Die Treppenwand

Mein Aktionsradius ist etwas eingeschränkt: Ich habe derzeit kein Auto. Also bin ich hauptsächlich zu Fuß unterwegs. Während sich mein Schrittzähler über diesen Umstand jeden Tag aufs Neue freut, überlegt sich mein Kopf allerdings genauso oft, was er meinem Körper zumuten will. Denn zwischen meiner Bleibe in Noto alta und den Vergnügungen im Centro storico steht die Treppenwand. So heißen in meiner Familie 149 Stufen, die es in sich haben.

Jede Expedition nach unten in die gute Stube der Stadt will also gut überlegt sein. Aber meistens siegt dann doch die Abenteuerlust über die Faulheit. Also los!

Zuerst ist alles ganz einfach, es geht ja von den nördlichen Stadtteilen bergab in Richtung Süden. So erreicht man beschwingt die Treppe. Auch nach vielen Jahren ist es jedesmal beeindruckend, wenn sich dort nach der zweiten Kehre die Rückseite der Kathedrale mit ihrer Kuppel auftut: eine Verheißung der überwältigenden Schönheit Notos. 31 Stufen abwärts sind es bis dahin.

Lockeren Schritts geht es nach einer kurzen Schaupause geradeaus 118 Stufen weiter abwärts. Seit einiger Zeit gibt es auf halber Treppe, quasi als Biwak in der Wand, eine Bar. Abends liegen hier Kissen auf den Stufen. Manchmal treten in dieser Location, die sich „Secret“ nennt, auch Bands auf. Mir persönlich ist die steinerne Stiege zum Verweilen aber zu unbequem.

Unten angekommen, lohnt sich schnell ein Blick zurück, denn jedes Jahr werden die Absätze der Stufen zum Motto der Infiorata im Mai beklebt, woraus sich dann ein eindrucksvolles Bild ergibt. Diesmal wird in der ganzen Stadt das Kino gefeiert.

Ja, und dann? Downstairs: Rauf auf den Corso, bummeln, was trinken, schauen, staunen, sich amüsieren. Und etwas später: Froh sein, dass es abends noch kühl ist. Bloß nichts Schweres einkaufen. Beim Aperitif maßvoll bleiben. Nicht zu viel essen. Und schließlich: Einfach nicht dran denken, dass der Rückweg durch diese Südwand kein leichter sein wird.

Das Hindernis muss schließlich upstairs wieder durchstiegen werden. Je nach persönlicher Verfassung, Schuhwerk, Ausrüstung und klimatischen Verhältnissen kann sich das wie die Besteigung der Eiger Nordwand anfühlen. Beängstigend. Anstrengend. Unmöglich. Aber es hilft ja nichts. Andere Gipfelrouten wären länger und die Höhenmeter müssen so oder so bewältigt werden. Also dann doch lieber die Direttissima.

Wie damals bei den Versuchen, die Eiger Nordwand zu bezwingen, gibt es auch in der Treppenwand Voyeure, die mit einem kühlen Getränk in der Hand die Anstrengungen auf der gnadenlosen Stiege verfolgen. Also jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Kräfte einteilen, in der Seilschaft den eigenen Rhythmus finden. Auf gar keinen Fall keuchend durch das Biwak in Höhe der Bar klettern. Sich bloß keinen Fehltritt leisten. Nicht abstürzen. Locker muss es aussehen, unangestrengt. Souverän.

Vor Entkräftung niedersinken kann man nach der Kehre immer noch. So viel Selbstachtung muss sein.

Das Fenster zur Welt

Vor meinen Fenstern in Sizilien sind hübsche Balkone. Einer wird morgens von der Sonne beschienen, der andere abends. Lauschige Plätzchen also, um dort nach dem Aufstehen den ersten Caffè zu trinken oder nach des Tages Mühen ein Glas Wein? Eher nicht. Das hätte hier keine Tradition.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist berühmt für seine Balkone.

Ich bin also noch nie auf diesen Balkonen gesessen, obwohl ich mir das anfangs so schön ausgemalt hatte. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese hübschen Freisitze, die auch gar nicht viel Platz bieten, eigentlich nur Zierwerk sind. Ja, man könnte Pflanzkübel darauf platzieren und natürlich Wäsche davor hängen. Aber darauf sitzen und entspannen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Man säße wegen der engen Gassen ja quasi auf dem Balkon der Nachbarn, könnte in ihre Zimmer schauen, man machte sich zum uneingeladenen Gast.

Dabei haben Balkone eine bewegte und lange Geschichte hinter sich, vor allem in Italien: Sie lassen sich bis in die Zeit um Christi Geburt zurückverfolgen. Schon altrömische Wandmalereien bezeugen, dass an Bauten der Römischen Kaiserzeit überdachte Balkone üblich waren.

Im Orient wiederum ermöglichten geschnitzte Gitterbalkone den arabischen Frauen eine Öffnung zur Welt, weil sie unbeobachtet dem Leben draußen zusehen konnten. Mit der Ausdehnung des Osmanischen Reiches gelangten diese Balkone auch in die Küstenländer des Mittelmeeres.

Vor allem in Italien schmückten ab dem 16. Jahrhundert geradlinige Balkone die Adelspalazzi. Der Balkon hatte als schmückendes und repräsentatives Element der Fassadengliederung adeliger und herrschaftlicher Bauwerke eine rein architektonische Funktion.

Im sizilianischen Barock eskalierte die Sache dann. Nichts mehr mit Geradlinigkeit. Jetzt wurde geklotzt und nicht gekleckert. Eine Explosion der Formen und Dekors war das.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist vielleicht das berühmteste Beispiel für opulente Balkone ohne Zweck. Wer unter ihnen stehen bleibt und den Blick nach oben wendet, dem wird schier schwindlig. Masken, Putten, Löwen, ein ganzes Panoptikum wunderlicher Figuren hält die Balkone fest. Wer ein bisschen länger verweilt, traut seinen Sinnen nicht. Dann wirkt diese Heerschar aus Stein nämlich plötzlich lebendig. Das Spiel von Licht und Schatten vermehrt die wundersamen Gestalten, die plötzlich auf den Palazzo-Mauern tanzen.

Da hilft nur wegschauen, Blick nach unten richten, weitergehen.

Blumenparkplatz

Was mir meinen Alltag in Sizilien besonders erleichtert, sind die am Sonntag Vormittag geöffneten kleinen Supermärkte und Metzgereien. Die Einkaufszentren in den großen Städten sind ja ohnehin an jedem Tag der Woche geöffnet und vor allem an den Sonntagen beliebtes Ausflugsziel. In Noto gibt es ein solches Centro commerciale aber nicht.

Das Angenehme der am Sonntag Vormittag geöffneten Geschäfte ist, dass sie den Druck aus dem Wochenendeinkauf am Samstag rausnehmen. Hat man samstags zum Beispiel die Zahncreme vergessen, kann man bequem am Sonntag Vormittag schnell noch eine frische Tube holen.

Ich muss nur eine recht steile Gasse und am Ende noch eine ziemlich unbequeme Treppen runterlaufen, um meinen sonntäglichen Einkauf zu erledigen.

Auf dem Weg nach unten gilt mein Blick hauptsächlich dem Weg und den Treppen, um nicht zu stürzen. Aber auf dem Rückweg lockt eine schmale Seitengasse, die mit ihrem üppigen Blumenschmuck einen bunten Farbtupfer in den „Straßenschluchten“ meiner Nachbarschaft abgibt.

Der Vico ist so eng, dass nicht mal kleine Fiat Cinquecentos durchpassen würde. Ein paar Treppen mittendrin tun ihr Übriges, selbst der verwegenste sizilianische Autofahrer würde da seine geliebte macchina nicht drüberjagen.

Der kleine Garten vor den Häusern wirkt so frisch und friedlich. So, als ob der Sonntag damit sein Festgewand angezogen hätte. Weil mich meine Zahnpastatube im Einkaufsbeutel nicht beschwert, nehme ich diesen kleinen Umweg gerne in Kauf.

Anstatt der Blechkarossen parken hier nun also vor den Häusern Blumenkübel. Rosen wachsen aus einer alten Wasserzisterne, wie auch ich eine auf der Dachterrasse stehen habe. Um sie hübsch zu bepflanzen, müsste ich allerdings das ganze Jahr über hier sein.

Besonders schön finde ich die Blüten, die in Deutschland meist an Weihnachten ihren großen Auftritt haben: Amaryllis. Hier in dieser Gasse wuchern sie rosa-weiß in einem Topf. In Tonkübeln mache ich auch Bananenstauden und Yuccapalmen aus.

Dieser kleine Straßengarten macht richtig Lust, selbst gärtnerisch aktiv zu werden. Ein bisschen Zuwendung könnte meinem Basilikum und der Kaktusfeige auf dem Dach nicht schaden!

Flugverkehr

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagt man in Deutschland. Auch tausend Schwalben vermögen das derzeit in Sizilien nicht. Trotzdem: Wenn im Juni mit dem ersten Tageslicht die Vögelschwärme aufsteigen, ist das jedes Mal ein faszinierendes Schauspiel.

Gegen 5.40 Uhr färben die ersten Sonnenstrahlen den Himmel rot. Das ist für die Vögel ihr Startsignal. Sie kommen nicht in kleinen Grüppchen, sondern steigen in einem einzigen großen Schwarm über den Dächern auf. Scheinbar chaotisch flitzen sie durch die Luft, begleitet von lautem Getzwitscher. Das geht ein paar Minuten so und ich schaue den Schwärmen fasziniert zu, die, so scheint‘s, dicht über mir ihre Flugkünste zeigen. Dann ist das Spektakel auch schon wieder vorbei.

Wo die Vögel die Nacht verbracht haben, weiß ich nicht. Irgendwo müssen sie ja Nester haben. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Schwalben hier nur auf der Durchreise sind, aber für Zugvögel wäre es jetzt im Juni ja viel zu spät, noch weiter nördlich zu reisen.

Später im Jahr sind die Vogelschwärme dann weg. Vielleicht, um sich als Erste die besten Plätze in Afrika zu sichern, ehe die Kollegen aus dem Norden dort eintreffen?

Sizilien hat jedenfalls für Vogelschützer eine elementar wichtige Bedeutung, besonders hier der Südosten: An der Südostküste zwischen Pozzallo und Pachino liegt ein fast 480 Hektar Fläche umfassendes Feuchtgebiet mit den drei großen Süßwasserlagunen: Pantano Cuba, Pantano Longarini und Pantano Bruno.

Frühere Grundstücksspekulationen, schwere Eingriffe in den Wasserhaushalt der Lagunenlandschaft, illegale Müllablagerungen, unkontrollierter Einsatz von Agrarchemikalien, illegaler Vogelfang, Jagdtouristen aus Italien und Malta und lokale Fischwilderer hatten diesen Zugvogel-Hotspot bis zum Jahr 2013 weitestgehend entwertet und vernichtet. Seither versuchen internationale Stiftungen, den Ökohaushalt wieder herzustellen und haben bereits 390 Hektar der Fläche aufgekauft.

Für Flächenkäufe und umfangreiche Biotopsanierungs- und Biotop­ent­wick­lungs­maßnahmen haben die europäischen Stiftungen dort seit November 2013 fast vier Millionen Euro an Spendengeldern investiert. Inzwischen werden wieder 242 Vogelarten dokumentiert, davon 130 Zugvogelarten. Haupt- und ehrenamtliche Bird-Guards haben ein Auge drauf, dass den gefiederten Bewohnern dort nichts passiert.

Eingetütet

Ich hab‘s aufgegeben! Mein jahrelanger Widerstand war zwecklos. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich im panificio oder beim fruttivendolo schon freundlich darum gebeten habe, mir keine Tüte zu geben. Alles vergeblich! Jetzt nehme ich jeden Tag aufs Neue das in einer Papiertüte verpackte Brot stoisch in einem Plastikbeutel entgegen und lege anschließend beim Gemüsehändler ohne zu murren eine weitere Plastiktasche mit den in einer Papiertüte abgewogenen Tomaten in meinen Einkaufskorb. Che cos’è, was soll‘s!

Seit 2011 sind Plastiktüten im herkömmlichen Sinn in Italien eigentlich verboten. Bis dahin waren die Italiener in Europa die Spitzenverbraucher der aus viel Erdöl erzeugten Beutel. Es heißt, dass seinerzeit an die 25 Milliarden Tüten im Jahr, durchschnittlich 300 Stück pro Kopf, unters Volk gebracht wurden. Auf solche Mengen zu kommen, war damals leicht. Nicht nur beim Großeinkauf wurden ungefragt Tüten zur Ware gelegt. Auch ein Sträußchen Petersilie auf dem Markt oder fünf Schrauben im Eisenwarenladen wurden grundsätzlich in Plastiktüten überreicht. Wer keine wollte, durfte mit einem erstaunten Blick des Verkaufspersonals rechnen.

Daran hat sich offenbar nichts geändert, nur dass die Tüten jetzt aus kompostierbarem Material sind. Und dass man im Supermarkt dafür bezahlen muss. Immerhin wird dort ein Nein akzeptiert.

Nicht aber in den kleinen Läden oder auf dem Markt, wo die Beutel ungefragt und gratuito zum Einkauf dazu gereicht werden. Aber was soll’s, denke ich mir, andere Länder, andere Sitten. Verstehen tue ich’s trotzdem nicht. Muss wohl mit irgendeiner italienischen Plastiktüten-Tradition zusammenhängen.

Wenigstens zersetzen sich diese sacchetti nicht erst in Jahrhunderten, sondern, wenn’s gut läuft, bei optimalen Bedingungen und konstant 60 Grad Celsius in 60 Tagen. Dass dabei Kohlendioxid frei wird, steht auf einem ganz anderen Blatt und ich will mich hier gewiss nicht als radikale Klimaschützerin aufspielen. Immerhin: Zum CO2-Ausgleich trage ich meine kleinen Plastiktüten im nachhaltigen Einkaufskorb jetzt ja zu Fuß nach Hause!

Autofreier Juni

Meine Nachbarin Rosetta denkt, ich bin jetzt völlig verrückt geworden. Warum? Weil ich heute freiwillig meinen Mietwagen zurückgegeben habe. Nach nur einer Woche und noch mehrere Wochen in Sizilien vor mir. Rosetta glaubt, dass für mich das Leben in Sicilia damit aus und vorbei ist. Ohne Auto? Unvorstellbar für eine*n Sizilianer*in. Senza macchina? Cosa vuoi fare?

Zugegebenermaßen ist mir auch etwas flau im Magen geworden. Die Vorstellung, künftig nicht mehr spontan entscheiden zu können, sofort ans Meer zu fahren oder doch lieber eine Tour ins Hinterland zu machen, ist ein bisschen beängstigend. Libertà sempre e ovunque e in generale, damit ist’s nun wohl vorbei! Und dann hatten die mir bei der Autovermietung auch noch einen Fiat Cinquecento gegeben… mich von dem zu trennen, fiel mir echt schwer.

Andererseits: So ein Mietauto übt ja auch einen gewissen Druck aus: Man bezahlt dafür, jeden Tag und nicht zu wenig. Wenn ich es nicht genutzt habe, hatte ich fast schon ein schlechtes Gewissen. So wie wenn ich Geld zum Fenster rauswerfen würde. Das kann’s ja auch nicht sein. Dachte ich mir so in Deutschland und buchte den Wagen nur für die erste Woche.

Jetzt ist das Auto weg und den Rückweg von der Anmietstation in Catania bin ich mit dem Bus gefahren. Anstatt eines Autoschlüssels habe ich nun auf meinem Handy diverse Apps der sizilianischen Buslinien. Wenn man die Fahrkarten online kauft, sind sie nämlich um fast einen Euro günstiger. Wenn schon sparen, dann richtig. Man muss nur aufpassen, mit der richtigen App den Fahrschein zu lösen, sonst gilt der im falschen Bus nicht.

Der Bus kommt sogar pünktlich. Nachdem ich einen Platz gefunden habe, überschlage ich kurz, ob 7,50 Euro jetzt günstig sind oder nicht. Seitdem ich mit dem „Deutschlandticket“ in Germania für 49 Euro einen Monat lang jeden Tag von Garmisch nach Flensburg und zurück fahren könnte, kommt mir der Preis für eine einfache Fahrt Catania-Noto plötzlich ziemlich hoch vor. Wie sich die Zeiten doch ändern…

So ganz überzeugt bin ich jetzt in diesem Augenblick von meinem eigenen Plan selber nicht. Ein bisschen hat Rosetta sicher recht. Wenn ich an den Strand will, muss ich mein Zeug inklusive Sonnenschirm erst einmal zur Bushaltestelle schleppen und noch schlimmer: auf dem Heimweg von dort hunderte Treppen wieder nach oben. Und falls es am Meer unerwartet zu regnen anfängt, muss ich unter Umständen drei Stunden lang in einer Bar warten, um nicht nass zu werden. Und was ist, wenn ich abends den letzten Bus in Siracusa verpasse? Es wird auf jeden Fall spannend.

Wer weiß, wie sich mein Selbstversuch entwickeln wird in den kommenden Wochen. Möglicherweise bin ich nach drei Tagen bereits so entnervt, dass ich mir ein neues Auto miete. Mein Handyguthaben für Tickets würde auf jeden Fall noch für eine weitere Busfahrt nach Catania reichen.

Vielleicht lerne ich aber meine Stadt auf eine ganz neue Weise kennen, wenn ich sie mir ausschließlich zu Fuß erschließe. Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier als la tedesca pazza, die verrückte Deutsche, in die Geschichte eingehen könnte.

Schlechtes Wetter

Es regnet. Nichts weiter. Kein Unwetter. Kein Gewittersturm. Keine Sturmflut, einfach nur schnödes schlechtes Wetter. Grauer Himmel und Regen. Die Temperatur so la la. Weder kalt noch warm.

Der Sommer ist bislang noch nicht in Sizilien angekommen. Und wenn sich der graue Regenschleier erst mal auf die Stadt gelegt hat, wirkt der bröckelnde Putz da und dort gleich nicht mehr so malerisch. Sizilien bei Sonne kann jede*r. Aber was tun bei schlechtem Wetter?

Mir kommt der Regen allerdings ganz gelegen. Ist er doch eine wunderbare Ausrede, im Haus zu bleiben. Was das anbelangt, bin ich ganz gut integriert: nur nicht rausgehen, wenn’s regnet. Maximal zur macelleria oder um etwas Obst zu holen oder Brot. Bloß nicht sinnlos durch die Gegend latschen und nass werden.

Ein bisschen langweilig ist das zugegebenermaßen schon. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich nämlich: nichts. Sind ja alle in ihren Häusern. Kein Palaver, keine heulenden Kinder, niente.

Also nutze ich die Zeit, um mal die Schränke auszumisten. So richtig viele Sachen habe ich hier nicht. Und doch hat sich über die Jahre einiges Zeug angesammelt, hauptsächlich Kleidung, die irgendwann irgendwer wohl nicht mehr mit nach Hause nehmen wollte. Ausgeleierte Bikinis, zu klein gewordene Sachen von den Kindern, ausgetretene Schuhe, kaputtes Strandspielzeug, Sonnenschirme, die ihre besten Tage schon vor Jahren hatten.

Also weg damit. Den Sperrmüll kann ich auf dem Wertstoffhof ganz einfach loswerden. Aber einen Altkleider-Container haben sie hier nicht. In den Müll will ich die brauchbaren Sachen aber auch nicht werfen.

Jetzt bloß die zwei Säcke nicht wieder mit nach Hause nehmen, da stehen sie dann in den nächsten Jahren, ich kenne mich ja.

Etwas ratlos handle ich mit mir selbst einen Kompromiss aus: Die Säcke bleiben erstmal im Kofferraum liegen. Verbunden mit der Hoffnung, in den nächsten Tagen zufällig an einem Container vorbeizukommen. Und wenn nicht? Vedremo!

Und dann kann ich einfach nicht widerstehen und latsche trotz Regens doch noch ein bisschen sinnlos durch die Gegend. Der Strand und das Meer lohnen nämlich bei jedem Wetter einen Abstecher.

Place to be

Sonntag Abend, beste Zeit für eine Passegiata. Bei einem Aperitif dem Treiben auf dem Corso zuschauen. Die sizilianischen Pärchen, Paare und Familien beobachten, die sich nur für diesen Zweck schick gemacht haben: sehen und gesehen werden. Also rein ins Gewimmel.

Die Stadt ist voll, für Anfang Juni sogar ziemlich voll. Kann am Markt liegen, der sich vor der Porta Reale unter den Bäumen des Corso Vittorio Emanuele ausbreitet. Hier gibt es Kitsch, Alltagskram, Wunderwaffen gegen Schmutz und auch ein paar Antiquitäten.

Ich höre mir an, was ein Verkäufer, der eher einem Börsenmakler gleicht als einem fliegenden Händler, an seinem Ferrari roten Stand verheißt: natürlich, den Turbo unter den Wischmobs, gnadenlos gegen Dreck. Klimaschonend, weil angetrieben durch Muskelkraft. Seine Ware geht weg wie warme Semmeln.

An der Porta Reale hat der Kiosk wieder geöffnet. Jetzt gibt es hier drinks, coffee, wine, food. Wo bisher in Neonschrift Caffè Porta Reale stand, prangt jetzt Candiano. Scheint ein Place to be geworden zu sein, zumindest wird hier tüchtig was gefeiert. Neugierige gibt es genug, die die schick gewandete Großfamilie bestaunen. Warum eine junge Frau vor einer unversehrten Torte steht, erschließt sich mir allerdings nicht. Das Fest scheint doch vorbei…

So richtig lange war ich diesmal nicht weg, aber dort, wo ich im März noch einen Sprizz getrunken habe, sind jetzt die Fenster der Bar mit alten Zeitungen abgeklebt. Chiuso per sempre. Dafür zähle ich auf dem Weg zur Kathedrale mindestens drei neue Restaurants. Trotz der vielen Menschen in der Stadt bleiben in den meisten aber die Kellner unter sich. Vermutlich war die Hoffnung, besser als alle anderen zu sein, die Triebfeder der Geschäftseröffnung. Oder der Wunsch, auch ein Stück vom Tourismus-Kuchen abzukriegen.

Viele der Läden haben englische Namen. Da werde ich plötzlich ein bisschen sentimental.

Gerade mal 14 Jahre sind seit meinem ersten Besuch in Noto vergangen. Ich erinnere mich an eine Stadt, die auch im August ein bisschen verschlafen wirkte, obwohl auch damals schon viele Menschen da waren. Die Restaurants hießen Ristorante, Pizzeria, Trattoria und die Speisekarten waren ausschließlich in Italienisch und alles schmeckte wunderbar. Selbst das Sternelokal Crocifisso war damals noch eine Gaststätte mit dem speziellen Sizilien-Flair: ungemütliche Energiesparlampen und auf jeden Fall nicht Insta-tauglich. Logisch, Instagram war damals noch gar nicht erfunden. Das Essen war aber trotzdem einfach umwerfend.

Heute hingegen heißt in Noto sogar manche Bäckerei, ein panificio, La Boutique del Pane!

Der Wandel war ein schleichender Prozess: Mit jedem restaurierten Palazzo kam etwas mehr vom Glanz dieser Stadt zurück. Das blieb natürlich nicht unbemerkt. Die Schönheit Notos lockte irgendwann Promis an und natürlich auch die Influencer. Heute ist Noto ein IT-Place, ein Place to be. Madonna hat hier vergangenes Jahr ihren Geburtstag gefeiert. Mehr Werbung geht eigentlich nicht. Und plötzlich fragen mich auch Freunde und Bekannte in Deutschland nach Noto und ob sie nicht mal…

Wie ich diesen Hype finde? Ungerecht. Denn für die Menschen, die hier ein ganz normales sizilianisches Leben führen müssen, bringt dieser Wandel wenig bis gar nichts. Eher im Gegenteil. Die Preise in den Bars explodieren. Vorbei sind die Zeiten, als ein Caffè hier 70 Cent gekostet hat. Und das liegt sicher nicht nur an der allgemeinen Inflation. Die Preise für Immobilien explodieren. Für junge Familien wird so ein eigenes Heim noch unerschwinglicher. Vertickt werden die Häuser von Immobilienhändlern, die auch Niederlassungen in Milano und New York City haben (behaupten sie jedenfalls).

Auch die Arbeitsmarktsituation wird nicht besser. Was hat mir Adriana, die Tochter meiner Nachbarin Rosetta, erst neulich erzählt? Qualifizierte Jobs gibt es in Noto für die Jungen keine. Höchstens im Dienstleistungsbereich, als Aushilfen, im Sommer, in der Hochsaison. Im Winter gibt es nichts zu tun. Also müssen viele wegziehen, in den Norden. Da helfen auch die vielen schönen Bilder der schönen Stadt auf Instagram nichts.

Noto ist im Wandel, wird gentrifiziert, auch aus der schäbigsten Hütte wird ein schickes Ferienhaus. Und trotzdem bewahrheitet sich auch in diesem Fieber: In Sizilien ändert sich nichts. Zumindest für die meisten Menschen nicht.

Stille

Danach sehne ich mich, wenn ich in Deutschland bin: nach der Mittagsruhe in Sizilien. Wenn so gegen 15 das letzte Geklapper der Töpfe, in denen das Mittagessen, gekocht wurde, verhallt ist. Wenn die Kinder in der Gasse der Müdigkeit, die sie plötzlich überfällt, weil sie gegen ihren Mittagsschlaf anbrüllen, Tribut zollen müssen. Wenn es plötzlich ganz still ist draußen.

Es fasziniert mich, wie das Leben hier in Sizilien jeden Tag aufs Neue Pause macht, mitten am Tag. Einfach so. Wie die Straßen von einem Moment auf den anderen verwaisen. Wie die Geschäfte mit Stahlrollos verrammelt werden, wenn der letzte Kunde hinauskomplimentiert worden ist. Nur um dann zwei, drei Stunden später wieder aufgesperrt zu werden.

Die Piazza Mazzini ist in diesen Stunden einsam. Niemand will sich auf einer der Bänke niederlassen. Die Kinderschaukel, um die abends lautstark gestritten wird, wiegt sich jetzt sanft im Wind.

Die Stille hat ihre eigene Kraft. Niemand würde jetzt einen Staubsauger in die Hand nehmen oder etwas anderes, das laut ist. Die Geräusche würden vervielfacht werden in diesem Meer ohne Dezibel.

Wenn sich die Ohren an die Geräuschlosigkeit gewöhnt haben, strengen sie sich an und nehmen langsam die feineren Töne wahr. Die Vorhänge, die sich im Wind bauschen. Das Getschwitscher eines Vogels irgendwo. Ganz weit weg in der Ferne leises Grummeln des Donners.

Die Augen machen es sich da einfacher. Sie werden über dem Buch schwer und fallen dann zu. Mittagsschlaf. Der dauert so lange, bis die erste Vespa die Abkürzung durch die Gasse nimmt. Und der erste Nachbar dem Fahrer seinen Ärger hinterher brüllt…

Zum Glück bin ich wieder in Sizilien.

Frühlingserwachen

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; / Im Tale grünet Hoffnungs-Glück; / Der alte Winter, in seiner Schwäche, / Zog sich in rauhe Berge zurück.

Goethe, Faust I

Mir kommt nach einem langen, grauen und nasskalten Winter in Deutschland am ersten schönen Frühlingstag meist dieses Goethe-Zitat in den Sinn. Wenn es die Menschen rauszieht aus ihren Häusern, wenn die Parks überquellen und sich vor den Eisdielen lange Schlangen bilden. Ich dachte, das sei etwas typisch Deutsches, zumindest etwas Mitteleuropäisches. Ist es nicht, wie sich heute in Sizilien gezeigt hat.

Ich bin also zurück. Zum ersten Mal seit der Pandemie wieder zeitig im Jahr. Fast hatte ich schon vergessen, wie schön der Frühling in Sizilien ist. Überall blüht es, die Zitrusbäume brechen schier unter ihrer strahlend gelb und orangenen Last.

Wie immer, wenn am Haus die kleinen Wunden, die es in meiner Abwesenheit erlitten hat, verarztet sind und alle Nachbarn in der Gasse gebührend begrüßt wurden, führt mich mein erster Weg ans Meer. Am Strand von Lido di Noto sind allerdings noch deutliche Spuren der Stürme zu sehen, die im Winter der Insel zugesetzt haben.

Der letzte Sturm hat in Lido di Noto deutliche Spuren zurückgelassen.

Aber Corrado ist schon da. An seinem Granità-Wagen bilden sich Menschentrauben.

Nebenan, in Calabernardo, scheint der komplette Strand weggespült worden zu sein. Statt des Sandes hat es Plastikmüll angespült, zwischen dem ein einsamer Vogel stakst.

In Calabernardo wurde der Strand weggespült.

Mal schauen, wie es in der Nachbarstadt Avola aussieht. Keine sechs Kilometer weiter ist entweder alles bereits wieder weggeräumt oder aber der Sturm war hier nicht so schlimm. Die Strandpromenade ist ebenso bevölkert wie der Strand und die nahen Bars. Erste Wagemutige nehmen bereits ein Sonnenbad, etwas Zaghaftere wollen von ihren Daunenmänteln noch nicht lassen, trotz der gefühlt 30 Grad Celsius.

Sonntagsspaziergang in Avola.

Aber egal ob in dicker Winterjacke oder in der Badehose: Bei allen ist ein Aufatmen zu spüren. Erleichterung, dass der Winter sich in rauhe Berge zurückgezogen hat. Vorfreude auf die kommenden hellen Monate, die längeren Tage und kürzeren Nächte. Das Glück über das Frühlingserwachen ist scheinbar unabhängig vom Breitengrad.