Formula 1

Meine Nachbarin Rosetta hat mittlerweile drei Enkelkinder. Das jüngste, ein Mädchen, kam im April dazu, die beiden Jungs sind schon etwas älter. Maurì kommt jetzt in die zweite Klasse, Nicolà geht in den Kindergarten. Nur dass halt hier immer noch Ferien sind. Für Rosetta heißt das, ab mittags drei Kinder zu betreuen. Zuvor kocht sie für alle und kümmert sich auch noch um ihrer alte Mutter, die bei ihr lebt.

Bisher ging das alles ziemlich geräuschlos ab. Der Fernseher lief halt den ganzen Tag und Geräusche von irgendwelchem Spielzeug drangen manchmal in den Vico. Die Jungs selbst haben nicht viel geredet, eigentlich untypisch für sizilianische Menschen.

Das hat sich grundlegend geändert, seitdem die Kinder einen Roller haben. Wohlgemerkt einen Roller für zwei ragazzi. Lautstarke Verteilungskämpfe sind da unvermeidlich. Jedenfalls ist dieser Roller, ein wackliges Plastikteil, jetzt im Dauereinsatz. Das geht mittags los, nur kurz unterbrochen für das pranzo, und danach rollt das Ding wieder ohne Unterlass durch die enge Gasse.

Verteilungskämpfe
sind unvermeidlich

Die bietet allerdings nichts, keine Kurve, kein Berg und Tal, keine anderen Kinder. Es gibt nichts zu sehen. Ungefährlich ist es halt, weil keine Autos durchfahren können. Was die Gasse bietet: Maximale Geräuschverstärkung durch die enge Bebauung. Eine Formel-1-Strecke ist vermutlich nur wenig lauter.

Je länger das ohrenbetäubende Auf und Ab geht, umso überdrehter werden die kleinen Fahrer. Die Verteilungskämpfe werden lauter. Und der Lärm setzt irgendwann auch der kleinen Schwester zu. Spätestens nach der siesta, die ihren Namen derzeit nicht verdient, ist die Kleine so übermüdet, dass sie nur noch wie am Spieß brüllen kann. Rosetta trägt sie deshalb nachmittags draußen im vico stundenlang auf dem Arm, muss aber aufpassen, dass der Roller sie nicht über den Haufen fährt.

Wenn Rosettas Mann abends nach Hause kommt, löst er Rosetta beim Rumtragen ab, die muss schließlich das cena vorbereiten. Der Säugling brüllt weiter, jetzt vom nonno getragen. Die Brüder stört das nicht. Sie treiben den Roller unerbittlich vorwärts. Eigentlich müssten die Räder schon ganz abgefahren sein. Aber einen Roller-TÜV gibt es ja nicht und einen Boxenstop zum Reifenwechseln natürlich auch nicht.

Wurde das italienische
Fernsehen abgeschafft?

Auch nach dem Abendessen sind die Akkus der Jungs noch nicht leer. So heiß kann es gar nicht sein, dass sie sich eine Ruhepause vor der Glotze gönnen würden. Das italienische Fernsehen wurde offenbar in den vergangenen Wochen abgeschafft.

Ich bin zwar mit zunehmender Dauer leicht genervt – der Krach ist einfach zu eintönig – freue mich aber auch ein bisschen, dass sich Kinder scheinbar doch noch an den einfachen Dingen des Lebens begeistern können. Schalldämpfende Gummirollen wären trotzdem schön. Und eine Zielflagge auch.

Hygge?

Noto hat ja nicht mehr viel mit dem Sizilien zu tun, in das ich mich kurz nach der Jahrtausendwende verliebt hatte. Mit einem Wort könnte man das, was in den vergangenen Jahren passiert ist, so zusammenfassen: Overtourism. Ganz so schlimm wie auf Capri oder in Venezia ist es zwar noch nicht, aber auf dem besten Weg dahin. Zumindest unten in der guten Stube.

Meine Tochter hatte neulich eine nicht ganz ernst gemeinte Idee, die zu dieser Entwicklung passen könnte: ein Hygge-Café in Noto. Sie hat sich als Gag sogar von Chat GPT einen Business-Plan erstellen lassen. Der künstlich intelligente Ratgeber hat ihr empfohlen, auf jeden Fall das Konzept mit etwas Landestypischem zu kombinieren, um auch die Einheimischen als Kund*innen mitzunehmen. Also Matcha-Chai-Soja-Latte mit Cannoli servieren? Oder einen caffè macchiato mit Zimtschnecken?

Hygge? Könnte funktionieren. Wäre Insta-tauglich, wenn man das passende skandinavische Interieur, jede Menge Kerzen und kuschlige Decken mit ein paar sizilianischen Accessoires kombinieren würde.

Köpfe brauchen einen anderen Namen

Vielleicht könnte die Keramik, die testi di moro zum Beispiel, eigens hergestellt werden, damit sie nicht so aufdringlich bunt den Gesamteindruck stört. Natürlich müssten die Köpfe auch einen anderen Namen bekommen, der hier gebräuchliche ist schließlich politisch nicht so ganz korrekt.

Das Hygge-Café wäre wie zuhause in jeder x-beliebigen Stadt. Die vielen Besucherinnen und Besucher aus allen Teilen der Welt müssten sich gar nicht besonders anstrengen, um sich in diesem phänomenalen sizilianischen Architekturwunder namens Noto gleich wie ein native Sicilian zu fühlen. Und manchmal im Winter ist es ja auch hier am südlichsten Zipfel Italiens so hässlich ungemütlich, dass ein bisschen hygge auch den richtigen Siciliani nicht schaden kann.

Im Leinenkleid auf einem Schafsfell

Ich stelle mir vor, wie es sich die hübschen Touristinnen in ihren schicken hellen Leinenkleidern in unserem Hygge-Café in den mit (veganen!) Schafsfellen ausgelegten Sitzmöbeln bequem machen und ihre perfekt manikürten Hände um die stilvolle skandinavisch-sizilianische Keramik legen, um daraus, selig lächelnd, an ihrem Chai Latte zu nippen und dabei ein Selfie für ihren content schießen (lassen).

Vielleicht könnte das Hygge-Café mit dem Caffè Sicilia kooperieren, das aus mehreren Netflix-Dokus schon weltweit bekannt ist. Einen Platz kriegt man dort schon lange nicht mehr. Die wunderbaren Kreationen, die zugegebenermaßen fantastisch schmecken, wären jedenfalls die ideale optische Ergänzung im Hygge-Café.

Vielleicht wäre der Hygge-Trend sogar eine Geschäftsidee, auf die ganz Italien gewartet hat?

Totenglocke

Ich wohne neben einer Kirche. La crocifisso. Niemand käme hier, so wie immer wieder in Deutschland, auf die Idee, wegen des Glockengeläuts die Kirche zu verklagen, auch wenn es gefühlt ständig bimmelt, die Uhrzeit schlägt, zum Gottesdienst ruft und ja, den Tod verkündet.

In diesen Wochen vergeht in Noto kein Tag, an dem ich den traurigen Klang nicht schon vormittags höre. Ich muss an „Man stirbt nicht im August“ denken. Das habe ich als Kind am heimischen Esstisch meine Eltern sagen hören. Ich habe nicht verstanden, was sie damit gemeint haben. Bis heute nicht. Wenn ich zurück bin, muss ich sie danach fragen. Aber vermutlich können sie selbst sich gar nicht mehr daran erinnern.

Vor dem Portal an der Piazza Mazzini parkt jedenfalls oft ein auf Hochglanz polierter Leichenwagen, der einen Sarg zur Kirche transportiert hat.

Ein schneller caffè

Auf dem Platz ist bei solchen Gelegenheiten mehr los, als sonst zu dieser Zeit, denn manche aus der Trauergemeinde sparen sich den Gottesdienst, von dem Wortfetzen durch die geschlossene Schwingtür hinter dem Portal nach draußen dringen. Manche der Angehörigen, Bekannten oder Freunde sitzen lieber unter den Schatten spendenden Orangenbäumen, gehen kurz in das Wettbüro oder trinken einen schnellen caffè in Carmens Bar, von der aus ich das Geschehen verfolge.

Von dem Klischee, dass eine sizilianische Trauergemeinde unisono in dunkelstem Schwarz gekleidet sei, habe ich mich schon vor langer Zeit verabschiedet. Natürlich sind immer ein paar alte Frauen dabei, die schwarze Kleider anhaben und auch ältere Männer, die in Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte erscheinen, trotz der Hitze. Alle anderen aber tragen meist ihre Alltagskleidung.

Auch Traditionen sterben

Ich finde es schade, dass solche Traditionen aussterben, nicht nur in Sizilien. Festlich schwarz gekleidet zur letzten großen Feier eines Menschen zu kommen wäre doch eigentlich angemessen. Das hieße ja nicht, dass die Angehörigen hinterher monatelang oder Witwen gar lebenslang ausschließlich tiefdunkel gekleidet durch ihr Leben gehen müssten.

Aber zurück zu den Trauerfeiern. Wieder sind es die Glocken, die vom Ende des Gottesdienstes künden. Getragene Musik tröpfelt auf den Patz, dann öffnet sich die Schwingtür und der Pfarrer wartet neben dem Portal, bis der Sarg von weiß behandschuhten Männern herausgetragen wird. Ihn sicher zum Leichenauto zu bugsieren ist ob der Treppen gar nicht so einfach, dazu braucht es einen Regisseur.

Etwas hat sich nicht geändert: die Trauer, die Tränen, die Verzweiflung. Auch ein Mann, es muss wohl ein naher oder der nächste Angehörige sein, der hinter dem Sarg aus der Kirche tritt, weint diesmal bitter. Er wird, obwohl noch jung, gestützt.

Die Trauergemeinde nimmt stets Abschied am Sarg, der mittlerweile im gläsernen Fonds des Leichenwagens steht. Alle berühren das Holz, umarmen sich. Die Blumen und Kränze werden unterdessen aus der Kirche zu einem Lieferwagen getragen. Und dann bewegt sich ein Autocorso hinunter auf die andere Seite Notos, zur Stadt der Verstorbenen, zum cimitero.

Die Totenglocke schlägt unterdessen immer noch. Hemingway fällt mir ein: „For whom the bells ring“…

Kreise

Wie lange war ich jetzt weg? Zweieinhalb Monate. Nicht wirklich lange. Gefühlt zwar eine Ewigkeit, aber in Echtzeit eben nur zehn Wochen.

Ich muss hier mal wieder aus dem Gattopardo zitieren. Der Fürst von Salina sagt da den berühmten Spruch „In Sizilien ändert sich nichts“. Das war vielleicht im letzten Jahrhundert noch so und vermutlich im 19. Jahrhundert auch, das Risorgimento hin oder her.

Ich kann nur sagen, dass das mittlerweile nicht mehr stimmt. In Sizilien kann sich in zehn Wochen so einiges ändern. Da können in dieser kurzen Zeitspanne drei Kreisverkehre aus dem Nichts entstehen. Drei Kreisel dicht hintereinander in einer nicht besonders verkehrsreichen Straße.

Erster Kreisel

Ich frage mich, wie das passieren konnte. Wer sich das ausgedacht hat. Warum muss man sich jetzt durch viel zu enge Kreisel zwängen an Stellen, wo kein einziges anderes Auto fährt? An Kreuzungen, an denen man sich in bald 20 Jahren noch nie todesmutig in den Verkehr einfädeln musste, wollte man kein verhasstes Hindernis sein, das zu lautem Gehupe und Geschrei provoziert?

Antworten gibt es auf solcherlei Fragen natürlich keine. Dafür muss man jetzt höllisch aufpassen, am letzten der drei Kreisel nicht den viel zu hohen Bordstein zu rammen, wenn man nach rechts abbiegen will. Dieses Hindernis haben sie nämlich beim Bau nicht beseitigt. Und dass der Radius des Kreises viel zu klein ist, spielte bei der Planung wohl auch keine Rolle.

Zweiter Kreisel

Ich kann mir das nur so erklären, dass Noto, das in der Provinz Siracusa liegt, Archimedes huldigen wollte. Er gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker der Antike. Seine Werke waren auch noch im 16. und 17. Jahrhundert bei der Entwicklung der höheren Analysis von Bedeutung. Die habe ich im Mathematik-Unterricht allerdings ebensowenig verstanden wie jetzt den Bau dieser drei Kreisel.

Der in Siracusa geborene, lebende und gestorbene Archimedes behandelte das Problem des Unendlichen, vervollständigte die Kreisberechnung und betrieb die Anwendung der Mathematik auf die praktische Physik (Mechanik).

Angeblich war Archimedes mit einem Beweis beschäftigt, als die Stadt 212 v. Chr. durch römische Truppen eingenommen wurde, und forderte einen beim Plündern der Stadt eindringenden Soldaten auf, ihn nicht zu stören, worauf der ihn erschlug. Sprichwörtlich wurden die Worte Noli turbare circulos meos (Störe meine Kreise nicht), die Archimedes dabei gesprochen haben soll.

Dritter Kreisel

Und jetzt zurück zu den Kreisverkehren: Archimedes bewies, dass sich der Umfang eines  Kreises zu seinem Durchmesser  genauso verhält wie die Fläche des Kreises zum Quadrat des Radius. Ich werde das morgen mal anhand der Kreisverkehre nachrechnen.

Superreich

Ich habe vor einiger Zeit „Die Löwen von Sizilien“ gelesen, ein zweibändiges episches Werk von Stefania Auci. Sie beschreibt darin den sagenhaften Aufstieg und krachenden Niedergang der Familie Florio, die im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten und reichsten Familien Siziliens gehörten. Gleichzeitig schafft Auci ein Sittengemälde der sizilianischen Gesellschaft im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Als die Brüder Paolo und Ignazio Florio in Palermo ihr Glück suchen, besitzen sie nichts. Außer dem Willen, es ganz nach oben zu schaffen, und den Mut, Neues zu wagen. Aus einem unbedeutenden Gewürzladen machen sie ein florierendes Unternehmen. Sie investieren klug und bringen es allen Anfeindungen zum Trotz zu Geld und Ansehen. Dann stirbt Paolo, und das Schicksal der Familie liegt in der Hand seines Sohnes Vincenzo. Unter ihm gedeiht die Casa Florio, in seinen Kellern wird aus dem Wein der Armen, dem Marsala, Siziliens größter Schatz. Und in der Mailänder Händlertochter Giulia findet Vincenzo nicht nur die große Liebe seines Lebens, sondern auch eine tapfere Mitstreiterin. Doch dann drohen Familienstreitigkeiten und Schicksalsschläge die Florios zu Fall zu bringen …

Im zweiten Band geht es erneut nach Palermo, Ende des 19. Jahrhunderts: Der Handel mit Marsalawein ermöglichte den Florios einen kometenhaften Aufstieg zur einflussreichsten Familie Siziliens. In dritter Generation führt nun Ignazio Florio das Unternehmen. Sein Leben dient allein dem Erfolg – er verzichtete sogar auf die große Liebe, um eine Standesehe einzugehen. Ganz anders sein gleichnamiger Sohn, dem seine Gefühle für die schöne Franca viel wichtiger sind als das Geschäft. Doch dann stirbt der Patriarch plötzlich, und der junge Ignazio muss von heute auf morgen die Geschicke des Hauses Florio leiten. Und das geht gehörig schief, dann nach dem Motto „Hochmut kommt vor dem Fall“.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich den Eindruck habe, dass sich in Sizilien seither nichts verändert hat. Unvorstellbar reiche Menschen und ihre Dienerschaft. Nur dass der heutige Adel, der sich auf der Insel in seinen Privilegien sonnt, sich nicht mehr durch seine Abstammung legitimiert, sondern durch das Geld auf seinen Konten.

Wie komme ich jetzt auf den Vergleich mit den Florios? Wegen einer Luxus-Hotelkette, Rocco Forte Hotels. Die wollen im kommenden Jahr einen dritten Standort in Sizilien eröffnen, hier in Noto, im Palazzo Castelluccio. Einer der anderen ist die Villa Igiea bei Palermo. Und genau, die gehörte ursprünglich den Florios.

Dort gingen die Superreichen aus ganz Europa ein und aus, sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. soll dort gewesen sein. Und jetzt ist das Hotel ebenfalls wieder den Superreichen aus der ganzen Welt vorbehalten. Gleiches wird hier in Noto zu erwarten sein, wenn die 31 Zimmer in einem phantastisch restaurierten Palazzo die zahlungskräftigen Gäste aufnehmen.

Dabei war der Palazzo bis vergangenes Jahr für alle Interessierten zugänglich. Dann hieß es auf Insta plötzlich Ende August 2024: „Ab heute ist der Palazzo Castelluccio endgültig für die Öffentlichkeit geschlossen. Wir danken den Besuchern und allen unseren Partnern, die uns geholfen haben, diesen besonderen Ort noch wertvoller zu machen.“

Vom Museum zum Luxushotel

Hintergrund dieser Entscheidung war ein Eigentümerwechsel: Die britische Luxushotelgruppe Rocco Forte Hotels hat den Palazzo gekauft. Und damit war Schluss mit dem „Fußvolk welcome“ in einer längst untergegangenen, aber noch immer faszinierenden Welt des sizilianischen Adels.

Der Palazzo Castelluccio gehörte einst einer der ältesten sizilianischen Familien in Noto, den Di Lorenzo, Marchesi von Castelluccio. Nach dem Tod des letzten Marchese ging der Palazzo in den Besitz des Malteserordens über, der ihn bis 2011 behielt. Lange Zeit lag der Palazzo im Dornröschenschlaf, bis ihn dann der französische Journalist und Dokumentarfilmer Jean-Louis Remilleux im Jahr 2012 erwarb und 2018 der Öffentlichkeit wieder zugänglich machte. Er wurde für sein Engagement sogar Ehrenbürger von Noto.

Das Ergebnis der Restaurierung war beeindruckend. Wer durch das Tor schritt, fand sich in einer längst vergangenen Epoche wieder. Auf den Keramikfliesen am Boden waren die Abnutzungen von Jahrhunderten zu sehen. Man meinte, die Dienerschaft sei nur eben aus dem Raum gegangen. Überhaupt: Das Ganze wirkte so authentisch, als ob die Marchesi nur eben den Raum verlassen hätten.

Dass dieser Blick in die Vergangenheit möglich war, war irgendwie demokratisch. Es war interessant, inspirierend, aufschlussreich. Es war bemerkenswert, dass ein Privatmann das ermöglicht hatte. Dass er normale Menschen in sein Haus ließ.

Schade. Jetzt wird der Palazzo wieder zu dem, was er einst war: Ein Ort für Superreiche, an dem eine Dienerschaft für allerlei Luxus und Annehmlichkeiten sorgen muss. Business as usual in einem Palast. Wirklich schade.

Frühstück

Morgens gehe ich meistens zu Carmen in die Bar. Day and Night heißt die und ist vorne an der Piazza Mazzini. Das Gefängnis im Blick gönne ich mir ein supersüßes cornetto und einen caffè macchiato. Manchmal sitzen ein paar turisti da, aber meistens treffe ich die Müllmänner, die gerade Pause machen, und etliche alte Männer. Sie kennen mich schon und grüßen freundlich, bevor sie sich dann wieder ihren Themen widmen. Calcio oder il tempo oder wieder calcio. Nichts besonderes, small talk halt, aber in aller Ernsthaftigkeit betrieben.

Ich lasse meinen Blick auf den Platz schweifen. Die Bänke sind alle besetzt, jetzt am Morgen hält man es auch noch in der Sonne gut aus. Lauter ältere Männer, die sich die Zeit in Gesellschaft vertreiben. Mir gefällt das. Dass die sich jeden Tag treffen. Immer die gleichen. Dass die Rentner nicht alleine in ihren Häusern hocken und vor Einsamkeit umkommen. Ich weiß nicht, ob sie sich verabreden. Ich glaube eher, die treffen sich einfach so. Wer kommt, ist halt da. Und vermutlich wären sie auch in Sorge, wenn mal einer fehlen würde.

Haben die auch Frauen?, frage ich mich. Davon ist auszugehen. Ich glaube, in dieser Altersgruppe gibt es in Sizilien keine Singles. Außer einer ist vielleicht verwitwet. Aber wo sind die Frauen? Treffen die sich woanders? Und wenn ja, wo?

Wahrscheinlich werkeln die donne in ihren Wohnungen. Kochen und kehren. Sind sicher froh, dass ihre mariti nicht da sind, die würden eh nur stören. 24/7 alles zu zweit machen müssen die jedenfalls nicht.

Ich frage mich, was ich machen würde, wenn ich für immer hier wäre. Vielleicht irgendwann, wenn ich mich mal zur Ruhe gesetzt habe. Den ganzen Tag Haushalt? Oder auf dem Platz bei den Männern sitzen? Oder auf einem anderen Platz, auf andere Frauen wartend?

Ich vertage diese Frage. Kommt ja eh immer alles anders als man denkt. Ich gebe in der Bar noch ein paar Sätze zum Wetter zum Besten und gehe dann zufrieden über die piazza nach Hause. Mein Haushalt wartet.

Eingeparkt

Ich sitze hier in meinem Auto und warte. Ich kann nämlich nicht ausparken. Nicht, weil ich es prinzipiell nicht kann. Hinter mich hat sich ein Fiat 500 gequetscht, so dicht, dass kein Zentimeter mehr Platz ist zum Rangieren. Nach vorne habe ich noch fünf Zentimeter, aber das reicht nicht.

Ich bin maximal genervt. Ich hatte schließlich was anderes vor. Abdrehen und umplanen? Wie verrückt hupen, wie es hier in solchen Fällen durchaus üblich ist? An den Haustüren klopfen?

Was soll’s, bleibe ich halt einfach im Auto sitzen. Vielleicht kommt der Mensch hinter oder vor mir ja gleich zurück. Sto aspettando.

Das Auto steht vor der Praxis einer Psychotherapeutin. Die ist ganz neu hier. Stimmen aus den geöffneten Fenstern. Soll ich da jetzt zuhören? Die Autofenster sind natürlich auch auf, angesichts der ausnahmsweise scheinenden Sonne geht es nicht anders.

Ich höre also so gut es geht weg. Statt dessen denke ich darüber nach, warum sich hier eine Psychotherapeutin niedergelassen hat. Ich dachte immer, die Leute in Sizilien kommen in ihrer großen Community besser klar als wir Nordlichter. Oder sind es die vielen stranieri, die es mittlerweile in Noto gibt, die mit dem Leben in Sizilien nicht klar kommen und eine Therapie brauchen? Die Taube, die sich zwischenzeitlich auf meiner Kühlerhaube niedelässt, gibt mir darauf auch keine Antwort.

Es ist ja auch fordernd, der Alltag hier, die anderen Abläufe, die Sprache, die man auch mit guten Italienisch-Kenntnissen manchmal oder auch ziemlich oft nicht versteht. Dass man mit manchen Problemstellungen einfach nicht richtig weiterkommt. Dass man sich abfinden muss mit dem Provisorischen. Vielleicht sollte ich auch mal die Therapeutin aufsuchen…

Dann sehe ich Rosetta, die mit einem Kinderwagen die Straße runterkommt. Sie haben jetzt ein drittes Enkelkind, ein Mädchen. So richtig begeistert hat sie nicht gewirkt, als sie mir nach meiner Ankunft die Kleine vorgestellt hat. Klar, die junge Familie ihrer Tochter kommt jeden Tag zum Essen. Dazu lebt Rosettas Mutter seit ein paar Jahren auch bei ihr im Haus. Die ist 86 und Rosetta muss sich um sie kümmern.

Ihr Mann klagte, dass sie zu viel arbeite, als ich neulich bei meinen Nachbarn auf einen caffè war. Aber was soll sie machen? Ihrer Tochter sagen, sie darf nicht mehr kommen? Ich will mich jedenfalls nicht mehr über meine viele Arbeit in Deutschland beklagen, wenn ich Rosettas Pflichten so sehe. Vermutlich hat sie sich ihr Leben auch anders vorgestellt. Aber das frage ich sie natürlich nicht, als sie jetzt müde mit dem Kinderwagen an mir vorbei geht und mich etwas verwundert anschaut. Sie sagt aber nichts. Wahrscheinlich denkt sie nur „schon wieder diese sonderbare Deutsche…“

Noch immer niemand in Sicht, der oder die mich aus meiner eingeparkten Lage befreien könnte. Wenn es die pasticceria Kennedy noch gäbe, könnte ich mir ein cannolo holen. Aber auch in Sizilien bleibt eben doch nicht alles so, wie es ist. Da hat sich der gattopardo gründlich geirrt.

Für eine granita in der Bar will ich es nicht wagen, das Auto zu verlassen. Von dort hätte ich den Parkplatz nicht im Blick. Langsam fange ich an, mich richtig zu ärgern.

Kann mich dann aber doch beherrschen. Wende meine sizilianische Lektion an: tranquilla e pazienza.

Es hat dann noch ein bisschen gedauert. Habe solange Zeitung gelesen. Und mich dann doch noch fast geärgert. Über die neue Regierung in Deutschland. Zwei vor mir in ihr Auto einsteigende und dann ausparkende Sizilianerinnen haben mich gerettet.

Blütenmeer in Noto

Man riecht die von unerwünschten Blicken abgeschirmte Infiorata di Noto schon, bevor man sie sieht. Es ist ein etwas unangenehmer Duft, eigentlich müsste die Luft doch vor Wohlgerüchen flirren. Aber der olfaktorische Eindruck weckt eher Gedanken an einen Komposthaufen. Was soll‘s!

In diesem Jahr habe ich meinen ersten Aufenthalt in meiner zweiten Heimat so gelegt, dass ich die Infiorata, das Blumenfest, einmal mit eigenen Augen sehen kann. Ich kannte die Blütenteppiche bisher nur von Abbildungen auf Postkarten und natürlich von den Erzählungen. In all den Jahren hat sich aus all den Informationen, die ich darüber gesammelt habe, bei mir die Vorstellung festgesetzt, dass es sich in der Via Nicolaci, unter den barocken Balkonwundern des gleichnamigen Palazzo, um ein veritables Blumenwunder handeln müsse, das ich bisher in meiner Terminplanung so schmählich ignoriert habe.

Um ehrlich zu sein, auch in diesem Jahr ist es eher ein Zufall gewesen, der mich jetzt in Mai nach Noto geführt hat. Das Wetter hat bisher nicht das gehalten, was der Monat gemeinhin verspricht. Die klimatische Anmutung auf der Insel war bisher eher eine nördliche. Irgendwie passt das zu dem etwas unfreundlichen 2025, denke ich mir so, während ich den tief hängenden Wolken nachschaue, die über die Monti Iblei jagen.

Heute lachte aber die Sonne, als ich morgens ich die Fensterläden öffnete. Perfektes Wetter, um Blumen schauen zu gehen. Samstags wäre vielleicht der bessere Tag, überlege ich noch, während ich den Tag mit einem caffè und einem cornetto in Carmens Bar beginne. Die Barista gibt mir meine Bestellung mit einem Lächeln und fragt, wie es mir geht. Es ist jedesmal schön, wenn mich die Leute hier anlächeln, wenn ich nach dem Winter wieder zurück bin. Irgendwie gehört man dann doch dazu, freue ich mich insgeheim.

Ich überlege noch einen weiteren caffè lang, ob ich gleich runter auf den corso sollte. Dagegen spricht, dass ich vielleicht samstags um 10 Uhr die Erste wäre, die sich mutterseelenallein die Blumenteppiche anschauen würde. So typisch deutsch halt. Dafür spräche hingegen, dass die Blumen jetzt noch frisch wären. Und der nächste Platzregen könnte ja der Schönheit schnell den Garaus machen…

Also mache ich mich auf, ein bisschen gespannt, was mich da unten erwarten würde. Ob schon mehr Menschen auf den Beinen sind, als die üblichen Trauben, die mit ihren Reisegruppen an den Prachtbauten vorbei geschleust werden.

Ja, es sind definitiv viel mehr Leute, als ich erwartet hätte. Immerhin sind es ja erst die ersten Stunden der Großveranstaltung. Also erstmal einen Überblick verschaffen, und den bekommt man am besten von oben. Dafür habe ich mir den Turm der Chiesa di San Carlo al Corso auserkoren, von dem aus man direkt in die Via Nicolaci blicken kann. Natürlich bin ich nicht die einzige, die diese Idee hatte, aber die Schlange erscheint mir machbar zu sein. Im Gegensatz zur Schlange vor dem Eingang zur Infiorata, die sich bis hoch zum Palazzo Landolina zieht.

So wie vermutlich alle Geschäftstreibenden in Noto lohnt sich das Blumenfest auch für die Kirche. Während ich warte, die 50 Stufen des spiralförmigen Treppenhaus erklimmen zu dürfen, beobachte ich, wie ein dickes Geldbündel abgeholt wird. Die drei Euro Eintritt summieren sich.

Im Gänsemarsch geht es schließlich treppauf auf die Aussichtsplattform, von der man einen schönen Überblick auf den Corso hat. Und auf den Blumenteppich, der von hier oben wirklich prächtig und bunt aussieht. Pace, Frieden, ist das diesjährige Motto. Angesichts der verrückt gewordenen Welt mit all ihren Kriegen war das selbstverständlich und gleichzeitig wohl unvermeidlich.

Carmen hatte mich schon informiert, dass das erste Bild dem verstorbenen Papa Francesco gewidmet sei. Vermutlich haben sie das noch spontan entschieden. Die anderen Bilder kann ich von hier oben nicht so ganz genau erkennen, aber Friedenstauben gibt es in den Motiven zuhauf.

Ich verweile also ein bisschen, fotografiere die Pracht natürlich auch, nur auf ein Selfie verzichte ich, so wie immer. Ich weiß ja, dass ich wirklich hier war. Und dann taste ich mich im Halbdunkel wieder nach unten. Und nun? Es geht gegen Mittag, die Schlange scheint etwas kürzer geworden zu sein, dafür gibt es in den ristoranti so gut wie keinen Platz mehr. Also bringe ich es am Besten gleich hinter mich.

Zuvor muss ich noch ein Ticket kaufen, für fünf Euro. Die richtigen Netini können sich das Wunderwerk gratis anschauen. Dann stehe ich also in der zweiten Schlange des Tages und für sizilianische Verhältnisse geht das Ganze ziemlich geordnet über die Bühne. Vor der Banco di Sicilia, die seit Jahren UniCredit heißt, rieche ich es dann. Den modrigen Duft, den ich da aber noch nicht einordnen kann. Vor dem Sichtschutz versuchen die Geizigen in der Menschenmenge trotzdem einen Blick zu erhaschen.

Ja und dann, stehe ich vor dem Blumenmeer. Die Blüten wurden in ihre Einzelteile zerlegt und mit den Blättern die Bilder gestaltet. Rasenteile, Sand und Kies sowie Erde, dazu allerlei Körner und Früchte ergänzen das Potpourri. Und diese Mischung, vor allem die nasse Erde, erklärt wohl auch den kompostartigen Geruch.

Für einige Tauben ist dieser so gut gedeckte Tisch ein gefundenes Fressen. Sie machen sich über den Friedenswunsch für den geschundenen Gazastreifen her und lassen sich auch von wütenden Menschen am Rand des Teppichs nicht aus der Ruhe bringen.

Auf den Balkonen des Palazzo Nicolaci stehen ebenfalls viele Leute, um sich das Spektakel von oben anzusehen. Und in Dauerschleife singt Michael Jackson seinen Earth Song. Irgendwie ist das, um mit Shakespeare zu sprechen, ein bisschen Viel Lärm um Nichts. Möglicherweise erschließt sich mir diese Tradition aber auch nicht in ihrer vollen Bedeutung. Ich bin ja nach wie vor Lernende auf dieser Insel.

Einmal im Gänsemarsch geht es an den Bildern vorbei, das war es dann auch schon. Aber in der Infiorata steckt offenbar so viel Information, dass auch lokale Fernsehsender übertragen. Ich frage mich, wie ich diese Veranstaltung für meinen heimischen Arbeitgeber journalistisch aufbereiten würde.

Oben am Eingang warten allerlei Händler, die Erfrischungen anbieten und Kanarienvögel streicheln lassen (natürlich gegen Geld). Was das soll, also mit dem Vogelstreicheln, habe ich auch nie verstanden.

Während ich das schreibe, hat es wieder angefangen zu regnen. Scheint so, als ob ich heute alles richtig gemacht hätte. ☀️

Briefmarken

Postkarten schreibt ja eigentlich kein Mensch mehr. Was ich persönlich sehr bedaure. Trotzdem schreibe auch ich keine mehr.

Meine Tochter ist da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Sie schreibt noch. So richtig mit Stift auf Papier. So wie neulich, als sie hier war. Kurz vor ihrer Abreise hat sie sich hingesetzt und an Oma, Patin und Freund*innen Grüße aus Sicilia verfasst. Nur Briefmarken hat sie keine gehabt.

Natürlich habe ich ihre Bitte nicht ausgeschlagen, die Karten zur Post zu bringen. Was ich allerdings erst mal tagelang verdrängt habe. Heute ist es mir siedend heiß wieder eingefallen. Schließlich geht’s für mich bald auch wieder zurück nach Germania.

Also schnell aufs Postamt, liegt ja auf dem Weg zum Strand, keine große Sache. Denkste. Nachmittags um 15 Uhr, an einem Mittwoch, geht wohl ganz Noto zur Post. Die große Schalterhalle war nämlich völlig überfüllt. Das kann dauern, befürchtete ich, nicht zu unrecht.

Also habe ich eine Nummer gezogen. Und beim Warten mal wieder eine sizilianische Oper erlebt. Die alten Männer, die sich rührend um mich gekümmert haben, waren allesamt sehr liebenswürdig. Sie haben mir quasi alles seit Entstehung der poste italiane haarklein und mit vielen Worten erklärt. Eben alles, was man über diese Institution im allgemeinen und besonderen wissen muss, weiß ich jetzt, nur nicht, wie das Nummernsystem mit seinen diversen Untergruppen funktioniert.

Ich wartete also und kam mir vor wie die Lottospielenden, die in den tabacchi gebannt auf die Bildschirme starren, in der Hoffnung, das jetzt gleich ihre Glückszahlen darauf erscheinen. Was sie natürlich nie tun. So war’s mit meiner Nummer auch. Sie wollte einfach nicht aufploppen.

Während ich also auf den Monitor starrte, wurde es plötzlich laut. Ein Mann, der auf dem Arm ein kleines Kind hatte, brüllte den Postbeamten hinter dem Schalter an. Der wollte wohl nicht so, wie der Kunde es erwartete. Als sich noch ein zweiter Mann einmischte, dachte ich, jetzt gibt’s gleich noch eine Schlägerei.

Meine Aufmerksamkeit wurde aber gleichzeitig auf einen weiteren Mann gelenkt, der völlig verzweifelt am Schalter nebenan gestikulierte. Sie wollten ihm sein Paket nicht geben. Ich habe keine Ahnung, was man in Italien braucht, um ein Paket ausgehändigt zu kriegen, weil ich hier nichts bestelle. Fakt war aber, dass der Mann den erforderlichen Nachweis nicht erbringen konnte.

Er weinte fast, als er sich neben mich setzte und auf der Suche nach dem documento durch sein telefonino scrollte. Aber er wurde einfach nicht fündig. Ich wollte ihm schon sagen, dass es doch eine Suchfunktion gibt, aber das wäre mir völlig übergriffig erschienen.

Während sich diese Dramen abspielten, blieben drei weitere Schalterbeamte völlig unbeteiligt. Obwohl sie präsent waren, bedienten sie keine Kundschaft und die gab es ja reichlich. Nie leuchtete an ihrem sportello eine Nummer auf. Keine Ahnung, auf welche Spezialaufträge die warteten.

So nach einer Stunde blinkte plötzlich meine Nummer auf dem Bildschirm auf. Meine alten Männer machten mich darauf aufmerksam, dass ich jetzt schnell in Richtung Schalter gehen müsse. Für den Rat bedanke ich mich überschwänglich und stand dann tatsächlich vor einer Postangestellten, die mich sogar sehr freundlich begrüßte.

Die Frau zuckte auch nicht, als ich sie um vier Briefmarken bat. Ich weiß jetzt, dass Postkarten nach Deutschland in der zona 1 frankiert werden. Preise stehen auf den francobolli nämlich gar nicht mehr drauf.

Jedenfalls stand die Frau hinter der Panzerglasscheibe einfach auf und verließ den Raum, nachdem ich meinen Wunsch geäußert hatte. Ratlosigkeit machte sich in mir breit und auch ein bisschen Verzweiflung, weil sie gar nicht mehr zurück kam.

Ich stand da also wie eine arme Sünderin. Und war erleichtert, als die Postfrau irgendwann doch wieder erschien, mit einem dicken Ordner in der Hand. Darin: Briefmarken aller Art und für alle Zonen. Herrlich.

Die signora entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Aber sie habe die francobolli erst aus dem Tresorraum holen müssen…

Einen Briefkasten gab es im und am Postamt übrigens nicht 😉

Im Eimer

Manches in Sizilien verstehe ich auch nach so vielen Jahren nicht: Warum die Menschen hier keinen Sinn für ordentliche Müllentsorgung haben zum Beispiel. Dabei gibt es ja täglich eine Müllabfuhr und jeder Haushalt hat sechs beschriftete Eimerchen, in denen sich der Abfall leicht trennen lässt: organico, plastica, carta, vetro, indifferenziato und metalli.

Außerdem steht auf jeder Verpackung, in welchen Eimer sie nach Verwendung wandern soll. Einfacher geht es ja eigentlich nicht. Mir sind zwar die vielen Plastik-Wasserflaschen ein Dorn im Auge, aber wenn man nicht verdursten will, hat man kaum eine andere Wahl. So wie in Deutschland Leitungswasser zu trinken, erschiene mir dann doch etwas zu heikel. Aber wenn schon Plastik, dann wenigstens ordentlich recyceln.

Und dann gibt es ja auch so eine Art Wertstoffhof, wo man kaputte Sonnenschirme, Textilien, alte Farbeimer oder anderes sperriges Zeug hinbringen kann. Wer so wie ich neulich einen Kühlschrank braucht, gibt den alten einfach dem Lieferdienst mit. Die Rücknahme ist glaube ich ohnehin eine EU-Vorschrift. Warum ich allerdings den riesigen Karton samt Styroporauskleidung eine Woche lang aufbewahren sollte, bleibt ein Rätsel.

Kein Grund, den frigo ins Gebüsch zu werfen

Bei genauerer Betrachtung gab es also keinen Grund für mich, den ausrangierten frigo einfach in den nächsten Straßengraben zu werfen. Deshalb wundere ich mich, warum überall in der Landschaft permanent und zuverlässig Elektrogeräte, Matratzen, Müllsäcke mit undefinierbarem Inhalt oder gar verrostete Autos landen. Paradiesisch für Futter suchende streunende Hunde, Katzen und sicherlich für jede andere Art Getier.

Ich gehe mal davon aus, dass illegale Müllentsorgung auch hier unter Strafe steht. Zumindest theoretisch. Und dass auch hier Zigarettenkippen nicht einfach auf die Straße geworfen werden dürfen. Und schon gar nicht im Sand des Strandes ausgedrückt werden sollten. Ich habe sogar schon entsprechende Hinweisschilder gesehen.

Nur interessiert das niemanden. Raucher haben es hier ja noch bei weitem nicht so schwer wie beispielsweise in München, wo Qualmende auf der Straße schon mal einen bösen Blick oder eine fiese Bemerkung ernten. Aber nur weil der Tabakgenuss in Süditalien noch gesellschaftlich akzeptiert ist, heißt das ja nicht, dass man mit den Kippen den Strand übersäen sollte.

Die spiaggia gleicht einem großen Aschenbecher

Denn jetzt, nach dem Ferienmonat August, gleicht die spiaggia in Lido di Noto einem riesigen Aschenbecher. Obwohl ich hin und wieder auch mal gerne eine paffe, finde ich die Kippen am Strand unerträglich. Weil ich auch in dem Fall nicht verstehe, warum die Raucher*innen nicht einfach ein altes Marmeladenglas mitnehmen, in dem sie ihre Hinterlassenschaften sammeln und dann abends ordnungsgemäß im Restmüll entsorgen.

Neulich ist mir ein Mann aufgefallen, der unermüdlich mit einem Kescher Kippen aus dem Sand gefischt hat. Das ist zwar eine Sysiphos-Arbeit, mit der er in diesem Leben nicht fertig werden wird, aber doch immerhin ein Anfang. Beispielgebend. Nur interessiert das niemanden. Leider.

Aber nochmal zurück zum Müll. Das Problem sind ja nicht nur die Menschen, sondern auch die für die Lösung des Problems Verantwortlichen. In Sizilien gibt es meines Wissens nach keine einzige Müllverbrennungsanlage und auf dem süditalienischen Festland sieht es wohl auch nicht viel besser aus. Der südliche Stiefel ertrinkt langsam in seinem eigenen Dreck, weil sie nicht wissen, wohin damit. Und die zuständigen Stellen übernehmen mit ihrer stillschweigenden Duldung der illegalen Müllhalden allerorten auch die Patenschaft für ein ganz anderes Problem, über das ich mich hier gar nicht weiter auslassen will.

Sicher kann man sich nie sein

Ich hoffe jedenfalls nicht, dass mein mit deutscher Gründlichkeit getrennter Abfall von der Müllabfuhr später einfach in die Büsche geworfen wird, nur damit man ihn los ist, weil man nicht weiß, wohin damit. Aber ganz sicher bin ich mir da jetzt bei genauerer Betrachtung nicht mehr.