Bühne des Lebens

Wer in dieser Kirche heiratet, will die ganz große Show. Aus einer Familienfeier wird hier eine öffentliche Demonstration des Glücks. Das zufällige Publikum sieht’s und, ja was?

Ich habe mittlerweile dutzende Brautpaare diese Treppe vor der Kathedrale in Noto hinunter schreiten sehen. Ganz normale, wunderschöne, glückliche und verunsicherte. Riesige Familien, ganz riesige und einfach gigantisch große. Gewandet in Haute Couture oder Fast Fashion.

Die Baumeister Notos hatten genau das im Blick, als sie die scalinata anlegten. Sie sollte zur Bühne des Lebens werden. Ihr Plan ging auf.

In Noto sagen mittlerweile Paare aus der ganzen Welt „Ja, ich will!“ Sie verbindet mit der Stadt oft nicht mehr als der Wunsch nach einer perfekten Location für diesen Tag. Eine ganze Wedding-Planner-Industrie hat sich auf sie und ihre ganz persönlichen Märchen spezialisiert. Egal was, egal wo, die Experten des Glücks können jeden Wunsch von den Augen ablesen. Alles eine Frage des Geldes. In diesem Jahr ist bereits alles ausgebucht, habe ich gelesen, im kommenden Jahr: vielleicht.

In Deutschland nehmen die perfekt durchgestylten Hochzeiten ebenfalls zu, Paare verschulden sich deswegen auf Jahre hinaus, das haben sie mit den Brautleuten in Sizilien gemeinsam; aber mit den Inszenierungen hier können die deutschen Shows nicht mithalten. Es gibt dort nicht dieses üppige Bühnenbild, das Noto bietet. Nicht dieses Abendlicht, auf das der Moment minutengenau ausgerichtet ist; genau dann treten die Paare durch das riesige Portal auf die Treppe, ausgeleuchtet in den schönsten pastellenen Farben. Kein Bühnentechniker könnte das besser illuminieren.

Das ist ganz großes Kino, jedesmal. Deshalb bleibe ich wieder und wieder stehen und bestaune diese öffentliche Inszenierung des Glücks. Und ja, glaube für einen Moment sogar daran, dass die Märchen auf der Treppe so enden: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Im Gegenlicht

Es muss zehn Jahre her sein, als ich in einer sizilianischen Zeitung gelesen habe, Noto werde berühmter als Taormina. Die Rede war vom Jetset, der hier lustwandeln würde, von der Transformation einer halb verfallenen Barockstadt im Südosten Siziliens zu einem internationalen Hotspot. Ich habe damals innerlich die Augen verdreht. Nichts deutete darauf hin, dass das gelingen würde.

Außerhalb der Hochsaison im Sommer war ich oft die einzige Ausländerin, die unterwegs war und in meiner Nachbarschaft wurde ich misstrauisch beäugt. Diese Zeit ist lange vorbei.

Selbst an Noto alta geht dieser Wandel nicht vorbei. Fast jedes Haus ist mittlerweile restauriert und die Vende-Schilder an den Balkonen werden immer weniger. In einer aufgelassen Kirche hat dieser Tage ein riesiger Luxus-Mode-Laden eröffnet und nur ein paar Schritte weiter gibt es einen Inneneinrichter, bei dem ich mir nicht mal ein Sofakissen leisten könnte. Ich reibe mir ungläubig die Augen.

Aber diese Entwicklung ist vermutlich die einzige Chance, dieses Konstrukt ausschweifender barocker Baulust namens Noto vor dem schleichenden Untergang zu bewahren, denn nur Gebäude, die eine Nutzung haben, sind nicht dem Verfall preisgegeben.

Dazu mag man stehen, wie man will, ich habe hier schon mehrfach über meine kritische Haltung geschrieben. Trotzdem: Ein anderer Weg würde nicht funktionieren. Die Stadt an sich ist das einzige Pfund, mit dem die Menschen Notos wuchern können und es ist ihr gutes Recht, diese Möglichkeit zu ergreifen. Sie nutzen erfolgreich das Erbe, das ihnen die Vergangenheit hinterlassen hat.

Joachim Fest hat über diesen Zwiespalt in seinem Buch „Im Gegenlicht“ geschrieben. Er wunderte sich 1988, warum viele Menschen im Süden Italiens in hässlichen Wohnsiedlungen am Stadtrand lebten und nicht in den pittoresken Häusern der Altstädte. Sein italienischer Gesprächspartner sagt in dem Buch sinngemäß, dass es eine chauvinistische Haltung der Deutschen sei – mit ihrem Hang zur Verklärung dessen, was sie für das „richtige“ Italien halten – den Italienern das Recht abzusprechen, von den Vorzügen der Moderne zu profitieren. Und die gebe es eben nicht in den dunklen und feuchten Häusern.

Dem kann ich, übertragen auf den Wandel Notos, nicht widersprechen.

Zwischenzeit

Seit ich von Fahrplänen abhängig bin, befinde ich mich oft in einer Zwischenzeit. Dann, wenn es zu spät ist, mit etwas Neuem anzufangen, aber zu früh, um zum Bus aufzubrechen. Diese kurzen Unterbrechungen habe ich schnell ins Herz geschlossen.

Sicherlich hängt mein entspannter Umgang mit der Zeit auch damit zusammen, dass ich hier in Sizilien keinen durchgetakteten Tagesablauf wie in Deutschland habe, wo von morgens bis spät abends Aufgaben und Termine erledigt werden wollen. Ich muss hier keine Minuten und Sekunden aus den ohnehin schon übervollen Stunden rausquetschen, um weitere, vermeintlich unaufschiebbare Arbeiten unterzubringen.

Deshalb genieße ich diese Zwischenzeit, der ich erlaube, einfach zu verstreichen. Ich warte, bis es soweit ist, loszugehen, oder ich breche zu früh auf und warte unter den schattigen Bäumen am Busbahnhof. Hektik ist nicht willkommen. Ich kann ohne Eile zur Haltestelle schlendern oder ich kann gemütlich auf dem Sofa sitzen und dem Moment entgegensehen, an dem es Zeit ist, zu gehen.

Wenn ich mir etwas für mein Leben in Deutschland wünschen dürfte, dann wären es solche Zwischenzeiten, die sich auftun, wenn die eine Sache fertig ist und die nächste noch nicht begonnen hat. Wenn ich da einfach nur zehn, 20 Minuten an meinem Schreibtisch sitzen und warten dürfte. Um durchzuatmen. Um den Menschen im Raum ein entspanntes Lächeln zu schenken. Oder um kurz über das Wetter oder das Mittagessen zu plaudern. Um einfach für einige Momente ein Mensch und kein Roboter zu sein.

Noch besser wäre so eine Uhr, wie sie in Noto am Glockenturm des alten ospitale Trigona hängt: Die zeigt seit vielen Jahren immer die gleiche Zeit an, weil sie irgendwann beschlossen hat, einfach aus dem System auszusteigen und nicht mehr weiterzulaufen.

Der längste Tag

…des Jahres ist in Sizilien wesentlich kürzer als in Deutschland.

In Noto geht an diesem längsten Tag des Jahres der Feuerball um 5.41 Uhr im Meer auf. Um 20.22 Uhr versinkt er in den Hügeln der Monti Iblei.

In meiner deutschen Heimatstadt geht da zur Sommersonnenwende in Sachen Tageslicht einiges mehr: Il sole zieht dort zwischen 5.14 und 21.26 Uhr ihre Bahn am Himmelszelt. Das sind rund eineinhalb Stunden mehr Ausbeute an Helligkeit. Die Dämmerung, die es in einer ausgeprägten Form hier in Sizilien ja auch nicht gibt, ist in die Zeit des Tageslichts weiter nördlich noch gar nicht eingerechnet.

Noto. Kurz nach 21 Uhr.

Als ich die Sommersonnenwende vor Jahren zum ersten Mal in Noto erlebt habe, war ich fast ein bisschen enttäuscht. Spätestens um 21 Uhr draußen alles stockdunkel. Mittlerweile habe ich so viele dieser Wendepunkte im Jahr in Sizilien erlebt, dass ich mich fast nicht mehr daran erinnern kann, wie sich diese längsten Tage in Deutschland anfühlen.

Hier, fast am südlichsten Punkt der Repubblica Italiana, ist die Sonne bei ihrem Höchststand am Mittag brutal. Schmerzhaft auf der Haut. Kaum auszuhalten. Deshalb verdöst man diese taghelle Zeit am besten. Hinter geschlossenen Fensterläden, deren Lamellen das gleißende Licht, das ins Zimmer fällt, zerschneiden. Oder am Strand, zusammengekauert im winzigen Schatten eines Sonnenschirms.

Quelle: http://www.weltkugel-globus.de/

Um den 21. Juni erreicht die Sonne auf der Nordhalbkugel zu Mittag ihren höchsten Stand über dem Horizont. Am nördlichen Wendekreis schafft sie dann gerade noch so ihren Zenit, Schatten gibt es dann keinen mehr, das heißt, er fällt gleichmäßig in alle vier Himmelsrichtungen.

Grob geschätzt ist Noto vom Wendekreis des Krebses in Libyen Luftlinie nicht viel weiter entfernt als von meiner Heimat in Deutschland. Afrika liegt von meinem derzeitigen Standpunkt gesehen näher als Rom. Diese Entfernungen und Relationen muss ich mir manchmal noch vor Augen führen.

Zur Feier des Tages blüht auf der Dachterrasse mein Kaktus. Seine Blüten werden jedoch bis zum Abend vor der sonnigen Wucht des längsten Tages kapitulieren.

Später, als es längst dunkel ist, zündet in der Nachbarschaft jemand ein Feuerwerk. Und macht die Nacht für einige Augenblicke noch einmal zum gleißenden Tag.

Im Partybus

Wer den Fehler macht, zu früh in den Bus einzusteigen, sitzt ganz schnell mitten in einer Party. Ist mir so ergangen in der navetta nach Lido di Noto.

Ich kletterte an der Haltestelle als eine der ersten in das kleine Fahrzeug und suchte mir einen Sitz in der Mitte. Unversehens waren die Reihen vor und hinter und neben mir besetzt von einer ausgelassenen, spanisch parlierenden Gruppe. Einer hatte eine große Kühlbox dabei. Soweit, so gut, haben hier ja viele, die ans Meer wollen.

Und schwups, als sich der Bus in Bewegung setzte, wurde die Kühlbox geöffnet. Randvoll mit cerveza war die. Die Flaschen wurden ausgeteilt und ehe ich mich zieren konnte, hatte ich selbst eine in der Hand. Vormittags um 10.30 Uhr, wohlgemerkt.

Zeit, lange nachzugrübeln, was ich nun mit dem Bier machen sollte, hatte ich nicht, denn der Typ auf der anderen Seite des Gangs prostete mir herzlich zu. De abajo hacia arriba! Und dann warf jemand die Musik in seinem Handy an, es wurde gesungen und dass nicht auch noch getanzt wurde, lag schlicht an den beengten Verhältnissen im Fahrzeug. Der Bus wurde jedenfalls zum Club und ich mittendrin. Immer noch vormittags, um 10.45 Uhr.

Groß unterhalten konnte ich mich mit meiner Party-Truppe nicht, ich sage nur Sprachbarrieren. Wollten die, glaube ich, auch nicht. Wer will schon reden, wenn er feiern kann? So ging’s also die knappe halbe Stunde hinunter nach Lido di Noto und der Busfahrer amüsierte sich köstlich.

Muss ja eigentlich ein schöner Job sein, jeden Tag gut gelaunte Menschen zum Strand zu fahren. Dachte ich so. Jedenfalls wirkte unser Chauffeur sehr entspannt, als er in sich hinein grinste. Turisti pazzi, mag er sich gedacht haben, verrückte Touristen.

Das könnte ich ja auch machen, überlegte ich, während ich weiter mein kühles Bier zum Frühstück trank, das mir schnell zu Kopf stieg. Ich wollte nämlich bei meinen neuen amigos auf gar keinen Fall griesgrämig deutsch rüberkommen und nahm deshalb einen weiteren beherzten Schluck.

Zum Glück waren wir dann schnell am Ziel. Sonst hätte mir möglicherweise noch ein zweites Bier gedroht. Und ich hätte sicher meine Bewerbung als Busfahrerin an Ort und Stelle abgegeben. Wer weiß, vielleicht hätten die mich sogar genommen…

Wieder eine Chance verpasst? Wie mein gut gelauntes Leben als Busfahrerin in Sizilien weitergegangen wäre, davon träumte ich später unterm Sonnenschirm am Strand, als ich meinen kleinen vormittäglichen Rausch ausschlief. 😉

Sizilianisches Hörspiel

Irgendwann musste es ja mal passieren: ich liege mit einer Erkältung flach. Ich schaue also ermattet den Vorhängen zu, wie sie sich im Wind bauschen und leide ein bisschen vor mich hin. Zum Glück läuft unten auf der Gasse seit Stunden ein unterhaltsames sizilianisches Hörspiel. Und das heißt: Fenster streichen.

Eigentlich ist das ja eine ziemlich unaufgeregte Tätigkeit: alten Lack abkratzen, neue Farbe drauf und fertig. Mehr als eine Person braucht man für diese Arbeit nicht. Glaube ich mit meinem deutschen Pragmatismus.

Aber wir sind ja in Sizilien. Unvorstellbar, dass hier ein Mensch ganz für sich alleine dieses Fenster streichen und, sagen wir, an einem Vormittag fertig werden würde.

Es braucht hier mindestens vier Personen, die schon frühmorgens lautstark dabei helfen, eine Trittleiter in Position zu bringen. Das hört sich zunächst so an, als ob ein riesiges Gerüst aufgestellt werden würde, obwohl das Fenster im Erdgeschoss liegt. Außer einer viel zu hohen Leiter braucht es für dieses Projekt auch viel Palaver, um die Lackierung vorzubereiten.

Zuerst erfahre ich unfreiwillig, weil lautstark, alles über die Geschichte des Hauses, das noch gar nicht so alt ist. Dann wird detailliert besprochen, wie die anstehende Aufgabe zu lösen sei. Weil ja jederzeit etwas fehlen könnte, parken zwei Pkw in der an sich für Autos viel zu kleinen Gasse, so dass für Fußgänger kein Durchkommen mehr ist. Die sorgen dann jeweils mit ihrem Geschimpfe für die notwendige Prise Drama in diesem Hörspiel.

Die Aufregung um dieses eine Fenster ist jedenfalls irgendwann riesig. Jetzt kommen auch alle Nachbarn und wollen ihren Senf dazu geben. Jeder weiß zum Thema Maler- und Lackierarbeiten was anderes zu sagen.

Der Vormittag ist irgendwann schon weit fortgeschritten. Passiert ist aber offenbar noch nicht viel. Nur die Leiter steht jetzt wie eine Eins, jedenfalls höre ich nicht mehr, dass für sie der perfekte Standort gesucht werden muss.

Was folgt, ist erst einmal eine dreistündige Mittagspause, in der aber weiter lautstark gefachsimpelt wird. Männer unter sich. Begleitet wird dieser Diskurs vom Geklapper des Geschirrs. Und alle möglichen anderen Themen werden außerdem verhandelt, angefangen beim Wetter, über das Essen bis hin zu den Enkelkindern.

Schließlich stört die Signora des Hauses die Runde. Was sie zu der Truppe gesagt hat, bleibt für mich allerdings im Dunkeln. Aber schon kurz darauf fahren die beiden Autos weg. Es wird still. Lösungsmittel wehen zu mir ins Zimmer. Also wird das Fenster heute doch noch gestrichen.

Unter den Wolken

Es ist schon ein außergewöhnlicher Juni hier in Sizilien: Der Sommer lässt weiter auf sich warten. Die vielen Tourist*innen, die in der Stadt sind, werden langsam ungeduldig. Sie wollen mare e sole. Ist das hier nicht die Insel der Sonne?

Ist sie nicht, nicht in diesem Juni jedenfalls. Ob sich das noch ändern wird, solange ich hier bin, weiß ich nicht. Denn wenn sie in Sizilien etwas nicht können, dann sind es Wettervorhersagen. Das ist wie ein Blick in die Kristallkugel: Fünf Apps, fünf Prognosen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die reichen je nach Wetter-Wahrsager*in von 34 Grad und Sonne pur bis hin zu schweren Unwetterwarnungen mit Gefahr für Leib und Leben. Da hilft nur der Blick aus dem Fenster.

Und abends in den Himmel. Experten könnten aus den Wolkenformationen sicher aufschlussreiche Erkenntnisse ziehen: Hochdruck, Tiefdruck, was auch immer der nächste Tag an Wetterkapriolen bringen mag.

Ich hingegen staune in meinem Wetter-Observatorium auf der Dachterrasse einfach nur, wie der schwindende Tag mit seinem Wasserfarbkasten aus Licht und Schatten die schönsten Wolkenfresken ins Himmelsgewölbe pinselt.

Die Treppenwand

Mein Aktionsradius ist etwas eingeschränkt: Ich habe derzeit kein Auto. Also bin ich hauptsächlich zu Fuß unterwegs. Während sich mein Schrittzähler über diesen Umstand jeden Tag aufs Neue freut, überlegt sich mein Kopf allerdings genauso oft, was er meinem Körper zumuten will. Denn zwischen meiner Bleibe in Noto alta und den Vergnügungen im Centro storico steht die Treppenwand. So heißen in meiner Familie 149 Stufen, die es in sich haben.

Jede Expedition nach unten in die gute Stube der Stadt will also gut überlegt sein. Aber meistens siegt dann doch die Abenteuerlust über die Faulheit. Also los!

Zuerst ist alles ganz einfach, es geht ja von den nördlichen Stadtteilen bergab in Richtung Süden. So erreicht man beschwingt die Treppe. Auch nach vielen Jahren ist es jedesmal beeindruckend, wenn sich dort nach der zweiten Kehre die Rückseite der Kathedrale mit ihrer Kuppel auftut: eine Verheißung der überwältigenden Schönheit Notos. 31 Stufen abwärts sind es bis dahin.

Lockeren Schritts geht es nach einer kurzen Schaupause geradeaus 118 Stufen weiter abwärts. Seit einiger Zeit gibt es auf halber Treppe, quasi als Biwak in der Wand, eine Bar. Abends liegen hier Kissen auf den Stufen. Manchmal treten in dieser Location, die sich „Secret“ nennt, auch Bands auf. Mir persönlich ist die steinerne Stiege zum Verweilen aber zu unbequem.

Unten angekommen, lohnt sich schnell ein Blick zurück, denn jedes Jahr werden die Absätze der Stufen zum Motto der Infiorata im Mai beklebt, woraus sich dann ein eindrucksvolles Bild ergibt. Diesmal wird in der ganzen Stadt das Kino gefeiert.

Ja, und dann? Downstairs: Rauf auf den Corso, bummeln, was trinken, schauen, staunen, sich amüsieren. Und etwas später: Froh sein, dass es abends noch kühl ist. Bloß nichts Schweres einkaufen. Beim Aperitif maßvoll bleiben. Nicht zu viel essen. Und schließlich: Einfach nicht dran denken, dass der Rückweg durch diese Südwand kein leichter sein wird.

Das Hindernis muss schließlich upstairs wieder durchstiegen werden. Je nach persönlicher Verfassung, Schuhwerk, Ausrüstung und klimatischen Verhältnissen kann sich das wie die Besteigung der Eiger Nordwand anfühlen. Beängstigend. Anstrengend. Unmöglich. Aber es hilft ja nichts. Andere Gipfelrouten wären länger und die Höhenmeter müssen so oder so bewältigt werden. Also dann doch lieber die Direttissima.

Wie damals bei den Versuchen, die Eiger Nordwand zu bezwingen, gibt es auch in der Treppenwand Voyeure, die mit einem kühlen Getränk in der Hand die Anstrengungen auf der gnadenlosen Stiege verfolgen. Also jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Kräfte einteilen, in der Seilschaft den eigenen Rhythmus finden. Auf gar keinen Fall keuchend durch das Biwak in Höhe der Bar klettern. Sich bloß keinen Fehltritt leisten. Nicht abstürzen. Locker muss es aussehen, unangestrengt. Souverän.

Vor Entkräftung niedersinken kann man nach der Kehre immer noch. So viel Selbstachtung muss sein.

Das Fenster zur Welt

Vor meinen Fenstern in Sizilien sind hübsche Balkone. Einer wird morgens von der Sonne beschienen, der andere abends. Lauschige Plätzchen also, um dort nach dem Aufstehen den ersten Caffè zu trinken oder nach des Tages Mühen ein Glas Wein? Eher nicht. Das hätte hier keine Tradition.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist berühmt für seine Balkone.

Ich bin also noch nie auf diesen Balkonen gesessen, obwohl ich mir das anfangs so schön ausgemalt hatte. Aber dann habe ich gemerkt, dass diese hübschen Freisitze, die auch gar nicht viel Platz bieten, eigentlich nur Zierwerk sind. Ja, man könnte Pflanzkübel darauf platzieren und natürlich Wäsche davor hängen. Aber darauf sitzen und entspannen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Man säße wegen der engen Gassen ja quasi auf dem Balkon der Nachbarn, könnte in ihre Zimmer schauen, man machte sich zum uneingeladenen Gast.

Dabei haben Balkone eine bewegte und lange Geschichte hinter sich, vor allem in Italien: Sie lassen sich bis in die Zeit um Christi Geburt zurückverfolgen. Schon altrömische Wandmalereien bezeugen, dass an Bauten der Römischen Kaiserzeit überdachte Balkone üblich waren.

Im Orient wiederum ermöglichten geschnitzte Gitterbalkone den arabischen Frauen eine Öffnung zur Welt, weil sie unbeobachtet dem Leben draußen zusehen konnten. Mit der Ausdehnung des Osmanischen Reiches gelangten diese Balkone auch in die Küstenländer des Mittelmeeres.

Vor allem in Italien schmückten ab dem 16. Jahrhundert geradlinige Balkone die Adelspalazzi. Der Balkon hatte als schmückendes und repräsentatives Element der Fassadengliederung adeliger und herrschaftlicher Bauwerke eine rein architektonische Funktion.

Im sizilianischen Barock eskalierte die Sache dann. Nichts mehr mit Geradlinigkeit. Jetzt wurde geklotzt und nicht gekleckert. Eine Explosion der Formen und Dekors war das.

Der Palazzo Nicolacì in Noto ist vielleicht das berühmteste Beispiel für opulente Balkone ohne Zweck. Wer unter ihnen stehen bleibt und den Blick nach oben wendet, dem wird schier schwindlig. Masken, Putten, Löwen, ein ganzes Panoptikum wunderlicher Figuren hält die Balkone fest. Wer ein bisschen länger verweilt, traut seinen Sinnen nicht. Dann wirkt diese Heerschar aus Stein nämlich plötzlich lebendig. Das Spiel von Licht und Schatten vermehrt die wundersamen Gestalten, die plötzlich auf den Palazzo-Mauern tanzen.

Da hilft nur wegschauen, Blick nach unten richten, weitergehen.

Place to be

Sonntag Abend, beste Zeit für eine Passegiata. Bei einem Aperitif dem Treiben auf dem Corso zuschauen. Die sizilianischen Pärchen, Paare und Familien beobachten, die sich nur für diesen Zweck schick gemacht haben: sehen und gesehen werden. Also rein ins Gewimmel.

Die Stadt ist voll, für Anfang Juni sogar ziemlich voll. Kann am Markt liegen, der sich vor der Porta Reale unter den Bäumen des Corso Vittorio Emanuele ausbreitet. Hier gibt es Kitsch, Alltagskram, Wunderwaffen gegen Schmutz und auch ein paar Antiquitäten.

Ich höre mir an, was ein Verkäufer, der eher einem Börsenmakler gleicht als einem fliegenden Händler, an seinem Ferrari roten Stand verheißt: natürlich, den Turbo unter den Wischmobs, gnadenlos gegen Dreck. Klimaschonend, weil angetrieben durch Muskelkraft. Seine Ware geht weg wie warme Semmeln.

An der Porta Reale hat der Kiosk wieder geöffnet. Jetzt gibt es hier drinks, coffee, wine, food. Wo bisher in Neonschrift Caffè Porta Reale stand, prangt jetzt Candiano. Scheint ein Place to be geworden zu sein, zumindest wird hier tüchtig was gefeiert. Neugierige gibt es genug, die die schick gewandete Großfamilie bestaunen. Warum eine junge Frau vor einer unversehrten Torte steht, erschließt sich mir allerdings nicht. Das Fest scheint doch vorbei…

So richtig lange war ich diesmal nicht weg, aber dort, wo ich im März noch einen Sprizz getrunken habe, sind jetzt die Fenster der Bar mit alten Zeitungen abgeklebt. Chiuso per sempre. Dafür zähle ich auf dem Weg zur Kathedrale mindestens drei neue Restaurants. Trotz der vielen Menschen in der Stadt bleiben in den meisten aber die Kellner unter sich. Vermutlich war die Hoffnung, besser als alle anderen zu sein, die Triebfeder der Geschäftseröffnung. Oder der Wunsch, auch ein Stück vom Tourismus-Kuchen abzukriegen.

Viele der Läden haben englische Namen. Da werde ich plötzlich ein bisschen sentimental.

Gerade mal 14 Jahre sind seit meinem ersten Besuch in Noto vergangen. Ich erinnere mich an eine Stadt, die auch im August ein bisschen verschlafen wirkte, obwohl auch damals schon viele Menschen da waren. Die Restaurants hießen Ristorante, Pizzeria, Trattoria und die Speisekarten waren ausschließlich in Italienisch und alles schmeckte wunderbar. Selbst das Sternelokal Crocifisso war damals noch eine Gaststätte mit dem speziellen Sizilien-Flair: ungemütliche Energiesparlampen und auf jeden Fall nicht Insta-tauglich. Logisch, Instagram war damals noch gar nicht erfunden. Das Essen war aber trotzdem einfach umwerfend.

Heute hingegen heißt in Noto sogar manche Bäckerei, ein panificio, La Boutique del Pane!

Der Wandel war ein schleichender Prozess: Mit jedem restaurierten Palazzo kam etwas mehr vom Glanz dieser Stadt zurück. Das blieb natürlich nicht unbemerkt. Die Schönheit Notos lockte irgendwann Promis an und natürlich auch die Influencer. Heute ist Noto ein IT-Place, ein Place to be. Madonna hat hier vergangenes Jahr ihren Geburtstag gefeiert. Mehr Werbung geht eigentlich nicht. Und plötzlich fragen mich auch Freunde und Bekannte in Deutschland nach Noto und ob sie nicht mal…

Wie ich diesen Hype finde? Ungerecht. Denn für die Menschen, die hier ein ganz normales sizilianisches Leben führen müssen, bringt dieser Wandel wenig bis gar nichts. Eher im Gegenteil. Die Preise in den Bars explodieren. Vorbei sind die Zeiten, als ein Caffè hier 70 Cent gekostet hat. Und das liegt sicher nicht nur an der allgemeinen Inflation. Die Preise für Immobilien explodieren. Für junge Familien wird so ein eigenes Heim noch unerschwinglicher. Vertickt werden die Häuser von Immobilienhändlern, die auch Niederlassungen in Milano und New York City haben (behaupten sie jedenfalls).

Auch die Arbeitsmarktsituation wird nicht besser. Was hat mir Adriana, die Tochter meiner Nachbarin Rosetta, erst neulich erzählt? Qualifizierte Jobs gibt es in Noto für die Jungen keine. Höchstens im Dienstleistungsbereich, als Aushilfen, im Sommer, in der Hochsaison. Im Winter gibt es nichts zu tun. Also müssen viele wegziehen, in den Norden. Da helfen auch die vielen schönen Bilder der schönen Stadt auf Instagram nichts.

Noto ist im Wandel, wird gentrifiziert, auch aus der schäbigsten Hütte wird ein schickes Ferienhaus. Und trotzdem bewahrheitet sich auch in diesem Fieber: In Sizilien ändert sich nichts. Zumindest für die meisten Menschen nicht.