Pures Vergnügen

Wenn die goldene Abendsonne in einem Glas mit Aperol Spritz funkelt, die Eiswürfel darin klirren und das Kondenswasser auf dem kleinen Tisch der Bar Pfützchen bildet, ist das der schönste Moment in der kurzen Spanne zwischen Tag und Nacht.

Nirgendwo schmeckt mir der Aperitif so gut gut wie hier in Sizilien und jedesmal denke ich, wenn der Erfinder von jedem verkauften Glas nur einen Cent bekommen würde, würde er jeden Abend aufs Neue Millionär.

Seitdem mein Viertel Piano alto durch die vielen Tourist*innen so quirlig ist wie nie zuvor, haben die Bars hier oben auf der Piazza Mazzini auch abends noch auf. Dort, wo ich morgens frühstücke, kann ich abends noch einen Aperitif trinken. Besser geht’s nicht, spare ich mir doch die 150 Stufen der Treppenwand runter zum Corso, die in der Augusthitze eine wahre körperliche Herausforderung sind.

Morgens steht Carmen hinter dem Tresen der Night and Day-Bar, doch abends vertritt sie dort ihr Mann, Piero. Die bambini müssen schließlich auch in Sizilien irgendwann ins Bett. Normalerweise sitzen dann an den Tischen der Bar Männer, die nach der Arbeit vor dem cena noch schnell ein Bier trinken. Die Tourist*innen sind zu dieser Zeit lieber auf dem corso, um sich in das Defilée des Jahrmarkts der Eitelkeiten einzureihen.

Aperol muss Piero also hier oben nicht so oft servieren. Trotzdem erfüllt er meinen Wunsch, obwohl ich eine Flasche Aperol beim Bestellen nirgends entdecken kann. Aber auf meine Frage, ob er das im Angebot hat, meint er trocken: „Sí, certo!“ Ich meinte sogar, einen leisen Ton der Entrüstung zu hören.

Zuerst wollte ich die mit angeboten patatine und arachide nicht, aber das wäre ein Fehler gewesen. Außerdem wollte ich Piero nicht noch weiter beleidigen. Zum Glück habe ich nachgegeben…

Es dauerte ein bisschen, bis das Glas mit Aperol Spritz verheißungsvoll funkelte und die Cubetti di ghiaccio darin klirrten. Vermutlich musste Piero erst noch irgendwo eine Flasche organisieren. Und dann der erste Schluck…

…der war hart. Piero hatte wohl den Spritz vergessen und mir ein halbes Weinglas puren Aperols serviert. Gefühlt eine halbe Flasche. Weil ich aber einen sizilianischen barista nicht demütigen wollte mit der Frage, ob er nicht wisse, wie man einen Spritz mischt…

…deshalb hier vorsorglich das offizielle Aperol Spritz Rezept der International Bar Association (IBA) für alle Barkeeper, die heimlich meinen Blog lesen:

https://www.aperol.com/de-de/aperol-spritz-rezept/

Ich jedenfalls hab meinen Aperol pur tapfer ausgetrunken, mit ausreichend Chips und Erdnüssen ging’s schon. Obwohl das Getränk laut eigener Angabe des Herstellers „ein wahres Meisterwerk der Likör-Kreation“ ist und „einen raffinierten, ausgewogenen Geschmack“ biete, der nur dank der einzigartigen Mischung hochwertiger Früchte, Kräuter und Gewürze entstehe, konnte ich dem „frischen Geschmack, der seiner geheimen Originalrezeptur von 1919 bis heute treu geblieben ist“, nach dem zweiten Schluck keine Begeisterung mehr abgewinnen. Empfehlen kann ich die pure Variante jedenfalls nicht 😉

2 Kommentare zu „Pures Vergnügen

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