Augenwischerei

Ich kann nur noch die Augen reiben. Gerade mal zwei Monate weg gewesen und ich erkenne mein Viertel Piano Alto nicht wieder. Acht Wochen später und eine Luxuswelle muss hier durchgeschwappt sein. Wohin ich auch schaue: neue Galerien, Luxushotels und Nobelboutiquen in aufgelassen Kirchen. Architekturbüros und ein Innenarchitekt mit Monopolstatus. Ich komme mir vor wie Aschenputtel inmitten von Prinzen und Prinzessinnen.

Irgendwas muss ich verpasst haben. Irgendwelche content creators, die Noto zum neuen Capri oder Portofino erklärt haben. Mir kommt das vor wie eine Pandemie. Zuerst gibt es nur ganz wenige Erkrankte und plötzlich einen exponentiellen Anstieg.

Dass sich die Stadt mit dem zunehmenden Tourismus verändert und sich immer wieder mal Promis hierher verirrten, habe ich schon beschrieben. Aber jetzt scheinen alle Dämme gebrochen zu sein.

Konsumtempel: @santagatanoto

Mit Schrecken erinnere ich mich ans vergangene Jahr, als ich 38 Jahre nach meinem ersten Besuch auf Capri und mit schönen Erinnerungen im Gepäck einen Zwischenstopp auf der Insel eingelegt habe. Ich ärgere mich noch heute darüber. Nicht nur, weil die schönen Erinnerungen seither überlagert sind von grässlichen Touristenhorden jeglicher Couleur. Ich ärgere mich auch über die Abzocke und eine Mini-Cola für acht Euro. Das alles hat man meiner Ansicht nach Heidi Klum und Konsorten zu verdanken.

Geschmacksmonopolist: Samuele Mazza

Werden auch hier in Noto in die kleinen Werkstätten jetzt noch mehr Nobelshops und Galerien einziehen, so wie auf Capri? Wird Noto das Schicksal Taorminas erleiden? Fragen über Fragen…

Am besten lässt sich der clash of cultures am ristorante crocifisso ablesen: im Erdgeschoss das Sternelokal, die Etage darüber steht zum Verkauf. Dort oben schönster sizilianischer Shabby chic…

Ristorante Crocifisso

Weil sich, wie der Blick ins Buch der Inselgeschichte lehrt, auf lange Sicht in Sizilien nichts ändert, warte ich einfach ab. Auch diese Luxus-Pandemie wird irgendwann zu Ende sein. Den content creators wird schon wieder etwas Neues einfallen. Die modernen Besatzer werden wieder verschwinden, so wie Griechen, Normannen, Spanier und all die anderen vor ihnen.

Gespaltene Persönlichkeit

Mir kommt es so vor, als ob ich ständig Kühlschränke leer machen und abtauen müsste. Nicht deshalb, weil ich etwa einen Putzwahn hätte, sondern weil ich mittlerweile in immer kürzeren Abständen zwischen meinen Welten pendle.

Konnte ich mir früher längere und dafür weniger Phasen in Sizilien einteilen, geht das jetzt nicht mehr. Das hängt mit dem Job in Deutschland zusammen, der Familie, den Freunden dort.

Aber so kann es auf Dauer nicht weitergehen, grüble ich vor mich hin, während ich die paar übrig gebliebenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank räume. Und das hat nicht nur mit der häufigen klimaschädlichen Fliegerei zu tun. Ich habe nämlich das Gefühl, nicht nur unnötig Lebensmittel wegzuwerfen, sondern viel mehr noch, nirgends mehr richtig dazu zu gehören. In Deutschland bin ich mittlerweile nämlich genauso auf der Durchreise wie hier.

Ausblick in Noto.

Das, was ich in meinen jeweiligen Abwesenheiten versäume, lässt sich, wenn ich in die jeweilige Stadt zurückgekehrt bin, oft nicht mehr nachholen. Nehmen wir die Überflutungen in Bayern von neulich. Ich hab das hier zwar mitgekriegt, aber weil ich es nicht selbst erlebt habe, kann ich die Erfahrung meiner Community in Deutschland nicht teilen. Das ist genauso, wie wenn ich in Deutschland von den grässlichen Unwettern hier in Sizilien erzähle, über die zwar manchmal in den Nachrichten berichtet wird, die aber für meine Familie oder meinen Freundeskreis in Deutschland völlig abstrakt bleiben.

Von Partys, Todesfällen, Geburtstagen, bei denen ich hier und dort fehle, ganz zu schweigen, ärgere ich mich beim Anblick der letzten Flasche Bier im Kühlschrank. Die kann bis zum nächsten Mal bleiben.

Oder, ganz banal: Nie ist das Kleid im Schrank, das man jetzt gerade so gut brauchen könnte. Nie hat man das Buch zur Hand, in dem man unbedingt etwas nachlesen müsste. Usw. usw.

Dinge, die für mich hier wie dort unverzichtbar sind, haben ihren dauerhaften Platz mittlerweile in einem Rucksack, damit ich sie nur ja nicht vergesse: Ladegeräte, Festplatten, Speicherkarten, sowas halt.

Mir fällt, während ich das Tauwasser aus dem Kühlschrank wische, keine Lösung ein, wie das anders werden könnte. Einen klaren Schnitt zu machen, das erscheint mir im Moment unmöglich zu sein. Das eine für das andere ganz aufzugeben, ist jedenfalls keine Option, sage ich mir entschlossen beim Auswringen des Lappens. Aber dieses schizophrene Leben erscheint mir auf Dauer auch nicht erstrebenswert.

Ausblick in Bayern.

Ich brauche einen neuen Kühlschrank, denke ich noch, als ich fertig bin. Der alte funktioniert einfach nicht mehr richtig. Das muss ich das nächste Mal erledigen.

Dann bleibt nur noch, das Haus für die kommenden Wochen einzumotten. Und ein paar Stunden später in Deutschland das Haus zu lüften und den dortigen Kühlschrank neu zu befüllen. Bis das Spiel in umgekehrter Richtung in ein paar Wochen von vorne beginnt.

Vacanze

Carmen, die auf der Piazza Mazzini eine Bar betreibt, in der ich hin und wieder frühstücke, hat seit ein paar Tagen eine Aushilfe: Gianna, ihre Tochter. Die ist zehn Jahre alt und hockt ein bisschen gelangweilt am hintersten Tisch. Als sie mir meinen caffè nach draußen bringt, frage ich das Mädchen, warum es nicht in der Schule sei. „Vacanze“, antwortet sie knapp und kehrt an ihren Tisch zurück.

Am 31. Mai hatte Gianna ihren letzten Schultag und der nächste wird erst Mitte September sein. Aus deutscher Sicht unvorstellbar lange Sommerferien.

Von dem Thema bin ich ja zum Glück nicht persönlich betroffen. Trotzdem befällt mich ein leises Schaudern, wenn ich mich zurück versetze in meine Zeit als voll berufstätige Mutter zweier schulpflichtiger Kinder.

Meinen Jahresurlaub legte ich großflächig in die sechs Wochen Sommerferien. Die Zeit verbrachten wir meist in Sizilien und es waren sorglose Tage in unserem Haus, am Strand oder bei Entdeckungsreisen auf der Insel.

Aber damit war das Problem nicht komplett gelöst, in Bayern sind ja vor allem im zweiten Halbjahr ständig Ferien, unterbrochen nur von ein paar Unterrichtswochen dazwischen. Organisierte Ferienbetreuung und Homeoffice gabs zu meiner aktiven Mama-Zeit auch nur sehr eingeschränkt.

Aber zurück zu Carmen: Als ich sie beim Bezahlen frage, wie sie das jetzt macht mit Gianna, schimpft sie los: viel zu lange Ferien und sie hat im Sommer dafür die doppelte Arbeit. Als ich von ihr wissen will, ob es keine Betreuung für berufstätige Eltern gibt, reagiert sie noch empörter: „Si, certo, ma costa!In Sicilia non c‘è niente gratis!“ Und das Geld reiche schließlich nie. Vielsagend schaut sie mich an.

Ich habe gelesen, dass diese ausufernden Ferienzeit in Italien ein Relikt aus dem Krieg sei. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Dass die Kinder in den dreieinhalb Monaten viel vom gelernten Stoff wieder vergessen, auch das habe ich irgendwo gelesen, scheint mir plausibel, aber auch hier weiß ich nicht, ob es wirklich zutrifft.

Dass das alles nicht mehr so gut funktioniert wie früher, kann ich mir schon eher vorstellen: berufstätige Mütter, Alleinerziehende, erodierende Großfamilien, Scheidungen, betagte Großeltern, die nicht mehr einspringen können. Ich habe sogar gelesen, dass manche Eltern im Sommer ihre Jobs kündigen, um die Kinder zu betreuen. Sollte das systembedingt wirklich zutreffen, wäre das skandalös. Ich frage mich, warum der italienische Staat das nicht ändert.

Ich habe Mitleid mit Carmen und all den anderen, die jetzt wieder schauen müssen, wo sie in den kommenden Monaten ihren Nachwuchs unterbringen. Denn der Urlaubsanspruch der Eltern hält ja auch in Italien nicht mit den Ferientagen der Kinder Schritt. Und wer wie Carmen selbstständig ist, hat gar keinen Urlaub und muss ohnehin schauen, in der Hauptsaison so viel Umsatz wie möglich zu machen, um über den Winter zu kommen.

Falls das mit den Ferien in Sizilien immer noch so ist, wenn ich mich in ein paar Jahren zur Ruhe setze, werde ich ehrenamtliche Leihoma. Mit meiner großen geborgten Enkelschar lasse ich’s dann so richtig krachen…😉

(Beitragsbild zur Verfügung gestellt von Pexels)

La terrazza

Mit Interesse verfolge ich die Diskussion über Eintrittskarten für Venezia. Oder die Berichte über Römer*innen, die ihre quartiere nicht mehr wiederkennen, nachdem dort ein Airbnb nach dem anderen Einzug gehalten hat und mit ihnen das internationale Völkchen mit den Rollköfferchen.

Das nennt sich wohl Overtourism und der betrifft ja nicht nur Italien sondern alle Flecken dieser Erde, die das Außergewöhnliche verheißen. Sogar am Gipfel des Mount Everest sind die Warteschlangen mittlerweile fast so lang wie vor den Vatikanischen Museen. Auch für den höchsten Berg der Welt wird man sicher bald im Internet Jahrzehnte vorher einen Slot buchen müssen.

Sizilien und ganz besonders Noto ist bei diesem Phänomen ganz vorne mit dabei. Eintrittskarten braucht man zwar noch nicht. Kann aber auch hier noch kommen, denn: Ganzjährig schieben sich mittlerweile die Touris über den Corso. Ich will mich nicht darüber beschweren, das steht mir als straniera irgendwie nicht zu und die vielen Menschen, die einen Blick auf dieses faszinierende Eiland erhaschen wollen, spülen ja auch Geld in die Taschen zumindest einiger weniger.

Sizilien ist mittlerweile ein place to be, der hier ihren Geburtstag feiernden Madonna und anderen berühmten Konsorten und vor allem den dabei erzeugten Bildern sei Dank. Und das hat durchaus Konsequenzen.

Seit ich auf die gegenüberliegende Dachterrasse blicken kann, die das Haus mit dem neuen Airbnb krönt, kriege ich unfreiwillig einen Einblick in die diversen und bunten Lebenswelten wohlhabender Mitteleuropäer*innen. Die breiten ganz ungezwungen ihren Lifestyle vor mir aus, wohl denkend, dass die arme Sizilianerin da drüben auf dem anderen Dach eh kein Wort versteht. Ich belasse sie in der Regel in diesem Glauben.

Meistens bewundern da oben deutsche oder amerikanische Menschen die eigentlich nicht wirklich berauschende Aussicht – die Männer in knittrigem Leinen, die Frauen in elegant-bunten Kleidern, dazu die farblich passend gewandeten Kinder. Geredet wird im Urlaub von kreativen Jobs oder davon, wo die besten ristoranti auf der Insel zu finden sind. Wenn ich mitschreiben würde, könnte ich sicher bald einen Restaurantführer mit den Geheimtipps der Touris rausbringen.

Die Gäste von jenseits der Alpen oder des Atlantiks haben immerzu das Handy im Anschlag, für die Selfies im warmen Licht der untergehenden Sonne, stets ein beschlagenes Glas vino bianco, einen Spritz oder ein anderes Getränk mit klirrenden Eiswürfeln in der Hand. Außerdem: Immer gut drauf, immer einen absoluten Tipp für Antiquitäten, Kunst, Bars oder Palazzi in petto und sowieso in jeder Stadt auf der Insel ganz tolle amici. (Ich frage mich allerdings, warum diese Menschen dann eine Ferienwohnung mieten müssen).

Ganz ehrlich: So viel Glanz und Gloria in Sichtweite, so viele optimierte Körper, die im Morgenlicht den Sonnengruß zelebrieren, während ich noch schlaftrunken eine Tasse caffè all’americana in mich hineinschütte. So viel zur Schau getragener Wohlstand und so viel Narzissmus in schneller Abfolge auf so wenigen Quadratmetern auf dem windigen Dach gegenüber machen mich ganz schwindlig.

Als ich neulich in Deutschland zufällig in einer kleinen Buchhandlung einen Roman mit dem Titel „Noto“ entdeckte, habe ich den natürlich sofort gekauft. Geschrieben hat ihn Adriano Sack, ein deutscher Journalist mit Sizilien-Erfahrung. Er erzählt wunderbar von diesen sonderbaren Mitteleuropäer*innen, die auf die Insel kommen, weil sie etwas suchen, was es schon gar nicht mehr gibt.

Ich nenne das Vergangene, das Verschwindende, sicilianità und jage ihr mit meiner Fotokamera hinterher. Ich bin also auch nicht besser. Dabei fliehen die Sizilianerinnen und Sizilianer vor diesem malerischen Zerfall, sie rennen weg, so weit sie nur können.

Wenn sie jetzt die Häuser ihrer Vorfahren zu horrenden Preisen an die stranieri vermieten oder gar verkaufen, sind das die Auswirkungen einer längst untergegangenen Ökonomie, wie Adriano Sack in seinem Buch schreibt. Und wir, die Ausländer*innen, die wir von außen über diese Insel herfallen mit unserer unerfüllbaren Sehnsucht, sind im Grunde Kolonialisten, die auch noch geliebt werden wollen.

Es ist ein wahres Dilemma.

Normalität

Was mir zunehmend auffällt: Mir gehen ein bisschen die aus meiner deutschen Sicht spannenden, lustigen, absurden Themen für den Blog aus, wenn ich hier in Sizilien unterwegs bin. Ich will ja schließlich nicht die 1001. immer gleiche Reiseführer-Geschichte schreiben.

Und: Mein ungläubiges Staunen über „la bellezza e l‘inferno“, die hier auf der Insel seit Jahrtausenden einträchtig in direkter Nachbarschaft wohnen, setzt mich schon länger nicht mehr so in vibrierende Aufregung, wie das früher der Fall war.

Wenn ich in der Stadt mit ihren prächtigen Bauten unterwegs bin, dann nehme ich sie mittlerweile als selbstverständlich wahr, wie ich auch in Deutschland die bunten mittelalterlichen Häuschen in meiner Stadt nicht mehr sonderlich beachte. Und das sind ja nur die Äußerlichkeiten.

Ich nehme deshalb an, dass ich hier in Sizilien Fuß gefasst habe. Dass ich mittlerweile ziemlich fest im Sattel sitze. Vorbei die Zeiten, als mir das Herz bis zum Hals schlug, wenn ich auf ein Amt musste. Vergangen die Verzweiflung, wenn irgendetwas kaputt war. Jetzt weiß ich, wie es läuft (meistens jedenfalls) und dass ich immer wieder jemanden finde, der mir beim Problem lösen bei blockierten Pumpen oder anderen alltäglichen disastri hilft.

Und wenn es doch mal nicht so einfach ist, dann wende ich ohne groß nachzudenken die mir in all den Jahren lieb gewonnene sizilianische Methode an (die sich auch in Germania bewährt hat, auch wenn sie meine Mitmenschen manchmal zur Verzweiflung treibt): Abwarten, könnte schlimmer sein. Irgendwann (oder vielleicht auch nie) gibt es eine Lösung. Eh, cosa ci vuoi fare…?

Ich finde es, um ehrlich zu sein, ein bisschen schade, dass dieses ungläubige Staunen eines Kindes, das alles zum ersten Mal sieht, hört und erlebt und das ich hier lange Zeit auch als Erwachsene gefühlt habe, jetzt einer Art sizilianischer Adoleszenz gewichen ist. Aber so ist das wohl, wenn man in der Normalität angekommen ist.

Der Duft Siziliens

Wenn ich könnte, würde ich sizilianische Luft in Flaschen mit nach Deutschland nehmen. Wenn ich dort im Norden Sehnsucht nach der Insel hätte, könnte ich eine Flasche öffnen und an meinem heimischen Schreibtisch einen tiefen Zug daraus nehmen.

In meiner sizilianischen Stadt riecht es zwar nicht wesentlich anders als in Deutschland. Doch draußen auf dem Land, das sich gerade ein knallgelbes Frühlingskleid übergestreift hat, raubt einem derzeit der Duft fast den Verstand. Dieses Inselparfüm verströmen die blühenden Zitrusbäume.

Zitronenbäume bringen das botanische Kunststück fertig, gleichzeitig zu blühen und reife Früchte zu tragen. Wenn die Sonne scheint und kaum Wind weht, ist der Duft ein olfaktorisch überwältigendes Erlebnis.

Die Essenzen, die den Bäumen entweichen, dringen sogar in fahrende Autos. Und wer in den Obstgärten umherschlendert, wird fast ein bisschen high nur vom Atmen. Eine Abneigung gegen die schwere und zugleich ätherisch herbe und süßlich seifige Note darf man allerdings nicht haben, sonst würde einem sicherlich schlecht.

Dass Zitronen so gar nicht süß schmecken, ist mir unerklärlich. Aber wie heißt es: Sauer macht lustig. Die gelben Früchte in den Bäumen sorgen bei mir jedenfalls schon beim Ansehen für gute Laune. Immerhin ein kleiner Trost, den es auch in Deutschland gibt, weil man den Duft Siziliens ja leider nicht in Flaschen füllen und mitnehmen kann.

Das Projekt

Verlassene Gebäude üben auf mich eine große Anziehungskraft aus. Nicht nur, weil sie oft die tollsten Fotomotive abgeben. Sie regen auch meine Fantasie an. Wer hat darin gelebt, gearbeitet, geliebt und gestritten?

In Deutschland wohne ich in einem Haus aus dem Mittelalter und auch hier in Noto gehört meine Bleibe zu den älteren. Ganz so betagt wie in meiner deutschen Heimatstadt sind die Gebäude hier zwar nicht, was schlicht an dem verheerenden Erdbeben Ende des 17. Jahrhunderts liegt. Aber auch sie haben schon viele Jahrzehnte auf dem Buckel und Generationen kommen und wieder gehen sehen. Wenn Steine sprechen könnten…

Jedenfalls käme es mir nie in den Sinn, ein altes Haus abzureißen, um etwas ähnlich Aussehendes an gleicher Stelle neu zu bauen. Denn die Kopie kommt niemals auch nur annähernd an das Original heran.

Es ist schon einige Jahre her, als ich zufällig in San Paolo landete. Den Lost Place am Ufer des Tellaro habe ich schon von Weitem gesehen. Über den Fluß führte eine kleine Brücke in ein verlassenes Dorf. Für meine Kamera war die Fabrik hinter dem Zaun ein Fest. Hinter die Einfriedung gelangte ich zwar nicht, aber trotzdem ließ sich die Stimmung einfangen.

Die Anlage stand zum Verkauf, wohl schon lange, denn die Tafel des Immobilienhändlers hatte Patina angesetzt. Ich schmunzelte ein bisschen über den in meinen Augen unbegründeten Optimismus. Wer würde hier, schlecht erreichbar, schon eine alte Fabrik kaufen wollen? Zugegeben, ein Lost Place mit Ausstrahlung. Aber eine Restaurierung? Unvorstellbar.

Das war noch vor der Zeit, als die Influencer und mit ihnen die Promis dieser Welt Noto entdeckt hatten. Und vor der Pandemie. Vor dem Krieg in Europa. Vor allem vor dem Superbonus.

Zusätzlich zu einer Reihe von Steuervergünstigungen im Rahmen von Baumaßnahmen an Gebäuden hatte Italien 2020 den sogenannten „Superbonus“ eingeführt, um neben einem wirtschaftlichen Wiederaufschwung auch die energetische, ökologische und sicherheitstechnische Modernisierung von Gebäuden voranzutreiben.

Dieser „Superbonus 110“ stellte einen Vorteil durch Steuerabzug in Höhe von 110 Prozent der für die Arbeiten angefallenen Kosten dar. Wie das mathematisch in einem finanziell dauerklammen Land funktionieren soll, ist mir zwar nicht klar. Das erklärt aber den Baumboom der vergangenen Jahre in Noto. Und offenbar auch die Wiederbelebung einer aufgelassenen Fabrik am Ende der Welt.

Denn als ich dieser Tage erneut eher zufällig in San Paolo landete, traute ich meinen Augen nicht: „Meine Fabrik“ war weg. Statt dessen strahlten Neubauen auf dem Gelände. Mein Herz blutete. Aber meine Neugier war geweckt. Wer will hier welches Projekt realisieren? An einem Ort, der eigentlich gar nicht zu finden und nur schwer erreichbar ist?

Wie könnte es in diesen Zeiten anders sein: Die alte Fabrik, habe ich herausgefunden, war früher eine Destillerie, die jetzt in un lussuoso Resort Wellness & Spa umgewandelt werden soll. 10 appartamenti, un albergo, un’area multifunzionale, un ristorante e un centro benessere di ultima generazione in 4500 metri quadrati sulle rive del fiume Tellaro, so wird das Vorhaben in der sizilianischen Presse blumig beschrieben. Im Februar 2021 erschien der Beitrag, als die Pandemie noch einmal richtig Fahrt aufgenommen hatte.

In der alten Fabrik wurden früher also Liköre und Schnäpse gebrannt. 1975 wurde der Betrieb endgültig eingestellt und fast 50 Jahre später will hier ein junger Bauunternehmer aus Noto seinen Traum verwirklichen: Und der sieht keine Liköre und Schnäpse mehr vor, sondern Luxus. Doch für wen? Für die Menschen hier? Für reiche Ausländer? Influencer, Promis?

Auf dem Papier klingen solche Projekte ja immer toll. Nachhaltig. Umweltbewusst. Ressourcenschonend.

Die Baustelle sieht jedenfalls gut zwei Jahre nach dem Baubeginn ziemlich verlassen aus, hinter dem Zaun, der noch der alte ist, rührt sich nichts. Denn in diesem von Krisen geschundenen Jahrzehnt folgten auf die Pandemie erst der Krieg und dann die Inflation und steigende Zinsen, die auch in Deutschland viele Immobilienblasen platzen ließen. Halb fertige Bauwerke bezeugen das, auch nördlich der Alpen.

Über den Stillstand auf der Baustelle in San Paolo finde ich in den Medien allerdings nichts. Il mese di febbraio 2021 ha finalmente salutato l’avvio dei lavori, la bella stagione del 2022 ne vedrà l’inaugurazione. So feierte de sizilianische Presse einst das Projekt. Die avisierte Fertigstellung ist mittlerweile zwei Jahre überfällig. Ob die Neubauten im Falle des Scheiterns des ambitionierten Projekts ein ebenso schöner Lost Place wie die alte Fabrik werden, wird allerdings erst die vergehende Zeit zeigen.

Mütter

Ich komme aus einem Land, in dem normalerweise die Kinder schreien, um ihren Willen durchzusetzen. Erwachsene schreien niemals, zumindest schreien sie keine Kinder an. Das wäre in Deutschland gesellschaftlich ein no go. Während also in meinem Herkunftsland die Sprösslinge lautstark ihren Willen durchzusetzen versuchen, argumentieren die Mütter und natürlich auch die Väter mit Engelszungen in harmonisch leiser Stimmlage mit dem Nachwuchs stundenlang darüber, dass der kindliche Wunsch jetzt im Augenblick nicht so eine wirklich gute Idee wäre. Oder?

Ich bin keine Pädagogin und lasse mich jetzt hier nicht darüber aus, ob es Sinn macht, mit Kleinkindern stundenlang zu diskutieren und sie nach ihrer Meinung zu fragen. Aus der Erziehungsphase bin ich glücklicherweise schon lange raus. Ich beobachte lediglich. Beziehungsweise, ich mache akustische Feststellungen.

Hier in Sizilien werde ich nämlich jeden Mittag Ohrenzeugin umgekehrter Verhältnisse: Meine Nachbarin Rosetta hat zwei Enkelkinder im Vorschulalter und die kommen jeden Tag zum Mittagessen, mit ihrer Mamma, Rosettas Tochter. Ich höre das Trio schon lange, bevor ich es sehe. Nicht aber, weil die beiden Jungs schreien würden. Das kennt man ja auch aus Sizilien zur Genüge. Ich höre es an den lautstarken Ansagen der Mama.

Ich weiß nicht, ob das hier zum Erziehungsstil gehört, dass Mütter ihre Kinder selbst bei ganz normalen Dialogen anschreien. Für die Jungs scheint das normal zu sein, denn sie reagieren darauf nicht etwa mit Gegengebrüll. „Wie war`s im Kindergarten?“, fragt la mamma schreiend. „Schön!“, antwortet das Kind in entspannter Tonlage. So geht das dann etwa zwei Stunden lang, während des Mittagessens. Zu hören ist während dieser Zeit in der ganzen Gasse nur das Geschrei der Mutter. Alle andern scheinen schweigend ihr Pranzo zu genießen.

Ich frage mich manchmal, was das wohl mit der Psyche eines Kindes macht, wenn es den halben Tag in hoher Dezibelzahl angesprochen wird. Meine Beobachtung beweist mir, dass es keine negativen Konsequenzen zu haben scheint, die beiden Jungen hängen sehr an ihrer Mamma. Aber ich bin ja keine Kinderpsychologin.

Ich weiß nur, dass es in Deutschland für solch ungebührliches Verhalten einer Mutter von allen Seiten böse Blicke geben würde, Zurechtweisungen. Vielleicht sogar eine anonyme Anzeige, wer weiß das schon? Ich hätte mich jedenfalls niemals getraut, mit meinen Kindern schreiend zu kommunizieren. Weder zu Hause, und schon gar nicht in aller Öffentlichkeit. Und die paar Mal, bei denen mir der Geduldsfaden gerissen war und ich meine Stimme zu einem crescendo erhob, fühlte ich mich hinterher wochenlang schlecht.

Offenbar völlig unbegründet, wie mir meine sizilianische Nachbarschaft jetzt vorlebt.

Vorsaison

Natürlich habe auch ich von einem Häuschen direkt am Meer geträumt. Abends auf der Terrasse sitzen und aufs Wasser schauen und morgens erst mal ganz unkompliziert eine Runde im Meer schwimmen. Herrlich müsste das sein, habe ich früher gedacht.

Das wuselige Leben im Sommer, Menschen, die mit Badehandtüchern und Sonnenschirmen die Straßen bevölkern, gefüllte Strandbars. Mitten drin, das müsste schön sein, habe ich früher gedacht.

Anfang des Jahrtausends waren die Sommer hier in Sizilien ja auch noch verlässliche Konstanten. Von Juni bis September kein Wölkchen am Himmel und das Meer spiegelglatt und azurblau. Und in den anderen Monaten war ich ja nicht hier.

Warum wir dann kein Häuschen am Meer gekauft haben? Ich hatte so eine vage Ahnung. Dass es im Winter vermutlich etwas einsam wäre in den Orten am Meer. Dass ich immer ein Auto brauchen würde, um von A nach B zu kommen. Von der Gewalt des Wassers und der zerstörerischen Kraft des Windes hatte ich damals noch keine konkrete Vorstellung.

Die Entscheidung fiel für ein Häuschen mitten in einer Stadt. Mit Nachbarn, die verlässlich da wären. Mit der Möglichkeit, zu Fuß von A nach B zu kommen, zum Einkaufen, auf den Corso, ins Restaurant.

Natürlich fahre ich trotzdem auch in der so genannten Vorsaison regelmäßig ans Meer. Und bin jedesmal fasziniert von der weltentrückten Stimmung dort in den Städtchen. Bars und Geschäfte sind verrammelt, Ruhebänke verwaist und am Strand liegt lediglich ein vergessenes Boot in der Sonne.

Die Orte wirken wie abgeschnitten vom Leben woanders. Wenn nicht eine Frau ihren Hund Gassi führen würde, könnte man glauben, der Badeort wäre von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern fluchtartig aufgegeben worden. Ein Quartett diskutiert ein Stück etwas, ohne sich auf den Ruhebänken niederzulassen. Corrado, der im Sommer unermüdlich die Strandpromenade auf und ab fährt, um seine Granita zu verkaufen, wartet an diesem Tag allerdings vergeblich auf Kundschaft.

Lange muss er sich vermutlich nicht mehr gedulden, bis seine Geschäfte wieder besser laufen. Manche Tage sind jetzt schon so warm, dass sich die ersten Sonnenhungrigen an den Strand wagen. Bis sich die Strandhäuschen wieder mit Leben füllen, wird es allerdings noch ein paar Wochen dauern. Solange kann sich Lido di Noto noch in seiner Weltentrücktheit ausruhen für den Ansturm im Sommer.

Orangenes Glück

Mein Winter in Deutschland war grau. Auch wenn die Sonne schien. Selbst die funkelnde Weihnachtszeit konnte daran nichts ändern. Die bunten Frühlingsblumen in meinem geschützten Garten, die früher denn je ihre Köpfe aus dem schneelosen Beet dem Licht entgegen reckten, hatten dem Grau nichts entgegen zu setzen.

Nein, ich bin über den Winter nicht in eine Depression abgetaucht. Obwohl die allgemeine Weltlage dazu ja allen Grund geben würde. Aber ich musste die dunkle Jahreszeit ohne meine geliebten Orangen aus Sizilien überstehen.

Viele Jahre lang gab es auf dem kleinen Wochenmarkt in meiner deutschen Heimatstadt Orangen vom Ätna. In Bio-Qualität. Die beiden Marktfrauen schwärmten jeden Samstag selbst in höchsten Tönen von den saftigen orangenen Früchten.

Ich war viele Jahre vermutlich ihre beste Kundin. Samstags gehörte der Einkauf auf dem Wochenmarkt zum festen Ritual und mit einer Wochenration meiner köstlichen Ätna-Orangen spazierte ich glücklich nach Hause. Über die Jahre erzählte ich den beiden Marktfrauen so manches über Sizilien, über die riesigen Orangenhaine, über den Vulkan, über die Menschen und teilte so manches Rezept mit ihnen.

Denn aus den Orangen presste ich nicht nur Saft, ich verwertete alles. Aus dem Fruchtfleisch, das beim Ausquetschen übrig blieb, kochte ich Marmelade, aus den Schalen machte ich Orangenreiniger oder trocknete sie, um sie später in einen Cocktail zu geben oder als Aroma ins Essen.

Fenchel und Orangen als Salat oder sizilianisches Orangenhühnchen, bei der Erinnerung läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Natürlich landeten die Orangen auch im Obstsalat. Und selbstverständlich aß ich die arance auch einfach so.

Im letzten Frühjahr dann kam das abrupte Ende meiner Liebesbeziehung mit den sizilianischen Orangen. Die Marktfrauen informierten mich, dass sie ihren Stand auf dem Wochenmarkt aufgeben müssten. Die Orangensaison war da bereits vorbei. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Zwar versicherten mir die Obsthändlerinnen, dass ihre Nachfolger die Orangen vom Ätna wieder anbieten würden im nächsten Winter. Immerhin, ein kleiner Trost, dachte ich. Auch wenn meine über die Jahre gewachsene Verbindung mit den angestammten Marktfrauen mir fehlen würde.

Als es Anfang vergangenen Dezember dann wieder soweit war und ich die erste Kiste sizilianischer Orangen bei den neuen Standbetreibern erspähte, blühte mein winterwundes Herz auf. Auch wenn mich die kleinen Früchte darin etwas stutzig werden ließen. Na ja, vielleicht hat in Sizilien Wasser gefehlt, machte ich mir selbst Mut. Obwohl ich nicht daran glaubte, denn wie viel es im vergangenen Jahr in Sizilien geregnet hatte, habe ich ja selbst erlebt.

Sei‘s drum, ich ließ meinen Einkaufskorb füllen und schaffte meine vitaminhaltigen Schätze nach Hause. Was dann kam, war die pure Enttäuschung: Aus den Orangen ließ sich kaum Saft pressen, viele der Früchte waren noch gar nicht richtig reif und geschmacklich hinterließen sie ein säuerliches Nichts.

Vor Weihnachten wagte ich dann noch einen zweiten Versuch, der ebenso kläglich scheiterte. Damit endete meine Liebesbeziehung mit sizilianischen Orangen. Hin und wieder behalf ich mich mit spanischen Exemplaren, die aber kein Ersatz waren. Frustriert räumte ich meine Orangenpresse in den hintersten Küchenschrank und fortan war mein Winter grau.

Jetzt bin ich nach Sizilien zurück gekehrt. Und weil ich in den vergangenen Jahren nicht im Frühjahr hier war und wenn, dann nur ganz kurz, hatte ich völlig vergessen, dass es hier in dieser Jahreszeit Orangen in Hülle und Fülle gibt. Manche Bäume sind noch prall gefüllt und an jeder Straßenecke gibt es arance fast geschenkt.

Meine Orangenpresse, die hier jahrelang im hintersten Eck des Schrankes ein Schattendasein geführt hatte, hat jetzt einen Ehrenplatz in der Küche. Ich habe schließlich einiges nachzuholen, solange ich hier bin…