage darüber steht zum Verkauf. Dort oben schönster sizilianischer Shabby chic…

Ristorante Crocifisso

Weil sich, wie der Blick ins Buch der Inselgeschichte lehrt, auf lange Sicht in Sizilien nichts ändert, warte ich einfach ab. Auch diese Luxus-Pandemie wird irgendwann zu Ende sein. Den content creators wird schon wieder etwas Neues einfallen. Die modernen Besatzer werden wieder verschwinden, so wie Griechen, Normannen, Spanier und all die anderen vor ihnen.

Grenzerfahrung

So ein Aufenthalt auf einem Flughafen ist jedes Mal ein kleines Abenteuer. Kommt man mit den ganzen Taschen, die man als Handgepäck ins Flugzeug schleusen will, durch die Sicherheitskontrolle? Greift das Bordpersonal beim Einstieg doch noch ein und verfrachtet den Koffer in den Flugzeugbauch? Kommt man überhaupt pünktlich an? Fliegt das Flugzeug wie geplant ab? Fragen über Fragen…

Nun, diesmal hatte ich beschlossen, meinen kleinen Koffer aufzugeben, auch wenn es später in München länger dauern würde. Deshalb musste ich mich in die Schlange an der Gepäckaufgabe einreihen. In Catania ist das jedes Mal ein Geduldsspiel sondergleichen.

Ich treffe dort außerdem zum ersten Mal nach der sizilianischen Phase wieder auf geballtes Deutschtum, um es mal so auszudrücken.

In der Schlange vor mir Menschen, die sich wohl im Sizilienurlaub kennengelernt haben und sich jetzt, so kurz vor der Heimreise, noch die letzten Dinge erzählen müssen: von ihren jüngsten Expeditionen ins Münchner Umland.

Das eine Paar wollte wohl kürzlich einen kurzen Abstecher in die Schweiz machen (ist das eigentlich noch Münchner Umland?). Das lief wohl nicht so geschmeidig, wie ich unfreiwillig erfuhr. Die beiden wurden nämlich an der Grenze kontrolliert!!! Von den Schweizern!!! Hauptsächlich ging es wohl um die Frage, ob sie mehr als 10.000 Euro Bargeld dabei hätten.

Angesichts mangelnder Grenzkontrollerfahrungen in den vergangenen Jahren, ach Jahrzehnten, war das Paar ganz aufgeregt, wie sich die Frau erinnerte. Sie seien wegen ihrer fehlenden Reisepass-Vorzeig-Routine so in Panik geraten, dass sie und ihr Gatte gleich aus dem Auto ausgestiegen seien, so die überprüfte Deutsche weiter, die sich in diesem Moment regelrecht an ihren passaporte klammert, den sie bereits fürs noch stundenlang entfernte Einchecken in der Hand hält.

Catania

Die eidgenössische Grenzbeamtin sei darüber ein bisschen irritiert gewesen und habe darum gebeten, doch wieder einzusteigen, mischte sich der am Schweizer Grenzübergang identitätsgetestete Ehemann ein. Jedenfalls habe er auf die Frage nach den fünfstelligen oder noch höheren Bargeldreserven geantwortet „natürlich ned“. Also selbstredend hätten sie nicht soviel Bargeld dabei, habe er der Beamtin entgegen geschmettert. So überzeugend sei er gewesen, dass man grad noch so um das völlige Auseinandernehmen des Autos auf der Suche nach dem schwarzen Geld rumgekommen sei.

„Aber lästig war’s scho“, klagt die Frau. „Des will mer ja ned, dauernd diese Kontrollen. Des is ja a unangenehm“, kommentiert sie die Versuche der Eidgenossen, Finanzkriminalität zu vereiteln.

Weil die Schlange vor dem Schalter in Catania nur Millimeterweise vorankriecht, muss die nächste Geschichte erzählt werden. Es muss einfach immer weiter geredet werden, Schweigen beim Warten ist für diese Gruppe keine Option.

Man bleibt, weil‘s so bequem ist, gleich beim Thema Grenzkontrollen. Die in Deutschland viel zu lasch seien, kritisiert die Gruppe übereinstimmend. So könne ja jeder in die BRD einreisen, egal, ob man den jetzt da haben will oder nicht. Einfach jeder, der wolle. Es müsste deshalb viel stärker an der deutschen Grenze kontrolliert werden, „au wen‘g derer Flüchtlinge“, sind sie übereinstimmend überzeugt. Denn die könnten ja sonst einfach so mal easy peasy nach Deutschland reisen und dann einfach bleiben, bemängeln sie (möglicherweise sogar mit über 10.000 Euro Schwarzgeld im Handgepäck?) Wohin das führe, sehe man ja, wohin man nur schaue.

Was denn nun?, grüble ich, erstaunt über die gedankliche Flexibilität, die diese Menschen vor mir beim Thema Grenzkontrollen an den Tag legen. Aber noch so eine Geschichte? Ich gebe mein Handgepäck deshalb lieber doch nicht auf und verlasse die Schlange.

München

Gespaltene Persönlichkeit

Mir kommt es so vor, als ob ich ständig Kühlschränke leer machen und abtauen müsste. Nicht deshalb, weil ich etwa einen Putzwahn hätte, sondern weil ich mittlerweile in immer kürzeren Abständen zwischen meinen Welten pendle.

Konnte ich mir früher längere und dafür weniger Phasen in Sizilien einteilen, geht das jetzt nicht mehr. Das hängt mit dem Job in Deutschland zusammen, der Familie, den Freunden dort.

Aber so kann es auf Dauer nicht weitergehen, grüble ich vor mich hin, während ich die paar übrig gebliebenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank räume. Und das hat nicht nur mit der häufigen klimaschädlichen Fliegerei zu tun. Ich habe nämlich das Gefühl, nicht nur unnötig Lebensmittel wegzuwerfen, sondern viel mehr noch, nirgends mehr richtig dazu zu gehören. In Deutschland bin ich mittlerweile nämlich genauso auf der Durchreise wie hier.

Ausblick in Noto.

Das, was ich in meinen jeweiligen Abwesenheiten versäume, lässt sich, wenn ich in die jeweilige Stadt zurückgekehrt bin, oft nicht mehr nachholen. Nehmen wir die Überflutungen in Bayern von neulich. Ich hab das hier zwar mitgekriegt, aber weil ich es nicht selbst erlebt habe, kann ich die Erfahrung meiner Community in Deutschland nicht teilen. Das ist genauso, wie wenn ich in Deutschland von den grässlichen Unwettern hier in Sizilien erzähle, über die zwar manchmal in den Nachrichten berichtet wird, die aber für meine Familie oder meinen Freundeskreis in Deutschland völlig abstrakt bleiben.

Von Partys, Todesfällen, Geburtstagen, bei denen ich hier und dort fehle, ganz zu schweigen, ärgere ich mich beim Anblick der letzten Flasche Bier im Kühlschrank. Die kann bis zum nächsten Mal bleiben.

Oder, ganz banal: Nie ist das Kleid im Schrank, das man jetzt gerade so gut brauchen könnte. Nie hat man das Buch zur Hand, in dem man unbedingt etwas nachlesen müsste. Usw. usw.

Dinge, die für mich hier wie dort unverzichtbar sind, haben ihren dauerhaften Platz mittlerweile in einem Rucksack, damit ich sie nur ja nicht vergesse: Ladegeräte, Festplatten, Speicherkarten, sowas halt.

Mir fällt, während ich das Tauwasser aus dem Kühlschrank wische, keine Lösung ein, wie das anders werden könnte. Einen klaren Schnitt zu machen, das erscheint mir im Moment unmöglich zu sein. Das eine für das andere ganz aufzugeben, ist jedenfalls keine Option, sage ich mir entschlossen beim Auswringen des Lappens. Aber dieses schizophrene Leben erscheint mir auf Dauer auch nicht erstrebenswert.

Ausblick in Bayern.

Ich brauche einen neuen Kühlschrank, denke ich noch, als ich fertig bin. Der alte funktioniert einfach nicht mehr richtig. Das muss ich das nächste Mal erledigen.

Dann bleibt nur noch, das Haus für die kommenden Wochen einzumotten. Und ein paar Stunden später in Deutschland das Haus zu lüften und den dortigen Kühlschrank neu zu befüllen. Bis das Spiel in umgekehrter Richtung in ein paar Wochen von vorne beginnt.

Der geflickte Reifen

Was mir am sizilianischen Alltag richtig gut gefällt: Der Wille, Dinge zu reparieren. Ich denke, das liegt an den vorhandenen finanziellen Ressourcen der „normalen“ Leute. Das habe ich bei meiner Wasserpumpe erlebt und jetzt wieder bei meinem Reifenproblem.

Nachdem mir neulich nach der Reifenpanne der Autovermieter vorgeschlagen hatte, ich solle mit dem aufgezogenen Notrad bis nach Catania fahren, dann würden sie dort schauen, wie es weitergeht, wurde mir etwas flau im Magen. Auf der Autobahn, mit maximal 80 km/h und maximal 100 Kilometer? Durch sieben Tunnels? Darüber musste ich erst mal eine Nacht schlafen.

Die Vorstellung, mit dem Wagen in einem der Tunnels liegen zu bleiben, verschaffte mir Panikattacken. Da schien mir das Risiko, eine eigenmächtige Entscheidung zu treffen, das kleinere Übel zu sein. Die laut Google 700 Meter zum nächstgelegenen gommista würde mich der Fiat sicher irgendwie bringen.

Ich hoffte auf dem Weg dorthin, dass der passende neue Reifen vorrätig wäre. Wenn nicht, auch egal. So lange würde die Beschaffung ja sicherlich nicht dauern.

Beim Autofficina Mortilla angekommen, nahm sich Paolo, der junge Angestellte, meines Problems subito an. Der capo und ein Kunde schauten ihm interessiert zu und mich interessiert an. Natürlich fragten mich die Männer, wo ich herkäme. Als sie Deutschland hörten, war der capo ganz begeistert, denn seine Eltern leben wohl schon seit 60 Jahren in der Nähe von Heidelberg.

Unterdessen hatte Paolo den kaputten Reifen aus dem Kofferraum geholt. Ich vermutete, zum Wegschmeißen. Aber er pumpte ihn auf und tauchte ihn in eine Vorrichtung mit Wasser. Logisch, dachte ich mir. Wie beim Fahrrad.

Dann ging alles ganz schnell: Paolo zog den Reifen wieder auf, stach mit irgendwas hinein und flickte das Leck wohl mit diesem Handgriff. Der andere Kunde erklärte mir die Details: Wenn das Loch an der Seite gewesen wäre, hätte man ihn nicht reparieren können. Aber in meinem Fall: „Nessun problema!“

Paolo versorgte dann auch noch das Notrad und packte es wieder in den Kofferraum. Das ganze Prozedere dauerte keine 15 Minuten und kostete ebensoviel. Ich konnte den capo gar nicht mehr fragen, ob er in Deutschland aufgewachsen ist.