Gin Tonic

Ich sitze also wieder einmal im Flugzeug Richtung Germania. Ohne Alkohol ist es diesmal aber nicht auszuhalten.

Neben mir sitzt nämlich ein Mann, der… der so laut schnarcht, als ob er im heimischem Schlafzimmer wäre. Dieser Mann schnarcht so laut, dass ich meinen Podcast nicht richtig höre. Der Mann schnarcht so laut, dass die Menschen vor und hinter unserer Reihe Ohropax auspacken. Habe ich aber nicht. Ich müsste die Lautstärke meiner Kopfhörer so weit hochdrehen, dass ich hinterher taub wäre.

Ich weiß, dass man in Flugzeugen aufpassen muss. Dass man auf gar keinen Fall die Nerven verlieren darf. Das kann böse enden, nicht für den Schnarcher, sondern für mich. Also reiße ich mich zusammen. Packe alle Entspannungsübungen aus, die ich kenne. Nur: es nützt nichts. Gar nichts. Der Mann schnarcht immer lauter.

Er schnarcht, seitdem wir in das Flugzeug gestiegen sind. Und der Super-Gau: wir müssen alle eine Stunde lang auf unseren Sitzen ausharren, weil wir wegen eines Unwetters in München nicht starten dürfen. Der Mann neben mir schnarcht unbeeindruckt einfach weiter.

Gibt es in solchen Fällen Passagierechte, die ich einklagen könnte? Gäbe es mildernde Umstände, wenn ich dem Mann etwas antun würde?

Nein und nein und nochmal nein. Es gibt nicht einmal irgendwo einen anderen Platz für mich im Flugzeug. Pech gehabt, ich muss es aushalten. Inklusive der Verspätung drei endlose Stunden lang.

Ohne Gin Tonic geht das heute nicht. Wie ich so an meinem Plastik-Becher nippe, komme ich zu der Überzeugung, dass ich nie in dieses Flugzeug hätte steigen dürfen. Ich hätte einfach in Noto bleiben sollen. Denn der schnarchende Mann war sicher nur der Anfang der Realität der kommenden Wochen in Deutschland…

Ci vediamo ☀️

Taormina

Taormina zählt zu den wenigen Orten, die zu meinem Arkadien gehören. Nicht, weil ich sie so besonders schön fände. Diese Städte leben für mich nur in meiner Erinnerung, weil ich aus meiner ersten Zeit in Sizilien kaum Fotos habe. Und die Bilder, die ich bei meinem zweiten Aufenthalt in Taormina zehn Jahre später gemacht habe, sind seit Jahren eingesperrt auf einer defekten Festplatte. Ein drittes Mal war ich nie dort. Aber die Erinnerung ist ein Gespenst. Oder ein Hirngespinst.

Ein altes Dia ist mir nun kürzlich beim Ausräumen meines alten Schreibtisches in die Hände gefallen, so als ob es mich erinnern wollte an diese längst vergangene Zeit. Es zeigt, so viel war auch ohne Projektor zu erkennen, das Teatro Greco in Taormina, dieses überwältigende Stein gewordene Zeugnis antiker Hochkultur.

Nach dem Einscannen erschien auf dem Bildschirm eine Aufnahme, die ich zwar im Jahr 2001 gemacht haben musste, die aus der Sicht von heute aber wirkt wie eine alte Postkarte aus dem vorvorherigen Jahrhundert. Wenn die Stühle nicht zu sehen wären, könnte man sich fast in die Zeit von Goethes Italienischer Reise zurück versetzt fühlen.

Auf seiner Station in Taormina verweilte der kunstsinnige Literat, Prototyp jedes Touristen, natürlich auch im Teatro Greco: „Setzt man sich nun dahin, wo ehemals die obersten Zuschauer saßen, so muss man gestehen, dass wohl nie ein Publikum im Theater solche Gegenstände vor sich gehabt. Rechts zur Seite auf höheren Felsen erheben sich Kastelle, weiter unten liegt die Stadt, und obschon diese Baulichkeiten aus neueren Zeiten sind, so standen doch vor alters wohl eben dergleichen auf derselben Stelle. Nun sieht man an dem ganzen langen Gebirgsrücken des Ätna hin, links das Meerufer bis nach Catania, ja Syrakus; dann schließt der ungeheure, dampfende Feuerberg das weite, breite Bild, aber nicht schrecklich, denn die mildernde Atmosphäre zeigt ihn entfernter und sanfter, als er ist.“

Vielleicht sollte ich doch mal wieder hinfahren. Meiner Erinnerung auf die Sprünge helfen. Auch auf die Gefahr hin, dass mein Arkadien danach um einen Ort ärmer ist…

Die mumisierte Stadt

Ein Gefühl des Alleinseins breitet sich in mir aus, sobald ich die Porta Marina hinter mir gelassen habe. Stille breitet sich aus, trotz der langen Schlange, in der ich soeben noch anstand, um meine Eintrittskarte in die Totenstadt zu lösen. Ich bin in Pompeji, der mumisierten Stadt. Auf 66 Hektar entfaltet sich vor mir das vollständige Panoptikum antiken Lebens aus, das 79 n. Chr. von einem Vesuvausbruch schlagartig ausgelöscht wurde.

Über drei Millionen Besucher aus aller Welt kommen jedes Jahr hierher, um sich von den Ruinen faszinieren zu lassen. Nicht immer wissen sie, in welcher Richtung sie den todbringenden Vulkan suchen müssen, um sich vor ihm ablichten zu lassen. Schlecht war es noch vor einigen Jahren bestellt um dieses Welterbe. Als 2010 ein Gebäude einstürzte, handelten die Verantwortlichen. Das Grande Progetto Pompei war geboren. Heute ist die Ruine fast wie auferstanden aus Ruinen, vieles hat sich zum Besseren gewandt.

Ich suche hier nicht nach eigenen Worten, alles ist gesagt über Pompeji, zu allen Zeiten, in allen Sprachen. Auch von Goethe, dem Urvater aller Reiseblogger:

 

Neapel, Sonntag, den 11. März 1787

Da mein Aufenthalt in Neapel nicht lange dauern wird, so nehme ich gleich die entfernteren Punkte zuerst, das Nähere gibt sich. Mit Tischbein fuhr ich nach Pompeji, da wir denn alle die herrlichen Ansichten links und rechts neben uns liegen sahen, welche, durch so manche landschaftliche Zeichnung uns wohlbekannt, nunmehr in ihrem zusammenhängenden Glanze erschienen. Pompeji setzt jedermann wegen seiner Enge und Kleinheit in Verwunderung. Schmale Straßen, obgleich grade und an der Seite mit Schrittplatten versehen, kleine Häuser ohne Fenster, aus den Höfen und offenen Galerien die Zimmer nur durch die Türen erleuchtet. Selbst öffentliche Werke, die Bank am Tor, der Tempel, sodann auch eine Villa in der Nähe, mehr Modell und Puppenschrank als Gebäude. Diese Zimmer, Gänge und Galerien aber aufs heiterste gemalt, die Wandflächen einförmig, in der Mitte ein ausführliches Gemälde, jetzt meist ausgebrochen, an Kanten und Enden leichte und geschmackvolle Arabesken, aus welchen sich auch wohl niedliche Kinder- und Nymphengestalten entwickeln, wenn an einer andern Stelle aus mächtigen Blumengewinden wilde und zahme Tiere hervordringen. Und so deutet der jetzige ganz wüste Zustand einer erst durch Stein- und Aschenregen bedeckten, dann aber durch die Aufgrabenden geplünderten Stadt auf eine Kunst- und Bilderlust eines ganzen Volkes, von der jetzo der eifrigste Liebhaber weder Begriff, noch Gefühl, noch Bedürfnis hat.

Ausgrabung des Isistempels in Pompeji. Radierung nach Fabris

Bedenkt man die Entfernung dieses Orts vom Vesuv, so kann die bedeckende vulkanische Masse weder durch ein Schleudern noch durch einen Windstoß hierher getrieben sein; man muß sich vielmehr vorstellen, daß diese Steine und Asche eine Zeitlang wolkenartig in der Luft geschwebt, bis sie endlich über diesem unglücklichen Orte niedergegangen.

Wenn man sich nun dieses Ereignis noch mehr versinnlichen will, so denke man allenfalls ein eingeschneites Bergdorf. Die Räume zwischen den Gebäuden, ja die zerdrückten Gebäude selbst wurden ausgefüllt, allein Mauerwerk mochte hier und da noch herausstehen, als früher oder später der Hügel zu Weinbergen und Gärten benutzt wurde. So hat nun gewiß mancher Eigentümer, auf seinem Anteil niedergrabend, eine bedeutende Vorlese gehalten. Mehrere Zimmer fand man leer und in der Ecke des einen einen Haufen Asche, der mancherlei kleines Hausgeräte und Kunstarbeiten versteckte.

Den wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck dieser mumisierten Stadt wuschen wir wieder aus den Gemütern, als wir, in der Laube zunächst des Meeres in einem geringen Gasthof sitzend, ein frugales Mahl verzehrten und uns an der Himmelsbläue, an des Meeres Glanz und Licht ergötzten, in Hoffnung, wenn dieses Fleckchen mit Weinlaub bedeckt sein würde, uns hier wiederzusehen und uns zusammen zu ergötzen. „Die mumisierte Stadt“ weiterlesen