Der dunkle Ort

Sizilien ist extrem. Das gilt für alle Lebensbereiche. Mittelmaß gibt es hier nicht. Alles ist entweder Himmel oder Hölle, existiert in direkter Nachbarschaft und dazwischen bleibt kein Quadratmillimeter Platz für Harmonie.

So führen auch Vergangenheit und Gegenwart einen stetigen Kampf um Vorherrschaft. Winzige Schlupflöcher im Strahl der Zeit gewähren Eingang in eine längst untergegangene sizilianische Welt. Man muss sich nur darauf einlassen, den Augenblick loslassen, dann findet man sie.

A‘ Piscaria, Mercato del pesce, in Catania ist so ein verwunschener Ort, der sich nicht vereinnahmen lässt von der Gegenwart. Vergangenheit hält sich hier standhaft und wird zum Jetzt.

Auf dem schwarzen Pflaster mischt sich Blut mit Wasser, riesige Messer wetteifern mit den Schwertern der gleichnamigen Fische um Bedrohlichkeit. Trophäen der pescatori auf wackligen Tischen.

Archaische Worte, archaische Männer, auf dem Fischmarkt haben Frauen keinen Platz.

A‘ Piscaria ist ein dunkler Ort, er liegt tiefer als die Gassen, die ihn umschließen. In schwarzen Gewölben, Höhlen gleich, wird ebenso gefeilscht wie auf dem Platz, der so düster liegt, dass es keine Schirme braucht, ihn zu beschatten. Der Markt ist seine eigene Welt.

Die Gegenwart draußen setzt ihre Marken trotzdem auch hier. „Free Gaza“ hat jemand an eine Mauer gepinselt. „Tourist go home“ fordert ein anderer mit roten Lettern.

Oben stehen schon früh am Tag Zaungäste. Männer, die das Treiben unten auf der Bühne mit Argusaugen verfolgen und kommentieren. Schnelle Worte werden mit denen da unten gewechselt.

Der Ton ist rau. Fisch, vor kurzem noch lebendig im Meer, wird zerteilt, zerhackt, zersägt. Überall fließt Blut. Von den Ständen rinnt es auf das Pflaster.

A‘ Piscaria ist kein schöner Ort, anders als der operettenhafte Markt in Siracusa, der den Tourist*innen eine bühnenreife Vorführung liefert. A‘ Piscaria schert sich um solche Belanglosigkeiten nicht.

Grenzerfahrung

So ein Aufenthalt auf einem Flughafen ist jedes Mal ein kleines Abenteuer. Kommt man mit den ganzen Taschen, die man als Handgepäck ins Flugzeug schleusen will, durch die Sicherheitskontrolle? Greift das Bordpersonal beim Einstieg doch noch ein und verfrachtet den Koffer in den Flugzeugbauch? Kommt man überhaupt pünktlich an? Fliegt das Flugzeug wie geplant ab? Fragen über Fragen…

Nun, diesmal hatte ich beschlossen, meinen kleinen Koffer aufzugeben, auch wenn es später in München länger dauern würde. Deshalb musste ich mich in die Schlange an der Gepäckaufgabe einreihen. In Catania ist das jedes Mal ein Geduldsspiel sondergleichen.

Ich treffe dort außerdem zum ersten Mal nach der sizilianischen Phase wieder auf geballtes Deutschtum, um es mal so auszudrücken.

In der Schlange vor mir Menschen, die sich wohl im Sizilienurlaub kennengelernt haben und sich jetzt, so kurz vor der Heimreise, noch die letzten Dinge erzählen müssen: von ihren jüngsten Expeditionen ins Münchner Umland.

Das eine Paar wollte wohl kürzlich einen kurzen Abstecher in die Schweiz machen (ist das eigentlich noch Münchner Umland?). Das lief wohl nicht so geschmeidig, wie ich unfreiwillig erfuhr. Die beiden wurden nämlich an der Grenze kontrolliert!!! Von den Schweizern!!! Hauptsächlich ging es wohl um die Frage, ob sie mehr als 10.000 Euro Bargeld dabei hätten.

Angesichts mangelnder Grenzkontrollerfahrungen in den vergangenen Jahren, ach Jahrzehnten, war das Paar ganz aufgeregt, wie sich die Frau erinnerte. Sie seien wegen ihrer fehlenden Reisepass-Vorzeig-Routine so in Panik geraten, dass sie und ihr Gatte gleich aus dem Auto ausgestiegen seien, so die überprüfte Deutsche weiter, die sich in diesem Moment regelrecht an ihren passaporte klammert, den sie bereits fürs noch stundenlang entfernte Einchecken in der Hand hält.

Catania

Die eidgenössische Grenzbeamtin sei darüber ein bisschen irritiert gewesen und habe darum gebeten, doch wieder einzusteigen, mischte sich der am Schweizer Grenzübergang identitätsgetestete Ehemann ein. Jedenfalls habe er auf die Frage nach den fünfstelligen oder noch höheren Bargeldreserven geantwortet „natürlich ned“. Also selbstredend hätten sie nicht soviel Bargeld dabei, habe er der Beamtin entgegen geschmettert. So überzeugend sei er gewesen, dass man grad noch so um das völlige Auseinandernehmen des Autos auf der Suche nach dem schwarzen Geld rumgekommen sei.

„Aber lästig war’s scho“, klagt die Frau. „Des will mer ja ned, dauernd diese Kontrollen. Des is ja a unangenehm“, kommentiert sie die Versuche der Eidgenossen, Finanzkriminalität zu vereiteln.

Weil die Schlange vor dem Schalter in Catania nur Millimeterweise vorankriecht, muss die nächste Geschichte erzählt werden. Es muss einfach immer weiter geredet werden, Schweigen beim Warten ist für diese Gruppe keine Option.

Man bleibt, weil‘s so bequem ist, gleich beim Thema Grenzkontrollen. Die in Deutschland viel zu lasch seien, kritisiert die Gruppe übereinstimmend. So könne ja jeder in die BRD einreisen, egal, ob man den jetzt da haben will oder nicht. Einfach jeder, der wolle. Es müsste deshalb viel stärker an der deutschen Grenze kontrolliert werden, „au wen‘g derer Flüchtlinge“, sind sie übereinstimmend überzeugt. Denn die könnten ja sonst einfach so mal easy peasy nach Deutschland reisen und dann einfach bleiben, bemängeln sie (möglicherweise sogar mit über 10.000 Euro Schwarzgeld im Handgepäck?) Wohin das führe, sehe man ja, wohin man nur schaue.

Was denn nun?, grüble ich, erstaunt über die gedankliche Flexibilität, die diese Menschen vor mir beim Thema Grenzkontrollen an den Tag legen. Aber noch so eine Geschichte? Ich gebe mein Handgepäck deshalb lieber doch nicht auf und verlasse die Schlange.

München

SP 104

Sizilien, die Umwelt, das Klima, die sizilianische Landschaft. Das sind die Kräfte, die zugleich — und vielleicht mehr als alle Fremdherrschaften und Schändungen — unseren Geist gebildet haben: diese Landschaft, die keine Mitte kennt zwischen üppiger Weiche und vermaledeiter Wüste; die niemals eng ist, nie nur bescheidene Erde, ohne Spannung, wie ein Land sein müßte, das vernünftigen Wesen zum Aufenthalt dienen soll; dieses Land, das wenige Meilen voneinander entfernt die Hölle um Randazzo hat und die Schönheit der Bucht von Taormina.

G. Tomasi di Lampedusa, Il gattopardo

Ein riesiges Schlagloch bringt das Auto zum Stehen. Endstation auf dieser dystopischen Straße. Schilder hatten an der Abzweigung von der SS 194 in Richtung Gela vor etwas gewarnt, aber vor was?

Die SP 104 in der Provinz Catania führt scheinbar ins nirgendwo, der Wegweiser nach Lentini – einmal und dann nie wieder gesehen. Links ist ein Damm, dort muss auch eine Bahnlinie sein. Rechts öffnet sich eine Ebene, die Piana di Catania. Am Horizont ist im Dunst eine Hügelkette zu erahnen. Eine zerstörte Betonrinne läuft neben der Straße, vielleicht früher zur Bewässerung der Felder. Die zerstörte Piste gleicht einer Kraterlandschaft.

Gewitterstimmung liegt über dem Land. Kein Mensch weit und breit auf der Fläche, die 430 Quadratkilometer umfasst, kein Tier, kein Geräusch, nichts. Catania Flughafen Fontanarossa hat auch darin Platz gefunden. Der Dunst macht die Orientierung schwer. Manchmal noch bricht sich die Sonne durch die schwarze Wolkenfront. Der Ätna, sonst alles überragend, versteckt sich in dieser Suppe.

Zerfallene Häuser zeugen davon, dass in dieser Landschaft einmal Menschen gelebt haben müssen. Zwischen den Flüssen Simeto, Dittaino und Gornalunga. Deren Wasser hat die fruchtbare Erde angeschwemmt. Heute sind die Bauernhöfe so gut wie alle verlassen, vergehen, verschwinden.

Diese seelenlose Fläche ist eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Anbaugebiete Siziliens. Orangen, Getreide, auch Oliven. Die vulkanische Aktivität in der direkten Nachbarschaft macht die Ödnis außerordentlich fruchtbar. Zu sehen ist von dieser Fülle nicht viel, nur abgeerntete Felder. Die nächsten Städte sind Catania, Lentini oder Francofonte.

Der Schlag, den das Auto abbekommen hat, hat einen Schwarm Vögel aufgescheucht. Sie scheinen die letzten Wächter der Piana di Catania zu sein.