Mir kommt es so vor, als ob ich ständig Kühlschränke leer machen und abtauen müsste. Nicht deshalb, weil ich etwa einen Putzwahn hätte, sondern weil ich mittlerweile in immer kürzeren Abständen zwischen meinen Welten pendle.
Konnte ich mir früher längere und dafür weniger Phasen in Sizilien einteilen, geht das jetzt nicht mehr. Das hängt mit dem Job in Deutschland zusammen, der Familie, den Freunden dort.
Aber so kann es auf Dauer nicht weitergehen, grüble ich vor mich hin, während ich die paar übrig gebliebenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank räume. Und das hat nicht nur mit der häufigen klimaschädlichen Fliegerei zu tun. Ich habe nämlich das Gefühl, nicht nur unnötig Lebensmittel wegzuwerfen, sondern viel mehr noch, nirgends mehr richtig dazu zu gehören. In Deutschland bin ich mittlerweile nämlich genauso auf der Durchreise wie hier.

Das, was ich in meinen jeweiligen Abwesenheiten versäume, lässt sich, wenn ich in die jeweilige Stadt zurückgekehrt bin, oft nicht mehr nachholen. Nehmen wir die Überflutungen in Bayern von neulich. Ich hab das hier zwar mitgekriegt, aber weil ich es nicht selbst erlebt habe, kann ich die Erfahrung meiner Community in Deutschland nicht teilen. Das ist genauso, wie wenn ich in Deutschland von den grässlichen Unwettern hier in Sizilien erzähle, über die zwar manchmal in den Nachrichten berichtet wird, die aber für meine Familie oder meinen Freundeskreis in Deutschland völlig abstrakt bleiben.
Von Partys, Todesfällen, Geburtstagen, bei denen ich hier und dort fehle, ganz zu schweigen, ärgere ich mich beim Anblick der letzten Flasche Bier im Kühlschrank. Die kann bis zum nächsten Mal bleiben.
Oder, ganz banal: Nie ist das Kleid im Schrank, das man jetzt gerade so gut brauchen könnte. Nie hat man das Buch zur Hand, in dem man unbedingt etwas nachlesen müsste. Usw. usw.
Dinge, die für mich hier wie dort unverzichtbar sind, haben ihren dauerhaften Platz mittlerweile in einem Rucksack, damit ich sie nur ja nicht vergesse: Ladegeräte, Festplatten, Speicherkarten, sowas halt.
Mir fällt, während ich das Tauwasser aus dem Kühlschrank wische, keine Lösung ein, wie das anders werden könnte. Einen klaren Schnitt zu machen, das erscheint mir im Moment unmöglich zu sein. Das eine für das andere ganz aufzugeben, ist jedenfalls keine Option, sage ich mir entschlossen beim Auswringen des Lappens. Aber dieses schizophrene Leben erscheint mir auf Dauer auch nicht erstrebenswert.

Ich brauche einen neuen Kühlschrank, denke ich noch, als ich fertig bin. Der alte funktioniert einfach nicht mehr richtig. Das muss ich das nächste Mal erledigen.
Dann bleibt nur noch, das Haus für die kommenden Wochen einzumotten. Und ein paar Stunden später in Deutschland das Haus zu lüften und den dortigen Kühlschrank neu zu befüllen. Bis das Spiel in umgekehrter Richtung in ein paar Wochen von vorne beginnt.




