Donnerstag, 19 Uhr: Die Goldene Stunde bricht an. Die kurze Zeit, wenn die untergehende Sonne in den Corso Vittorio Emmanuele scheint und das barocke Theater ringsum in unvergleichliches Licht taucht.
Die Goldene Stunde bricht an.
Der Sandstein glüht in dieser Illumination. Während der Goldenen Stunde ist die Selfie-Rate auf der Treppe um ein vielfaches höher als zu anderen Tageszeiten. Eine gute halbe Stunde wird der Lichteffekt immer dramatisch, ehe er ganz plötzlich verschwindet. Die Dämmerung in Sizilien ist kurz.
Die Nacht senkt sich in Sizilien schnell über der Szenerie.
Samstag, 20 Uhr: Die Nacht senkt sich in Sizilien schnell über der Szenerie. Ist die Sonne hinter den Hügeln verschwunden, so lässt sie doch ihr heißes Tagwerk im barocken Mauerwerk zurück. Das Gemäuer strahlt die Hitze des Augusttages bis spät in die Nacht ab.
Kurz nach 20 Uhr öffnet sich wieder das große Tor der Kathedrale.
Kurz nach 20 Uhr öffnet sich wieder das große Tor der Kathedrale. Der Gottesdienst ist vorbei, die Gläubigen mischen sich unter die, die auf der Treppe, einer Tribüne gleich, dem Treiben auf der Straße zusehen. Der Corso füllt sich langsam. Man trifft sich im Herzen der Stadt, zur auf einen aperitivo, zum giro, zum Sehen und Gesehen werden. Zur conversazione. „Unsere Wünsche sind Irrtümer“, sagt ein älterer Herr zu seiner Zuhörerschaft, bevor er weiter geht.
Dienstag, 8 Uhr: Noto hat sich gewaschen. Befreit vom Schmutz des Vortages glänzt die Treppe der Kathedrale in der Morgensonne. Die wirft um diese Zeit noch lange Schatten. Brennt aber bereits unerbittlich auf die Stadt. In der sind um diese Uhrzeit nur wenige unterwegs.
Um 8 Uhr morgens gehört Noto sich selbst.
Die Netini sind um 8 Uhr selbst im August mit sich und ihrer Stadt alleine. Manche, die offenbar keinen Urlaub bekommen haben, treten ihren Dienst im Municipio an, direkt gegenüber der Kathedrale im Palazzo Ducezio. Die Bürokratie hat auch in Sizilien niemals Ferien. Gerade hier nicht. Was aber nicht heißt, dass sie arbeitet. Und wenn, dann sehr langsam. In Sizilien hat jeder viel Zeit. Viel Papier. Viele Paragrafen. Noch sind zu dieser Stunde keine Touristen unterwegs, nur ein älteres Paar tritt aus seiner Wohnung am Corso und macht sich mit seinem Sonnenschirm auf zur Spiagga. Der frühe Vogel fängt den Wurm, auch am Strand.
Montag, 18 Uhr: Zuckerwatte, wer isst die heute noch? Dieser klebrige, süße Hauch von Nichts? Zuckerwatte, der Traum der eigenen Kindheit beim Jahrmarktbesuch. Fünf oder sechs Gramm Zuckerkristalle, erhitzt und mit Zentrifugalkraft zu flaumigen Wattefäden gesponnen. Um 18 Uhr wartet Franco mit seinem „Zucchero di filato“-Wägelchen neben der großen Treppe hinauf zur Kathedrale San Nicolò auf Kundschaft.
Franco, der Zuckerwatteverkäufer wartet um 18 Uhr meist vergeblich auf Kundschaft.
Die meisten gehen achtlos an ihm vorbei, den Blick auf das Stein gewordene barocke Theater um sie herum gerichtet. Einige Kinder beäugen sein Angebot und laufen dann doch weg. Giovanni wartet, seinen Sohn im Kinderwagen, eine Zigarette in der Hand. Gibt Franco schließlich eine Münze und bekommt eine Zuckerwatte für den Jungen. Dann kommt schon die dazugehörige Mama.
Ferragosto, das ist der Tag, an dem der Sommer kulminiert. Den 15. August verbringt kein Italiener, schon gar kein Sizilianer, alleine. Diesen Feiertag verbringt diese Nation gemeinsam, am besten möglichst viele Individuen als Rudel am selben Strand. Ferragosto, das ist der Tag, an dem Städte plötzlich dreimal so viele Einwohner haben, weil alle auswärts, in der Fremde, gar im unwirtlichen Norden lebenden Italiener nach Hause strömen, um in der Familien-, Freundes-, Menschenmenge zu baden.
Spaigga in Lido di Noto
Verbracht wird der Tag in Sizilien vorwiegend an den Stränden, die dafür eigentlich zu klein sind. Handtuch an Handtuch, und wenn man über Schirme laufen könnte, dann käme man, ohne den Sand zu berühren, bis ans Meer.
Könnte man über Schirme gehen, käme man, ohne den Sand zu berühren, ans Meer.
Und dann wird palavert, was das Zeug hält. Natürlich: das Wetter (ging heuer so) und das Essen. Das wird nicht nur im Großfamilienformat in Töpfen und Schüsseln herangekarrt, es wird nicht nur ausgiebig genossen, es wird vor allem wortreich kommentiert. Und auch das Essen an Ferragosto des Vorjahres und des Vorvorjahres…
Mangiare — ohne geht es an Ferragosto auch an der Spiagga niicht.
Weil es ja doch ziemlich heiß ist, ist anschließend Zeit für’s Badevergnügen, das heißt, das Rudel zieht gemeinschaftlich ins Wasser, steht dort einfach nur herum, Stunde um Stunde, und: palavert.
Dann wird wieder gegessen, bevor gekartelt wird. Oder, wer einige Minuten still sein möchte: Kreuzworträtsel gelöst. Bambini schreien, Mamas schreien, junge Männer spielen Fußball, dafür finden sie immer noch irgendwo einen Flecken Strand, und gleichzeitig starren alle in ihre Telefonini, ihre Handys, die hier hauptsächtlich tatsächlich zum telefonieren verwendet werden. Denn die, die aus wichtigen Gründen nicht auch noch mit am Strand sein können, sollen ja trotzdem erfahren, wie das Wetter ist und die Pasta…
Sonntag, 16 Uhr: Die Verkäuferinnen bleiben mit ihren Luftballons unter sich und auch den grünen Wellensittich will niemand streicheln. Die Frauen lachen, reden, schauen dem Treiben auf der Treppe zum Dom von Noto zu. Der hat seine Tore weit geöffnet, trotz der Siesta. Im August ist Hochsaison.
Noto, 16 Uhr.
Niemand interessiert sich für die Leuchtschwerter, die auch Geräusche machen können und die bunten Ballons wiegen sich umsonst im Wind. Nur beobachtet von Andy Warhol, dessen Polaroids in diesem Sommer in der Barockstadt gezeigt werden. Um 16.15 Uhr beschließen die fliegenden Händlerinnen, ihren Stand ein paar Zentimeter weiter nach rechts zu rücken.
Dinkelsbühl-Noto, 1993 Kilometer einfach, 19 Stunden, 40 Minuten: Über den San Bernardino, in Milano auf die A1, die zu allen Zeiten, bis heute bei Reisenden von nördlich der Alpen Sehnsucht erzeugende Autostrada del Sole. Roma ist die Mitte die Tour, für die Psyche ist es wichtig, am ersten Tag noch ein Stück weiter südlich zu kommen. Bis nach Frosinone zum Beispiel.
Frosinone, man glaubt es kaum, hat zwei Päpste hervorgebracht, spielte bereits in der Seria A, der höchsten italineischen Fußballliga, hat sich in der Geschichte durch Aufstände gegen das antike Rom seinen unauslöschlichen Platz gesichert. Mehrfach im Laufe der Jahrhunderte zerstört, zuletzt im Zweiten Weltkrieg. Das Stadtbild wird als modern beschrieben, also wenig morbider italienischer Charme, dafür viel bröckelnder Beton. Die lokale Macht hat derzeit ein Mitte-Rechts-Rat.
Unglübiges Staunen: Internationale Firmen sind hier ansässig. Die Stadt verfügt über eine Hubschrauber-, Textil-, Elektronik- und Lebensmittelindustrie. Eine Art Raffinerie sorgt nachts für eine industriell-anheimelnde Atmosphäre.
Ana hat in Frosine, gleich an der Zubringerstraße zur A1 eine Imbissbude und brät bis spät abends Salsicce, italienische Bratwürste. In einem Zelt hat sie Bierbänke aufgestellt, ein Fernseher läuft, natürlich. Rauchen, so steht auf einem Schild, ist hier verboten, mit dem Zusatz ein bisschen zumindest. Hier trifft sich der Querschnitt der Frosinoner, junge Pärchen, Bauarbeiter, ein Beamter und Carla, die als Stammgast auch entscheiden darf, dass von einer Art „Rach, der Amateurfußballverein-Tester“ auf Rosamunde Pilcher umgeschaltet wird. Immerhin: Anna fragt die Fremden, ob es ihnen recht wäre, das Programm zu ändern. Was aber sollen die als Zaungäste schon dagegen haben?
Ana brät am Autobahnzubringer in Frosinone Salsicce.
Warum es in Frosinone ein so großes Hotel wie das Hotel Ristorante „Cesare“ gibt, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Vielleicht wegen der internationalen Firmen hier? Es erschließt sich dem zufälligen Gast auch nicht, warum hier ein riesiges Restaurant vorgehalten wird, wenn doch niemand hier isst. Der blick auf die Autostrada del sole ist dafür umso schöner. Das Frühstück ist nicht wie bei Tiffany’s und wer Brot nicht mag, der ist in diesem Hotel richtig. Das Colazioni ist nämlich senza pane. Wurst, Käse und Marmelade gibt es dafür in reicher Auswahl, ein Kellner, den man um Brot bitten könnte, lässt sich aber lieber gar nicht mehr blicken, nachdem er einen Espresso gebracht hat.
Als Etappenziel ist Frosine nicht besser oder schlechter als Eboli zum Beispiel, südlich von Salerno, wo der Reisende nach 1339 Kilometern einen ersten kurzen Blick aufs tyrrenische Meer werfen kann. Danach muss er bis Lamezia Terme in Kalabrien warten, Sizilien bereits vor Augen. Ab Napoli bewegt er sich auf der A3. Waren die Zwischenetappen bis dahin Höhepunkte Italiens: Milano, Bologna, Firenze oder Rom, gleitet er bald hinter Salerno durch ein Nichts. Ein endloses Nichts. Unspektakulär, unbesiedelt, unendlich. Endlos. Parco Nazionale dell Pollino nennt sich diese Ödnis zuerst, danach Parco Nazionale della Sila. Kein Haus, kein Mensch, dafür Berge, auch im Hochsommer kalter Wind. Nichts, was das Auge des Reisenden ablenken, gar erfreuen würde. Trostlose Parkplätze mit überquellenden Mülleimern. Blicke in unbesiedelte Täler. Verzweiflung macht sich breit. Hoffnungslosigkeit, dass es gelingen könnte, diese ungezähmte Landschaft zu durchqueren.
Rast im Nirgendwo.
Groß ist deshalb die Erleichterung, es nach vielen Stunden bis nach Lamezia Terme geschafft zu haben, die kalabrische Stadt, die vor Jahrzehnten einen Flughafen bekommen hat, um Touristen in die Gegend zu bringen. Ab Lamezia steigt die Vorfreude auf Sicilia, und die 121 Kilometer bis zur Fähre in Villa San Giovanni erscheinen wie ein Katzensprung.
Und dann: die Fahrt über den Stretto, Messina, die von Erdbeben geschundene Stadt, die den aufgeregtes Fährreisenden ihr schönes hässliches Gesicht zeigt, Sicilia, Sicila… Endlich!
Messina zeigt dem Fährreisenden sein schönes hässliches Gesicht.
Bei seinem ersten Auftritt vor dem Europaparlament in Straßburg hat Papst Franziskus die Flüchtlingspolitik der Europäer scharf kritisiert. „Es ist nicht hinnehmbar, dass das Mittelmeer zu einem Massenfriedhof wird“, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche. „Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Hilfe brauchen“, mahnte Franziskus.
Das war 2014. Die Fluchtbewegung über das Mittelmeer nach Italien hat wieder begonnen. Seit der Weg über die Ägäis nach Griechenland und die so genannte „Balkanroute“ gesperrt sind, machen sich wieder Tausende von Verzweifelten in völlig überladenen Schlauchbooten oder in ausrangierten Fischerkähnen von Libyen aus auf den Weg nach Europa.
In Porto Palo am südlichen Ende Siziliens warten Flüchtlingsboote auf, ja was?
Hundeleben im Schatten der Flüchtlingskrise.
Ob der Eigentümer dieser Sandale die Flucht übers Mittelmeer überlebt hat, weiß niemand.
Damit steigt auch die Zahl der Toten, obwohl inzwischen viele Rettungsschiffe vor der Küste Libyens kreuzen. SPIEGEL TV war eine Woche lang an Bord der „Siem Pilot“, eines norwegischen Schiffs, das zwischen Italien und Libyen im Einsatz ist. Bereits im vergangenen August lag das Schiff im Hafen von Catania. Der Film über den aktuellen Einsatz ist am heutigen Sonntag um 22.15 Uhr im SPIEGEL TV Magazin auf RTL zu sehen.
Die „Siem Pilot lag im vergangenen August in Catania.
Das norwegische Schiff ist derzeit im Mittelmeer unterwegs, um Flüchtlinge aufzunehmen.
In diesem Jahr sollen laut Fachleuten bereits über 1093 Tote im Mittelmeer zu beklagen sein. Der italienische Geheimdienst schätzt, dass in Libyen noch mehrere Hunderttausend Menschen aus Afrika darauf warten, mit einem Boot nach Europa zu gelangen.