Sizilianisches Hörspiel

Irgendwann musste es ja mal passieren: ich liege mit einer Erkältung flach. Ich schaue also ermattet den Vorhängen zu, wie sie sich im Wind bauschen und leide ein bisschen vor mich hin. Zum Glück läuft unten auf der Gasse seit Stunden ein unterhaltsames sizilianisches Hörspiel. Und das heißt: Fenster streichen.

Eigentlich ist das ja eine ziemlich unaufgeregte Tätigkeit: alten Lack abkratzen, neue Farbe drauf und fertig. Mehr als eine Person braucht man für diese Arbeit nicht. Glaube ich mit meinem deutschen Pragmatismus.

Aber wir sind ja in Sizilien. Unvorstellbar, dass hier ein Mensch ganz für sich alleine dieses Fenster streichen und, sagen wir, an einem Vormittag fertig werden würde.

Es braucht hier mindestens vier Personen, die schon frühmorgens lautstark dabei helfen, eine Trittleiter in Position zu bringen. Das hört sich zunächst so an, als ob ein riesiges Gerüst aufgestellt werden würde, obwohl das Fenster im Erdgeschoss liegt. Außer einer viel zu hohen Leiter braucht es für dieses Projekt auch viel Palaver, um die Lackierung vorzubereiten.

Zuerst erfahre ich unfreiwillig, weil lautstark, alles über die Geschichte des Hauses, das noch gar nicht so alt ist. Dann wird detailliert besprochen, wie die anstehende Aufgabe zu lösen sei. Weil ja jederzeit etwas fehlen könnte, parken zwei Pkw in der an sich für Autos viel zu kleinen Gasse, so dass für Fußgänger kein Durchkommen mehr ist. Die sorgen dann jeweils mit ihrem Geschimpfe für die notwendige Prise Drama in diesem Hörspiel.

Die Aufregung um dieses eine Fenster ist jedenfalls irgendwann riesig. Jetzt kommen auch alle Nachbarn und wollen ihren Senf dazu geben. Jeder weiß zum Thema Maler- und Lackierarbeiten was anderes zu sagen.

Der Vormittag ist irgendwann schon weit fortgeschritten. Passiert ist aber offenbar noch nicht viel. Nur die Leiter steht jetzt wie eine Eins, jedenfalls höre ich nicht mehr, dass für sie der perfekte Standort gesucht werden muss.

Was folgt, ist erst einmal eine dreistündige Mittagspause, in der aber weiter lautstark gefachsimpelt wird. Männer unter sich. Begleitet wird dieser Diskurs vom Geklapper des Geschirrs. Und alle möglichen anderen Themen werden außerdem verhandelt, angefangen beim Wetter, über das Essen bis hin zu den Enkelkindern.

Schließlich stört die Signora des Hauses die Runde. Was sie zu der Truppe gesagt hat, bleibt für mich allerdings im Dunkeln. Aber schon kurz darauf fahren die beiden Autos weg. Es wird still. Lösungsmittel wehen zu mir ins Zimmer. Also wird das Fenster heute doch noch gestrichen.

Multiple Persönlichkeit

Sizilien ist und bleibt auch im 21. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht ein Mysterium. Die exzessive Heiligenverehrung gehört dazu.

Da gibt es außerhalb Avolas, direkt an der SS115 diesen Bildstock mit einer Figur des Heiligen Sebastian. San Sebastiano. Mir ist diese kleine Kapelle schon vor längerer Zeit aufgefallen, weil ich oft daran vorbeigefahren bin. Denn dort werden nicht nur Blumen abgelegt. Dort hängen auch regelmäßig Kleidungsstücke am Gitter der Votivkapelle.

Jetzt habe ich mir dieses Szenario aus der Nähe angeschaut. Da liegen Unmengen an Blumen und Kleidung, hauptsächlich in Kindergröße. Im Gitter, hinter dem die Heiligenfigur eingesperrt ist, stecken unter anderem eine Brille und das Foto eines jungen Mannes. Rosenkränze, logisch, garnieren dieses Stillleben, das mir Rätsel aufgibt.

Die Fakten lassen sich leicht recherchieren. Wobei ich auch da ins Staunen gerate: ich hätte nicht gedacht, dass diese unscheinbare Kapelle am Straßenrand noch heute eine solche Bedeutung für die Menschen in Avola hat.

Früher sind die Männer wohl nackt, nur mit einer roten Schärpe bekleidet, zu dieser Kapellen gepilgert. Mittlerweile tragen sie zur Schärpe immerhin weiße Kleidung. Gehuldigt wird in Avola einem Heiligen, dem die Menschen multifunktionale Kräfte zuschreiben, die mitten im Jetzt wirken sollen. Unter anderem gilt er als durchbohrtes Vorbild der Sportler.

Der Märtyrer ist auch Schutzpatron der Sterbenden, Bogen- und Armbrust- Schützen, Schützengilden, Soldaten, Kriegsinvaliden, Büchsenmacher, Eisen- und Zinngießer, Steinmetze, Gärtner, Waldarbeiter, Gerber, Töpfer, Bürstenbinder und Leichenträger; er soll auch helfen gegen Pest und Seuchen, Geschwüre, Infektionen, Wunden und wer ein krankes Kind hat, ruft ebenda seinen Beistand. Seit einigen Jahren soll er auch gegen Aids wirken.

In Avola scheint man dem Märtyrer zu vertrauen. Soweit, so gut. Ich könnte das Ganze ja als Folklore abtun. Aber die Gegenstände, die Menschen hierher bringen, sprechen irgendwie eine andere Sprache. Eine Sprache, die ich allerdings ebenso wenig verstehe, wie Sizilianisch. Und vermutlich kann man sie ebenso wenig lernen. Man muss sie mit der Muttermilch aufsaugen.

Africa

Was mich in Sizilien immer wieder erstaunt, ist der Umgang mit den baulichen Hinterlassenschaften der Faschisten. Von außen betrachtet scheint das recht unaufgeregt zu sein. Wenn ich an die Kontroversen denke, die in Deutschland zu diesem Thema geführt werden… dort gibt es kaum ein Areal, das von den Nationalsozialisten bebaut wurde, das heute nicht für Besucher dokumentiert und eingeordnet ist. Und das finde ich auch gut so.

In Siracusa bin ich jetzt auf ein Denkmal gestoßen, das mich ratlos zurück lässt: il Monumento ai caduti italiani d‘Africa. Ich bin bisher auf dem Weg zu meinem Sprachlehrer immer mit dem Auto achtlos daran vorbei gefahren. Weil ich zurzeit aber von der Bushaltestelle ein Stück zu Fuß gehen muss, habe ich mir das Monstrum aus der Nähe angeschaut. Auch nach eingehender Betrachtung habe ich keine richtige Erklärung dafür gefunden. Politisch korrekt schien es mir jedenfalls nicht zu sein.

Ich habe Salvo, meinen Italienisch-Lehrer, gefragt. Der pensionierte professore hat mir deshalb ein bisschen Geschichtsunterricht gegeben. Das monumento ist tatsächlich ein Relikt der faschistischen Epoche und war 1938 ursprünglich als „Geschenk“ für die Stadt Addis Abeba gedacht. Sie war das Zentrum der Kolonie Africa Orientale Italiana, die von 1936 bis 1941 Teil des faschistischen Königsreichs Italien war, das sich diese Gebiete im Zuge des Abessinienkrieges völkerrechtswidrig angeeignet hatte.

Bei ihren Eroberungsfeldzügen schenkten die italienischen Kriegsherren den Menschen in Äthiopien nichts. Sie schreckten nicht vor dem Einsatz von chemischen Massenvernichtungswaffen zurück und etablierten ein Terrorregime, zu dem politische Säuberungen, die Ermordung verschiedener Bevölkerungsgruppen und ein rassistisches Apartheidssystem gehörten. Salvo empfahl mir dann noch einen Roman von Francesca Melandri, in dem das italienische Äthiopien-Trauma literarisch aufgearbeitet wird: „Sangue giusto“.

Jedenfalls schaffte es das „Geschenk“ nicht nach Addis Abeba, im Juni 1940 war Italien in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Bis 1952 verlieben die Einzelteile in einem Schiffsrumpf – bis sich sein Schöpfer, ein Künstler aus Firenze, daran erinnerte und auf die Realisierung drang. In Siracusa.

Bis es soweit war, dauerte es aber noch. Es gab auch hier Diskussionen. Warum also letztendlich doch dieses Denkmal, das erst in den 1960er Jahren errichtet wurde? Salvo erwähnte, dass die Teile zunächst ewig in einem Lager in Siracusa verstaut waren, ehe sie auf der Piazza dei Cappuccini aufgebaut wurden, quasi direkt an der Küste mit Blick nach Afrika. Als ob das nicht genug wäre, sind auf dem Sockel auch noch die Namen der Orte verewigt, an denen 1935 und 1936 die Kämpfe stattfanden. Aber eine Antwort auf meine Frage gab er mir nicht.

Mit den Jahren verkam das Monument, der öffentliche Zugang wurde verboten. Ende des vergangenen Jahrtausends dann wurde der Platz aufgehübscht, unter anderem mit einem Kinderspielplatz zu Füßen der Krieger. Außerdem wurde das Bauwerk zur Erinnerung an zwei weitere kriegerische Ereignisse genutzt: an die italienischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in Afrika ihr Leben ließen und an den gesunkenen Dampfer Conte Rosso, der im Mai 1941 in den siracusanischen Gewässern sank. Mit ihm ertranken 1297 Menschen.

Etwas hat mir Salvo noch erklärt: die Bedeutung, die der Hafen in Siracusa während der italienischen Kolonialzeit hatte. Er spielte damals eine Schlüsselrolle beim Waren- und Truppentransport nach Ostafrika.

Vielleicht kann man in einer geschichtsträchtigen Stadt wie Siracusa nicht alles dokumentieren. So steht eben das fragwürdige Kolonialdenkmal genauso unkommentiert im Straßenraum wie der Apollontempel. Ein kurzer Hinweis muss offenbar reichen.

Unter den Wolken

Es ist schon ein außergewöhnlicher Juni hier in Sizilien: Der Sommer lässt weiter auf sich warten. Die vielen Tourist*innen, die in der Stadt sind, werden langsam ungeduldig. Sie wollen mare e sole. Ist das hier nicht die Insel der Sonne?

Ist sie nicht, nicht in diesem Juni jedenfalls. Ob sich das noch ändern wird, solange ich hier bin, weiß ich nicht. Denn wenn sie in Sizilien etwas nicht können, dann sind es Wettervorhersagen. Das ist wie ein Blick in die Kristallkugel: Fünf Apps, fünf Prognosen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die reichen je nach Wetter-Wahrsager*in von 34 Grad und Sonne pur bis hin zu schweren Unwetterwarnungen mit Gefahr für Leib und Leben. Da hilft nur der Blick aus dem Fenster.

Und abends in den Himmel. Experten könnten aus den Wolkenformationen sicher aufschlussreiche Erkenntnisse ziehen: Hochdruck, Tiefdruck, was auch immer der nächste Tag an Wetterkapriolen bringen mag.

Ich hingegen staune in meinem Wetter-Observatorium auf der Dachterrasse einfach nur, wie der schwindende Tag mit seinem Wasserfarbkasten aus Licht und Schatten die schönsten Wolkenfresken ins Himmelsgewölbe pinselt.

Die Treppenwand

Mein Aktionsradius ist etwas eingeschränkt: Ich habe derzeit kein Auto. Also bin ich hauptsächlich zu Fuß unterwegs. Während sich mein Schrittzähler über diesen Umstand jeden Tag aufs Neue freut, überlegt sich mein Kopf allerdings genauso oft, was er meinem Körper zumuten will. Denn zwischen meiner Bleibe in Noto alta und den Vergnügungen im Centro storico steht die Treppenwand. So heißen in meiner Familie 149 Stufen, die es in sich haben.

Jede Expedition nach unten in die gute Stube der Stadt will also gut überlegt sein. Aber meistens siegt dann doch die Abenteuerlust über die Faulheit. Also los!

Zuerst ist alles ganz einfach, es geht ja von den nördlichen Stadtteilen bergab in Richtung Süden. So erreicht man beschwingt die Treppe. Auch nach vielen Jahren ist es jedesmal beeindruckend, wenn sich dort nach der zweiten Kehre die Rückseite der Kathedrale mit ihrer Kuppel auftut: eine Verheißung der überwältigenden Schönheit Notos. 31 Stufen abwärts sind es bis dahin.

Lockeren Schritts geht es nach einer kurzen Schaupause geradeaus 118 Stufen weiter abwärts. Seit einiger Zeit gibt es auf halber Treppe, quasi als Biwak in der Wand, eine Bar. Abends liegen hier Kissen auf den Stufen. Manchmal treten in dieser Location, die sich „Secret“ nennt, auch Bands auf. Mir persönlich ist die steinerne Stiege zum Verweilen aber zu unbequem.

Unten angekommen, lohnt sich schnell ein Blick zurück, denn jedes Jahr werden die Absätze der Stufen zum Motto der Infiorata im Mai beklebt, woraus sich dann ein eindrucksvolles Bild ergibt. Diesmal wird in der ganzen Stadt das Kino gefeiert.

Ja, und dann? Downstairs: Rauf auf den Corso, bummeln, was trinken, schauen, staunen, sich amüsieren. Und etwas später: Froh sein, dass es abends noch kühl ist. Bloß nichts Schweres einkaufen. Beim Aperitif maßvoll bleiben. Nicht zu viel essen. Und schließlich: Einfach nicht dran denken, dass der Rückweg durch diese Südwand kein leichter sein wird.

Das Hindernis muss schließlich upstairs wieder durchstiegen werden. Je nach persönlicher Verfassung, Schuhwerk, Ausrüstung und klimatischen Verhältnissen kann sich das wie die Besteigung der Eiger Nordwand anfühlen. Beängstigend. Anstrengend. Unmöglich. Aber es hilft ja nichts. Andere Gipfelrouten wären länger und die Höhenmeter müssen so oder so bewältigt werden. Also dann doch lieber die Direttissima.

Wie damals bei den Versuchen, die Eiger Nordwand zu bezwingen, gibt es auch in der Treppenwand Voyeure, die mit einem kühlen Getränk in der Hand die Anstrengungen auf der gnadenlosen Stiege verfolgen. Also jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Kräfte einteilen, in der Seilschaft den eigenen Rhythmus finden. Auf gar keinen Fall keuchend durch das Biwak in Höhe der Bar klettern. Sich bloß keinen Fehltritt leisten. Nicht abstürzen. Locker muss es aussehen, unangestrengt. Souverän.

Vor Entkräftung niedersinken kann man nach der Kehre immer noch. So viel Selbstachtung muss sein.

Das Fenster zur Welt

Vor meinen Fenstern in Sizilien sind hübsche Balkone. Einer wird morgens von der Sonne beschienen, der andere abends. Lauschige Plätzchen also, um dort nach dem Aufstehen den ersten Caffè zu trinken oder nach des Tages Mühen ein Glas Wein? Eher nicht. Das hätte hier keine Tradition.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist berühmt für seine Balkone.

Ich bin also noch nie auf diesen Balkonen gesessen, obwohl ich mir das anfangs so schön ausgemalt hatte. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese hübschen Freisitze, die auch gar nicht viel Platz bieten, eigentlich nur Zierwerk sind. Ja, man könnte Pflanzkübel darauf platzieren und natürlich Wäsche davor hängen. Aber darauf sitzen und entspannen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Man säße wegen der engen Gassen ja quasi auf dem Balkon der Nachbarn, könnte in ihre Zimmer schauen, man machte sich zum uneingeladenen Gast.

Dabei haben Balkone eine bewegte und lange Geschichte hinter sich, vor allem in Italien: Sie lassen sich bis in die Zeit um Christi Geburt zurückverfolgen. Schon altrömische Wandmalereien bezeugen, dass an Bauten der Römischen Kaiserzeit überdachte Balkone üblich waren.

Im Orient wiederum ermöglichten geschnitzte Gitterbalkone den arabischen Frauen eine Öffnung zur Welt, weil sie unbeobachtet dem Leben draußen zusehen konnten. Mit der Ausdehnung des Osmanischen Reiches gelangten diese Balkone auch in die Küstenländer des Mittelmeeres.

Vor allem in Italien schmückten ab dem 16. Jahrhundert geradlinige Balkone die Adelspalazzi. Der Balkon hatte als schmückendes und repräsentatives Element der Fassadengliederung adeliger und herrschaftlicher Bauwerke eine rein architektonische Funktion.

Im sizilianischen Barock eskalierte die Sache dann. Nichts mehr mit Geradlinigkeit. Jetzt wurde geklotzt und nicht gekleckert. Eine Explosion der Formen und Dekors war das.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist vielleicht das berühmteste Beispiel für opulente Balkone ohne Zweck. Wer unter ihnen stehen bleibt und den Blick nach oben wendet, dem wird schier schwindlig. Masken, Putten, Löwen, ein ganzes Panoptikum wunderlicher Figuren hält die Balkone fest. Wer ein bisschen länger verweilt, traut seinen Sinnen nicht. Dann wirkt diese Heerschar aus Stein nämlich plötzlich lebendig. Das Spiel von Licht und Schatten vermehrt die wundersamen Gestalten, die plötzlich auf den Palazzo-Mauern tanzen.

Da hilft nur wegschauen, Blick nach unten richten, weitergehen.

Il Cavaliere

Nichts ist so, wie es scheint und jede Realität ist anders. Subjektiv. Analysen der italienischen Politik, die aus der deutschen Perspektive sicher richtig sind, sind in Italien vermutlich oft nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Berlusconi ist tot. Liest man die Nachrufe in den deutschen Zeitungen, könnte man glauben, in Milano sei ein anderer Politiker gestorben, als jener, der dieser Tage in Italien ein Staatsbegräbnis bekommen soll.

Klar, auch in Italien rufen sie die Skandale in Erinnerung, aber sie scheinen nur eine Randnotiz zu sein. Dafür gibt es Live-Übertragungen von vor der Klinik, in er der 86-Jährige verstorben ist.

Während Berlusconi in Deutschland als Politiker gescheitert gilt und als Prototyp für Populisten wie Trump gilt, wird er hier verehrt. Zumindest entnehme ich das den Äußerungen der Menschen, die im Radio schon den ganzen Tag lang mit ihrer persönlichen Wertschätzung für diese, zumindest aus nicht-italienischer Sicht, ziemlich halbseiden-schillernde Persönlichkeit zu Wort melden. Ist das so, weil Berlusconi die Medien unter seine Kontrolle gebracht hat?

Seinen Orden, der ihn zum Cavaliere gemacht hat, musste er wieder abgeben: Berlusconi ist vorbestraft. Trotzdem nennt man ihn in Italien noch mit diesem Ehrentitel. In Deutschland erinnert man sich da eher leicht amüsiert an „Bunga Bunga“.

Mir fällt da ein Bundespräsident ein, Christian Wulff, der von 2010 bis 2012 Staatsoberhaupt der Bundesrepublik war – und zurückgetreten ist wegen einer Immobilien-Affäre: Es ging um die Finanzierung seines Eigenheims und außerdem soll er versucht haben, eine kritische Berichterstattung zu verhindern, was von Medien damals empört als „Angriff auf die Pressefreiheit“ verstanden wurde. Dass, wie sich hinterher herausstellte, die Bild-Zeitung da ganz schön manipulierte, kam erst später ans Tageslicht. Berlusconi hätte das Verhalten der größten und skandalträchtigsten deutschen Boulevardzeitung sicherlich gefallen.

Der Cavaliere hat damals vermutlich aber auch herzhaft über den nervösen deutschen Bundespräsidenten gelacht. Wulff wurde übrigens von einem Gericht 2014 von allen Vorwürfen freigesprochen.

Parallelwelt

Zeit läuft nur in eine Richtung: vorwärts. Verronnene Stunden, Tage, Jahre werden unwiederbringlich zu Vergangenheit, die sich in der Erinnerung einnistet und langsam verblasst wie die Farben auf Gebäuden im Licht der Sonne. Die zu Staub wird wie die Ruinen, die uns die Generationen vor uns hinterlassen haben als Zeugnisse ihrer Existenz.

In Siracusa scheint diese Gewissheit keine Gültigkeit zu haben. Vielleicht liegt das daran, dass Vergangenheit hier Teil der Gegenwart ist, sich verwoben hat mit der Zukunft, die auf die Ruinen längst vergangener Zeiten baut. Nicht nur der Dom schmiegt sich in die Säulen eines antiken Tempels.

Nirgends sonst wird die Gleichzeitigkeit der Vergangenheit und der Gegenwart so spürbar wie in dieser Stadt. Das mag daran liegen, dass sich ihre ältesten Teile auf einer kleinen Insel drängen, die keinen Platz ließ für Erweiterung. Hier sind manche Gassen so eng, dass nicht einmal die Länge eines Ruders zwischen die Häuser passt.

Wer in eine solche Winkelgasse abbiegt, in der das Licht der Sonne auch im Juni kaum den Boden des ausgetretenen Pflasters zu streicheln vermag, gerät in diese Parallelwelt, in der sich die Epochen vermischen und zu einer Gegenwart werden, die sich von der Realität löst.

Hier stößt der zwischen den Zeiten Wandelnde auf Kirchen, die lange schon Ruinen sind, in denen im Jetzt aber Gottesdienste gefeiert werden. Auf Häuser, die mit Metallstützen in ihren leeren Fensterhöhlen aufrecht gehalten werden müssen und doch ist gleichzeitig eine Wohnung scheinbar unversehrt. Weiße Bettlaken wehen vor den Balkonen.

Verborgen hinter einer Yuccapalme wird das Wunder der Weihnacht ausgestellt, obwohl das letzte Fest jetzt genauso lange verstrichen ist wie das kommende noch auf sich warten lässt.

Und selbst? Ist man wie verzaubert, sieht sich wieder vor über 20 Jahren in dieser Stadt, zum ersten Mal hypnotisiert von ihrer Magie – und ist gleichzeitig im Jetzt verwurzelt, mit einem alten, abgenutzten Koffer voller verblasster Erinnerungen in diesen Gassen unterwegs.

Das Geräusch von Rollkoffern, die irgendwo in der Nähe eilig über das glatte Pflaster gezogen werden, rücken abrupt den aus den Fugen geratenen Zeitstrahl wieder an die richtige Stelle.

Blumenparkplatz

Was mir meinen Alltag in Sizilien besonders erleichtert, sind die am Sonntag Vormittag geöffneten kleinen Supermärkte und Metzgereien. Die Einkaufszentren in den großen Städten sind ja ohnehin an jedem Tag der Woche geöffnet und vor allem an den Sonntagen beliebtes Ausflugsziel. In Noto gibt es ein solches Centro commerciale aber nicht.

Das Angenehme der am Sonntag Vormittag geöffneten Geschäfte ist, dass sie den Druck aus dem Wochenendeinkauf am Samstag rausnehmen. Hat man samstags zum Beispiel die Zahncreme vergessen, kann man bequem am Sonntag Vormittag schnell noch eine frische Tube holen.

Ich muss nur eine recht steile Gasse und am Ende noch eine ziemlich unbequeme Treppen runterlaufen, um meinen sonntäglichen Einkauf zu erledigen.

Auf dem Weg nach unten gilt mein Blick hauptsächlich dem Weg und den Treppen, um nicht zu stürzen. Aber auf dem Rückweg lockt eine schmale Seitengasse, die mit ihrem üppigen Blumenschmuck einen bunten Farbtupfer in den „Straßenschluchten“ meiner Nachbarschaft abgibt.

Der Vico ist so eng, dass nicht mal kleine Fiat Cinquecentos durchpassen würde. Ein paar Treppen mittendrin tun ihr Übriges, selbst der verwegenste sizilianische Autofahrer würde da seine geliebte macchina nicht drüberjagen.

Der kleine Garten vor den Häusern wirkt so frisch und friedlich. So, als ob der Sonntag damit sein Festgewand angezogen hätte. Weil mich meine Zahnpastatube im Einkaufsbeutel nicht beschwert, nehme ich diesen kleinen Umweg gerne in Kauf.

Anstatt der Blechkarossen parken hier nun also vor den Häusern Blumenkübel. Rosen wachsen aus einer alten Wasserzisterne, wie auch ich eine auf der Dachterrasse stehen habe. Um sie hübsch zu bepflanzen, müsste ich allerdings das ganze Jahr über hier sein.

Besonders schön finde ich die Blüten, die in Deutschland meist an Weihnachten ihren großen Auftritt haben: Amaryllis. Hier in dieser Gasse wuchern sie rosa-weiß in einem Topf. In Tonkübeln mache ich auch Bananenstauden und Yuccapalmen aus.

Dieser kleine Straßengarten macht richtig Lust, selbst gärtnerisch aktiv zu werden. Ein bisschen Zuwendung könnte meinem Basilikum und der Kaktusfeige auf dem Dach nicht schaden!