Stachelige Angelegenheit

Kaktusfeigen: Jetzt sind die stachligen Früchte reif, die hier an jeder Ecke wachsen. Wenn man wollte, könnte man sie tonnenweise ernten. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Gewächse tatsächlich einfach so herrenlos rumstehen.

Kaktusfeigen gelten auf Sizilien als die Frucht der Zukunft, weil zu fürchten ist, dass auf der Insel bald schon nichts anderes mehr wächst. Stichwort Dürre, Wasserknappheit, Versteppung.

Die Pflanzen stehen dicht an dicht, ihre süßsauren Früchte mit der stacheligen Schale werden bis nach Deutschland exportiert. Die Kaktusstaude kommt mit der Trockenheit zurecht, übersteht die Kälte im Winter und braucht auch im Sommer kaum Wasser.

Jedes andere Gemüse muss reichlich gegossen werden und das wird für die Landwirte immer schwieriger. Aber nicht nur für die: 70 Prozent der Insel leiden unter extremer Trockenheit. Sizilien droht zur Wüste zu werden. Das Jahr 2024 mit Hitze und ausbleibenden Niederschlägen hat die Lage noch dramatischer gemacht. 2025 war bisher nur leicht besser.

Eine Reisewarnung

Das Auswärtige Amt warnte Reisende vor dem „erheblichen Wassermangel“, der damit einhergeht. Bisher versuchen die italienischen Behörden Urlauber*innen zwar davon nichts merken zu lassen. Doch während die Pools in den touristischen Anlagen noch gefüllt sind, bekommt die italienische Bevölkerung die Folgen der Dürre bereits zu spüren: Dir natürlichen Seen und die Stauseen trocknen aus.

Die Bauern auf der Insel rechnen mit Ernteausfällen. In einigen Ortschaften wird das Wasser rationiert, in anderen musste im vergangenen Jahr ein Tankschiff der italienischen Marine die Einwohner*innen bereits mit zwölf Millionen Litern Wasser vom Festland versorgen.

Bewusster Umgang mit Wasser

Sollte sich an der Gesamtsituation nichts ändern, muss Sizilien mit großen Einbußen im Tourismus und in der Wirtschaft rechnen. Für Reisende in dieser Region bedeutet das, dass auch sie in Zukunft bewusster mit der knappen Ressource Wasser umgehen müssen. 

Aber zurück zu den Feigenkakteen. Den Pflanzen macht der Klimawandel scheinbar nicht so viel aus. Dass sie anpassungsfähig sind, haben sie ja schon bewiesen: Die Entdecker Amerikas brachten die Pflanze mit nach Europa, wo sie es sich im Mittelmeerraum gemütlich gemacht haben.

Die Pflanzen sind anpassungsfähig

Das Fruchtfleisch lässt sich zu Marmelade verarbeiten. Es rundet einen Obstsalat ab und lässt sich auch mit Fleisch oder Fisch kombinieren. Und roh lässt sich das rote, gelbe oder auch grüne Früchtchen natürlich auch löffeln. Ein Allrounder in der Küche, könnte man sagen. Der regelmäßige Genuss von Kaktusfeigen soll sich positiv unter anderem auf Cholesterin- und Insulinspiegel auswirken. Klingt doch als Henkersmahlzeit gar nicht so schlecht.

Warum so eilig?

Sempre in fretta – immer in Eile, das sind Menschen, die in Sizilien Auto fahren. Wer hier kein unliebsames Verkehrshindernis sein will, das gnadenlos von der Straße gedrängt wird, sollte sich tunlichst anpassen oder Platz machen für diejenigen, die keine einzige Sekunde zu verlieren haben auf ihrem Weg von A nach B.

Ich habe mich längst daran gewöhnt, von schimpfenden Sizilianer*innen überholt zu werden, nur um sie dann ein paar Minuten später an einer Ampel vor mir wiederzusehen. Jetzt hat sich aber etwas Neues eingebürgert: Überholen im Stau.

Unzumutbare Zumutung

Mittags oder abends, wenn alle gleichzeitig nach Hause streben, egal von woher und nach wohin, stockt es manchmal an Notos Stadteinfahrt. Nicht schlimm, kostet vielleicht zwei oder drei Minuten. Ich finde es jedenfalls nicht der Rede wert. Weil jedoch die Leute hier auf der Insel sempre in fretta sind, ist für sie die Warterei offenbar eine unzumutbare Zumutung. Deshalb überholen nicht wenige die vor ihnen geduldig im Stau stehenden Autos ohne mit der Wimper zu zucken. Es bildet sich quasi eine dritte Fahrspur.

Ganz vorne drängen sich die Gehetzten schamlos wieder in die eigentliche Fahrspur und weiter geht’s. Wenn dieses Überholmanöver hin und wieder nicht funktioniert, weil beispielsweise auf der Gegenfahrbahn Autos in der zweiten Reihe parken und ein Linienbus nicht dran vorbeikommt, dann setzt ein infernalisches Hupkonzert ein. Nicht etwa vom genervten Busfahrer, sondern von den Dränglern weiter hinten im Stau, die nun gezwungenermaßen auch warten müssen.

Inmitten dieses caos versuche ich die Lärmkulisse von draußen einigermaßen auszublenden und frage mich, warum es die Leute hier immer so eilig haben. Ist doch ihr Credo in allen wichtigen Dingen des Lebens tranquilla e pazienza. Egal, um was es geht. Wenn ich mit deutscher Ungeduld nachfrage, warum etwas so lange dauert, heißt es immer tranquilla e pazienza. Ich habe das in all den Jahren derart verinnerlicht, dass ich den Spruch mittlerweile auch in meiner deutschen Zeitungsredaktion verwende.

Warum warten sie nicht?

Vor diesem Hintergrund verstehe ich einfach nicht, warum die Menschen in ihren Autos nicht aller Ruhe im Stau abwarten, bis es weiter geht. Denn nach meiner Erfahrung wartet doch dort, wo sie hinwollen, alles in tranquilla e pazienza. Warum also diese Eile? Fragen kann ich die Leute nicht, denn bis ich aus dem Auto ausgestiegen wäre, wären die Ungeduldigen schon längst an mir und dem Stau vorbei gebraust.

Formula 1

Meine Nachbarin Rosetta hat mittlerweile drei Enkelkinder. Das jüngste, ein Mädchen, kam im April dazu, die beiden Jungs sind schon etwas älter. Maurì kommt jetzt in die zweite Klasse, Nicolà geht in den Kindergarten. Nur dass halt hier immer noch Ferien sind. Für Rosetta heißt das, ab mittags drei Kinder zu betreuen. Zuvor kocht sie für alle und kümmert sich auch noch um ihrer alte Mutter, die bei ihr lebt.

Bisher ging das alles ziemlich geräuschlos ab. Der Fernseher lief halt den ganzen Tag und Geräusche von irgendwelchem Spielzeug drangen manchmal in den Vico. Die Jungs selbst haben nicht viel geredet, eigentlich untypisch für sizilianische Menschen.

Das hat sich grundlegend geändert, seitdem die Kinder einen Roller haben. Wohlgemerkt einen Roller für zwei ragazzi. Lautstarke Verteilungskämpfe sind da unvermeidlich. Jedenfalls ist dieser Roller, ein wackliges Plastikteil, jetzt im Dauereinsatz. Das geht mittags los, nur kurz unterbrochen für das pranzo, und danach rollt das Ding wieder ohne Unterlass durch die enge Gasse.

Verteilungskämpfe
sind unvermeidlich

Die bietet allerdings nichts, keine Kurve, kein Berg und Tal, keine anderen Kinder. Es gibt nichts zu sehen. Ungefährlich ist es halt, weil keine Autos durchfahren können. Was die Gasse bietet: Maximale Geräuschverstärkung durch die enge Bebauung. Eine Formel-1-Strecke ist vermutlich nur wenig lauter.

Je länger das ohrenbetäubende Auf und Ab geht, umso überdrehter werden die kleinen Fahrer. Die Verteilungskämpfe werden lauter. Und der Lärm setzt irgendwann auch der kleinen Schwester zu. Spätestens nach der siesta, die ihren Namen derzeit nicht verdient, ist die Kleine so übermüdet, dass sie nur noch wie am Spieß brüllen kann. Rosetta trägt sie deshalb nachmittags draußen im vico stundenlang auf dem Arm, muss aber aufpassen, dass der Roller sie nicht über den Haufen fährt.

Wenn Rosettas Mann abends nach Hause kommt, löst er Rosetta beim Rumtragen ab, die muss schließlich das cena vorbereiten. Der Säugling brüllt weiter, jetzt vom nonno getragen. Die Brüder stört das nicht. Sie treiben den Roller unerbittlich vorwärts. Eigentlich müssten die Räder schon ganz abgefahren sein. Aber einen Roller-TÜV gibt es ja nicht und einen Boxenstop zum Reifenwechseln natürlich auch nicht.

Wurde das italienische
Fernsehen abgeschafft?

Auch nach dem Abendessen sind die Akkus der Jungs noch nicht leer. So heiß kann es gar nicht sein, dass sie sich eine Ruhepause vor der Glotze gönnen würden. Das italienische Fernsehen wurde offenbar in den vergangenen Wochen abgeschafft.

Ich bin zwar mit zunehmender Dauer leicht genervt – der Krach ist einfach zu eintönig – freue mich aber auch ein bisschen, dass sich Kinder scheinbar doch noch an den einfachen Dingen des Lebens begeistern können. Schalldämpfende Gummirollen wären trotzdem schön. Und eine Zielflagge auch.

Bicchieri

Wind gehört zu Sizilien wie sole e mare. Mal stärker, mal schwächer. Meist ist er eine willkommene natürliche Klimaanlage. Aber er macht den Alltag auch kompliziert.

Zum caffė in der Bar gibt es in der Regel ein Glas Wasser. Nur dass das Glas in einer normalen Bar ein Plastikbecher ist. Und das cornetto wird auf einem Teller mit einer Lage dünnem Papier serviert. Der zucchero ist in Papiertütchen verpackt. Also jede Menge Zeug, das durch die Gegend fliegen kann.

Auch die cola, das lemon Soda oder andere Erfrischungsgetränke werden in der Dose und mit einem bicchiere di plastico serviert. deshalb wird auch der Alu-Behälter, sobald geleert, zu einem echten Problem. Denn auch der würde in Windeseile durch die Gegend fliegen.

Ein genialer Trick?

Ich habe trotz intensiver Beobachtung meiner Mitmenschen hier noch nicht herausgefunden, ob es einen Trick gibt, das Wegfliegen der leeren Becher, Dosen und Papiertüten elegant zu verhindern. Es ist ja nicht so, dass auf den Böden der Bars Müll rumfliegen würde.

Mir ist auch nicht ganz klar, warum die siciliani so an den Plastikbechern hängen, die nehmen sie ja auch mit an den Strand. Dort fliegen dann leider mehr als gut wäre durch die Gegend. Typisch deutsch sammle ich immer wieder welche auf.

Aber zurück zur bar: ich sitze dort also ziemlich unentspannt, um meine leeren Becher und Dosen festzuhalten. Cool sieht das nicht aus. Wahrscheinlich ist das Ganze nur ein genialer Trick, damit die Leute möglichst schnell wieder Platz an den Tischen für die nächsten Kunden machen.

Egal. Ich trage sicherheitshalber meinen produzierten Müll eigenhändig ins windstille Innere, bevor ich zahle und erfrischt und gestärkt mein Tagwerk beginne.

Fine dell’ estate

Mit dem 1. September regelt sich in Noto jedes Jahr wie von Zauberhand das Leben wieder runter. Von einem Tag auf den anderen steht man auf dem Nachhauseweg abends nicht mehr im Stau, es gibt wieder jede Menge Parkplätze und Carmen sperrt ihre Bar mittags zu.

Das Phänomen nennt sich fine dell‘estate. Wie auf Kommando übernimmt der Alltag wieder das Kommando. Vom Ende des Sommers kann hier in Sizilien zwar – gemessen an den klimatischen Verhältnissen in meiner deutschen Heimat – bei weitem noch nicht die Rede sein bei über 30 Grad im Schatten. Trotzdem schleicht sich der Winterblues ganz langsam an.

Melancholie macht sich breit

Es legt sich Melancholie über die Stadt, in der es mittlerweile ziemlich früh dunkel wird. Wenn die Sonne um 19 Uhr geht, kommt eine kühle Brise, der aufgeheizte Körper fröstelt schnell. Ich muss deshalb meinen Rhythmus umstellen, den täglichen Abstecher al mare nicht mehr bis zum Abend rausschieben.

Die Strände sind jetzt wieder leerer. Klar, Touristen gibt es noch genug, aber kein Vergleich zu den überfüllten spiaggie rund um Ferragosto. Vormittags gehört das Meer den Älteren, erst nachmittags gesellen sich die Jugendlichen und Eltern mit ihren Kindern dazu.

Die Sonne brennt nicht mehr so unerbittlich, sie zeigt Erbarmen. Vermutlich vorbei sind für dieses Jahr die Tage, an denen der Sand so heißt wie glühende Kohlen wird.

Das azzuro verliert an Kraft

Auch das Licht ist plötzlich anders. Das azzuro hat unmerklich an Kraft verloren, der Himmel ist dunkler, die Sicht klarer. Die Hitzeglocke, die sich noch vor einigen Tagen wie ein grauer Schleier über die Insel gelegt hat, ist verschwunden, obwohl das Quecksilber noch jeden Tag Höhen erreicht, bei denen ich in Deutschland ächzen würde.

Ich denke, es sind diese Veränderungen, die sich erst auf dem zweiten Blick erschließen, die die neue Jahreszeit ankündigen. Hier gibt es kein buntes Laub an den Bäumen, das unübersehbar schreit: Jetzt ist Herbst und dann bald Winter! Wenn sich nördlich der Alpen die Natur langsam in den Winterschlaf begibt und alle Blätter abwirft, erwacht sie in Sizilien wieder. Der leichte grüne Flaum in der ausgedorrten sizilianischen Landschaft ist bereits da.

Jetzt kommt l‘estate settembrina, wie sie es in den Nachrichten nennen. Der entspannte Sommer-Nachschlag mit leicht bitterer Note. Wie ein Aperol Spritz.

Hygge?

Noto hat ja nicht mehr viel mit dem Sizilien zu tun, in das ich mich kurz nach der Jahrtausendwende verliebt hatte. Mit einem Wort könnte man das, was in den vergangenen Jahren passiert ist, so zusammenfassen: Overtourism. Ganz so schlimm wie auf Capri oder in Venezia ist es zwar noch nicht, aber auf dem besten Weg dahin. Zumindest unten in der guten Stube.

Meine Tochter hatte neulich eine nicht ganz ernst gemeinte Idee, die zu dieser Entwicklung passen könnte: ein Hygge-Café in Noto. Sie hat sich als Gag sogar von Chat GPT einen Business-Plan erstellen lassen. Der künstlich intelligente Ratgeber hat ihr empfohlen, auf jeden Fall das Konzept mit etwas Landestypischem zu kombinieren, um auch die Einheimischen als Kund*innen mitzunehmen. Also Matcha-Chai-Soja-Latte mit Cannoli servieren? Oder einen caffè macchiato mit Zimtschnecken?

Hygge? Könnte funktionieren. Wäre Insta-tauglich, wenn man das passende skandinavische Interieur, jede Menge Kerzen und kuschlige Decken mit ein paar sizilianischen Accessoires kombinieren würde.

Köpfe brauchen einen anderen Namen

Vielleicht könnte die Keramik, die testi di moro zum Beispiel, eigens hergestellt werden, damit sie nicht so aufdringlich bunt den Gesamteindruck stört. Natürlich müssten die Köpfe auch einen anderen Namen bekommen, der hier gebräuchliche ist schließlich politisch nicht so ganz korrekt.

Das Hygge-Café wäre wie zuhause in jeder x-beliebigen Stadt. Die vielen Besucherinnen und Besucher aus allen Teilen der Welt müssten sich gar nicht besonders anstrengen, um sich in diesem phänomenalen sizilianischen Architekturwunder namens Noto gleich wie ein native Sicilian zu fühlen. Und manchmal im Winter ist es ja auch hier am südlichsten Zipfel Italiens so hässlich ungemütlich, dass ein bisschen hygge auch den richtigen Siciliani nicht schaden kann.

Im Leinenkleid auf einem Schafsfell

Ich stelle mir vor, wie es sich die hübschen Touristinnen in ihren schicken hellen Leinenkleidern in unserem Hygge-Café in den mit (veganen!) Schafsfellen ausgelegten Sitzmöbeln bequem machen und ihre perfekt manikürten Hände um die stilvolle skandinavisch-sizilianische Keramik legen, um daraus, selig lächelnd, an ihrem Chai Latte zu nippen und dabei ein Selfie für ihren content schießen (lassen).

Vielleicht könnte das Hygge-Café mit dem Caffè Sicilia kooperieren, das aus mehreren Netflix-Dokus schon weltweit bekannt ist. Einen Platz kriegt man dort schon lange nicht mehr. Die wunderbaren Kreationen, die zugegebenermaßen fantastisch schmecken, wären jedenfalls die ideale optische Ergänzung im Hygge-Café.

Vielleicht wäre der Hygge-Trend sogar eine Geschäftsidee, auf die ganz Italien gewartet hat?

Totenglocke

Ich wohne neben einer Kirche. La crocifisso. Niemand käme hier, so wie immer wieder in Deutschland, auf die Idee, wegen des Glockengeläuts die Kirche zu verklagen, auch wenn es gefühlt ständig bimmelt, die Uhrzeit schlägt, zum Gottesdienst ruft und ja, den Tod verkündet.

In diesen Wochen vergeht in Noto kein Tag, an dem ich den traurigen Klang nicht schon vormittags höre. Ich muss an „Man stirbt nicht im August“ denken. Das habe ich als Kind am heimischen Esstisch meine Eltern sagen hören. Ich habe nicht verstanden, was sie damit gemeint haben. Bis heute nicht. Wenn ich zurück bin, muss ich sie danach fragen. Aber vermutlich können sie selbst sich gar nicht mehr daran erinnern.

Vor dem Portal an der Piazza Mazzini parkt jedenfalls oft ein auf Hochglanz polierter Leichenwagen, der einen Sarg zur Kirche transportiert hat.

Ein schneller caffè

Auf dem Platz ist bei solchen Gelegenheiten mehr los, als sonst zu dieser Zeit, denn manche aus der Trauergemeinde sparen sich den Gottesdienst, von dem Wortfetzen durch die geschlossene Schwingtür hinter dem Portal nach draußen dringen. Manche der Angehörigen, Bekannten oder Freunde sitzen lieber unter den Schatten spendenden Orangenbäumen, gehen kurz in das Wettbüro oder trinken einen schnellen caffè in Carmens Bar, von der aus ich das Geschehen verfolge.

Von dem Klischee, dass eine sizilianische Trauergemeinde unisono in dunkelstem Schwarz gekleidet sei, habe ich mich schon vor langer Zeit verabschiedet. Natürlich sind immer ein paar alte Frauen dabei, die schwarze Kleider anhaben und auch ältere Männer, die in Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte erscheinen, trotz der Hitze. Alle anderen aber tragen meist ihre Alltagskleidung.

Auch Traditionen sterben

Ich finde es schade, dass solche Traditionen aussterben, nicht nur in Sizilien. Festlich schwarz gekleidet zur letzten großen Feier eines Menschen zu kommen wäre doch eigentlich angemessen. Das hieße ja nicht, dass die Angehörigen hinterher monatelang oder Witwen gar lebenslang ausschließlich tiefdunkel gekleidet durch ihr Leben gehen müssten.

Aber zurück zu den Trauerfeiern. Wieder sind es die Glocken, die vom Ende des Gottesdienstes künden. Getragene Musik tröpfelt auf den Patz, dann öffnet sich die Schwingtür und der Pfarrer wartet neben dem Portal, bis der Sarg von weiß behandschuhten Männern herausgetragen wird. Ihn sicher zum Leichenauto zu bugsieren ist ob der Treppen gar nicht so einfach, dazu braucht es einen Regisseur.

Etwas hat sich nicht geändert: die Trauer, die Tränen, die Verzweiflung. Auch ein Mann, es muss wohl ein naher oder der nächste Angehörige sein, der hinter dem Sarg aus der Kirche tritt, weint diesmal bitter. Er wird, obwohl noch jung, gestützt.

Die Trauergemeinde nimmt stets Abschied am Sarg, der mittlerweile im gläsernen Fonds des Leichenwagens steht. Alle berühren das Holz, umarmen sich. Die Blumen und Kränze werden unterdessen aus der Kirche zu einem Lieferwagen getragen. Und dann bewegt sich ein Autocorso hinunter auf die andere Seite Notos, zur Stadt der Verstorbenen, zum cimitero.

Die Totenglocke schlägt unterdessen immer noch. Hemingway fällt mir ein: „For whom the bells ring“…

Kreise

Wie lange war ich jetzt weg? Zweieinhalb Monate. Nicht wirklich lange. Gefühlt zwar eine Ewigkeit, aber in Echtzeit eben nur zehn Wochen.

Ich muss hier mal wieder aus dem Gattopardo zitieren. Der Fürst von Salina sagt da den berühmten Spruch „In Sizilien ändert sich nichts“. Das war vielleicht im letzten Jahrhundert noch so und vermutlich im 19. Jahrhundert auch, das Risorgimento hin oder her.

Ich kann nur sagen, dass das mittlerweile nicht mehr stimmt. In Sizilien kann sich in zehn Wochen so einiges ändern. Da können in dieser kurzen Zeitspanne drei Kreisverkehre aus dem Nichts entstehen. Drei Kreisel dicht hintereinander in einer nicht besonders verkehrsreichen Straße.

Erster Kreisel

Ich frage mich, wie das passieren konnte. Wer sich das ausgedacht hat. Warum muss man sich jetzt durch viel zu enge Kreisel zwängen an Stellen, wo kein einziges anderes Auto fährt? An Kreuzungen, an denen man sich in bald 20 Jahren noch nie todesmutig in den Verkehr einfädeln musste, wollte man kein verhasstes Hindernis sein, das zu lautem Gehupe und Geschrei provoziert?

Antworten gibt es auf solcherlei Fragen natürlich keine. Dafür muss man jetzt höllisch aufpassen, am letzten der drei Kreisel nicht den viel zu hohen Bordstein zu rammen, wenn man nach rechts abbiegen will. Dieses Hindernis haben sie nämlich beim Bau nicht beseitigt. Und dass der Radius des Kreises viel zu klein ist, spielte bei der Planung wohl auch keine Rolle.

Zweiter Kreisel

Ich kann mir das nur so erklären, dass Noto, das in der Provinz Siracusa liegt, Archimedes huldigen wollte. Er gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker der Antike. Seine Werke waren auch noch im 16. und 17. Jahrhundert bei der Entwicklung der höheren Analysis von Bedeutung. Die habe ich im Mathematik-Unterricht allerdings ebensowenig verstanden wie jetzt den Bau dieser drei Kreisel.

Der in Siracusa geborene, lebende und gestorbene Archimedes behandelte das Problem des Unendlichen, vervollständigte die Kreisberechnung und betrieb die Anwendung der Mathematik auf die praktische Physik (Mechanik).

Angeblich war Archimedes mit einem Beweis beschäftigt, als die Stadt 212 v. Chr. durch römische Truppen eingenommen wurde, und forderte einen beim Plündern der Stadt eindringenden Soldaten auf, ihn nicht zu stören, worauf der ihn erschlug. Sprichwörtlich wurden die Worte Noli turbare circulos meos (Störe meine Kreise nicht), die Archimedes dabei gesprochen haben soll.

Dritter Kreisel

Und jetzt zurück zu den Kreisverkehren: Archimedes bewies, dass sich der Umfang eines  Kreises zu seinem Durchmesser  genauso verhält wie die Fläche des Kreises zum Quadrat des Radius. Ich werde das morgen mal anhand der Kreisverkehre nachrechnen.

Superreich

Ich habe vor einiger Zeit „Die Löwen von Sizilien“ gelesen, ein zweibändiges episches Werk von Stefania Auci. Sie beschreibt darin den sagenhaften Aufstieg und krachenden Niedergang der Familie Florio, die im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten und reichsten Familien Siziliens gehörten. Gleichzeitig schafft Auci ein Sittengemälde der sizilianischen Gesellschaft im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Als die Brüder Paolo und Ignazio Florio in Palermo ihr Glück suchen, besitzen sie nichts. Außer dem Willen, es ganz nach oben zu schaffen, und den Mut, Neues zu wagen. Aus einem unbedeutenden Gewürzladen machen sie ein florierendes Unternehmen. Sie investieren klug und bringen es allen Anfeindungen zum Trotz zu Geld und Ansehen. Dann stirbt Paolo, und das Schicksal der Familie liegt in der Hand seines Sohnes Vincenzo. Unter ihm gedeiht die Casa Florio, in seinen Kellern wird aus dem Wein der Armen, dem Marsala, Siziliens größter Schatz. Und in der Mailänder Händlertochter Giulia findet Vincenzo nicht nur die große Liebe seines Lebens, sondern auch eine tapfere Mitstreiterin. Doch dann drohen Familienstreitigkeiten und Schicksalsschläge die Florios zu Fall zu bringen …

Im zweiten Band geht es erneut nach Palermo, Ende des 19. Jahrhunderts: Der Handel mit Marsalawein ermöglichte den Florios einen kometenhaften Aufstieg zur einflussreichsten Familie Siziliens. In dritter Generation führt nun Ignazio Florio das Unternehmen. Sein Leben dient allein dem Erfolg – er verzichtete sogar auf die große Liebe, um eine Standesehe einzugehen. Ganz anders sein gleichnamiger Sohn, dem seine Gefühle für die schöne Franca viel wichtiger sind als das Geschäft. Doch dann stirbt der Patriarch plötzlich, und der junge Ignazio muss von heute auf morgen die Geschicke des Hauses Florio leiten. Und das geht gehörig schief, dann nach dem Motto „Hochmut kommt vor dem Fall“.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich den Eindruck habe, dass sich in Sizilien seither nichts verändert hat. Unvorstellbar reiche Menschen und ihre Dienerschaft. Nur dass der heutige Adel, der sich auf der Insel in seinen Privilegien sonnt, sich nicht mehr durch seine Abstammung legitimiert, sondern durch das Geld auf seinen Konten.

Wie komme ich jetzt auf den Vergleich mit den Florios? Wegen einer Luxus-Hotelkette, Rocco Forte Hotels. Die wollen im kommenden Jahr einen dritten Standort in Sizilien eröffnen, hier in Noto, im Palazzo Castelluccio. Einer der anderen ist die Villa Igiea bei Palermo. Und genau, die gehörte ursprünglich den Florios.

Dort gingen die Superreichen aus ganz Europa ein und aus, sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. soll dort gewesen sein. Und jetzt ist das Hotel ebenfalls wieder den Superreichen aus der ganzen Welt vorbehalten. Gleiches wird hier in Noto zu erwarten sein, wenn die 31 Zimmer in einem phantastisch restaurierten Palazzo die zahlungskräftigen Gäste aufnehmen.

Dabei war der Palazzo bis vergangenes Jahr für alle Interessierten zugänglich. Dann hieß es auf Insta plötzlich Ende August 2024: „Ab heute ist der Palazzo Castelluccio endgültig für die Öffentlichkeit geschlossen. Wir danken den Besuchern und allen unseren Partnern, die uns geholfen haben, diesen besonderen Ort noch wertvoller zu machen.“

Vom Museum zum Luxushotel

Hintergrund dieser Entscheidung war ein Eigentümerwechsel: Die britische Luxushotelgruppe Rocco Forte Hotels hat den Palazzo gekauft. Und damit war Schluss mit dem „Fußvolk welcome“ in einer längst untergegangenen, aber noch immer faszinierenden Welt des sizilianischen Adels.

Der Palazzo Castelluccio gehörte einst einer der ältesten sizilianischen Familien in Noto, den Di Lorenzo, Marchesi von Castelluccio. Nach dem Tod des letzten Marchese ging der Palazzo in den Besitz des Malteserordens über, der ihn bis 2011 behielt. Lange Zeit lag der Palazzo im Dornröschenschlaf, bis ihn dann der französische Journalist und Dokumentarfilmer Jean-Louis Remilleux im Jahr 2012 erwarb und 2018 der Öffentlichkeit wieder zugänglich machte. Er wurde für sein Engagement sogar Ehrenbürger von Noto.

Das Ergebnis der Restaurierung war beeindruckend. Wer durch das Tor schritt, fand sich in einer längst vergangenen Epoche wieder. Auf den Keramikfliesen am Boden waren die Abnutzungen von Jahrhunderten zu sehen. Man meinte, die Dienerschaft sei nur eben aus dem Raum gegangen. Überhaupt: Das Ganze wirkte so authentisch, als ob die Marchesi nur eben den Raum verlassen hätten.

Dass dieser Blick in die Vergangenheit möglich war, war irgendwie demokratisch. Es war interessant, inspirierend, aufschlussreich. Es war bemerkenswert, dass ein Privatmann das ermöglicht hatte. Dass er normale Menschen in sein Haus ließ.

Schade. Jetzt wird der Palazzo wieder zu dem, was er einst war: Ein Ort für Superreiche, an dem eine Dienerschaft für allerlei Luxus und Annehmlichkeiten sorgen muss. Business as usual in einem Palast. Wirklich schade.

Frühstück

Morgens gehe ich meistens zu Carmen in die Bar. Day and Night heißt die und ist vorne an der Piazza Mazzini. Das Gefängnis im Blick gönne ich mir ein supersüßes cornetto und einen caffè macchiato. Manchmal sitzen ein paar turisti da, aber meistens treffe ich die Müllmänner, die gerade Pause machen, und etliche alte Männer. Sie kennen mich schon und grüßen freundlich, bevor sie sich dann wieder ihren Themen widmen. Calcio oder il tempo oder wieder calcio. Nichts besonderes, small talk halt, aber in aller Ernsthaftigkeit betrieben.

Ich lasse meinen Blick auf den Platz schweifen. Die Bänke sind alle besetzt, jetzt am Morgen hält man es auch noch in der Sonne gut aus. Lauter ältere Männer, die sich die Zeit in Gesellschaft vertreiben. Mir gefällt das. Dass die sich jeden Tag treffen. Immer die gleichen. Dass die Rentner nicht alleine in ihren Häusern hocken und vor Einsamkeit umkommen. Ich weiß nicht, ob sie sich verabreden. Ich glaube eher, die treffen sich einfach so. Wer kommt, ist halt da. Und vermutlich wären sie auch in Sorge, wenn mal einer fehlen würde.

Haben die auch Frauen?, frage ich mich. Davon ist auszugehen. Ich glaube, in dieser Altersgruppe gibt es in Sizilien keine Singles. Außer einer ist vielleicht verwitwet. Aber wo sind die Frauen? Treffen die sich woanders? Und wenn ja, wo?

Wahrscheinlich werkeln die donne in ihren Wohnungen. Kochen und kehren. Sind sicher froh, dass ihre mariti nicht da sind, die würden eh nur stören. 24/7 alles zu zweit machen müssen die jedenfalls nicht.

Ich frage mich, was ich machen würde, wenn ich für immer hier wäre. Vielleicht irgendwann, wenn ich mich mal zur Ruhe gesetzt habe. Den ganzen Tag Haushalt? Oder auf dem Platz bei den Männern sitzen? Oder auf einem anderen Platz, auf andere Frauen wartend?

Ich vertage diese Frage. Kommt ja eh immer alles anders als man denkt. Ich gebe in der Bar noch ein paar Sätze zum Wetter zum Besten und gehe dann zufrieden über die piazza nach Hause. Mein Haushalt wartet.