Der längste Tag

…des Jahres ist in Sizilien wesentlich kürzer als in Deutschland.

In Noto geht an diesem längsten Tag des Jahres der Feuerball um 5.41 Uhr im Meer auf. Um 20.22 Uhr versinkt er in den Hügeln der Monti Iblei.

In meiner deutschen Heimatstadt geht da zur Sommersonnenwende in Sachen Tageslicht einiges mehr: Il sole zieht dort zwischen 5.14 und 21.26 Uhr ihre Bahn am Himmelszelt. Das sind rund eineinhalb Stunden mehr Ausbeute an Helligkeit. Die Dämmerung, die es in einer ausgeprägten Form hier in Sizilien ja auch nicht gibt, ist in die Zeit des Tageslichts weiter nördlich noch gar nicht eingerechnet.

Noto. Kurz nach 21 Uhr.

Als ich die Sommersonnenwende vor Jahren zum ersten Mal in Noto erlebt habe, war ich fast ein bisschen enttäuscht. Spätestens um 21 Uhr draußen alles stockdunkel. Mittlerweile habe ich so viele dieser Wendepunkte im Jahr in Sizilien erlebt, dass ich mich fast nicht mehr daran erinnern kann, wie sich diese längsten Tage in Deutschland anfühlen.

Hier, fast am südlichsten Punkt der Repubblica Italiana, ist die Sonne bei ihrem Höchststand am Mittag brutal. Schmerzhaft auf der Haut. Kaum auszuhalten. Deshalb verdöst man diese taghelle Zeit am besten. Hinter geschlossenen Fensterläden, deren Lamellen das gleißende Licht, das ins Zimmer fällt, zerschneiden. Oder am Strand, zusammengekauert im winzigen Schatten eines Sonnenschirms.

Quelle: http://www.weltkugel-globus.de/

Um den 21. Juni erreicht die Sonne auf der Nordhalbkugel zu Mittag ihren höchsten Stand über dem Horizont. Am nördlichen Wendekreis schafft sie dann gerade noch so ihren Zenit, Schatten gibt es dann keinen mehr, das heißt, er fällt gleichmäßig in alle vier Himmelsrichtungen.

Grob geschätzt ist Noto vom Wendekreis des Krebses in Libyen Luftlinie nicht viel weiter entfernt als von meiner Heimat in Deutschland. Afrika liegt von meinem derzeitigen Standpunkt gesehen näher als Rom. Diese Entfernungen und Relationen muss ich mir manchmal noch vor Augen führen.

Zur Feier des Tages blüht auf der Dachterrasse mein Kaktus. Seine Blüten werden jedoch bis zum Abend vor der sonnigen Wucht des längsten Tages kapitulieren.

Später, als es längst dunkel ist, zündet in der Nachbarschaft jemand ein Feuerwerk. Und macht die Nacht für einige Augenblicke noch einmal zum gleißenden Tag.

Im Partybus

Wer den Fehler macht, zu früh in den Bus einzusteigen, sitzt ganz schnell mitten in einer Party. Ist mir so ergangen in der navetta nach Lido di Noto.

Ich kletterte an der Haltestelle als eine der ersten in das kleine Fahrzeug und suchte mir einen Sitz in der Mitte. Unversehens waren die Reihen vor und hinter und neben mir besetzt von einer ausgelassenen, spanisch parlierenden Gruppe. Einer hatte eine große Kühlbox dabei. Soweit, so gut, haben hier ja viele, die ans Meer wollen.

Und schwups, als sich der Bus in Bewegung setzte, wurde die Kühlbox geöffnet. Randvoll mit cerveza war die. Die Flaschen wurden ausgeteilt und ehe ich mich zieren konnte, hatte ich selbst eine in der Hand. Vormittags um 10.30 Uhr, wohlgemerkt.

Zeit, lange nachzugrübeln, was ich nun mit dem Bier machen sollte, hatte ich nicht, denn der Typ auf der anderen Seite des Gangs prostete mir herzlich zu. De abajo hacia arriba! Und dann warf jemand die Musik in seinem Handy an, es wurde gesungen und dass nicht auch noch getanzt wurde, lag schlicht an den beengten Verhältnissen im Fahrzeug. Der Bus wurde jedenfalls zum Club und ich mittendrin. Immer noch vormittags, um 10.45 Uhr.

Groß unterhalten konnte ich mich mit meiner Party-Truppe nicht, ich sage nur Sprachbarrieren. Wollten die, glaube ich, auch nicht. Wer will schon reden, wenn er feiern kann? So ging’s also die knappe halbe Stunde hinunter nach Lido di Noto und der Busfahrer amüsierte sich köstlich.

Muss ja eigentlich ein schöner Job sein, jeden Tag gut gelaunte Menschen zum Strand zu fahren. Dachte ich so. Jedenfalls wirkte unser Chauffeur sehr entspannt, als er in sich hinein grinste. Turisti pazzi, mag er sich gedacht haben, verrückte Touristen.

Das könnte ich ja auch machen, überlegte ich, während ich weiter mein kühles Bier zum Frühstück trank, das mir schnell zu Kopf stieg. Ich wollte nämlich bei meinen neuen amigos auf gar keinen Fall griesgrämig deutsch rüberkommen und nahm deshalb einen weiteren beherzten Schluck.

Zum Glück waren wir dann schnell am Ziel. Sonst hätte mir möglicherweise noch ein zweites Bier gedroht. Und ich hätte sicher meine Bewerbung als Busfahrerin an Ort und Stelle abgegeben. Wer weiß, vielleicht hätten die mich sogar genommen…

Wieder eine Chance verpasst? Wie mein gut gelauntes Leben als Busfahrerin in Sizilien weitergegangen wäre, davon träumte ich später unterm Sonnenschirm am Strand, als ich meinen kleinen vormittäglichen Rausch ausschlief. 😉

Sizilianisches Hörspiel

Irgendwann musste es ja mal passieren: ich liege mit einer Erkältung flach. Ich schaue also ermattet den Vorhängen zu, wie sie sich im Wind bauschen und leide ein bisschen vor mich hin. Zum Glück läuft unten auf der Gasse seit Stunden ein unterhaltsames sizilianisches Hörspiel. Und das heißt: Fenster streichen.

Eigentlich ist das ja eine ziemlich unaufgeregte Tätigkeit: alten Lack abkratzen, neue Farbe drauf und fertig. Mehr als eine Person braucht man für diese Arbeit nicht. Glaube ich mit meinem deutschen Pragmatismus.

Aber wir sind ja in Sizilien. Unvorstellbar, dass hier ein Mensch ganz für sich alleine dieses Fenster streichen und, sagen wir, an einem Vormittag fertig werden würde.

Es braucht hier mindestens vier Personen, die schon frühmorgens lautstark dabei helfen, eine Trittleiter in Position zu bringen. Das hört sich zunächst so an, als ob ein riesiges Gerüst aufgestellt werden würde, obwohl das Fenster im Erdgeschoss liegt. Außer einer viel zu hohen Leiter braucht es für dieses Projekt auch viel Palaver, um die Lackierung vorzubereiten.

Zuerst erfahre ich unfreiwillig, weil lautstark, alles über die Geschichte des Hauses, das noch gar nicht so alt ist. Dann wird detailliert besprochen, wie die anstehende Aufgabe zu lösen sei. Weil ja jederzeit etwas fehlen könnte, parken zwei Pkw in der an sich für Autos viel zu kleinen Gasse, so dass für Fußgänger kein Durchkommen mehr ist. Die sorgen dann jeweils mit ihrem Geschimpfe für die notwendige Prise Drama in diesem Hörspiel.

Die Aufregung um dieses eine Fenster ist jedenfalls irgendwann riesig. Jetzt kommen auch alle Nachbarn und wollen ihren Senf dazu geben. Jeder weiß zum Thema Maler- und Lackierarbeiten was anderes zu sagen.

Der Vormittag ist irgendwann schon weit fortgeschritten. Passiert ist aber offenbar noch nicht viel. Nur die Leiter steht jetzt wie eine Eins, jedenfalls höre ich nicht mehr, dass für sie der perfekte Standort gesucht werden muss.

Was folgt, ist erst einmal eine dreistündige Mittagspause, in der aber weiter lautstark gefachsimpelt wird. Männer unter sich. Begleitet wird dieser Diskurs vom Geklapper des Geschirrs. Und alle möglichen anderen Themen werden außerdem verhandelt, angefangen beim Wetter, über das Essen bis hin zu den Enkelkindern.

Schließlich stört die Signora des Hauses die Runde. Was sie zu der Truppe gesagt hat, bleibt für mich allerdings im Dunkeln. Aber schon kurz darauf fahren die beiden Autos weg. Es wird still. Lösungsmittel wehen zu mir ins Zimmer. Also wird das Fenster heute doch noch gestrichen.

Multiple Persönlichkeit

Sizilien ist und bleibt auch im 21. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht ein Mysterium. Die exzessive Heiligenverehrung gehört dazu.

Da gibt es außerhalb Avolas, direkt an der SS115 diesen Bildstock mit einer Figur des Heiligen Sebastian. San Sebastiano. Mir ist diese kleine Kapelle schon vor längerer Zeit aufgefallen, weil ich oft daran vorbeigefahren bin. Denn dort werden nicht nur Blumen abgelegt. Dort hängen auch regelmäßig Kleidungsstücke am Gitter der Votivkapelle.

Jetzt habe ich mir dieses Szenario aus der Nähe angeschaut. Da liegen Unmengen an Blumen und Kleidung, hauptsächlich in Kindergröße. Im Gitter, hinter dem die Heiligenfigur eingesperrt ist, stecken unter anderem eine Brille und das Foto eines jungen Mannes. Rosenkränze, logisch, garnieren dieses Stillleben, das mir Rätsel aufgibt.

Die Fakten lassen sich leicht recherchieren. Wobei ich auch da ins Staunen gerate: ich hätte nicht gedacht, dass diese unscheinbare Kapelle am Straßenrand noch heute eine solche Bedeutung für die Menschen in Avola hat.

Früher sind die Männer wohl nackt, nur mit einer roten Schärpe bekleidet, zu dieser Kapellen gepilgert. Mittlerweile tragen sie zur Schärpe immerhin weiße Kleidung. Gehuldigt wird in Avola einem Heiligen, dem die Menschen multifunktionale Kräfte zuschreiben, die mitten im Jetzt wirken sollen. Unter anderem gilt er als durchbohrtes Vorbild der Sportler.

Der Märtyrer ist auch Schutzpatron der Sterbenden, Bogen- und Armbrust- Schützen, Schützengilden, Soldaten, Kriegsinvaliden, Büchsenmacher, Eisen- und Zinngießer, Steinmetze, Gärtner, Waldarbeiter, Gerber, Töpfer, Bürstenbinder und Leichenträger; er soll auch helfen gegen Pest und Seuchen, Geschwüre, Infektionen, Wunden und wer ein krankes Kind hat, ruft ebenda seinen Beistand. Seit einigen Jahren soll er auch gegen Aids wirken.

In Avola scheint man dem Märtyrer zu vertrauen. Soweit, so gut. Ich könnte das Ganze ja als Folklore abtun. Aber die Gegenstände, die Menschen hierher bringen, sprechen irgendwie eine andere Sprache. Eine Sprache, die ich allerdings ebenso wenig verstehe, wie Sizilianisch. Und vermutlich kann man sie ebenso wenig lernen. Man muss sie mit der Muttermilch aufsaugen.

Unter den Wolken

Es ist schon ein außergewöhnlicher Juni hier in Sizilien: Der Sommer lässt weiter auf sich warten. Die vielen Tourist*innen, die in der Stadt sind, werden langsam ungeduldig. Sie wollen mare e sole. Ist das hier nicht die Insel der Sonne?

Ist sie nicht, nicht in diesem Juni jedenfalls. Ob sich das noch ändern wird, solange ich hier bin, weiß ich nicht. Denn wenn sie in Sizilien etwas nicht können, dann sind es Wettervorhersagen. Das ist wie ein Blick in die Kristallkugel: Fünf Apps, fünf Prognosen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die reichen je nach Wetter-Wahrsager*in von 34 Grad und Sonne pur bis hin zu schweren Unwetterwarnungen mit Gefahr für Leib und Leben. Da hilft nur der Blick aus dem Fenster.

Und abends in den Himmel. Experten könnten aus den Wolkenformationen sicher aufschlussreiche Erkenntnisse ziehen: Hochdruck, Tiefdruck, was auch immer der nächste Tag an Wetterkapriolen bringen mag.

Ich hingegen staune in meinem Wetter-Observatorium auf der Dachterrasse einfach nur, wie der schwindende Tag mit seinem Wasserfarbkasten aus Licht und Schatten die schönsten Wolkenfresken ins Himmelsgewölbe pinselt.

Die Treppenwand

Mein Aktionsradius ist etwas eingeschränkt: Ich habe derzeit kein Auto. Also bin ich hauptsächlich zu Fuß unterwegs. Während sich mein Schrittzähler über diesen Umstand jeden Tag aufs Neue freut, überlegt sich mein Kopf allerdings genauso oft, was er meinem Körper zumuten will. Denn zwischen meiner Bleibe in Noto alta und den Vergnügungen im Centro storico steht die Treppenwand. So heißen in meiner Familie 149 Stufen, die es in sich haben.

Jede Expedition nach unten in die gute Stube der Stadt will also gut überlegt sein. Aber meistens siegt dann doch die Abenteuerlust über die Faulheit. Also los!

Zuerst ist alles ganz einfach, es geht ja von den nördlichen Stadtteilen bergab in Richtung Süden. So erreicht man beschwingt die Treppe. Auch nach vielen Jahren ist es jedesmal beeindruckend, wenn sich dort nach der zweiten Kehre die Rückseite der Kathedrale mit ihrer Kuppel auftut: eine Verheißung der überwältigenden Schönheit Notos. 31 Stufen abwärts sind es bis dahin.

Lockeren Schritts geht es nach einer kurzen Schaupause geradeaus 118 Stufen weiter abwärts. Seit einiger Zeit gibt es auf halber Treppe, quasi als Biwak in der Wand, eine Bar. Abends liegen hier Kissen auf den Stufen. Manchmal treten in dieser Location, die sich „Secret“ nennt, auch Bands auf. Mir persönlich ist die steinerne Stiege zum Verweilen aber zu unbequem.

Unten angekommen, lohnt sich schnell ein Blick zurück, denn jedes Jahr werden die Absätze der Stufen zum Motto der Infiorata im Mai beklebt, woraus sich dann ein eindrucksvolles Bild ergibt. Diesmal wird in der ganzen Stadt das Kino gefeiert.

Ja, und dann? Downstairs: Rauf auf den Corso, bummeln, was trinken, schauen, staunen, sich amüsieren. Und etwas später: Froh sein, dass es abends noch kühl ist. Bloß nichts Schweres einkaufen. Beim Aperitif maßvoll bleiben. Nicht zu viel essen. Und schließlich: Einfach nicht dran denken, dass der Rückweg durch diese Südwand kein leichter sein wird.

Das Hindernis muss schließlich upstairs wieder durchstiegen werden. Je nach persönlicher Verfassung, Schuhwerk, Ausrüstung und klimatischen Verhältnissen kann sich das wie die Besteigung der Eiger Nordwand anfühlen. Beängstigend. Anstrengend. Unmöglich. Aber es hilft ja nichts. Andere Gipfelrouten wären länger und die Höhenmeter müssen so oder so bewältigt werden. Also dann doch lieber die Direttissima.

Wie damals bei den Versuchen, die Eiger Nordwand zu bezwingen, gibt es auch in der Treppenwand Voyeure, die mit einem kühlen Getränk in der Hand die Anstrengungen auf der gnadenlosen Stiege verfolgen. Also jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Kräfte einteilen, in der Seilschaft den eigenen Rhythmus finden. Auf gar keinen Fall keuchend durch das Biwak in Höhe der Bar klettern. Sich bloß keinen Fehltritt leisten. Nicht abstürzen. Locker muss es aussehen, unangestrengt. Souverän.

Vor Entkräftung niedersinken kann man nach der Kehre immer noch. So viel Selbstachtung muss sein.

Das Fenster zur Welt

Vor meinen Fenstern in Sizilien sind hübsche Balkone. Einer wird morgens von der Sonne beschienen, der andere abends. Lauschige Plätzchen also, um dort nach dem Aufstehen den ersten Caffè zu trinken oder nach des Tages Mühen ein Glas Wein? Eher nicht. Das hätte hier keine Tradition.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist berühmt für seine Balkone.

Ich bin also noch nie auf diesen Balkonen gesessen, obwohl ich mir das anfangs so schön ausgemalt hatte. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese hübschen Freisitze, die auch gar nicht viel Platz bieten, eigentlich nur Zierwerk sind. Ja, man könnte Pflanzkübel darauf platzieren und natürlich Wäsche davor hängen. Aber darauf sitzen und entspannen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Man säße wegen der engen Gassen ja quasi auf dem Balkon der Nachbarn, könnte in ihre Zimmer schauen, man machte sich zum uneingeladenen Gast.

Dabei haben Balkone eine bewegte und lange Geschichte hinter sich, vor allem in Italien: Sie lassen sich bis in die Zeit um Christi Geburt zurückverfolgen. Schon altrömische Wandmalereien bezeugen, dass an Bauten der Römischen Kaiserzeit überdachte Balkone üblich waren.

Im Orient wiederum ermöglichten geschnitzte Gitterbalkone den arabischen Frauen eine Öffnung zur Welt, weil sie unbeobachtet dem Leben draußen zusehen konnten. Mit der Ausdehnung des Osmanischen Reiches gelangten diese Balkone auch in die Küstenländer des Mittelmeeres.

Vor allem in Italien schmückten ab dem 16. Jahrhundert geradlinige Balkone die Adelspalazzi. Der Balkon hatte als schmückendes und repräsentatives Element der Fassadengliederung adeliger und herrschaftlicher Bauwerke eine rein architektonische Funktion.

Im sizilianischen Barock eskalierte die Sache dann. Nichts mehr mit Geradlinigkeit. Jetzt wurde geklotzt und nicht gekleckert. Eine Explosion der Formen und Dekors war das.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist vielleicht das berühmteste Beispiel für opulente Balkone ohne Zweck. Wer unter ihnen stehen bleibt und den Blick nach oben wendet, dem wird schier schwindlig. Masken, Putten, Löwen, ein ganzes Panoptikum wunderlicher Figuren hält die Balkone fest. Wer ein bisschen länger verweilt, traut seinen Sinnen nicht. Dann wirkt diese Heerschar aus Stein nämlich plötzlich lebendig. Das Spiel von Licht und Schatten vermehrt die wundersamen Gestalten, die plötzlich auf den Palazzo-Mauern tanzen.

Da hilft nur wegschauen, Blick nach unten richten, weitergehen.

Blumenparkplatz

Was mir meinen Alltag in Sizilien besonders erleichtert, sind die am Sonntag Vormittag geöffneten kleinen Supermärkte und Metzgereien. Die Einkaufszentren in den großen Städten sind ja ohnehin an jedem Tag der Woche geöffnet und vor allem an den Sonntagen beliebtes Ausflugsziel. In Noto gibt es ein solches Centro commerciale aber nicht.

Das Angenehme der am Sonntag Vormittag geöffneten Geschäfte ist, dass sie den Druck aus dem Wochenendeinkauf am Samstag rausnehmen. Hat man samstags zum Beispiel die Zahncreme vergessen, kann man bequem am Sonntag Vormittag schnell noch eine frische Tube holen.

Ich muss nur eine recht steile Gasse und am Ende noch eine ziemlich unbequeme Treppen runterlaufen, um meinen sonntäglichen Einkauf zu erledigen.

Auf dem Weg nach unten gilt mein Blick hauptsächlich dem Weg und den Treppen, um nicht zu stürzen. Aber auf dem Rückweg lockt eine schmale Seitengasse, die mit ihrem üppigen Blumenschmuck einen bunten Farbtupfer in den „Straßenschluchten“ meiner Nachbarschaft abgibt.

Der Vico ist so eng, dass nicht mal kleine Fiat Cinquecentos durchpassen würde. Ein paar Treppen mittendrin tun ihr Übriges, selbst der verwegenste sizilianische Autofahrer würde da seine geliebte macchina nicht drüberjagen.

Der kleine Garten vor den Häusern wirkt so frisch und friedlich. So, als ob der Sonntag damit sein Festgewand angezogen hätte. Weil mich meine Zahnpastatube im Einkaufsbeutel nicht beschwert, nehme ich diesen kleinen Umweg gerne in Kauf.

Anstatt der Blechkarossen parken hier nun also vor den Häusern Blumenkübel. Rosen wachsen aus einer alten Wasserzisterne, wie auch ich eine auf der Dachterrasse stehen habe. Um sie hübsch zu bepflanzen, müsste ich allerdings das ganze Jahr über hier sein.

Besonders schön finde ich die Blüten, die in Deutschland meist an Weihnachten ihren großen Auftritt haben: Amaryllis. Hier in dieser Gasse wuchern sie rosa-weiß in einem Topf. In Tonkübeln mache ich auch Bananenstauden und Yuccapalmen aus.

Dieser kleine Straßengarten macht richtig Lust, selbst gärtnerisch aktiv zu werden. Ein bisschen Zuwendung könnte meinem Basilikum und der Kaktusfeige auf dem Dach nicht schaden!

Flugverkehr

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagt man in Deutschland. Auch tausend Schwalben vermögen das derzeit in Sizilien nicht. Trotzdem: Wenn im Juni mit dem ersten Tageslicht die Vögelschwärme aufsteigen, ist das jedes Mal ein faszinierendes Schauspiel.

Gegen 5.40 Uhr färben die ersten Sonnenstrahlen den Himmel rot. Das ist für die Vögel ihr Startsignal. Sie kommen nicht in kleinen Grüppchen, sondern steigen in einem einzigen großen Schwarm über den Dächern auf. Scheinbar chaotisch flitzen sie durch die Luft, begleitet von lautem Getzwitscher. Das geht ein paar Minuten so und ich schaue den Schwärmen fasziniert zu, die, so scheint‘s, dicht über mir ihre Flugkünste zeigen. Dann ist das Spektakel auch schon wieder vorbei.

Wo die Vögel die Nacht verbracht haben, weiß ich nicht. Irgendwo müssen sie ja Nester haben. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Schwalben hier nur auf der Durchreise sind, aber für Zugvögel wäre es jetzt im Juni ja viel zu spät, noch weiter nördlich zu reisen.

Später im Jahr sind die Vogelschwärme dann weg. Vielleicht, um sich als Erste die besten Plätze in Afrika zu sichern, ehe die Kollegen aus dem Norden dort eintreffen?

Sizilien hat jedenfalls für Vogelschützer eine elementar wichtige Bedeutung, besonders hier der Südosten: An der Südostküste zwischen Pozzallo und Pachino liegt ein fast 480 Hektar Fläche umfassendes Feuchtgebiet mit den drei großen Süßwasserlagunen: Pantano Cuba, Pantano Longarini und Pantano Bruno.

Frühere Grundstücksspekulationen, schwere Eingriffe in den Wasserhaushalt der Lagunenlandschaft, illegale Müllablagerungen, unkontrollierter Einsatz von Agrarchemikalien, illegaler Vogelfang, Jagdtouristen aus Italien und Malta und lokale Fischwilderer hatten diesen Zugvogel-Hotspot bis zum Jahr 2013 weitestgehend entwertet und vernichtet. Seither versuchen internationale Stiftungen, den Ökohaushalt wieder herzustellen und haben bereits 390 Hektar der Fläche aufgekauft.

Für Flächenkäufe und umfangreiche Biotopsanierungs- und Biotop­ent­wick­lungs­maßnahmen haben die europäischen Stiftungen dort seit November 2013 fast vier Millionen Euro an Spendengeldern investiert. Inzwischen werden wieder 242 Vogelarten dokumentiert, davon 130 Zugvogelarten. Haupt- und ehrenamtliche Bird-Guards haben ein Auge drauf, dass den gefiederten Bewohnern dort nichts passiert.

Eingetütet

Ich hab‘s aufgegeben! Mein jahrelanger Widerstand war zwecklos. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich im panificio oder beim fruttivendolo schon freundlich darum gebeten habe, mir keine Tüte zu geben. Alles vergeblich! Jetzt nehme ich jeden Tag aufs Neue das in einer Papiertüte verpackte Brot stoisch in einem Plastikbeutel entgegen und lege anschließend beim Gemüsehändler ohne zu murren eine weitere Plastiktasche mit den in einer Papiertüte abgewogenen Tomaten in meinen Einkaufskorb. Che cos’è, was soll‘s!

Seit 2011 sind Plastiktüten im herkömmlichen Sinn in Italien eigentlich verboten. Bis dahin waren die Italiener in Europa die Spitzenverbraucher der aus viel Erdöl erzeugten Beutel. Es heißt, dass seinerzeit an die 25 Milliarden Tüten im Jahr, durchschnittlich 300 Stück pro Kopf, unters Volk gebracht wurden. Auf solche Mengen zu kommen, war damals leicht. Nicht nur beim Großeinkauf wurden ungefragt Tüten zur Ware gelegt. Auch ein Sträußchen Petersilie auf dem Markt oder fünf Schrauben im Eisenwarenladen wurden grundsätzlich in Plastiktüten überreicht. Wer keine wollte, durfte mit einem erstaunten Blick des Verkaufspersonals rechnen.

Daran hat sich offenbar nichts geändert, nur dass die Tüten jetzt aus kompostierbarem Material sind. Und dass man im Supermarkt dafür bezahlen muss. Immerhin wird dort ein Nein akzeptiert.

Nicht aber in den kleinen Läden oder auf dem Markt, wo die Beutel ungefragt und gratuito zum Einkauf dazu gereicht werden. Aber was soll’s, denke ich mir, andere Länder, andere Sitten. Verstehen tue ich’s trotzdem nicht. Muss wohl mit irgendeiner italienischen Plastiktüten-Tradition zusammenhängen.

Wenigstens zersetzen sich diese sacchetti nicht erst in Jahrhunderten, sondern, wenn’s gut läuft, bei optimalen Bedingungen und konstant 60 Grad Celsius in 60 Tagen. Dass dabei Kohlendioxid frei wird, steht auf einem ganz anderen Blatt und ich will mich hier gewiss nicht als radikale Klimaschützerin aufspielen. Immerhin: Zum CO2-Ausgleich trage ich meine kleinen Plastiktüten im nachhaltigen Einkaufskorb jetzt ja zu Fuß nach Hause!