Multiple Persönlichkeit

Sizilien ist und bleibt auch im 21. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht ein Mysterium. Die exzessive Heiligenverehrung gehört dazu.

Da gibt es außerhalb Avolas, direkt an der SS115 diesen Bildstock mit einer Figur des Heiligen Sebastian. San Sebastiano. Mir ist diese kleine Kapelle schon vor längerer Zeit aufgefallen, weil ich oft daran vorbeigefahren bin. Denn dort werden nicht nur Blumen abgelegt. Dort hängen auch regelmäßig Kleidungsstücke am Gitter der Votivkapelle.

Jetzt habe ich mir dieses Szenario aus der Nähe angeschaut. Da liegen Unmengen an Blumen und Kleidung, hauptsächlich in Kindergröße. Im Gitter, hinter dem die Heiligenfigur eingesperrt ist, stecken unter anderem eine Brille und das Foto eines jungen Mannes. Rosenkränze, logisch, garnieren dieses Stillleben, das mir Rätsel aufgibt.

Die Fakten lassen sich leicht recherchieren. Wobei ich auch da ins Staunen gerate: ich hätte nicht gedacht, dass diese unscheinbare Kapelle am Straßenrand noch heute eine solche Bedeutung für die Menschen in Avola hat.

Früher sind die Männer wohl nackt, nur mit einer roten Schärpe bekleidet, zu dieser Kapellen gepilgert. Mittlerweile tragen sie zur Schärpe immerhin weiße Kleidung. Gehuldigt wird in Avola einem Heiligen, dem die Menschen multifunktionale Kräfte zuschreiben, die mitten im Jetzt wirken sollen. Unter anderem gilt er als durchbohrtes Vorbild der Sportler.

Der Märtyrer ist auch Schutzpatron der Sterbenden, Bogen- und Armbrust- Schützen, Schützengilden, Soldaten, Kriegsinvaliden, Büchsenmacher, Eisen- und Zinngießer, Steinmetze, Gärtner, Waldarbeiter, Gerber, Töpfer, Bürstenbinder und Leichenträger; er soll auch helfen gegen Pest und Seuchen, Geschwüre, Infektionen, Wunden und wer ein krankes Kind hat, ruft ebenda seinen Beistand. Seit einigen Jahren soll er auch gegen Aids wirken.

In Avola scheint man dem Märtyrer zu vertrauen. Soweit, so gut. Ich könnte das Ganze ja als Folklore abtun. Aber die Gegenstände, die Menschen hierher bringen, sprechen irgendwie eine andere Sprache. Eine Sprache, die ich allerdings ebenso wenig verstehe, wie Sizilianisch. Und vermutlich kann man sie ebenso wenig lernen. Man muss sie mit der Muttermilch aufsaugen.

Frühlingserwachen

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; / Im Tale grünet Hoffnungs-Glück; / Der alte Winter, in seiner Schwäche, / Zog sich in rauhe Berge zurück.

Goethe, Faust I

Mir kommt nach einem langen, grauen und nasskalten Winter in Deutschland am ersten schönen Frühlingstag meist dieses Goethe-Zitat in den Sinn. Wenn es die Menschen rauszieht aus ihren Häusern, wenn die Parks überquellen und sich vor den Eisdielen lange Schlangen bilden. Ich dachte, das sei etwas typisch Deutsches, zumindest etwas Mitteleuropäisches. Ist es nicht, wie sich heute in Sizilien gezeigt hat.

Ich bin also zurück. Zum ersten Mal seit der Pandemie wieder zeitig im Jahr. Fast hatte ich schon vergessen, wie schön der Frühling in Sizilien ist. Überall blüht es, die Zitrusbäume brechen schier unter ihrer strahlend gelb und orangenen Last.

Wie immer, wenn am Haus die kleinen Wunden, die es in meiner Abwesenheit erlitten hat, verarztet sind und alle Nachbarn in der Gasse gebührend begrüßt wurden, führt mich mein erster Weg ans Meer. Am Strand von Lido di Noto sind allerdings noch deutliche Spuren der Stürme zu sehen, die im Winter der Insel zugesetzt haben.

Der letzte Sturm hat in Lido di Noto deutliche Spuren zurückgelassen.

Aber Corrado ist schon da. An seinem Granità-Wagen bilden sich Menschentrauben.

Nebenan, in Calabernardo, scheint der komplette Strand weggespült worden zu sein. Statt des Sandes hat es Plastikmüll angespült, zwischen dem ein einsamer Vogel stakst.

In Calabernardo wurde der Strand weggespült.

Mal schauen, wie es in der Nachbarstadt Avola aussieht. Keine sechs Kilometer weiter ist entweder alles bereits wieder weggeräumt oder aber der Sturm war hier nicht so schlimm. Die Strandpromenade ist ebenso bevölkert wie der Strand und die nahen Bars. Erste Wagemutige nehmen bereits ein Sonnenbad, etwas Zaghaftere wollen von ihren Daunenmänteln noch nicht lassen, trotz der gefühlt 30 Grad Celsius.

Sonntagsspaziergang in Avola.

Aber egal ob in dicker Winterjacke oder in der Badehose: Bei allen ist ein Aufatmen zu spüren. Erleichterung, dass der Winter sich in rauhe Berge zurückgezogen hat. Vorfreude auf die kommenden hellen Monate, die längeren Tage und kürzeren Nächte. Das Glück über das Frühlingserwachen ist scheinbar unabhängig vom Breitengrad.

Storie di parcheggio

Manchmal habe ich einfach keine Lust einzukaufen. Dann warte ich lieber auf dem Supermarkt-Parkplatz im Auto, bis zum Beispiel meine zu Besuch weilende Tochter den Einkaufszettel abgearbeitet hat. Langweilig wird mir dabei nie, denn auf den öden Flächen passieren manchmal die skurrilsten Dinge.

So wie neulich in Avola. Ich wollte, während ich also auf dem Parkplatz wartete, nur schnell was aus dem Kofferraum holen, als ich ein paar Stellplätze weiter Kinder schreien hörte. Es war wohl der Nachwuchs englischer Touristen. Dessen Eltern hörten sich das Gezeter eine zeitlang interessiert-verständnisvoll an, bis der Vater eingriff. Die Situation schien ernst und erforderte offenbar eine besonnene pädagogische Intervention.

Den zweiten der ragazzi, den jüngeren, konnte ich zuerst hinter all den Autos nicht sehen, dann entdeckte ich ihn bei den Einkaufswagen. Offenbar stritten sich die Brüder bis aufs Messer darum, wer mit einer Münze den Wagen entsichern durfte. Dass seit Jahren bei diesem Centro commerciale niemand mehr einen Euro nimmt, um eines der sperrigen und nur schwer lenkbaren Drahtgefährte mit den verborgenen Rädern aus der Diebstahlsicherung zu befreien, konnten die beiden ja nicht wissen.

Wie es letztendlich ausging, habe ich nicht mehr weiterverfolgt, denn auf der Ausfahrt spielte sich ein noch weitaus schlimmeres Drama ab, auf das ebenfalls markerschütterndes Geschrei meine Aufmerksamkeit lenkte. Erst ein paar Sekunden vorher war eines der Autos neben mir weggefahren, das nur ein paar Meter weiter gleich wieder anhielt. Der Fahrer stieg brüllend aus, eine, vermutlich seine Frau, kreischte ebenfalls und dann zerrten die beiden ihre drei Kinder von den Rücksitzen auf die Straße. Eines davon hatte sich offenbar im Wagen übergeben.

Während die Mamma versuchte, das immer weiter speiende Kind auf die Hecke zu umzulenken, warf der Papa in hohem Bogen alles von der Rückbank raus, mitten auf die Fahrbahn, weiter Zeter und Mordio schreiend. Von ruhiger verständnisvoll-pädagogischer Intervention, die nur ein paar Parkplätze weiter sein englischer Kollege anwandte, war dieser Sizilianer jedenfalls meilenweit entfernt.

Alle Kinder heulten hysterisch, während sich eine immer größer werdende Menschenmenge um das Auto versammelte. Die einen wollten helfen, die anderen waren einfach nur neugierig. Natürlich bildete sich sofort ein Stau, Hupen verstärkten den Lärm auf dem Parkplatz ins Unermessliche.

Wie sich herausstellte, war das Auto quasi fabrikneu. Die erste Familien-Ausfahrt hatte zum Centro commerciale geführt. Der Papa konnte sich ob des Unglücks, das ihn wie ein Blitz getroffen hatte, gar nicht mehr beruhigen. Ich hoffe, dass sich trotzdem alle wieder schnell eingekriegt haben und der Haussegen wegen eines Autos nicht nachhaltig gestört bleibt.

Wie es einem Kind binnen weniger Meter beim Autofahren derart schlecht werden kann, ist mir allerdings nach wie vor ein Rätsel. Vielleicht hatte es vorher auf dem Karussell im Einkaufszentrum einfach zu viele Runden gedreht.